WÄRMENETZE DER FÜNFTEN GENERATION · 15. OKTOBER 2026

Wie Stadtwerke kalte Nahwärme aus dem Erdreich holen
Durch die Rohre fließt Sole mit kaum mehr als Bodentemperatur, gespeist aus Erdsonden, Äckern oder Grundwasser. Auf Heiztemperatur kommt sie erst in der Wärmepumpe jedes Hauses. Im Sommer fließt über dieselben Leitungen Wärme aus den Räumen ab.
Bei klassischer Fernwärme fließt heißes Wasser aus einem Heizwerk durch gedämmte Leitungen zu den Häusern. Wer kalte Nahwärme baut, verteilt dagegen nur die Temperatur der Quelle, im Winter oft rund zehn Grad. Das genügt, weil die Sole damit an Frosttagen viel wärmer ist als die Außenluft, aus der eine gewöhnliche Luftwärmepumpe schöpfen müsste.
Die Idee ist älter, als ihr Ruf als Zukunftstechnik vermuten lässt. Simone Buffa und Kollegen werteten 2019 in einer Übersichtsstudie 40 solcher Netze in Europa aus, drei Viertel davon in Deutschland und der Schweiz. Das älteste versorgte ab 1979 in Dorsten-Wulfen 71 Gebäude mit Wärme aus dem Grundwasser.
Bauherren installieren zwar eine Wärmepumpe, brauchen aber weder eine eigene Bohrung noch ein Außengerät im Garten. Die Quelle teilen sich alle Anschlüsse, gebaut und betrieben von Stadtwerken oder Gemeinden. Wer kalte Nahwärme anbietet, verkauft also keine fertige Wärme, sondern den Zugang zu einer gemeinsamen Wärmequelle.
Inhalt
Was in einem kalten Nahwärmenetz durch die Rohre fließt
In den Leitungen zirkuliert Sole, ein Gemisch aus Wasser und Frostschutzmittel. Die Berliner Senatsverwaltung für Klimaschutz nennt in ihrer Arbeitshilfe zu kalten Nahwärmenetzen Temperaturen von typischerweise unter 25 Grad. Weil Leitung und Erdreich fast gleich warm sind, brauchen die Rohre keine Dämmung. Über das Jahr gerechnet nimmt die Sole über die Rohrwand sogar zusätzlich Wärme aus dem Boden auf.
In Bad Nauheim haben Forschende nachgemessen, wie viel das ausmacht. Rund die Hälfte der benötigten Quellwärme stammt dort aus dem ungedämmten Netz selbst. Das sagt Hendrik Faust, Leiter des Forschungsprojekts KNW-Opt, im Interview mit dem Portal Energieforschung vom Oktober 2025. Er rät deshalb, solche Netze grundsätzlich ohne Dämmung zu bauen.
In der Fachliteratur heißen die Systeme Wärme- und Kältenetze der fünften Generation. Buffa und Kollegen beschreiben sie als Netze, die Wasser mit null bis 30 Grad an dezentrale Wärmepumpen liefern und Heizen wie Kühlen erlauben. Im Gebäude arbeitet eine Sole-Wasser-Wärmepumpe, die das Netz als Quelle nutzt (mehr dazu: So arbeitet die Wärmepumpe). Wer im Sommer kühlt, gibt Wärme ins Netz ab, die ein Nachbar zum Heizen verwenden kann.
Woher die Wärme im kalten Netz stammt
Viele Netze hängen an Erdwärmesonden, senkrechten Bohrungen, die in Lübeck und Münster 170 bis 250 Meter tief reichen. Gebündelt liegen sie in Sondenfeldern. Das Erdreich hält ganzjährig rund zehn bis zwölf Grad, schreibt die Energieagentur Rheinland-Pfalz in ihrem Leitfaden Kalte Nahwärme von 2021. Eine Ringleitung bringt die Sole zu den Häusern und zurück.
Ohne Bohrung kommt die Agrothermie aus. Dabei liegen Kunststoffrohre in rund zwei Metern Tiefe unter einem Acker, unterhalb der Arbeitstiefe von Landmaschinen. In Wüstenrot im Landkreis Heilbronn speist ein solcher Kollektor auf 1,5 Hektar seit 2012 eine Neubausiedlung, wie die Buffa-Übersicht festhält. Der Landwirt kann die Fläche darüber weiter bestellen.
Wo ergiebiges Grundwasser fließt, fördern Betreiber es über Brunnen und leiten es abgekühlt zurück. Viele der von Buffa untersuchten Netze liegen über solchen Grundwasserleitern. Andere nutzen Seen, Flüsse oder das Meer, ähnlich wie die Meerwasser-Wärmepumpe in Neustadt an der Ostsee. Die Berliner Arbeitshilfe nennt außerdem Abwasser, Abwärme aus Betrieben und Solarthermie als Quellen. Auch ein Eisspeicher im Quartier lässt sich einbinden.
Wie Bewohner mit demselben Netz im Sommer kühlen
Im Sommer kehrt sich der Wärmestrom um. Die kühle Sole nimmt über einen Wärmeübertrager Wärme aus den Räumen auf, während der Verdichter der Wärmepumpe stillsteht. Fachleute sprechen von passiver Kühlung. Die abgeführte Wärme lädt nach Darstellung der Berliner Arbeitshilfe das Erdsondenfeld oder einen Eisspeicher für den Winter wieder auf.
Der Boden arbeitet damit als saisonaler Speicher. In Bad Nauheim hält der zweilagige Kollektor laut Faust Sommerwärme bis in den Winter vor. Die Stadtwerke stellten beim Bau 2019 eine Kühlung von bis zu sieben Grad unter Außentemperatur in Aussicht, berichtete die Zeitung für kommunale Wirtschaft. Die Stadtwerke Münster versprechen für ihr Neubaugebiet Albachten-Ost eine Absenkung um einige Grad.
In der Schweiz dürfen Wohngebäude laut Buffa-Übersicht nicht aktiv mit Kältemaschinen gekühlt werden. Die Autoren sehen dort deshalb großes Potenzial für kalte Nahwärme, weil sie Kühlung ohne Kältemaschine ermöglicht.
Welche Schwächen Planer bei kalten Netzen einrechnen
Für die geringe Temperaturdifferenz zahlen Betreiber mit Pumpstrom. Jeder Liter Sole transportiert nur wenige Grad Wärme, also müssen Pumpen viel mehr Flüssigkeit bewegen. Buffa und Kollegen beziffern den Pumpstrom klassischer Fernwärme auf etwa 0,5 Prozent der gelieferten Wärme. In den untersuchten kalten Netzen lag er um eine Größenordnung höher.
Im Schweizer Quartier Surstoffi erreichten die Wärmepumpen laut Übersichtsstudie eine Jahresarbeitszahl von 4,4, gemessen 2016. Die Zahl gibt an, wie viele Kilowattstunden Wärme eine Kilowattstunde Strom im Jahresmittel liefert. Mit dem Strom der Netzpumpen sank der Wert auf 3,8. Die Autoren nennen weitere Schwächen: teurere Hausstationen, einen eigenen Warmwasserspeicher je Gebäude und die Stromkosten der Wärmepumpen.
Am meisten hängt am Gebäude selbst. Je niedriger die nötige Heiztemperatur, desto effizienter arbeiten die dezentralen Wärmepumpen, heißt es in der Berliner Arbeitshilfe. Gut gedämmte Häuser mit Fußbodenheizung oder großen Heizkörpern passen deshalb am besten. Im unsanierten Bestand braucht es oft größere Heizflächen oder eine Sanierung (mehr dazu: Wärmepumpe im Altbau).
Wo Stadtwerke kalte Nahwärme schon betreiben und bauen
Ein wissenschaftlich vermessenes Beispiel liegt in Hessen. Die Stadtwerke Bad Nauheim entschieden sich 2019 für kalte Nahwärme im Neubaugebiet Bad Nauheim Süd. Unter einem Acker liegen zwei Kollektorebenen von je rund 11.000 Quadratmetern, in 1,5 und drei Metern Tiefe. Nach Fausts Angaben vom Oktober 2025 hängen 125 Gebäude mit über 400 Wohnungen am sechs Kilometer langen Netz. Die Wärmepumpen erreichen im Mittel Jahresarbeitszahlen deutlich über vier.
In Lübeck setzte Bauer Resources ab November 2024 für das Quartier Schlutuper Straße 135 Erdwärmesonden von je rund 170 Metern. Das Netz soll bei fünf bis zwölf Grad laufen und rund 400 Wohnungen versorgen, berichtete ingenieur.de im Juli 2026. Die Inbetriebnahme ist für 2026 geplant. In Münster legen die Stadtwerke für 500 geplante Wohnungen bis zu 102 Sonden mit rund 250 Metern Tiefe an.
Im Norden hat ein einzelner Versorger schon Routine. Die Stadtwerke Schleswig haben laut Faust mehr als zehn kalte Netze gebaut. Für mehr als 20 weitere Projekte in Deutschland liegen nach seinen Angaben Machbarkeitsstudien vor.
| Quartier | Wärmequelle | Netztemperatur | Anschlüsse | Reifegrad (Stand) |
|---|---|---|---|---|
| Wüstenrot (Baden-Württemberg) | Agrothermie-Kollektor, 1,5 ha | 0 bis 18 °C | 23 Gebäude | in Betrieb seit 2012 (Monitoring bis 2021) |
| Bad Nauheim Süd (Hessen) | zweilagiger Erdkollektor, je ca. 11.000 m² | ca. 10 °C im Winter | über 400 Wohnungen | in Betrieb (Oktober 2025) |
| Lübeck, Schlutuper Straße | 135 Erdwärmesonden à ca. 170 m | 5 bis 12 °C | ca. 400 Wohnungen | im Aufbau, Start für 2026 geplant (Juli 2026) |
| Münster, Albachten-Ost | bis zu 102 Erdwärmesonden à ca. 250 m | ca. 10 °C | 500 Wohnungen geplant | im Aufbau (Februar 2026) |
Quelle: TH Nürnberg (Wüstenrot, Bad Nauheim), Buffa et al. 2019, Energieforschung.de 2025, Zeitung für kommunale Wirtschaft 2019, ingenieur.de 2026, Stadtwerke Münster 2026.
Wie viel der Bund beim Bau kalter Netze zuschießt
Den größten Zuschuss zahlt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle über die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW). Stand Oktober 2026 übernimmt das Amt im Modul 2 für neue Netze 40 Prozent der förderfähigen Ausgaben, höchstens 100 Millionen Euro pro Antrag. Der Betreiber muss eine Machbarkeitsstudie vorlegen und rechnerisch belegen, dass sich das Projekt ohne Zuschuss nicht trägt. Die Studie selbst fördert das BAFA im Modul 1 mit 50 Prozent.
Für kalte Netze enthält die Richtlinie eine wichtige Klausel. Förderfähig sind auch Wärmepumpen im Eigentum des Netzbetreibers, ausdrücklich genannt sind Netzwasser-Gebäude-Wärmepumpen in kalten Nahwärmenetzen. So steht es in der Förderdatenbank des Bundes. Gehören die Geräte in den Kellern den Stadtwerken, fließt der Zuschuss also bis ins Haus.
Die BEW gilt nur für Netze mit mehr als 16 Gebäuden oder mehr als 100 Wohneinheiten. Kleinere Gebäudenetze laufen über die Bundesförderung für effiziente Gebäude, erklärt das bayerische Kompetenzzentrum C.A.R.M.E.N.. Was das in Euro heißt, zeigt Münster. Die Stadtwerke beziffern das Netz in Albachten-Ost auf rund 8,5 Millionen Euro, 40 Prozent davon trägt die BEW.
Wo Kommunen kalte Nahwärme in ihre Wärmepläne schreiben
Nach dem Wärmeplanungsgesetz müssen die Länder dafür sorgen, dass jede Gemeinde einen Wärmeplan bekommt. Stand Oktober 2026 lief die Frist für Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern Ende Juni 2026 ab, kleinere haben bis Ende Juni 2028 Zeit. Die Planer teilen ihr Gebiet nach Wirtschaftlichkeitsvergleichen in Zonen ein. In Wärmenetzgebieten soll ein großer Teil der Häuser an ein bestehendes oder neues Netz angeschlossen werden.
Großstädte setzen in ihren Plänen oft auf heiße Netze mit tiefer Erdwärme (mehr dazu: Geothermie in der Wärmeplanung). Planer greifen auf kalte Nahwärme vor allem dort zurück, wo locker gebaut wird. Bei einigen der von Buffa untersuchten Netze lag der Wärmebedarf je Meter Leitung unter der Schwelle, ab der sich klassische Fernwärme rechnet. Damit kommen auch Neubaugebiete, Ortsränder und Dörfer für ein gemeinsames Netz in Frage.
Jeder Anschluss bringt eine elektrische Wärmepumpe ins Stromnetz, die Wärme liefert, ohne einen Brennstoff zu verbrennen. In Wüstenrot decken Photovoltaikanlagen von sieben bis zehn Kilowatt auf einigen Dächern einen Teil des Wärmepumpenstroms. Im Folgeprojekt KNW-Opt II sind seit 2025 auch die Stadtwerke Soest Partner. Bis 2029 untersuchen die Beteiligten, wie sich kalte Nahwärme digital steuern und auf weitere Städte übertragen lässt.
QUELLEN
- TH Nürnberg: Projektblatt EnVisaGe-Plus, Monitoring der Plusenergiesiedlung Wüstenrot, Projektlaufzeit 2017 bis 2021.
- TH Nürnberg: Kalte Nahwärme mit oberflächennahestem Großflächenkollektor in Bad Nauheim, Stand November 2024.
- Stadtwerke Münster: Albachten-Ost: Stadtwerke legen Erdsondenfelder für klimaneutrale Wärme an, Pressemitteilung, 25.02.2026.