Klimabilanz und CO2-Handel aus Dessau-Roßlau · 22. OKTOBER 2026
Molgreen / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Was das Umweltbundesamt für Klima, Luft und Chemikalien leistet
Das Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau zählt Deutschlands Treibhausgase, verkauft CO2-Zertifikate und misst die Luft. Die Bundesbehörde berät die Regierung, bewertet Chemikalien und plant für 2026 mit 217 Millionen Euro.
Jedes Jahr im März richtet sich der Blick der Klimapolitik nach Sachsen-Anhalt. Bis zum 15. März legt das Umweltbundesamt vor, wie viele Treibhausgase Deutschland im Vorjahr ausgestoßen hat. An dieser Zahl prüft die Bundesregierung, ob sie ihre Klimaziele hält oder nachsteuern muss.
Die Emissionsbilanz bildet nur einen Teil der Arbeit. Das Amt betreibt sieben eigene Messstationen von Zingst an der Ostsee bis zur Zugspitze. Es bewertet Chemikalien und Pflanzenschutzmittel und dient als deutscher Ansprechpartner für WHO, UNEP und die Europäische Umweltagentur. Über die Deutsche Emissionshandelsstelle fließen jedes Jahr Milliarden in den Klima- und Transformationsfonds.
Mit seinen Daten liefert das Umweltbundesamt die Grundlage für Gesetze, Förderprogramme und Grenzwerte. Seine Vetorolle bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln bringt ihm zugleich Kritik aus Landwirtschaft und Bundesländern ein.
Inhalt
Wofür ist das Umweltbundesamt zuständig?
Das Errichtungsgesetz vom 22. Juli 1974 schuf das Umweltbundesamt als selbstständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesumweltministeriums. Laut Gesetz unterstützt das Amt das Ministerium wissenschaftlich und misst die großräumige Luftbelastung. Es informiert die Öffentlichkeit und wirkt an Umweltverträglichkeitsprüfungen für Vorhaben des Bundes mit.
Weitere Aufgaben weisen ihm andere Bundesgesetze zu. Das Umweltbundesamt vollzieht etwa das Chemikaliengesetz und das Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz. Es arbeitet mit Umwelt- und Gesundheitsbehörden der Länder zusammen und berät Partnerbehörden in Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien.
Bis 2005 saß die Behörde am Bismarckplatz in Berlin. Dann bezog sie in Dessau-Roßlau einen Neubau des Architekturbüros Sauerbruch Hutton, der 2009 das Deutsche Gütesiegel für nachhaltiges Bauen in Gold erhielt. Seit September 2023 ergänzt ihn ein Erweiterungsbau im Null-Energie-Standard. Weitere Standorte liegen unter anderem in Berlin, Bad Elster, Langen, Merseburg und Leipzig.
Seit dem 1. Januar 2020 leitet der Nachhaltigkeitsforscher Dirk Messner das Amt, Stand Oktober 2026. Er folgte auf Maria Krautzberger, die 2014 als erste Frau an die Spitze des Umweltbundesamtes rückte.
Für 2026 sieht der Haushaltsquerschnitt des Bundesumweltministeriums für das Umweltbundesamt 217,2 Millionen Euro vor, nach 205,2 Millionen im Jahr 2025. Davon entfallen 144,4 Millionen Euro auf Personal. Der Stellenplan wächst auf 1.855,5 Stellen.
| Steckbrief Umweltbundesamt | Angabe | Quelle |
|---|---|---|
| Gründung | 22. Juli 1974 (Errichtungsgesetz) | UBAG |
| Rechtsform | Selbstständige Bundesoberbehörde | UBAG |
| Sitz | Dessau-Roßlau, Wörlitzer Platz 1 (seit 2005) | UBA |
| Präsident | Prof. Dirk Messner, seit 1. Januar 2020 (Stand Oktober 2026) | UBA |
| Ressort | Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) | BMUKN |
| Stellen | 1.855,5 (Haushalt 2026; 2025: 1.833,5) | BMUKN, Grünes Buch 2026 |
| Haushalt | 217,2 Mio. Euro (2026; 2025: 205,2 Mio. Euro) | BMUKN, Grünes Buch 2026 |
| Emissionshandel | Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Fachbereich V | UBA |
| Messnetz | 7 eigene Messstationen, von Zingst bis zur Zugspitze | UBA |
Wie zählt das Umweltbundesamt die deutschen Treibhausgase?
Im Umweltbundesamt sitzt die nationale Koordinierungsstelle für die Emissionsberichterstattung. Sie plant und erstellt das Treibhausgas-Inventar, schreibt den Nationalen Inventarbericht und sichert die Qualität der Daten. Mehrere Bundesministerien und das Statistische Bundesamt liefern zu.
Die Fachleute folgen Methoden, die der Weltklimarat IPCC und die UN-Wirtschaftskommission für Europa entwickelt haben. Für jede Quelle multiplizieren sie eine Aktivität, etwa die verbrannte Menge Kohle, mit einem Emissionsfaktor. Erfasst wird, was innerhalb der deutschen Grenzen entsteht. Ein eigenes Rechensystem verarbeitet die Datenmengen.
Das Klimaschutzgesetz verlangt zusätzlich eine schnelle Rückschau. Nach Paragraf 5 ermittelt das Umweltbundesamt die Emissionen des Vorjahres, gesamt und nach Sektoren. Bis zum 15. März veröffentlicht es die Daten und übermittelt sie dem Expertenrat für Klimafragen. Seit dem Berichtsjahr 2023 zeigt die Bilanz auch, ob die Sektoren ihre Jahresmengen über- oder unterschreiten.
Für 2025 meldeten Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium im März 2026 rund 649 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Das waren 0,1 Prozent weniger als 2024 und 48 Prozent weniger als 1990. Die Industrie senkte ihren Ausstoß um 3,8 Prozent, Gebäude und Verkehr legten zu. „Die Emissions- und Projektionsdaten zeigen, dass sich der Klimaschutz sektorübergreifend leicht verlangsamt“, sagte UBA-Präsident Dirk Messner.
Mit 103,4 Millionen Tonnen stieg der Ausstoß der Gebäude um 3,4 Millionen Tonnen, vor allem wegen kälterer Witterung. Der Verkehr kam auf 146,3 Millionen Tonnen. Wie weit Deutschland damit von seinen Zielen entfernt ist, zeigt die Auswertung der Klimabilanz 2025 des Umweltbundesamtes.
Was prüft der Expertenrat an den Zahlen des Umweltbundesamts?
Neben der Rückschau liefert das Amt jedes Jahr Projektionsdaten. Ein Forschungskonsortium rechnet im Auftrag des Umweltbundesamts aus, wie sich die Emissionen mit den beschlossenen Maßnahmen bis 2030, 2040 und 2045 entwickeln. Für die Projektionsdaten 2026 arbeiteten unter anderem Öko-Institut, Fraunhofer ISI und Prognos mit.
Laut Hintergrundpapier vom März 2026 sinken die Emissionen bis 2030 um 62,6 Prozent gegenüber 1990. Das Klimaschutzgesetz verlangt 65 Prozent, es fehlen 30 Millionen Tonnen. Der Verkehr überschreitet sein Budget für 2021 bis 2030 laut Projektion um 186,9 Millionen Tonnen, die Gebäude um 110,1 Millionen (mehr dazu: Projektionsbericht 2026).
Der Expertenrat für Klimafragen prüft beide Datensätze. Nach Paragraf 12 des Klimaschutzgesetzes legt er Bundesregierung und Bundestag binnen zwei Monaten eine Bewertung vor. Er stellt fest, ob die projizierten Emissionen das Budget für 2021 bis 2030 einhalten.
Im Prüfbericht vom 18. Mai 2026 bestätigte das Gremium unter Vorsitz von Barbara Schlomann die Emissionsdaten 2025. Bei den Projektionen widersprach es. Nach den Daten des Umweltbundesamts hielte Deutschland sein Budget bis 2030 sehr knapp ein. Der Expertenrat erwartet dagegen einen mittleren Pfad, der um etwa 60 bis 100 Millionen Tonnen darüber liegt.
Für Energiewirtschaft und Gebäude hält der Rat die Annahmen hinter den Projektionen für veraltet und rechnet mit höheren Emissionen. Stellt er im kommenden Jahr erneut eine Überschreitung fest, muss die Bundesregierung zusätzliche Maßnahmen beschließen (mehr dazu: Expertenrat für Klimafragen 2026).
Welche Aufgaben hat die Deutsche Emissionshandelsstelle?
Im Fachbereich V des Umweltbundesamts arbeitet die Deutsche Emissionshandelsstelle, kurz DEHSt. Sie setzt den europäischen Emissionshandel für Kraftwerke, Industrieanlagen und Luftfahrt in Deutschland um. Die DEHSt teilt Zertifikate zu, führt die Registerkonten, sammelt die Emissionsberichte ein und steuert die Versteigerungen (mehr dazu: Emissionshandel ETS und ETS II).
Seit dem 1. Januar 2021 verwaltet die DEHSt auch den nationalen Emissionshandel für Wärme und Verkehr nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz. Sie verkauft die Zertifikate, führt die Konten und prüft die Berichte der Unternehmen.
2025 nahm der Bund aus beiden Systemen 21,4 Milliarden Euro ein, meldete die DEHSt laut Haufe im Januar 2026. Rund 16 Milliarden Euro stammten aus dem nationalen System mit einem Festpreis von 55 Euro je Zertifikat (mehr dazu: CO2-Preis 2027). Der EU-Handel brachte 5,4 Milliarden Euro. Das gesamte Geld fließt in den Klima- und Transformationsfonds.
Die DEHSt genehmigt außerdem die Strompreiskompensation für stromintensive Unternehmen und überwacht den CO2-Ausstoß großer Schiffe in EU-Häfen. Für den CO2-Grenzausgleich CBAM erhält das Umweltbundesamt 2026 laut Haushaltsplanung 22 zusätzliche Stellen. Die Kosten der DEHSt refinanziert der Bund aus Versteigerungserlösen, 2026 plant er dafür 56,3 Millionen Euro ein.
Wie überwacht das Umweltbundesamt Luft und Chemikalien?
Für seine Jahresbilanz der Luftqualität wertet das Umweltbundesamt die Daten von rund 600 Messstationen aus. 2025 hielten alle Stationen die geltenden EU-Grenzwerte ein, berichtet die IHK Karlsruhe aus der vorläufigen Auswertung. Beim Feinstaub gelang das im achten Jahr in Folge, beim Stickstoffdioxid im zweiten. Ungünstiges Winterwetter hob die Mittelwerte gegenüber 2023 und 2024 leicht an.
Ab 2030 gelten in der EU strengere Grenzwerte. Beim Stickstoffdioxid sinkt der Jahresmittelwert auf 20 Mikrogramm je Kubikmeter, beim Feinstaub PM2,5 auf zehn. Rund 39 Prozent der Stationen lagen 2025 über dem künftigen Wert für Stickstoffdioxid, rund 18 Prozent über dem für Feinstaub. Das Umweltbundesamt rechnet für 2030 mit vereinzelten Überschreitungen.
Bei Chemikalien wirkt das Amt an europäischen Verboten mit. Gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und dem Bundesinstitut für Risikobewertung arbeitete es den Vorschlag aus, Ewigkeitschemikalien (PFAS) zu beschränken. Deutschland reichte ihn im Januar 2023 mit Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden bei der Europäischen Chemikalienagentur ein. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung erfasst er mindestens 10.000 Stoffe.
Warum streiten Länder und Landwirte über das Umweltbundesamt?
Über Pflanzenschutzmittel entscheidet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Laut Pflanzenschutzgesetz braucht es dafür das Einvernehmen des Umweltbundesamts, soweit Schäden für den Naturhaushalt drohen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Julius Kühn-Institut wirken dagegen nur im Benehmen mit, ihre Bewertung bindet die Zulassungsbehörde nicht.
Am 8. Mai 2026 forderte der Bundesrat die Bundesregierung in einer Entschließung auf, das Wort Einvernehmen durch Benehmen zu ersetzen. Das Umweltbundesamt verlöre damit sein Veto. Die Initiative kam aus Sachsen, die Länder verweisen auf Verzögerungen und Nachteile für deutsche Antragsteller. Wirksam würde die Änderung erst, wenn der Bundestag das Pflanzenschutzgesetz ändert.
Der Konflikt berührt die Arbeitsteilung im Gesetz. Das Bundesinstitut für Risikobewertung prüft die Gesundheit von Mensch und Tier, das Julius Kühn-Institut die Wirksamkeit und den Schutz der Honigbienen. Das Umweltbundesamt bewertet die Belastung des Naturhaushalts. Mit einem Benehmen bliebe sein Bewertungsbericht bestehen, die Zulassungsbehörde könnte aber davon abweichen.
Kritik an den Klimadaten kommt aus der Gegenrichtung. Der Expertenrat hält die Projektionen des Amtes für zu günstig und die Lücke zu den Zielen für größer. Die Zielmarken, an denen das Umweltbundesamt jedes Jahr misst, setzt das Bundes-Klimaschutzgesetz, bis hin zur Netto-Treibhausgasneutralität 2045.
QUELLEN
- Umweltbundesamt: Was wir tun, abgerufen am 21. Oktober 2026.
- Umweltbundesamt, Chronik: Umweltbundesamt bekommt eine neue Präsidentin, 5. Mai 2014.