WASSERSTOFF · 8. NOVEMBER 2026
RWERWE testet in Lingen eine Wasserstoffturbine im Industriemaßstab
RWE und Kawasaki haben am Gaskraftwerk Emsland in Lingen eine Wasserstoffturbine in Betrieb genommen, laut RWE die größte voll wasserstofffähige Gasturbine Europas. Auch die drei neuen Gaskraftwerke, für die RWE in der Kraftwerksausschreibung Zuschläge bekommen hat, sollen später mit Wasserstoff laufen.
Die Wasserstoffturbine leistet 34 Megawatt und läuft mit Erdgas, mit Wasserstoff und mit jeder Mischung aus beidem. Über mehrere Monate erproben RWE und Kawasaki den Betrieb mit bis zu 100 Prozent Wasserstoff. Sie testen dabei wechselnde Betriebsweisen und Lastzustände, wie sie in einem Stromsystem mit viel Wind und Sonne auftreten. Das Mischungsverhältnis lasse sich je nach Verfügbarkeit und Kosten des Wasserstoffs anpassen, sagt Motohiko Nishimura, Chef der Energiesparte von Kawasaki Heavy Industries.
Was RWE und Kawasaki in Lingen aufgebaut hätten, sei „einmalig in Europa“, sagt Nikolaus Valerius, Chef der Kraftwerkstochter RWE Generation. Die Anlage leiste bis zu zehnmal so viel wie bisherige Wasserstoffturbinen. Die Erfahrungen aus dem Betrieb sollen die Grundlage für noch größere Anlagen liefern.
Kawasaki hatte die beiden Verbrennungssysteme der Turbine zuvor nur in kleinen Ausführungen mit je einem Megawatt im japanischen Kobe getestet. In Lingen läuft die Technik erstmals im Industriemaßstab. Zur Inbetriebnahme kamen Japans Botschafterin Mitsuko Shino und Vertreter der japanischen Förderorganisation NEDO. Ursprünglich hatte RWE die Inbetriebnahme für Mitte 2024 in Aussicht gestellt, die Turbine startet also gut zwei Jahre später.
Der Wasserstoff stammt aus Elektrolyseuren direkt neben der Wasserstoffturbine
Für den Test leitet RWE den Wasserstoff aus den Elektrolyseuren des Wasserstoffnetzes GET H2 Nukleus in die Turbine. Elektrolyseure spalten Wasser mit Strom aus erneuerbaren Energien in Wasserstoff und Sauerstoff. Bis Ende 2026 will RWE in Lingen 200 Megawatt Elektrolyseleistung in Betrieb nehmen, ab 2027 soll die Gesamtanlage mit 300 Megawatt produzieren.
Seit 2024 produziert RWE in Lingen grünen Wasserstoff. Laut RWE erfüllt er die EU-Anforderungen an erneuerbare Kraftstoffe nicht-biologischen Ursprungs. Im August erreichte der erste Elektrolyse-Wasserstoff aus Lingen über die neuen Leitungen den Chemiepark Marl.
RWE baut drei neue Gaskraftwerke in NRW
Die drei Kraftwerke aus der Kraftwerksausschreibung von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche entstehen in Voerde, Weisweiler und Werne. Zusammen kommen sie auf rund 2.100 reduzierte Megawatt. Bei dieser Einheit werden für Gaskraftwerke nur 85 Prozent der installierten Leistung angerechnet. Mit dem Bau des ersten Kraftwerks will RWE in wenigen Wochen beginnen.
RWE-Chef Markus Krebber hatte im Sommer erklärt, die ersten neuen Gaskraftwerke könnten 2029 bereitstehen. Einen Zeitpunkt für die Umstellung auf Wasserstoff enthält die Mitteilung zu den Zuschlägen nicht.
Alle elf Zuschläge der Ausschreibung gingen an Gaskraftwerke, kein Batteriespeicher kam zum Zug. Die Ausschreibung verlangte, dass eine Anlage zehn Stunden am Stück liefert, damit hatten Speicher faktisch keine Chance. Dabei sind laut Wood Mackenzie Batteriespeicher in allen 43 untersuchten Märkten günstiger als neue Gasturbinen. Die Betreiber erhalten im Schnitt rund 155.300 Euro je Megawatt und Jahr. Hochgerechnet sind das gut 800 Millionen Euro im Jahr, 15 Jahre lang, bezahlt über eine Umlage auf der Stromrechnung.
Die Testturbine in Lingen leistet 34 Megawatt. Die drei neuen RWE-Kraftwerke kommen schon in der reduzierten Rechnung auf mehr als das 60-Fache. Allein das bestehende Gaskraftwerk Emsland am selben Standort hat mit rund 1,8 Gigawatt gut 50-mal so viel Leistung.
Erdgas bleibt vorerst der Brennstoff der neuen Kraftwerke
In einer Dunkelflaute, wenn über Tage wenig Wind weht und kaum Sonne scheint, müssen Kraftwerke mit gespeicherter Energie einspringen. Als Langzeitreserve dafür kommt Wasserstoff infrage, ebenso Ammoniak, Methanol oder synthetisches Methan. Ob große Turbinen unter wechselnder Last mit reinem Wasserstoff zurechtkommen, misst RWE in Lingen jetzt erstmals im Industriemaßstab.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sieht in der Anlage den Beweis, dass der Umbau zu einer klimaneutralen Energieversorgung funktioniere. Den Weg vom Erdgas zum Wasserstoff beschreibt er als Weg in Schritten. „Das geht nicht auf einmal. Wir werden noch eine ganze Zeit fossiles Gas brauchen“, sagte er bei der Inbetriebnahme.
QUELLEN
- RWE Generation: Stromerzeugung mit Wasserstoff: RWE und Kawasaki starten Testbetrieb mit 34-MW-Gasturbine in Lingen, 06.11.2026.
- RWE AG: RWE baut nach Auktionserfolg drei neue wasserstofffähige Kraftwerke in Deutschland, 03.11.2026.
- RWE Generation: GET H2 Nukleus nimmt Fahrt auf: Erster Wasserstoff aus Lingen erreicht Marl, 04.08.2026.
- RWE Generation: RWE und Kawasaki planen in Lingen die Errichtung einer der weltweit ersten wasserstofffähigen Gasturbinen im Industriemaßstab, 09.12.2021.