Guimarães kühlt mit Grün, Saragossa folgt 2028

Guimarães, Heilbronn, Saragossa · 14. OKTOBER 2026

Europas Grüne Hauptstädte rüsten sich gegen die Hitze

Guimarães, Heilbronn und Saragossa tragen nacheinander den Titel Grüne Hauptstadt Europas, und alle drei kämpfen mit heißeren Sommern. In Guimarães belegen Satellitendaten, dass Stadtgrün kühlt. Die Forscher warnen aber: Der Effekt hält nur, wenn Städte weiter pflanzen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Im Sommer erreichen die Temperaturen in Guimarães leicht 40 Grad, auch in der steinernen Altstadt, die seit 2001 zum Unesco-Welterbe gehört. Rund 166.000 Menschen leben in der Gemeinde im Norden Portugals. Seit Januar trägt Guimarães den Titel European Green Capital, nach Lissabon als zweite Stadt des Landes.

Am 8. Oktober war Guimarães Gastgeber der nächsten Preisverleihung. Im Teatro Jordão gab die EU-Kommission bekannt, dass Saragossa European Green Capital 2028 wird. Die spanische Stadt setzte sich gegen Aalborg, Bielsko-Biała, Košice und Porto durch und erhält 600.000 Euro. Zwischen beiden Städten steht Heilbronn, das den Titel 2027 trägt. Alle drei verbindet dasselbe Problem: Ihre Sommer werden heißer.

Guimarães misst, wie stark Stadtgärten kühlen

Gegen die Hitze setzt Guimarães auf ein sternförmiges Netz aus Grünkorridoren. Sie führen vom Zentrum hinaus und verbinden Parks, Flüsse, Felder und Wälder. An den Flüssen Ave und Vizela entstanden Fußwege, das Wasser dient zur Erholung und zur Kühlung. Gesteuert wird das vom Landschaftslabor, das die Stadt 2014 mit den Universitäten Minho und Trás-os-Montes e Alto Douro gegründet hat. Der Klimaplan der Stadt bis 2030 nennt Hitzewellen, Dürre und Starkregen als vorrangige Bedrohungen.

Ob das Grün wirkt, hat das Labor gemeinsam mit Forschern aus Texas und Kolumbien nachgemessen. Sie werteten Satellitenbilder der Jahre 2013 bis 2023 aus und veröffentlichten ihre Studie 2025 in der Fachzeitschrift Remote Sensing Applications: Society and Environment. Gründächer und Stadtgärten senkten demnach die Temperatur in ihrer Umgebung um bis zu 2,49 Grad. Gemessen ist die Oberflächentemperatur, also wie heiß Dächer, Straßen und Böden werden, nicht die Lufttemperatur.

Einer der Autoren ist Carlos Ribeiro, der Leiter des Landschaftslabors. Er sieht in der Hitze eine Gesundheitsfrage, weil Krankheiten durch Hitzewellen zunähmen. „Wir müssen Städte mit besserer Lebensqualität entwerfen“, sagte Ribeiro dem Sender Euronews. Entscheidend sei, dass die Menschen die Parks auch nutzen.

Die Forscher sagen einen Rückgang des Grüns voraus

Mit Verfahren des maschinellen Lernens rechneten die Autoren die Entwicklung auch bis 2028 hoch. Danach schrumpft die Vegetation in Guimarães leicht, um 0,35 Prozent, obwohl die Grünflächen zwischen 2013 und 2023 gewachsen waren. Hitzeinseln fanden die Forscher vor allem in dicht bebauten und industriellen Vierteln. Sie fordern deshalb, den Schutz der Grünflächen zu verstärken und mehr naturnahe Lösungen zu bauen.

Europäisches Recht setzt hier eine Untergrenze. Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur verlangt, dass städtische Grünflächen und Baumbestand bis 2030 nicht schrumpfen und danach wachsen. In ihrer Mitteilung zu den Gewinnern 2028 verweist die Kommission ausdrücklich darauf. Cleanthinking hat das EU-Renaturierungsgesetz ausführlich beschrieben.

Heilbronn verlor gegen Guimarães und gewann ein Jahr später

Den Titel für 2026 hatte Guimarães im November 2024 gegen zwei Konkurrenten gewonnen: Heilbronn und Klagenfurt. Heilbronn bewarb sich ein Jahr später erneut und gewann den Titel für 2027, mit Bestwerten der Jury bei Luftqualität, Wasser, Lärm, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft. Auch Heilbronn erhielt 600.000 Euro.

Für das Jahr als Grüne Hauptstadt Europas hat der Gemeinderat ein Programm für rund 9,4 Millionen Euro beschlossen. Der Marktplatz soll entsiegelt, bepflanzt und an das Klima angepasst werden. Mit „Mobilem Grün“ will die Stadt versiegelte Flächen in der Innenstadt zeitweise begrünen. Bis 2035 will Heilbronn treibhausgasneutral sein. „Das Jahr 2027 ist für Heilbronn weit mehr als ein Titeljahr“, sagte Oberbürgermeister Harry Mergel.

In Deutschland ist Hitzeschutz inzwischen Gesetzesauftrag. Das Klimaanpassungsgesetz verpflichtet Bund und Länder seit 2024 zu eigenen Strategien gegen Hitze, Dürre und Starkregen. Berlin will mit dem BäumePlus-Gesetz bis 2040 eine Million gesunde Stadtbäume erreichen.

Saragossa übernimmt 2028 mit 700.000 Bäumen

Auch Saragossa kämpft mit Hitzewellen. Im Juli 2026 rief die Stadt zum zweiten Mal in diesem Sommer die orange Hitzewarnstufe aus, der Wetterdienst sagte bis zu 42 Grad voraus. Mehr als 60 städtische Gebäude öffneten als Kühlräume, darunter Bibliotheken und Seniorenzentren. Die Stadtverwaltung beschreibt Saragossa als Oase inmitten einer Wüste.

Die Jury lobte die Verwaltung und ihren langen Atem bei wachsenden Klimarisiken. Saragossa verbinde Umweltpolitik mit sozialer Widerstandskraft und beziehe die Bürgerinnen und Bürger ein. Der Stadtwald „Bosque de los Zaragozanos“ solle nach Angaben der Stadt auf 700.000 Bäume wachsen. Seit 2021 pflanze Saragossa mehr Bäume, als es fälle, und die Pro-Kopf-Emissionen fielen zwischen 2005 und 2019 von 2,43 auf 1,67 Tonnen CO₂.

Den kleineren Green Leaf Award für Städte mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern teilen sich Benidorm und Estarreja, jede Stadt erhält 200.000 Euro. Benidorm halte trotz Massentourismus am Umweltschutz fest, urteilte die Jury. Estarreja südlich von Porto habe seine industrielle Vergangenheit hinter sich gelassen.

„Dieser Preis gehört ganz Saragossa“, sagte Bürgermeisterin Natalia Chueca nach der Verleihung. Für 2028 plane die Stadt mehr als 150 Aktionen, darunter das Programm „Ebro Vivo“ zum 20. Jahrestag der Expo 2008. Die Weltausstellung stand damals unter dem Thema Wasser und nachhaltige Entwicklung. Saragossa hatte sich bereits 2009, 2011 und 2014 um den Titel beworben und stand nun erstmals im Finale.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x