Bojanowski verschweigt Graichens Nein zur Atomkraft

„Sie verrieten die Interessen unseres Landes“ · 8. NOVEMBER 2026

Bojanowskis Verrats-Vorwurf gegen Graichen ist eine Mogelpackung

WELT-Chefreporter Axel Bojanowski erhebt in Bild schwere Vorwürfe gegen Robert Habeck und Patrick Graichen. Mit der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke hätten die beiden die Interessen des Landes verraten. Dass Graichen auf die entscheidende Frage mit Nein antwortete, lässt er weg.


KOMMENTAR · VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Bojanowski stützt sich auf einen Auftritt Graichens bei der R21-Konferenz, einem konservativen Thinktank um den Historiker Andreas Rödder und die frühere Familienministerin Kristina Schröder. Der frühere Staatssekretär im Wirtschaftsministerium saß dort neben der Atomkraft-Befürworterin Anna Veronika Wendland, vor einem Saal voller Gleichgesinnter. Aus einem Satz Graichens macht Bojanowski einen „Verrat“ und einen „Hasardeursritt“.

Screenshot des Bild-Kommentars von Axel Bojanowski: Sie verrieten die Interessen unseres Landes
Bojanowskis Kommentar erschien hinter der Bezahlschranke. SCREENSHOT: BILD.DE, 07.11.2026

Was Graichen vor dem zitierten Satz sagte

„Hätten wir die Atomkraftwerke 2023 weiterlaufen lassen, hätten wir mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten gehabt“, zitiert Bojanowski den früheren Staatssekretär. Das hat Graichen gesagt, allerdings erst, als der Moderator nachlegte, der Weiterbetrieb wäre doch billiger gewesen.

Zuvor hatte der Moderator gefragt, ob es ein Fehler war, die Atomkraftwerke 2023 nicht weiterlaufen zu lassen. Graichens Antwort: „Nein“. Der Ukrainekrieg habe ihn darin bestärkt. „Ich halte das Risiko eines GAUs für nach wie vor zu hoch, als dass ich diese Technologie in einem Mix in Deutschland wollen würde“, sagt Graichen. Bei Putin wisse man in den letzten Tagen im Bunker nie, ob er noch rational handle.

Graichen arbeite für den ukrainischen Netzbetreiber Ukrenergo, „dessen Stütze Atomkraftwerke sind“, schreibt Bojanowski. Graichen sitzt im Aufsichtsrat von Ukrenergo und kennt das ukrainische Stromnetz im Krieg aus der Nähe. Ausgerechnet diesen Krieg nennt er als Grund gegen Atomkraft in Deutschland.

Neu ist nichts davon. Im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Atomausstieg hat Graichen nach eigener Aussage rund fünf Stunden Rede und Antwort gestanden, der Weiterbetrieb war dort Thema. Sein eigentliches Argument wiederholte er auf dem Podium: „Neue AKWs sind einfach sündhaft teuer und die werden nicht in die Kostenregionen kommen, in denen jetzt gerade Wind, Solar und Batterien gelandet sind.“

Wie aus Habecks Respekt eine Empfehlung wird

Für Habeck greift Bojanowski auf einen Satz von 2023 über die ukrainischen Atomkraftwerke zurück: „Das ist völlig klar und das ist auch in Ordnung, solange die Dinger sicher laufen. Sie sind ja gebaut.“ Bojanowski liest daraus eine Empfehlung. Habeck wollte sich damit nicht in die Entscheidungen eines anderen Landes einmischen, eine Frage von Respekt und Anstand, kein Urteil über Atomkraft.

Der Weiterbetrieb sei also ratsam, Atomkraft verbillige obendrein den Strom, folgert Bojanowski, „aber ihrem eigenen Land wollten die Regierenden Habeck und Graichen diese Vorteile nicht gönnen“. Gesagt hat das keiner der beiden. Zwei aus dem Zusammenhang gelöste Sätze und eine selbst gebaute Folgerung ergeben bei ihm einen Verrat. Dieselbe Masche lief gegen Habeck schon mit den „AKW-Files“ des Cicero und einem angeblichen Brief nach Frankreich.

Graichen spricht im Konjunktiv über 2023. Bojanowski zieht das in die Gegenwart, als hätten drei Reaktoren im Rückbau die Strompreise von 2026 gesenkt. Heute treiben Netzentgelte, Gas als Preissetzer und Abgaben den Strompreis.

Wie Bojanowski die Zeitleiste verdreht

Bojanowski rechnet Habeck „die letzten sechs“ Atomkraftwerke zu. Als sie abgeschaltet wurden, habe Russland gerade die Ukraine überfallen und das Gas gestoppt. Das Abschaltdatum stand seit dem Ausstiegsgesetz von 2011 fest, beschlossen von Union und FDP. Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf gingen nach diesem Gesetz Ende 2021 vom Netz, Wochen vor dem Überfall. Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 ließ die Regierung mit Wirtschaftsminister Habeck im Krieg länger laufen, bis zum 15. April 2023.

Die drei Meiler fuhren im Streckbetrieb weiter, mit den vorhandenen Brennelementen. Zusätzlichen Strom lieferten sie so laut Bundesregierung nicht, ihre Leistung verschob sich nur zeitlich. 2022 kamen sechs Prozent des Stroms aus Kernenergie, die drei Anlagen hatten zusammen rund 4,2 Gigawatt. Für einen längeren Betrieb hätte es neue Brennelemente gebraucht, und die Betreiber EnBW, RWE und PreussenElektra hatten Laufzeitverlängerungen abgelehnt.

Statt „auf klimafreundlichen AKW-Strom“ zu setzen, habe die Regierung Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt, schreibt Bojanowski, „der Klimawandel war vergessen“. Die Kohlekraftwerke kamen ab Sommer 2022 zurück, um Gas in der Stromerzeugung zu ersetzen, und liefen parallel zu den Atomkraftwerken. 2023 sanken die Treibhausgasemissionen laut Umweltbundesamt um rund zehn Prozent, so stark wie nie seit 1990. In der Energiewirtschaft lag das vor allem an weniger Kohlestrom, dazu kamen geringere Nachfrage und mehr Stromimporte.

Worauf die Atom-Befürworter hinarbeiten

Auf derselben Konferenz sprach Andreas Lenz, energiepolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Eine Änderung des Atomgesetzes hält er in dieser Koalition für unwahrscheinlich, jeder Tag mache den Weiterbetrieb schwieriger. „Es geht jetzt um Bewusstseinsschaffung“, sagt Lenz, „wir brauchen ein gesellschaftliches Bewusstsein“. Bojanowski verfolgt dasselbe Ziel: Die Debatte über neue Atomkraft in Deutschland soll wieder laufen.

Die Beweislast liege inzwischen bei der anderen Seite, sagt Graichen. Wer Atomkraft will, muss zeigen, dass neuer Atomstrom günstiger ist als Solar, Wind und Batterien. Bojanowski versucht es nicht, er schneidet Graichens Nein ab und schimpft. Das ist schäbig, und es verrät, wie verzweifelt die Atom-Befürworter sind.

QUELLEN

  1. WELT: Habeck und Graichen: Sie verrieten die Interessen unseres Landes (Axel Bojanowski, Bezahlschranke), 07.11.2026.
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