KRISENVORSORGE FÜR ERDGAS · 14. OKTOBER 2026
Sefe StorageDeutschland legt mit der Gasreserve einen Krisenvorrat an
Die Gasreserve ist ein staatlicher Erdgasvorrat, den nur die Bundesnetzagentur im Notfall freigeben darf. Geplant sind 24 Terawattstunden, genug, um den Ausfall der wichtigsten Importroute einen Monat lang auszugleichen.
Für Erdöl hält Deutschland seit Jahrzehnten einen Pflichtvorrat, der 90 Tage Importe ersetzt. Für Erdgas gab es bislang keine staatliche Reserve. Gas lagerten die Händler ein, um es im Winter teurer zu verkaufen, als sie es im Sommer eingekauft hatten. Seit der Energiekrise 2022 schreibt der Staat ihnen zusätzlich Füllstände vor.
Die Gasreserve fügt eine dritte Ebene hinzu: Gas, das dem Markt dauerhaft entzogen ist und nur im Ernstfall fließt. Das Bundeswirtschaftsministerium hat dafür im Oktober 2026 einen Referentenentwurf vorgelegt, der Aufbau soll 2027 beginnen. Bis zum fertigen Gesetz befassen sich noch Kabinett, Bundestag und Bundesrat mit dem Vorhaben, Details können sich verschieben.
Was ist die Gasreserve?
Die Gasreserve besteht aus zusätzlichen physischen Gasmengen, die in Untergrundspeichern lagern und nicht gehandelt werden. Der Referentenentwurf beschreibt sie als „Krisenvorsorge für Extremfälle, Sabotage und seltene Großereignisse“. Freigeben darf sie ausschließlich die Bundesnetzagentur, und erst nachdem sie die Notfallstufe ausgerufen hat. Das ist die höchste der drei Stufen des Notfallplans Gas, in der die Behörde als Bundeslastverteiler das Gas selbst zuteilt. Ausgerufen wurde sie in Deutschland noch nie, auch nicht im Krisenjahr 2022, als die Alarmstufe galt.
Mit der Reserve will das Ministerium verhindern, dass es im Krisenfall Industriekunden abschalten oder private Gasbestände enteignen muss. Hohe Preise soll sie nicht dämpfen. Die normale Wintervorsorge bleibt Sache des Marktes, die Reserve dürfe sie laut Entwurf nicht beeinträchtigen. Sie löst die gesetzlichen Füllstandsvorgaben für Gasspeicher ab, die am 31. März 2027 auslaufen.
Wie lange reicht die Gasreserve?
Als Zielgröße nennt das Ministerium 24 Terawattstunden, also 24 Milliarden Kilowattstunden. Die Zahl leitet sich aus einer EU-Verordnung ab: Deutschland soll den Ausfall seiner wichtigsten Importinfrastruktur 30 Tage lang überbrücken können. Für dieselbe Menge rechnet der Entwurf vier weitere Krisenfälle vor.
| Krisenfall, den 24 TWh Gasreserve abdecken sollen | Dauer |
|---|---|
| Ausfall der wichtigsten deutschen Importinfrastruktur | 30 Tage |
| Ausfall sämtlicher norwegischer Pipelineimporte | 20 Tage |
| Ausfall der deutschen LNG-Terminals | 40 Tage |
| Ausfall aller Importe, Vollversorgung von Haushalten und Gewerbe, normaler Winter | 18 Tage |
| Ausfall aller Importe, Vollversorgung von Haushalten und Gewerbe, extrem kalter Winter | 10 Tage |
Quelle: Referentenentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums zur Gasreserve, Stand 12. Oktober 2026, nach Angaben von dpa und WELT.
Wie viel 24 Terawattstunden sind, zeigt der Jahresverbrauch. 2025 verbrauchte Deutschland rund 864 Terawattstunden Erdgas, im Schnitt 2,4 Terawattstunden pro Tag. Die Reserve entspricht damit knapp drei Prozent des Jahresbedarfs oder etwa zehn Tagen Durchschnittsverbrauch. An kalten Wintertagen liegt der Bedarf deutlich höher.
Das Ministerium rechnet deshalb nicht mit einem Land ohne Gas. In fast allen Fällen laufen andere Importwege weiter, die Reserve schließt eine Lücke. Am härtesten trifft Deutschland ein Ausfall Norwegens, denn von dort kommen mehr als 40 Prozent des deutschen Erdgases. Fallen alle Importe aus, reicht die Reserve nur für Haushalte und Gewerbe.
Andere Länder legen deutlich mehr zurück. Österreich hält seit 2022 eine strategische Gasreserve von 20 Terawattstunden, rund ein Viertel seines Jahresverbrauchs von 82,5 Terawattstunden. Italien lagert nach Angaben der Internationalen Energieagentur rund 4,6 Milliarden Kubikmeter als strategischen Vorrat, umgerechnet etwa 50 Terawattstunden. Die Speicherbetreiber der Initiative Energien Speichern hatten für Deutschland im März 2026 eine Reserve von 78 Terawattstunden empfohlen.
Braucht Deutschland für die Gasreserve neue Speicher?
Für die geplante Menge reicht der vorhandene Platz. Die deutschen Untergrundspeicher fassen knapp 250 Terawattstunden, die Gasreserve belegt davon knapp ein Zehntel. Allein der größte Speicher, Rehden in Niedersachsen, kann rund 45 Terawattstunden aufnehmen. Von neuen Speichern ist in den bekannten Teilen des Entwurfs keine Rede. Die Kostenschätzung führt stattdessen Entgelte für die benötigten Speicher auf.
Freie Kapazität gibt es seit zwei Jahren reichlich. 2025 erreichte der Füllstand höchstens 76,7 Prozent. 2026 blieb er bis in den Oktober bei rund 60 Prozent, weil sich das Einspeichern für die Händler nicht lohnte. Wie sich das auf die Winterversorgung auswirkt, erklärt der Beitrag zum Gasspeicher-Füllstand.
Offen ist, welche Speicher die Reserve nutzt. Kavernenspeicher in Salzstöcken nehmen Gas schnell auf und geben es schnell ab, Porenspeicher in ausgeförderten Lagerstätten arbeiten deutlich langsamer. Für eine Reserve zählt vor allem, wie schnell sie im Ernstfall liefern kann. Österreich beschafft den Speicherplatz für seine Reserve ohne gebuchte Ein- und Ausspeicherleistung, weil das Gas nur in der Krise fließen soll, und spart so Netzentgelte.
Wer bezahlt die Gasreserve?
Bezahlen sollen alle Gaskund*innen über eine Umlage auf jede Kilowattstunde. Ihre Höhe bestimmt jährlich der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe, die erste Umlageperiode beginnt am 1. Oktober 2027. Das Ministerium schätzt die Kosten auf 247 bis 308 Millionen Euro im Jahr, das entspricht 0,03 bis 0,04 Cent je Kilowattstunde. Ein Haushalt zahlt damit 3,77 bis 7,20 Euro im Jahr. Rund 60 Prozent der Kosten trägt die Industrie (mehr dazu: Gaskunden zahlen ab Oktober 2027 eine neue Gasumlage).
Trading Hub Europe soll Kosten und Erlöse der Reserve jeweils zehn Jahre im Voraus kalkulieren und die Umlage monatlich mit den Gasversorgern abrechnen. Die größten Posten sind laut Begründung der Gaseinkauf, die Speicherentgelte, die Netzentgelte für den Transport sowie Finanzierungs-, Personal- und Sachkosten. Verkauft der Bund Reservegas später teurer, als er es eingekauft hat, sieht der Entwurf eine Ausschüttung an die Gaskund*innen vor.
Beim Erdöl funktioniert das seit Jahrzehnten ähnlich. Der Erdölbevorratungsverband hält Vorräte für 90 Tage Nettoimporte und gibt dafür laufend rund 300 Millionen Euro im Jahr aus. Das Geld kommt aus Pflichtbeiträgen der Mineralölfirmen von etwa 0,3 Cent je Liter, die sie über den Preis an Autofahrer*innen und Heizölkund*innen weitergeben. Die Gasreserve kostet ähnlich viel, deckt aber nur rund zehn Tage Durchschnittsverbrauch ab.
Österreich finanziert seine Gasreserve aus dem Bundeshaushalt, mit 97 Millionen Euro im Jahr 2026 und 120 Millionen Euro im Jahr 2028. Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte im Sommer 2026 eine Haushaltslösung oder ein Mischmodell genannt. Ihr Entwurf setzt auf die Umlage, die alte Gasspeicherumlage von 0,289 Cent je Kilowattstunde hatte ihre Koalition zum Jahresbeginn 2026 abgeschafft.
Was kann sich im Gesetzgebungsverfahren noch ändern?
Stand Mitte Oktober 2026 liegt ein Referentenentwurf mit Datum 12. Oktober vor, den das Wirtschaftsministerium in die Abstimmung mit den anderen Ressorts gegeben hat. Danach folgen die Anhörung von Ländern und Verbänden, der Kabinettsbeschluss und die Beratung in Bundestag und Bundesrat. Die Umlage soll ab Oktober 2027 fließen, der Aufbau der Reserve im selben Jahr beginnen. Für den Winter 2026/27 spielt die Reserve damit keine Rolle, einsatzbereit wäre sie frühestens im Winter 2027/28.
Beweglich ist vor allem die Menge. Nach Angaben von WELT schreibt das Gesetz selbst kein festes Volumen vor, die 24 Terawattstunden stehen als derzeit nötiger Wert in der Begründung. Ändert sich die Importstruktur, etwa durch neue Terminals oder sinkenden Verbrauch, kann sich die Zielgröße verschieben. Auch die Kostenschätzung hängt an Gaspreisen und Speicherentgelten, die sich bis zum Aufbau ändern.
Streit gibt es um die Füllstandsvorgaben. Das Ministerium will sie im Sinne des Bürokratieabbaus ersatzlos auslaufen lassen. Die Grünen tragen die Umlage mit, ihr energiepolitischer Sprecher Michael Kellner verlangt aber eine Einspeicherverpflichtung als Ersatz für die Vorgaben. Aus der Gasbranche kam die Forderung nach einer Absicherungspflicht für Gashändler. Die Grünen-Fraktionsvize Julia Verlinden hält dem Ministerium vor, mit mehr Erneuerbaren und Elektrifizierung müsste Deutschland weniger teures Gas einspeichern.
Was bedeutet die Gasreserve für die saubere Zukunft?
Eine Reserve sichert gegen den Ausfall einer Lieferroute ab. An der Abhängigkeit vom Weltmarkt für Erdgas ändert sie nichts, denn auch das Reservegas muss Deutschland zuerst zu Weltmarktpreisen einkaufen. Wie diese Preise entstehen und warum sie nie dauerhaft niedrig waren, zeigt der Beitrag Gazprom gewährte Deutschland nie einen Gasrabatt.
Jede Kilowattstunde Gas, die Wärmepumpen, E-Lkw und elektrische Prozesswärme ersetzen, macht dieselbe Reserve wirksamer. Sinkt der Bedarf, reichen 24 Terawattstunden für mehr Tage. Zwischen 2021 und 2025 sank der Gasverbrauch in der EU nach Berechnung des Instituts IEEFA um 17,7 Prozent. Welches Potenzial Europa dabei noch liegen lässt, zeigt der Sonderbericht der Internationalen Energieagentur zur Elektrifizierung.
Für die verbleibenden Gaskund*innen hat das eine Kehrseite. Trading Hub Europe verteilt die Kosten der Reserve jedes Jahr auf den gesamten Gasverbrauch. Schrumpft dieser Verbrauch schneller als die Reserve, steigt der Satz je Kilowattstunde. Zugleich will die Bundesregierung Netzbetreibern erlauben, Gasanschlüsse zu kappen, wo sich das Netz nicht mehr lohnt.
QUELLEN
- dpa: Wirtschaftsministerium will Gasreserve über Umlage finanzieren, 13. Oktober 2026.
- t-online: Reiche will neue Umlage für Gaskunden einführen, 14. Oktober 2026.
- Bundesnetzagentur: Verlauf der Speicherfüllstände, Datenstand 26. September 2026.