Blumenerde, Moorschutz und das Ziel 2026 · 22. OKTOBER 2026
JoachimKohler-HB / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Gärtner ersetzen Moorerde durch Torfersatz aus Holz, Rinde und Kompost
Torfersatz aus Holzfasern, Grünkompost, Rindenhumus und Kokos macht Blumenerde ohne Moorboden möglich. Die Bundesregierung wollte Torf bis 2026 aus dem Hobbygarten verdrängen. Erdenwerke mischen ihn trotzdem noch in großen Mengen bei.
Torf entsteht in nassen Mooren aus abgestorbenen Torfmoosen und hält seinen Kohlenstoff fest, solange Wasser ihn vor dem Zerfall schützt. Gärtnereien setzen ihn erst seit den 1950er Jahren in großem Umfang ein. Sie schätzen seine gleichmäßigen Eigenschaften und seine gute Verarbeitung in Maschinen. Deshalb steckt er bis heute in vielen Säcken Blumenerde.
In Europa baut Deutschland am meisten Torf für den Gartenbau ab und verarbeitet die größte Menge zu Substraten. Das zeigt eine Studie von Forschern des Thünen-Instituts aus dem Jahr 2023. Die deutschen Erdenwerke produzierten nach Angaben des Industrieverbands Garten zuletzt elf bis zwölf Millionen Kubikmeter Substrate pro Jahr, Stand 2022.
Für den Hobbygarten reicht der heute erhältliche Torfersatz nach Einschätzung des Bundeslandwirtschaftsministeriums aus, um Torf ganz oder größtenteils zu verdrängen. Erwerbsgärtnereien haben es schwerer. Sie müssen Bewässerung, Düngung und Abläufe umstellen und tragen in der Umstellung ein höheres Kulturrisiko.
Inhalt
Warum schadet Torf aus der Blumenerde dem Klima?
Wer Torf abbaut, legt ein Moor trocken, und der gespeicherte Kohlenstoff entweicht als CO2. Das passiert auf der entwässerten Abbaufläche und noch einmal im Beet, wo sich der Torf zersetzt. Moore bedecken laut der Torfminderungsstrategie des Ministeriums nur etwa drei Prozent der Landfläche der Erde. Sie speichern aber 21 bis 33 Prozent des organischen Kohlenstoffs.
Die Thünen-Forscher Olivier Hirschler und Daniela Thrän haben die Emissionen aus Abbau und Nutzung von Gartentorf beziffert. Für Deutschland kommen sie 2019 auf rund 2,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Für die EU nennen sie 12,6 Millionen Tonnen. Je Hektar verursacht der Torfabbau ihrer Studie zufolge den größten Klimaschaden aller menschlichen Nutzungen von Moorböden.
Weit größer fällt die Bilanz der entwässerten Moore insgesamt aus. Nach Messungen des Thünen-Instituts, veröffentlicht im Oktober 2025, sind 92 Prozent der deutschen Moorböden entwässert. Sie setzen jährlich 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente frei, rund sieben Prozent aller deutschen Emissionen. Warum nasse Moore Kohlenstoff binden und trockene ihn verlieren, erklärt der Beitrag über Moore als CO2-Speicher.
Deutscher Torf stammt überwiegend aus Niedersachsen. Die Abbaumenge sank laut Bundeslandwirtschaftsministerium von etwa acht Millionen Kubikmetern 2005 auf 4,7 Millionen Kubikmeter 2019. Die Lücke füllen Erdenwerke zunehmend mit Importen aus dem Baltikum. Dort stechen Firmen Torf überwiegend in naturnahen Mooren, in Deutschland nur auf entwässerten Agrarflächen. Ihre Emissionen stehen in der Treibhausgasbilanz des Abbaulands, nicht in der deutschen.
Bis wann will die Bundesregierung Torf aus der Blumenerde verbannen?
Nach der Torfminderungsstrategie von 2022 soll der Einsatz von Torf im Hobbybereich bis 2026 enden. Im Erwerbsgartenbau soll Torf bis 2030 weitgehend, aber nicht vollständig verschwinden. Den Zeitplan leitete das Ministerium aus dem Klimaschutzprogramm 2030 ab.
Das Ministerium, das inzwischen Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) heißt, setzt auf Freiwilligkeit statt Verbote. Es finanziert Beratung, Forschung und Praxisprojekte zu Torfersatz. Im Projekt TerZ kultivierten im Oktober 2021 bereits 22 von 24 Zierpflanzenbetrieben mit höchstens 50 Prozent Torf. Für Aufträge des Bundes im Garten- und Landschaftsbau gelten Vorgaben zu Torfersatz in den Vergaberichtlinien.
Ganz auf Torfersatz umgestellt hat der Markt nicht. 2021 bestanden Hobbyerden nach Industrieangaben zu bis zu 52 Prozent aus anderen Stoffen als Torf, Kultursubstrate für Profis zu rund 22 Prozent. Für 2024 nennt das BMLEH bei den Kultursubstraten 27 Prozent. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte im Dezember 2025 erstmals eine amtliche Statistik zum Inlandsabsatz. Demnach setzten Hersteller 2024 rund 6,6 Millionen Kubikmeter Substrate ab, davon etwa 4,6 Millionen Kubikmeter Blumenerden für Hobbygärtner.
Im Herbst 2025 kündigte das BMLEH laut einem Bericht der WirtschaftsWoche an, die Ziele der Strategie zu überprüfen und neu zu justieren. Der Industrieverband Garten hatte zuvor über fehlende Planungssicherheit geklagt. Stand Oktober 2026 nennt das Ministerium auf seinen Themenseiten weiter den nahezu vollständigen Verzicht im Freizeitgartenbau als Ziel, ein neues Zieljahr steht dort nicht.
Welche Stoffe dienen als Torfersatz?
Als Torfersatz dienen vor allem Grünkompost, Holzfasern, Rindenhumus und Kokosprodukte, ergänzt um mineralische Stoffe wie Perlite, Ton oder Blähton. Erdenwerke mischen mehrere davon, um Luft, Wasser und Nährstoffe auf die jeweilige Kultur abzustimmen. Rein mengenmäßig reichen die Ersatzstoffe laut BMLEH aus, um Torf im deutschen Gartenbau komplett zu ersetzen.
Die heimischen Stoffe stammen aus der Pflege von Grünflächen und Wäldern oder fallen in Sägewerken an. Kokosprodukte kaufen die Hersteller bei Importeuren, die sie vor allem aus Indien und Sri Lanka beziehen. Grünkompost und Rinde transportieren sie meist weniger als 150 Kilometer weit, Torf und Kokos oft mehr als 1.000 Kilometer.
| Torfersatz | Einsatz 2021 in m³ | Stärke | Grenze | Quelle |
|---|---|---|---|---|
| Grünkompost | ca. 1.600.000 | regional verfügbar, kurze Transportwege | hoher pH-Wert und Nährstoffgehalt, schwer; Richtwert bis 40 % im Substrat | BMEL 2022; Hirschler/Thrän 2023 |
| Holzfasern | ca. 1.400.000 | lässt sich für den Transport pressen | binden Stickstoff; Richtwert bis 40 %, in Versuchen auch mehr | BMEL 2022; Hirschler/Thrän 2023 |
| Rindenhumus | ca. 315.000 | Nebenprodukt der Sägewerke | hält wenig Wasser, teils Schwermetalle; bis 50 % | BMEL 2022; Hirschler/Thrän 2023 |
| Kokosprodukte | ca. 240.000 | hält Wasser, in guter Qualität auch pur nutzbar | Salz, Import aus Südasien | BMEL 2022; Hirschler/Thrän 2023 |
| Torfmoos (Sphagnum) | Versuchsflächen | Eigenschaften wie Weißtorf | teuer, braucht große nasse Flächen | BMEL 2022; Universität Greifswald |
Beim Torfersatz entstehen Engpässe eher bei Verarbeitung und Logistik als beim Rohstoff. Hirschler und Thrän befragten deutsche Substrathersteller und fanden fehlende Verarbeitungsanlagen und Konkurrenz um Biomasse als Hauptprobleme. Holzhackschnitzel und Rinde wandern auch in Pellets und die Energieerzeugung. Torf bleibt für die Hersteller nach der Studie bislang günstiger.
Wo stoßen Holzfasern, Kompost, Rinde und Kokos an Grenzen?
Jeder Torfersatz bringt eine eigene Schwäche mit, deshalb ersetzt kein Stoff Torf allein in allen Kulturen. Die Gartenbauforscher Neumaier und Meinken setzen für Kompost und Holzfasern 40 Prozent als Obergrenze im Substrat an, für Rindenhumus 50 Prozent. Kokos in guter Qualität taugt nach der Thünen-Studie auch pur als Substrat.
Im Profibereich nutzen Gärtnereien Holzfasern als Torfersatz deutlich häufiger als noch vor einigen Jahren. Maschinen stellen sie aus Nadelholzhackschnitzeln her, indem sie das Holz unter Hitze zerfasern. Mikroorganismen bauen die Fasern ab und binden dabei Stickstoff, den dann die Pflanzen vermissen. Das Thünen-Institut für Holzforschung erprobt seit 2022, den Fasern zusätzliches Lignin beizumischen, damit sie langsamer zerfallen. Die Forscher wollen außerdem Laubholz erschließen, weil die Fichtenvorräte in Deutschland schrumpfen.
Grünkompost entsteht aus Grünabfällen, die Kompostwerke zerkleinern, aufschichten und über mehrere Monate wiederholt umsetzen. Er bringt einen hohen pH-Wert, viele Nährstoffe und ein hohes Gewicht mit. Substrathersteller bemängeln laut Thünen-Studie oft seine schwankende Qualität und setzen deshalb fast durchweg auf zertifizierten Kompost.
Rindenhumus hält Wasser schlechter als Torf und enthält in manchen Chargen Schwermetalle. Bevor Kokosmark als Torfersatz nach Europa kommt, waschen Exporteure das Salz heraus und pressen es zu Blöcken. In Europa lockern die Erdenwerke es wieder auf und puffern es teils, damit die Düngung gelingt.
Kann Torfmoos aus wiedervernässten Mooren Weißtorf ersetzen?
Frisches Torfmoos gilt laut Torfminderungsstrategie als idealer Torfersatz, weil es die physikalischen und chemischen Eigenschaften von Weißtorf teilt. Bislang wächst es aber nur auf Versuchsflächen, 2022 in Deutschland auf rund 20 Hektar Nettofläche.
Die Universität Greifswald erprobte ab 2004 gemeinsam mit einem Torfwerk den Anbau. Im Hankhauser Moor bei Rastede legte sie 2011 eine rund vier Hektar große Kultur auf früherem Hochmoorgrünland an. Laut einem Faltblatt des Greifswald Moor Centrums ernteten die Forscher sie 2016, nach eigenen Angaben weltweit zum ersten Mal. Mit dem Erntegut erweiterten sie die Fläche auf etwa 13 Hektar.
Ein Hektar liefert zwei bis acht Tonnen Trockenmasse pro Jahr, geerntet wird alle drei bis fünf Jahre. Gegenüber entwässertem Hochmoorgrünland spart die nasse Bewirtschaftung 15 bis 25 Tonnen CO2-Äquivalente je Hektar und Jahr. Eine Gärtnerei zog marktfähige Weihnachtssterne in Substrat mit 80 Prozent Torfmoos. Solche Landwirtschaft auf nassen Böden heißt Paludikultur, ihre Bezahlung für Landwirte beschreibt der Beitrag über Klimawirte im Moor.
Der Flächenbedarf bleibt die größte Hürde. Um den jährlichen Bedarf von rund drei Millionen Kubikmetern Weißtorf zu decken, bräuchte Deutschland laut Strategie 35.000 bis 40.000 Hektar Torfmooskultur. Allein in Niedersachsen gibt es nach Angaben des Greifswald Moor Centrums von 2017 rund 100.000 Hektar Hochmoorgrünland. Die EU verpflichtet ihre Mitglieder mit dem Renaturierungsgesetz ohnehin, geschädigte Ökosysteme wiederherzustellen.
Worauf sollten Hobbygärtner bei torffreier Erde achten?
Erde aus reinem Torfersatz speichert Wasser schlechter als torfhaltige, vor allem ohne Kokosmark, Gärtner müssen das Gießen darauf einstellen. Bei richtiger Mischung und abgestimmter Düngung wachsen Pflanzen darin laut BMLEH meist ebenso gut wie in Torf.
Enthält eine Erde viel Holzfaser, lohnt ein Blick auf die Stickstoffversorgung, weil die Fasern einen Teil davon binden. Grünkompost bringt dagegen selbst Nährstoffe und einen hohen pH-Wert mit. Erwerbsgärtnereien prüfen ihre Substrate in der Umstellung laut BMLEH häufiger im Labor.
Die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen koordinierte von 2022 bis 2025 das Projekt HOT für den Hobbygartenbau. Es setzte auf Schulungen für Verkaufspersonal, Schaupflanzungen und Online-Fortbildungen. Für Torfersatz entwickelt die Meo Carbon Solutions GmbH im Auftrag des BMLEH ein Zertifizierungssystem, das 2026 stehen soll. Es bewertet Waldrodung, Kinderarbeit und die Emissionsminderung gegenüber Torf.
Moore halten ihren Kohlenstoff nur, solange sie nass bleiben. Wälder und Ozeane nehmen zuletzt weniger CO2 auf, als die Klimarechnung der EU voraussetzt (mehr dazu: Klimaziele in Gefahr). Die Torfindustrie rechnet laut Strategie damit, dass der Abbau in Deutschland bis 2040 wegen auslaufender Genehmigungen weitgehend endet. Ob dann Torfersatz oder Importtorf die Lücke füllt, entscheiden Erdenwerke, Gärtnereien und Käufer.
QUELLEN
- Statistisches Bundesamt: Erste amtliche Statistik zum Inlandsabsatz von Blumenerden und Kultursubstraten, Dezember 2025.
- WirtschaftsWoche: Bericht über das Schreiben des BMLEH zur Überprüfung der Torfminderungsstrategie, Oktober 2025.