Regierungen planen doppelt so viel CO2 wie erlaubt

WEIT WEG VOM KLIMAPFAD · 14. OKTOBER 2026

Die Regierungen planen doppelt so viel CO2, wie der 1,5-Grad-Pfad erlaubt

Die geltenden Pläne der Regierungen führen bis 2050 zu rund 840 Gigatonnen CO2 aus Energie, der 1,5-Grad-Pfad lässt 400 zu. Bis 2035 sinkt der fossile Verbrauch nach Plan um vier Prozent, nötig wären 40. Die Profiteure des fossilen Systems verteidigen diese Lücke.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) hat am Dienstag in Abu Dhabi ihren Weltenergie-Ausblick vorgestellt. Darin misst sie, wie weit die Welt vom Klimapfad entfernt ist, dem 1,5-Grad-Szenario mit einem begrenzten, vorübergehenden Überschreiten der Marke. 2050 decken Kohle, Öl und Gas nach den geltenden Plänen noch 57 Prozent der Primärenergie, auf dem Klimapfad 15 Prozent.

In Mengen heißt das: Von rund 514 Exajoule fossiler Primärenergie im Jahr 2023 bleiben nach den Plänen 2050 rund 429 übrig, auf dem Klimapfad rund 100, ein Fünftel von heute. Exajoule ist die Einheit, in der IRENA den Energieverbrauch der Welt misst. Die Differenz von rund 330 Exajoule entspricht mehr als der Hälfte des heutigen Weltenergieverbrauchs. Die Mengen hat Cleanthinking aus den gerundeten Anteilen der IRENA-Grafik berechnet.

Grafik: Fossile Primärenergie weltweit 2023 bis 2050, geltende Pläne gegen 1,5-Grad-Pfad der IRENA
Nach den Plänen der Regierungen sinkt der fossile Verbrauch bis 2035 kaum. Daten: IRENA, World Energy Transition Outlook 2026, Abb. 1.1, Mengen aus gerundeten Anteilen. Grafik: Cleanthinking

Die Staaten verfehlen den Klimapfad bei Zubau, Netzen und Effizienz

Mit den geltenden Plänen steigt die Erwärmung über zwei Grad. Selbst das Szenario, das die Erwärmung unter zwei Grad hält, erlaubt bis 2050 rund 480 Gigatonnen CO2. Dabei sind die Pläne besser geworden: Gegenüber dem Ausblick von 2023 sehen die Staaten für 2050 jetzt 21,3 statt 15,8 Terawatt erneuerbare Leistung vor.

Der Verbrauch von Kohle, Öl und Gas sinkt trotzdem kaum. IRENA nennt das „Energy Addition“, also Zubau ohne Abbau: Neue Energiequellen kamen in den vergangenen Jahrzehnten zu den alten hinzu und ersetzten sie nicht. „Wir können die Energiewende nicht schaffen, indem wir einem unveränderten Energiesystem einfach Erneuerbare hinzufügen“, sagt IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera.

Ende 2025 waren weltweit 5,2 Terawatt erneuerbare Leistung installiert, für den Klimapfad nennt IRENA 18,4 Terawatt bis 2035. Dafür müssten jedes Jahr netto mehr als 1,3 Terawatt hinzukommen. 2024 waren es laut IRENA 582 Gigawatt.

Die Investitionen in Stromnetze müssten sich auf rund eine Billion US-Dollar pro Jahr verdoppeln, die Speicherleistung von 416 auf rund 2.530 Gigawatt im Jahr 2035 wachsen. Die Energieintensität der Weltwirtschaft, also der Energieeinsatz je Einheit Wirtschaftsleistung, sank zuletzt um knapp zwei Prozent pro Jahr, nötig wären rund vier. Seit dem Ausblick von 2023 ist der jährliche Investitionsbedarf für den Klimapfad um rund 3,8 Billionen US-Dollar gestiegen, nach IRENA unter anderem wegen verzögerter Fortschritte.

Wer vom fossilen Absatz lebt, verteidigt die geltenden Pläne

Die Pläne der Regierungen sichern bis 2035 fast den heutigen fossilen Absatz. Wer davon lebt, hat ein Interesse daran, dass es bei ihnen bleibt. Cleanthinking nennt die Verteidiger dieses Systems aus Kohle, Öl und Gas Fossilisten.

In Deutschland plant Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) rund 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke, die als Brücke dienen sollen. Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz bremst ihr Ministerium den Ausbau. Ein Gutachten zur europäischen Gasversorgung empfahl zuletzt mehr Gas (mehr dazu: Kommentar zum Gas-Gutachten). Dabei sind Batteriespeicher inzwischen günstiger als Gasturbinen.

Begleitet werden solche Entscheidungen von Erzählungen über eine drohende Stromlücke und Deindustrialisierung. Cleanthinking nennt dieses Muster fossile Panik. Aus Sicht der Profiteure ist sie rational, denn jedes Jahr Verzögerung sichert Absatz, und wer heute ein Gaskraftwerk baut, plant mit Gas für Jahrzehnte.

Strom kostet beim schnelleren Umbau 2050 rund 15 Prozent weniger

Im Szenario, das die Erwärmung unter zwei Grad hält, liegen die Strompreise laut IRENA 2035 um neun Prozent und 2050 um 15 Prozent unter denen der geltenden Pläne. Auf dem Klimapfad liegt die weltweite Wirtschaftsleistung im Schnitt um 1,1 Prozent pro Jahr höher als nach den Plänen, bis 2050 summiert sich das auf rund 47 Billionen US-Dollar.

Die fossile Versorgung hängt laut IRENA an Meerengen wie der Straße von Hormus, der Straße von Malakka und Bab el-Mandeb. Auch Electrotech, wie der Thinktank Ember Solar, Wind, Batterie, Elektromotor, Wärmepumpe und Leistungselektronik zusammenfasst, hat Lieferkettenrisiken. IRENA hält sie für beherrschbar, weil sich Fabriken bauen lassen, Rohstoffreserven aber nicht.

Schließen lässt sich der Abstand zum Klimapfad, wenn Regierungen alle Electrotech-Sektoren entfesseln: Verkehr, Wärme und vor allem die Industrie. Auf dem Klimapfad deckt Strom 2050 in Gebäuden 77 Prozent des Bedarfs und im Verkehr fast die Hälfte, in der Industrie aber nur rund 40 Prozent, den niedrigsten Wert aller Sektoren. Welche Arbeitsplätze dieser Umbau schafft, hat Cleanthinking gestern berichtet.

Wer stattdessen Gaskraftwerke subventioniert, kauft den Profiteuren des fossilen Systems Zeit und hält die Welt auf dem Weg über zwei Grad. Das Geld fehlt dann bei Netzanschlüssen, Industrie-Wärmepumpen und Elektroöfen, mit denen Strom das Gas aus der Fabrikhalle verdrängt.

QUELLEN

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  1. IRENA: World Energy Transition Outlook 2026, 13. Oktober 2026.
  2. IRENA: Electrification with Renewables Holds Key to World's Energy Needs, Pressemitteilung, 13. Oktober 2026.
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