ERST ZWEIFEL, JETZT MILLIARDEN · 20. OKTOBER 2026

Reiche fördert Wasserstoff in der Industrie mit eigenem Milliardentopf
Das Bundeswirtschaftsministerium reserviert ab 2027 mindestens 1,5 Milliarden Euro aus den CO2-Differenzverträgen nur für Wasserstoff in der Industrie. Förderfähig ist grüner Wasserstoff und kohlenstoffarmer Wasserstoff aus Erdgas.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat am Montag in Berlin ein Paket mit zehn Maßnahmen für den Wasserstoffmarkt vorgestellt. Der Markt komme langsamer in Gang als erwartet, erklärte das Ministerium. Die Produktionskosten lägen weiterhin deutlich über denen fossiler Alternativen.
Im Zentrum stehen die CO2-Differenzverträge, auch Klimaschutzverträge genannt. Darin gleicht der Staat 15 Jahre lang die Mehrkosten aus, die Unternehmen durch die Umstellung auf klimafreundliche Verfahren entstehen. In der Ausschreibungsrunde 2027 soll erstmals ein eigenes Budget von mindestens 1,5 Milliarden Euro für Wasserstoffprojekte bereitstehen. Bei hoher Nachfrage könne der Bund das Volumen aufstocken.
Daneben will das Ministerium Gaskraftwerke mit insgesamt vier Gigawatt fördern, die ab 2040 beziehungsweise 2043 auf Wasserstoff umgestellt werden sollen. Ein Leitmarkt soll Stahl begünstigen, den Hersteller mit erneuerbarem oder kohlenstoffarmem Wasserstoff produzieren. Bei den EU-Vorgaben für erneuerbaren Wasserstoff dringt das Ministerium auf eine pragmatische Anpassung.
Erdgasprojekte müssen Elektrifizierung ausschließen, Wasserstoffprojekte nicht
In der laufenden Runde der Klimaschutzverträge konkurrieren alle Technologien um dasselbe Geld. Das Ministerium vergibt die Zuschläge laut Förderaufruf 2026 allein nach Förderkosteneffizienz, also danach, wer eine Tonne CO2 am günstigsten vermeidet. Wer weiter Erdgas oder Biomasse einsetzen will, muss nachweisen, dass eine Direktelektrifizierung der Anlage technisch nicht möglich ist. Für Wasserstoff verlangt das Ministerium diesen Nachweis nicht.
Die Umweltorganisation Bellona hatte zur Runde 2026 kritisiert, die Förderbedingungen für Wasserstoff seien schlechter als für andere Wege der Dekarbonisierung. Mit dem eigenen Budget konkurrieren Unternehmen mit Wasserstoffprojekten ab 2027 nur noch untereinander. Ob für diesen Topf ein Vorrang der Elektrifizierung gelten soll, geht aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht hervor.
Als kohlenstoffarm gilt nach der EU-Methodik Wasserstoff, der mindestens 70 Prozent weniger Treibhausgas verursacht als die fossile Referenz. Darunter fällt auch Wasserstoff aus Erdgas, dessen CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Methanlecks bei Förderung und Transport verschlechtern die Bilanz von Erdgas. Bei LNG kann sie laut einer Studie der Cornell University über 20 Jahre schlechter ausfallen als bei Kohle (mehr dazu: Fossile Autobahn).
Ember stuft drei Viertel des Energiebedarfs als wirtschaftlich elektrifizierbar ein
Welche Prozesse sich mit Strom betreiben lassen, schlüsselt der Thinktank Ember in seinem Bericht „The Age of Power“ auf. Rund 90 Prozent der weltweiten Endenergie seien technisch elektrifizierbar, etwa drei Viertel bereits wirtschaftlich. Tatsächlich elektrifiziert seien erst 21 Prozent. In der Industrie führt Ember Niedertemperaturwärme als wirtschaftlich und Hochtemperaturwärme als technisch elektrifizierbar.
An dieser Lücke arbeiten Cleantech-Unternehmen. Das Bremer Cleantech-Startup Heatrix erzeugt mit Strom nach eigenen Angaben Heißluft bis rund 1.500 Grad. In einem Ziegelwerk will es eine Gasbrennergruppe ersetzen (mehr dazu: Hochtemperatur-Prozesswärme wird elektrifiziert). Die norwegische Kyoto Group speichert Ökostrom als Wärme in ihrem Heatcube und liefert damit Prozesswärme für Fabriken.
Den Einsatz als Rohstoff klammert Ember aus. Wo Wasserstoff in der Industrie als Ausgangsstoff für Ammoniak und Methanol oder als Reduktionsmittel für Eisenerz dient, fehlt eine elektrische Alternative im großen Maßstab bisher. Stahl führt Ember überwiegend als „in Entwicklung“. Welche Verwendungen der neue Topf abdecken soll, Rohstoff oder Brennstoff für Prozesswärme, hat das Ministerium nicht veröffentlicht.
ArcelorMittal baut seinen Elektroofen in Frankreich
Die Union hatte die Wasserstoffroute für Stahl zuvor selbst infrage gestellt. „Wo soll der Wasserstoff denn herkommen? Den haben wir nicht“, sagte Friedrich Merz im Januar 2025 als Kanzlerkandidat vor Betriebsräten in Bochum. Wenige Tage später bezeichnete er sich als Befürworter grüner Stahlproduktion. Im Herbst 2025 äußerte Reiche Zweifel, ob wasserstoff- und strombasierte Stahlproduktion in Deutschland wirtschaftlich tragfähig sei (mehr dazu: Salzgitter-Chef Groebler widerspricht Reiche).
Im Juni 2025 stoppte ArcelorMittal die Umrüstung seiner Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt auf Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen. Der Bund hatte dafür 2024 rund 1,3 Milliarden Euro Förderung bewilligt. Der Konzern begründete den Schritt mit der fehlenden Wirtschaftlichkeit von CO2-armem Stahl.
Im Februar 2026 kündigte ArcelorMittal an, im französischen Dünkirchen für 1,3 Milliarden Euro einen Elektrolichtbogenofen mit zwei Millionen Tonnen Jahreskapazität zu bauen. Der Ofen schmilzt Stahl mit Strom und soll 2029 in Betrieb gehen. Grundlage ist ein langfristiger Liefervertrag mit dem Stromversorger EDF. Rund die Hälfte der Investition finanziert das französische System der Energiespar-Zertifikate.
QUELLEN
- tagesschau.de: Reiche verspricht Milliarden für Wasserstoff-Ausbau, 19.10.2026.
- Table.Briefings: Wasserstofftechnologie: Das BMWE will dem Ganzen mehr Schwung verpassen, 19.10.2026.
- ZDFheute: Kritik an Merz-Aussagen zu „grünem“ Stahl, 14.01.2025.
- dpa-AFX: Merz: „Bin Befürworter einer grünen Stahlproduktion“, 16.01.2025.
- ZDFheute: „Grüner“ Stahl: ArcelorMittal stoppt Pläne, 20.06.2025.