ELEKTROLYSEUR UND SPEICHER IN EINEM CONTAINER · 3. NOVEMBER 2026
Stoff2Stoff2 macht Wasserstoff aus Überschussstrom planbar
In Deutschland fällt immer öfter mehr Wind- und Solarstrom an, als das Netz aufnimmt, und der Industrie fehlt bezahlbarer Wasserstoff. Das Berliner Cleantech-Unternehmen Stoff2 verbindet beides in einem Gerät: vier Stunden laden, einen Tag lang liefern.
Am Ostersonntag 2026 fiel der Börsenstrompreis auf minus 114 Euro je Megawattstunde, Erneuerbare deckten an diesem Tag 175 Prozent des deutschen Bedarfs. Für das ganze Jahr rechnen Marktbeobachter mit 700 bis 900 Stunden negativer Preise. In Bayern regelten die Netzbetreiber von Januar bis November 2025 rund 2.180 Gigawattstunden Solarstrom ab, doppelt so viel wie im Jahr davor. Dieser Strom ist bezahlt und verpufft.
Auf der anderen Seite steht eine Industrie, die Wasserstoff einsetzen soll und ihn zu heutigen Preisen nicht bezahlen kann. Im Oktober räumte das Bundeswirtschaftsministerium ein, der Markt komme langsamer in Gang als erwartet, die Produktionskosten lägen deutlich über denen fossiler Alternativen. Ab 2027 reserviert das Ministerium deshalb mindestens 1,5 Milliarden Euro aus den Klimaschutzverträgen allein für Wasserstoffprojekte.
Zwischen dem Strom, der verpufft, und dem Wasserstoff, der zu teuer ist, liegt eine technische Lücke. Ein klassischer Elektrolyseur rechnet sich, wenn er viele Stunden im Jahr läuft. Den billigen Strom gibt es aber nur wenige Stunden am Tag. Wer ihn trotzdem einfangen will, stellt bisher drei Geräte nebeneinander. Eine Batterie speichert den Strom zwischen, ein Elektrolyseur macht Gas daraus, ein Drucktank hält das Gas bis zum Verbrauch.
Wie Stoff2 das Laden vom Liefern trennt
Stoff2 aus Berlin-Tegel baut diese drei Geräte in eines. Die Zink-Zwischenschritt-Elektrolyse, kurz ZZE, lädt wie eine Batterie und entlädt wie ein Elektrolyseur. Beim Laden entsteht an der Gaselektrode Sauerstoff, an der Gegenelektrode scheidet sich metallisches Zink ab. Beim Entladen löst sich das Zink wieder auf, und an der Gaselektrode entsteht grüner Wasserstoff, dazu Strom und Wärme. „Der ZZE ist wie eine Batterie, die beim Entladen Wasserstoff produziert“, sagte Nora Oberländer, damals Leiterin der Geschäftsentwicklung, 2024 dem Magazin Edison.
Der Clou liegt im Zeitplan. Die Anlage lädt vier Stunden lang, wenn Sonne und Wind den Preis drücken, und gibt danach zwölf bis 24 Stunden lang Wasserstoff ab. So lange steckt die Energie als feste Zinkschicht in der Zelle, nach Firmenangaben über Wochen, ohne Druck und ohne Gas. Ein Container von 15 Tonnen liefert laut Stoff2 je Zyklus eine Megawattstunde Wasserstoff, rund 25 Kilogramm, bei 70 Prozent Wirkungsgrad. Lithium, Platin, Kobalt und PFAS kommen nach Angaben des Unternehmens nicht vor.
Diese Zahlen stammen vom Hersteller, unabhängige Messungen gibt es noch nicht. Belegen lässt sich die Bauweise: Laden und Liefern fallen zu verschiedenen Zeiten an, und das Gerät braucht weder Batterie noch Tank daneben. Genau dieser Abnehmer fehlt dem Stromsystem bisher: einer, der Wasserstoff aus Überschussstrom macht, statt ihn abzuregeln.
Was in Tegel läuft und was in Alkmaar entsteht
Seit Februar 2024 entwickelt Stoff2 die Zelle im Verbundprojekt ZZE-Green-H2 mit der TU Berlin und der Hochschule Landshut weiter. Das Bundeswirtschaftsministerium förderte das Projekt im Geschäftsjahr 2025 mit rund 950.000 Euro. Ein Zellblock in Zielgröße lief als Prototyp. Im September 2026 stellte das Unternehmen den Container-Demonstrator Lizzey in Tegel vor und band ihn direkt an den Strommarkt an. Die Anlage lädt also nach Börsenpreis.
Den ersten Einsatz außerhalb Berlins bereitet Stoff2 im niederländischen Alkmaar vor. Ende August unterschrieb das Unternehmen den Mietvertrag mit dem Testgelände InVesta. Geplant ist ein Container mit rund 750 Kilowattstunden Wasserstoff je Zyklus, der Bau beginnt nach der Detailplanung Ende 2026. Der Test gehört zum EU-Projekt Reformers mit 28 Partnern aus zehn Ländern. Es gehe darum, „unsere innovative Technologie mit Unterstützung der Europäischen Union in Alkmaar unter realen Bedingungen zu validieren“, sagt Projektmanager Christian Friebe.
In Braunschweig soll die Zinkzelle am Hydrogen Terminal erstmals in ein bestehendes Wasserstoffnetz einspeisen. Abnehmer sind dort Forschungsprojekte und eine Lkw-Tankstelle. Einen Termin nennt das Unternehmen dafür nicht. Gegründet wurde Stoff2 Ende 2020, die Geschäfte führen Sebastian Sipp und Alexander Voigt, Mitgründer Andrew Zwinkels ist Chefingenieur.
2024 hatte Stoff2 die Lieferbarkeit ab 2026 angekündigt und für Alkmaar zwei Container mit je einer Megawattstunde geplant. Heute steht ein Container in Planung, die Serienfertigung nennt das Unternehmen als nächsten Schritt. Hardware braucht Jahre, das gilt für Elektrolyseure wie für Batteriezellen. Ob die Zinkzelle hält, was sie verspricht, zeigen erst die Betriebsjahre in Alkmaar.
Reverion und Stoff2 zielen auf dieselbe Lücke
Mit diesem Ansatz steht Stoff2 nicht allein. Reverion aus Eresing bei München baut Kraftwerke im Container, die aus Biogas oder Wasserstoff Strom erzeugen und bei Stromüberschuss rückwärts als Elektrolyseur laufen. Im August 2026 startete Reverion die Serienfertigung, im Oktober holte es 150 Millionen Euro für ein Werk mit 250 Megawatt Jahreskapazität.
Beide Unternehmen bauen Werkzeuge, die den Zeitpunkt der Stromerzeugung vom Zeitpunkt des Verbrauchs trennen. Reverion gibt bei Knappheit Strom zurück, Stoff2 gibt Wasserstoff ab. Das Prinzip dahinter heißt Reversibilität.
Für die Industrie zählt der Unterschied. Wer Stahl, Chemie oder Schwerlastverkehr dekarbonisieren will, braucht Moleküle. Die TU Berlin hat 2026 vorgerechnet, dass sich fast alles direkt elektrifizieren lässt und nur ein schmaler Rest auf Moleküle angewiesen bleibt. Für diesen Rest entscheidet der Preis je Kilogramm.
Stoff2 nannte 2024 einen Gestehungspreis von vier Euro, ohne Bezugsgröße. Das Ministerium füllt die Preislücke ab 2027 mit Milliarden.
Ein Gerät, das die billigen Stunden einsammelt und daraus planbar Wasserstoff macht, verkleinert diese Lücke an der Quelle. Ob die Zinkzelle den Preis für Wasserstoff aus Überschussstrom hält, entscheidet sich in Alkmaar. Dass der Weg dorthin einfacher ist als Batterie, Elektrolyseur und Tank nebeneinander, lässt sich heute schon besichtigen. Er passt in einen Container.
Am 4. November stellt Geschäftsführer Alexander Voigt Stoff2 in der Online-Reihe „Leuchttürme“ von Europe Calling vor.
QUELLEN
- Edison: Wasserstoff aus Grünstrom im Zwischenschritt, 05.04.2024.
- Stoff2: STOFF2 stellt den ZZE-Demonstrator LIZZEY vor, Pressemitteilung, 17.09.2026.
- Stoff2: STOFF2 bereitet Test für innovative Wasserstofftechnologie bei InVesta in Alkmaar vor, Pressemitteilung, 07.09.2026.
- Stoff2: Projekte, abgerufen am 31.10.2026.
- Deutscher Bundestag: Lobbyregister, Registereintrag STOFF2 (R006310), Geschäftsjahr 2025.