FAKTENCHECK · 4. MÄRZ 2026
Foto von Thomas Despeyroux auf UnsplashRedispatch-Kosten: Wird wirklich Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen
Katherina Reiche wiederholt diese häufig verbreitete These zu Redispatch-Kosten in einem Video vom März 2026. Die Zahlen der Bundesnetzagentur für 2025 und das erste Quartal 2026 widerlegen sie.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat in einem am 4. März 2026 verbreiteten Ministeriums-Video auf LinkedIn behauptet, jedes Jahr werde Strom für drei Milliarden Euro „einfach weggeworfen". Die Zahl als sogenannte Redispatch-Kosten ist grob falsch: Die Entschädigung für abgeregelten Ökostrom lag 2025 bei 433 Millionen Euro, rund ein Siebtel der Behauptung (Bundesnetzagentur, März 2026). Dieser Faktencheck zerlegt die Behauptung anhand der SMARD-Daten, ordnet sie international ein und zeigt, warum das Netzpaket aus dem Bundeswirtschaftsministerium auf einer falschen Diagnose basiert.
Aktualisiert am 8. September 2026: Die Kostenzahlen wurden auf das Gesamtjahr 2025 und das erste Quartal 2026 umgestellt (Bundesnetzagentur, SMARD), die revidierten Werte für 2024 eingearbeitet, der Stand des Netzpakets nach dem Kabinettsbeschluss vom 29. Juli 2026 ergänzt sowie ein FAQ- und Quellenblock angelegt.
Auf einen Blick
| Behauptung | Fakt |
|---|---|
| „Jedes Jahr wird Strom für 3 Milliarden Euro weggeworfen" | Die Entschädigung für abgeregelten EE-Strom lag 2025 bei 433 Millionen Euro, ein Siebtel der Behauptung (Bundesnetzagentur, März 2026) |
| Die 3 Milliarden Euro seien Kosten für „Abregelung" | 3,071 Mrd. Euro sind die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements 2025. Darin: fossile Ersatzkraftwerke 1,176 Mrd., Reservekraftwerke 1,359 Mrd., Countertrading 0,102 Mrd. |
| Strom werde „einfach weggeworfen" | Mehr als 96 Prozent des EE-Stroms wurden 2025 genutzt, im ersten Quartal 2026 waren es 97 Prozent. Der Rest wird nicht erzeugt, weil das Netz voll ist |
| Die Kosten steigen immer weiter | Die EE-Entschädigung sank 2025 um 22 Prozent und im ersten Quartal 2026 um weitere 22 Prozent. Die Gesamtkosten stiegen 2025 um 4 Prozent, weil die Vorhaltung von Reservekraftwerken teurer wurde, und fielen im ersten Quartal 2026 um 11 Prozent |
| Deutschland hat ein einzigartiges Problem | Großbritannien hat eine Curtailment-Rate von über 10 % und zahlte 2024 umgerechnet 1,4 Mrd. Euro, bei weniger EE-Kapazität als Deutschland |
Drei Milliarden Redispatch-Kosten? Das Zitat und sein Kontext
In dem Video des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie begründet Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ihren geplanten Kurswechsel in der Energiepolitik mit den Worten:
„Wir setzen künftig nicht mehr auf Abregelung bei Überproduktion von Strom und hohe Kosten für die Allgemeinheit durch Subventionen. Denn jedes Jahr wird Strom für 3 Milliarden Euro einfach weggeworfen."
Reiche stellt damit eine direkte Verbindung zwischen der „Abregelung" Erneuerbarer Energien und Kosten von drei Milliarden Euro pro Jahr her. Auf dieser Behauptung baut sie die Begründung für das geplante Netzpaket ihres Ministeriums auf, mit dem sie unter anderem Entschädigungen für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen in sogenannten „kapazitätslimitierten Gebieten" streichen will.
Doch die Behauptung ist gleich in zweifacher Hinsicht grob falsch: Die drei Milliarden Euro sind nicht die Kosten der Abregelung – und der abgeregelte Strom wird nicht „weggeworfen". Beides lässt sich anhand der Daten der Bundesnetzagentur und der SMARD-Plattform präzise belegen.
Was sind Redispatch-Kosten – und was hat das mit „weggeworfenem Strom" zu tun?
Redispatch ist ein technischer Vorgang im Netzengpassmanagement: Wenn an einer Stelle im Stromnetz mehr Strom fließt, als die Leitung transportieren kann, greifen die Übertragungsnetzbetreiber ein. Sie regeln Kraftwerke oder Erneuerbare-Energien-Anlagen an einer Stelle herunter und fahren an anderer Stelle andere Kraftwerke hoch. Damit wird sichergestellt, dass das Stromnetz stabil bleibt und der Strom dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements umfassen dabei deutlich mehr als nur abgeregelten erneuerbaren Strom. Sie setzen sich aus vier Blöcken zusammen:
- dem finanziellen Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen,
- den Einsatzkosten für konventionellen Redispatch (fossile Kraftwerke, die hoch- oder heruntergefahren werden),
- den Vorhalte- und Einsatzkosten für Reservekraftwerke
- sowie dem sogenannten Countertrading – dem grenzüberschreitenden Gegenstromhandel.
Wer all diese Kosten in einen Topf wirft und als „weggeworfenen Strom" bezeichnet, verschleiert den tatsächlichen Sachverhalt.
Wie hoch sind die Redispatch-Kosten in Deutschland 2025?
Die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements lagen 2025 bei 3,071 Milliarden Euro, das sind vier Prozent mehr als im Vorjahr (Bundesnetzagentur, SMARD-Jahresbericht, März 2026). Auf den ersten Blick bestätigt das die Größenordnung, die Katherina Reiche nennt. Entscheidend ist aber, wofür das Geld fließt.
Die Entschädigung für abgeregelte Wind- und Solaranlagen, also der einzige Posten, der sich überhaupt als „nicht erzeugter Strom" lesen lässt, lag 2025 bei 433 Millionen Euro. Das ist ein Siebtel der Gesamtkosten und 22 Prozent weniger als 2024. Die Bundesnetzagentur nennt als Grund die höheren Großhandelspreise (89,32 statt 78,51 Euro je Megawattstunde), die die Marktprämie und damit die Entschädigung senken.
Gestiegen sind die Kosten an anderer Stelle: bei den Reservekraftwerken. Ihre Vorhaltung kostete 2025 952 Millionen Euro, dazu kamen 407 Millionen Euro für Einsätze. Die Bundesnetzagentur nennt als Gründe ein zusätzliches Kraftwerk in der Netzreserve, die Bevorratung von Brennstoffen und die Ertüchtigung bestehender Reservekraftwerke. Diese Kosten fallen an, ob Windräder abgeregelt werden oder nicht.
| Kostenblock | 2024 | 2025 | Veränderung | „Weggeworfener Strom"? |
|---|---|---|---|---|
| EE-Entschädigung (Ausgleich für nicht erzeugten Wind- und Solarstrom) | 554 | 433 | minus 22 % | Einzig mögliche Zuordnung |
| Konventioneller Redispatch (fossile Kraftwerke hochfahren) | 1.233 | 1.176 | minus 5 % | Nein, Strom wird erzeugt und verbraucht |
| Reservekraftwerke, Vorhaltung | 696 | 952 | plus 37 % | Nein, Bereitschaftskosten |
| Reservekraftwerke, Einsatz | 372 | 407 | plus 9 % | Nein |
| Countertrading | 98 | 102 | plus 4 % | Nein, Stromhandel |
| Gesamt | 2.954 | 3.071 | plus 4 % |
Hinweis: Die Bundesnetzagentur hat die Werte für 2024 nachträglich korrigiert. Die Gesamtkosten 2024 liegen nach aktuellem Stand bei 2,954 Milliarden Euro, in der ersten Fassung dieses Faktenchecks stand der vorläufige Wert von 2,776 Milliarden Euro. An der Einordnung ändert das nichts, die EE-Entschädigung 2024 blieb bei 554 Millionen Euro.
Keine der größeren Positionen außer der EE-Entschädigung hat etwas mit „weggeworfenem Strom" zu tun. Der konventionelle Redispatch sind die Kosten dafür, dass fossile Kraftwerke im Süden hochgefahren werden, um den Engpass auszugleichen. Dieser Strom wird erzeugt und verbraucht. Die Reservekraftwerke werden vorgehalten, um im Notfall einspringen zu können. Ihre Vorhaltekosten fallen an, egal ob erneuerbarer Strom abgeregelt wird oder nicht, wie auch der Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Joukov in einem vergleichbaren Faktencheck nachgewiesen hat: Reservekraftwerke laufen gerade dann nicht, wenn es ein Überangebot an erneuerbarem Strom gibt. Und Countertrading ist grenzüberschreitender Stromhandel.
Wer behauptet, es werde „Strom für drei Milliarden Euro weggeworfen", wirft also den Ausgleich für erneuerbaren Strom mit den Kosten für fossile Ersatzstromerzeugung und Netz-Versicherungsprämien in einen Topf. Das ist nicht ungenau, das ist grob falsch, nach den Zahlen für 2025 um rund den Faktor sieben.
Was passiert wirklich, wenn EE-Strom abgeregelt wird?
Auch die 433 Millionen Euro Entschädigung (2025) sind nicht das, was Reiches Formulierung suggeriert. Wenn eine Windkraftanlage oder Solaranlage abgeregelt wird, passiert Folgendes: Die Anlage wird angewiesen, weniger oder keinen Strom zu produzieren. Der Strom wird also nicht „weggeworfen" – er wird schlicht nicht erzeugt. Ein Windrad, das abgeregelt wird, dreht sich langsamer oder steht still. Eine Solarzelle wird vom Wechselrichter gedrosselt. Es gibt keinen Strom, der irgendwo hinfließt und verschwindet.
Die Entschädigung regelt §13a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG): Der Anlagenbetreiber darf wirtschaftlich nicht schlechter gestellt werden, als er ohne den Eingriff stünde. Bei Erneuerbaren-Energien-Anlagen in der Direktvermarktung bedeutet das in der Praxis: Die Betreiber behalten ihren Markterlös (weil der Strom bilanziell ausgeglichen wird) und erhalten als Entschädigung lediglich die sogenannte Marktprämie – also die Differenz zwischen dem EEG-Fördersatz und dem Börsenstrompreis.
Und hier wird es entscheidend: Seit den EEG-Reformen unter Robert Habeck erhalten immer mehr Anlagen bei negativen Börsenpreisen gar keine Vergütung mehr. §51 EEG 2023 regelt, dass sich der anzulegende Wert auf null verringert, sobald der Spotmarktpreis negativ ist. Seit Februar 2025 gilt diese Nullvergütung sogar für neue Anlagen ab zwei Kilowatt Leistung – in jeder einzelnen Viertelstunde mit negativem Preis.
Das heißt: In genau den Situationen, in denen Reiche von „Überproduktion„ und „weggeworfenem Strom“ spricht, bekommen die meisten Erneuerbare-Energien-Anlagen bereits heute null Entschädigung. Das System korrigiert sich selbst – schneller als Reiches Narrativ.
Mehr als 96 Prozent des Erneuerbaren-Stroms werden genutzt
Reiches Formulierung, Strom werde „einfach weggeworfen", suggeriert ein massenhaftes Verschwenden von erneuerbarer Energie. Die SMARD-Daten zeigen das Gegenteil: 2024 konnten 96,5 Prozent des erzeugten Stroms aus Erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist und von Verbrauchern genutzt werden. Lediglich 3,5 Prozent mussten aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden. Im Gesamtjahr 2025 blieb die Abregelungsquote trotz kräftigen PV-Zubaus bei 3,5 Prozent, mehr als 96 Prozent des Erneuerbaren-Stroms wurden genutzt. Im ersten Quartal 2026 stieg die Nutzungsquote auf rund 97 Prozent (Bundesnetzagentur, 2026).
Zum Vergleich: In Großbritannien lag die Curtailment-Rate (Abregelungsquote) für Windkraft 2024 bei über zehn Prozent. Die Gesamtkosten für Wind-Curtailment und Ersatzstromerzeugung beliefen sich laut Drax-Analyse auf rund 1,23 Milliarden Pfund (ca. 1,4 Milliarden Euro) – bei deutlich weniger installierter EE-Kapazität als Deutschland. In Chile wurden 2024 knapp 5.900 GWh abgeregelt, ein Anstieg um 149 Prozent.
In Griechenland fielen allein im März 2025 Curtailments von 200 GWh an – ein Viertel des gesamten Vorjahresvolumens. Europaweit gingen laut einer Studie von Beyond Fossil Fuels, E3G, Ember und IEEFA 2024 mehr als 10 TWh durch Curtailment verloren. Deutschland steht mit seiner Integrationsquote von 96,5 Prozent im internationalen Vergleich sehr gut da. Das ist kein Verschwendungsproblem – es ist ein Erfolg des Netzmanagements in einer Phase des Übergangs.
Lesen Sie auch: Energiewende Griechenland: Das Dilemma mit der Superenergie
Erstes Quartal 2026: Netzausbau wirkt messbar
Die Übertragungsnetzbetreiber haben im Januar 2026 ihre Redispatch-Kostenprognosen für die Jahre 2026 bis 2028 um fast vier Milliarden Euro nach unten korrigiert, weil die großen Trassen Ultranet (2026), A-Nord und SuedOstLink (2027) sowie SuedLink (2028) in Betrieb gehen sollen. Amprion-CEO Christoph Müller kommentierte damals: „Wir sehen an diesen Zahlen, dass der Netzausbau wirkt."
Die ersten Ist-Zahlen bestätigen das. Im ersten Quartal 2026 sanken die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements auf 784 Millionen Euro, elf Prozent weniger als im Vorjahresquartal (Bundesnetzagentur, SMARD-Quartalsbericht, August 2026). Die Entschädigung für abgeregelte Erneuerbare fiel um 22 Prozent auf 55 Millionen Euro. Der Einsatz fossiler Kraftwerke für den Redispatch kostete 282 Millionen Euro, ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor.
Die aufschlussreichste Zahl steckt bei der Offshore-Windkraft. Die Erzeugung auf See stieg von 6,7 auf 9,7 Terawattstunden, der Redispatch bei Offshore-Anlagen ging trotzdem um ein Viertel auf 864 Gigawattstunden zurück. Die Bundesnetzagentur führt das ausdrücklich auf den fortschreitenden Netzausbau zurück. Mehr Windstrom, weniger Abregelung: Das ist das Muster, das Reiches Diagnose widerlegt.
Eine Verschiebung zeigt sich allerdings: 2025 entfielen 35 Prozent der EE-Abregelungen auf Engpässe im Verteilnetz, 2024 waren es 26 Prozent. Der Grund ist der Photovoltaik-Zubau. Die PV-Abregelung hat sich 2025 auf 2.704 Gigawattstunden fast verdoppelt (Bundesnetzagentur, März 2026). Das ist der Teil des Problems, den die großen Nord-Süd-Trassen nicht lösen. Er braucht Speicher und Verteilnetzausbau.
Die eigentliche Ursache: verschleppter Netzausbau
Die Redispatch-Kosten entstehen, weil das deutsche Stromnetz nicht schnell genug ausgebaut wird, um den Strom von den Erzeugungsregionen im Norden und Osten zu den Verbrauchszentren im Süden und Westen zu transportieren. Laut SMARD entfielen 2025 rund 65 Prozent der Engpässe hinter EE-Abregelungen auf das Übertragungsnetz (2024: 74 Prozent) – also auf die großen Stromautobahnen, die von TenneT, 50Hertz, Amprion und TransnetBW betrieben werden.
Der Netzausbau wurde über Jahre verschleppt – unter anderem durch die Entscheidung, Leitungen wie SuedLink als Erdkabel statt als Freileitungen zu bauen, was die Fertigstellung um Jahre verzögerte. Das Ergebnis: Im Norden steht mehr Windstrom bereit, als die Leitungen transportieren können. Im Süden laufen fossile Kraftwerke, um die Lücke zu füllen. Die Kosten dafür tragen die Verbraucher über die Netzentgelte.
Reiches Netzpaket bekämpft also nicht die Ursache (den verspäteten Netzausbau), sondern attackiert die Folge (die Entschädigung für EE-Anlagen, die wegen des Netzengpasses nicht einspeisen können). Das wäre, als würde man eine Überschwemmung bekämpfen, indem man die Versicherung kürzt, statt den Deich zu bauen.
Bezeichnend ist, dass selbst in der schwarz-roten Koalition die Lösung nicht im Netzpaket gesehen wird, sondern im Netzausbau. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn forderte im Dezember 2025 gegenüber dem Tagesspiegel, das Wirtschaftsministerium müsse „zügig eine Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes auf den Weg bringen" für zusätzliche Stromautobahnen. Auch Grünen-Politiker Alaa Alhamwi verlangte: „Die Koalition muss jetzt den Bau neuer Stromleitungen beschließen." Einigkeit herrscht also über die Parteigrenzen hinweg, dass Netzausbau das Mittel der Wahl ist. Nur Reiches Ministerium setzt stattdessen darauf, den Erneuerbaren die Entschädigung zu streichen.
Wer profitiert? Der Interessenkonflikt der Ministerin
Katherina Reiche war bis Mai 2025 Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG – einer E.ON-Tochter und einem der größten Verteilnetzbetreiber Deutschlands. Die Verteilnetztochter Westnetz gehört zu den Unternehmen, die vom Netzpaket profitieren würden: In sogenannten „kapazitätslimitierten Gebieten" müssten sie keine Entschädigung mehr an Betreiber Erneuerbarer-Energien-Anlagen zahlen – selbst wenn der Netzausbau in ihrem eigenen Verantwortungsbereich nicht vorangekommen ist. Statt Anreize für schnelleren Netzausbau zu setzen, belohnt das Netzpaket diejenigen, die zu langsam ausgebaut haben.
Der Bundesverband Windenergie (BWE) hat ein Rechtsgutachten der Kanzlei Raue vorgelegt, wonach zentrale Elemente des Netzpakets europarechtswidrig sein könnten, insbesondere die Streichung der Entschädigung, die gegen die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU verstößt.
Das Bundeskabinett hat das Netzpaket am 29. Juli 2026 zusammen mit der EEG-Novelle 2027 beschlossen. Die Schwelle, ab der Netzbetreiber ein Gebiet als „kapazitätslimitiert" ausweisen dürfen, liegt im Regierungsentwurf bei fünf Prozent Abregelung im Vorjahr, im ersten Entwurf waren es drei Prozent. Die Einstufung gilt für maximal sechs Jahre. Neue Anlagen bekommen dort nur einen Anschluss, wenn ihre Betreiber auf die Entschädigung verzichten. Bundestag und Bundesrat beraten im Herbst 2026. Wie die Verbände den Kabinettsentwurf bewerten, steht im Cleanthinking-Bericht zum Kabinettsbeschluss.
Den Interessenkonflikt der Ministerin thematisiert auch Berater und Physiker Mario Buchinger immer wieder. So auch in diesem Video über die aktuelle Reiche-Politik:
Wer verbreitet die Drei-Milliarden-These?
Die Behauptung, in Deutschland werde für Milliarden Euro Strom „weggeworfen„ oder „vernichtet“, kursiert seit Jahren in einem Netzwerk fossiler Desinformation. Der YouTuber Stefan Spiegelsperger veranschlagte im Oktober 2024 allein für ein Wochenende 430 Millionen Euro an Redispatch-Kosten – die tatsächlichen Kosten für den ganzen Monat lagen bei 161 Millionen Euro für konventionelle Marktkraftwerke. Michael Joukov deckte die Falschbehauptung im schon verlinkten YouTube-Video auf.
Seine Methode: Er verwendete „kalkulatorische Kosten" – also fiktive Preise, die als Entscheidungshilfe dienen, aber kein Geld, das tatsächlich fließt. Vier Tage vor seinem eigenen Video hatte Spiegelsperger noch selbst erklärt, dass bei Negativpreisen kein Geld fließt – und rechnete dann trotzdem mit über 900 Euro pro Megawattstunde.
Das Muster ist immer dasselbe: Gesamtkosten des Netzengpassmanagements werden undifferenziert als „weggeworfener Strom" präsentiert, kalkulatorische statt realer Kosten verwendet, oder Reservekraftwerkskosten hinzugerechnet, die mit EE-Abregelung nichts zu tun haben. Die Zahlen werden dann von Plattformen wie NIUS, Apollo News und dem Pressesprecher von Vernunftkraft aufgegriffen und millionenfach weiterverbreitet. Dass eine Bundeswirtschaftsministerin dieselbe Falschbehauptung in einem offiziellen Ministeriumsvideo verwendet, gibt der Desinformation staatliche Autorität.
Maurice Höfgen: Die Ministerin entlarvt sich selbst
Doch ungenaue Kommunikation aus dem Ministerium von Reiche ist keine Seltenheit: Der Ökonom und YouTuber Maurice Höfgen hat sich in einem aktuellen Video mit dem Auftritt Reiches im ARD-„Bericht aus Berlin" auseinandergesetzt und ihr Interview zum Gebäudemodernisierungsgesetz analysiert. Sein Befund: Die Ministerin argumentiere systematisch an der Lebensrealität von Mieterinnen und Mietern vorbei – und verdrehe dabei Fakten.
Besonders aufschlussreich ist Höfgens Faktencheck zu Reiches Behauptung, der Absatz „moderner Heizungen" sei 2025 eingebrochen. Die Absatzzahlen zeigen das Gegenteil: Wärmepumpen legten 2025 um 55 Prozent auf rund 299.000 Stück zu und waren damit die meistverkaufte neue Heizungsart in Deutschland. Eingebrochen sind hingegen die Verkäufe von Ölheizungen (minus 74 Prozent) und Gasheizungen (minus 33 Prozent).
Reiche beschreibt also den Rückgang fossiler Heizsysteme als Einbruch „moderner Heizungen" – eine Verdrehung der Tatsachen, die exakt dem Muster der Drei-Milliarden-These entspricht: Die Zahlen existieren, aber die Zuordnung ist falsch.
Höfgen kritisiert auch Reiches Verweis auf günstige Biogastarife bei Verivox: Einzelne Lockangebote seien nicht auf Millionen Haushalte skalierbar. Biogas sei schon heute 25 Prozent teurer als Erdgas bei einer Beimischung von nur zehn Prozent – und der Preis werde weiter steigen, wenn Haushalte, Industrie, Luftfahrt und Schifffahrt gleichzeitig um begrenzte Biomasseressourcen konkurrieren. Ökonomie 101: begrenztes Angebot, explodierende Nachfrage, steigende Preise.
Fazit: Falsche Diagnose, falsche Therapie
Katherina Reiches Aussage, jedes Jahr werde Strom für drei Milliarden Euro „einfach weggeworfen„, ist grob falsch. Die drei Milliarden Euro sind die Gesamtkosten des Netzengpassmanagements – darin enthalten sind vor allem die Kosten für fossile Ersatzkraftwerke und deren Bereitstellung. Die tatsächliche Entschädigung für abgeregelten Erneuerbaren-Strom lag 2025 bei 433 Millionen Euro, also bei rund einem Siebtel der von Reiche genannten Zahl (Bundesnetzagentur, 2026). Und selbst dieser Strom wird nicht „weggeworfen“, sondern schlicht nicht erzeugt, weil die Netze den Transport nicht hergeben.
Drei Milliarden? Falsch. Weggeworfen? Falsch.
Die Entschädigung für abgeregelten Ökostrom ist rückläufig, mehr als 96 Prozent des Erneuerbaren-Stroms werden planmäßig genutzt, die Übertragungsnetzbetreiber senken ihre Prognosen um Milliarden, und im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seiner Integrationsquote hervorragend da. Auf Basis dieser fehlerhaften Diagnose plant die Bundeswirtschaftsministerin mit dem Netzpaket eine Therapie, die nach Einschätzung des Bundesverbands Windenergie europarechtswidrig sein könnte und den Erneuerbaren-Ausbau gefährdet – statt den tatsächlichen Engpass zu beheben: den schleppenden Netzausbau. Das Netzpaket löst kein Problem. Es schafft neue.
Häufige Fragen zu Redispatch-Kosten
Was kostet die Abregelung von Wind- und Solaranlagen pro Jahr?
Der finanzielle Ausgleich für abgeregelte Erneuerbare-Energien-Anlagen lag 2025 bei 433 Millionen Euro, 22 Prozent weniger als 2024 (554 Millionen Euro). Im ersten Quartal 2026 waren es 55 Millionen Euro. Quelle ist die Bundesnetzagentur über ihre Plattform SMARD.
Wie viel Prozent des Ökostroms werden in Deutschland abgeregelt?
2025 wurden 3,5 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung wegen Netzengpässen abgeregelt, mehr als 96 Prozent wurden genutzt. Im ersten Quartal 2026 lag die Abregelungsquote bei rund drei Prozent. In Großbritannien lag die Abregelungsquote für Windstrom 2024 bei über zehn Prozent.
Wer bezahlt die Redispatch-Kosten?
Die Kosten des Netzengpassmanagements tragen die Stromkundinnen und Stromkunden über die Netzentgelte. 2025 waren das 3,071 Milliarden Euro, davon 1,176 Milliarden für den Einsatz fossiler Kraftwerke, 1,359 Milliarden für Reservekraftwerke und 433 Millionen für die Entschädigung abgeregelter Erneuerbarer.
Warum entstehen Redispatch-Kosten überhaupt?
Weil das Übertragungsnetz den Windstrom aus dem Norden nicht vollständig zu den Verbrauchern im Süden transportieren kann. 2025 gingen 65 Prozent der EE-Abregelungen auf Engpässe im Übertragungsnetz zurück, 35 Prozent auf das Verteilnetz. Mit den Trassen SuedOstLink, A-Nord und SuedLink, die bis 2028 in Betrieb gehen sollen, erwarten die Netzbetreiber deutlich sinkende Kosten.
QUELLEN
- Bundesnetzagentur / SMARD: Netzengpassmanagement im 4. Quartal und Gesamtjahr 2025: Maßnahmenvolumen im Gesamtjahr stabil, 30. März 2026.
- Bundesnetzagentur / SMARD: Netzengpassmanagement im 1. Quartal 2026: Maßnahmenvolumen und Kosten gesunken, 10. August 2026.
- Bundesnetzagentur / SMARD: Netzengpassmanagement im 3. Quartal 2025: Volumen und Kosten gestiegen, 2025.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Video mit Katherina Reiche zum Netzpaket auf LinkedIn, 4. März 2026.
- Cleanthinking: Netzpaket und EEG-Novelle: Bund verschiebt Risiko auf Betreiber, 29. Juli 2026.
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[…] gibt im System heute keine Anreize, die flexibles Verhalten belohnen, eher im Gegenteil.” Die Engpassmanagementkosten beziffert er für 2025 auf 3,1 Milliarden Euro. Sein Lösungsvorschlag: dynamische Netzentgelte, […]
[…] nicht einmal. Es ist schlicht falsch, dass die Abregelung von Solar- und Windkraftanlagen pro Jahr drei Milliarden Euro kosten würde. Wieso brauchen Sie solche Unwahrheiten, um Ihre Politik zu […]
[…] dieser Stelle ist eine wichtige Einordnung nötig, denn auch in der öffentlichen Debatte wird die Dimension der Redispatch-Kosten regelmäßig verzerrt dargestellt. Die Süddeutsche Zeitung nennt korrekt die bundesweiten Ausgleichskosten von fast 2,8 Milliarden […]
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