JOBMOTOR ELECTROTECH · 13. OKTOBER 2026

250 Millionen neue Jobs entstehen bis 2050 rund um saubere Energie
Das grüne Jobwunder, das Olaf Scholz versprochen hat, findet statt. Weltweit wächst die Energiewirtschaft jenseits von Kohle, Öl und Gas von 40 auf rund 290 Millionen Beschäftigte, wenn die Welt schneller umsteuert als geplant. Deutschland zählt laut dem neuen Ausblick der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien zu den größten Gewinnern.
Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) hat ihren World Energy Transition Outlook 2026 am Dienstag in Abu Dhabi vorgestellt. Auf 166 Seiten vergleicht sie zwei Pfade. Der Planpfad schreibt fort, was Regierungen bis Ende 2025 beschlossen haben, und führt über zwei Grad Erwärmung. Im Unter-zwei-Grad-Pfad, bei IRENA „Decarbonising Energy Scenario“, wachsen die Erneuerbaren schneller. Industrie und Haushalte nutzen Energie effizienter und steigen häufiger auf Strom um.
Die Jobzahlen des Reports gelten für diesen Unter-zwei-Grad-Pfad. Das 1,5-Grad-Szenario, das IRENA ebenfalls überarbeitet hat, liegt ihnen nicht zugrunde. Im Unter-zwei-Grad-Pfad wächst die Beschäftigung im gesamten Energiesektor von rund 103 Millionen im Jahr 2024 auf 343 Millionen im Jahr 2050. Im Planpfad wären es knapp 269 Millionen, gut 70 Millionen weniger. Die Dekarbonisierung treibe das Beschäftigungswachstum aktiv an, schreibt IRENA.
Nur noch jeder sechste Energie-Job hängt 2050 an Kohle, Öl und Gas
2024 stellten fossile und konventionelle Technologien mit rund 63 Millionen Beschäftigten gut 60 Prozent aller Jobs im Energiesektor. Im Unter-zwei-Grad-Pfad sinkt ihr Anteil bis 2050 auf etwa 16 Prozent. Im Planpfad blieben 108,5 Millionen fossile Jobs erhalten.
Zieht man die fossilen Jobs ab, arbeiteten 2024 rund 40 Millionen Menschen in der Energiewirtschaft jenseits von Kohle, Öl und Gas. 2050 wären es rund 290 Millionen, mehr als siebenmal so viele. Das ergibt rund 250 Millionen neue Energiewende-Jobs. Die Rechnung stammt von Cleanthinking auf Basis der IRENA-Zahlen, den fossilen Anteil von 16 Prozent weist der Report gerundet aus.
Die Erneuerbaren allein wachsen von 16 Millionen Jobs im Jahr 2024 auf 84,2 Millionen im Jahr 2050, rund 60 Prozent mehr als im Planpfad. 2019 arbeiteten weltweit noch elf Millionen Menschen in erneuerbaren Energien. Solar und Wind steigen zusammen von 9,8 auf 49,4 Millionen Jobs. Solar kommt 2050 auf 38,3 Millionen und stellt damit fast die Hälfte aller Erneuerbaren-Jobs, Wind auf rund 11,1 Millionen.
Am steilsten wachsen die übrigen Wende-Technologien. Dazu zählt IRENA die Elektrifizierung beim Verbrauch, saubere Kochstellen, Wasserstoff und die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre. Ihre Beschäftigung steigt von 7,4 auf 121,2 Millionen, das sind 2050 rund 35 Prozent aller Energie-Jobs. In der Energieeffizienz arbeiten 2050 dann 56,4 Millionen Menschen, nach 6,1 Millionen im Jahr 2024.
Energiewende-Jobs entstehen vor allem in Afrika und Asien
Über 70 Prozent der Energie-Jobs des Jahres 2050 entfallen im Unter-zwei-Grad-Pfad auf drei Regionen: Subsahara-Afrika mit 32,5 Prozent, Ostasien mit 21,9 Prozent und Indien mit 18,5 Prozent. Europa kommt auf 4,3 Prozent, Nordamerika auf 2,2 Prozent. IRENA begründet die Verteilung mit dem Bevölkerungswachstum in Afrika und damit, dass dort für dieselbe Energiemenge mehr Arbeitskräfte nötig sind. Chinas Bevölkerung, die Ostasien prägt, schrumpft dagegen.
Wer an diesem Ausbau verdient, hängt an der Herkunft der Technik. Volkswirtschaften mit starker Industriebasis könnten erhebliche Wertschöpfung aus sauberer Energietechnik ziehen, heißt es im Report. Entwicklungsländer gelinge das nur, wenn sie eigene Fähigkeiten aufbauen, statt Technik zu importieren.
Olaf Scholz hatte als Kanzler ein grünes Wirtschaftswunder angekündigt, mit Wachstumsraten wie in den 1950er und 1960er Jahren. Jobzahlen für Deutschland nennt der IRENA-Report nicht, wohl aber das Wachstum. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt liege 2050 im Unter-zwei-Grad-Pfad rund 2,2 Prozent über dem Planpfad. Höher fällt das Plus nur in Afrika mit rund vier Prozent, in Indonesien mit 3,3 und in China mit 3,0 Prozent aus. Die EU27 und der Weltschnitt bleiben unter einem Prozent.
Reife Volkswirtschaften wie die EU und Deutschland erleben laut IRENA einen beherrschbaren Strukturwandel. Gewinne in Verkehr und Unternehmensdiensten glichen die moderaten Verluste bei Kohle, Öl, Gas und Raffinerien aus. Über die gesamte Weltwirtschaft liegt die Beschäftigung im Unter-zwei-Grad-Pfad zwischen 2024 und 2050 im Schnitt 0,7 Prozent über dem Planpfad, im 1,5-Grad-Szenario 1,7 Prozent. Am stärksten legen Bau, Unternehmensdienste, Verkehr, Stromversorgung und Ingenieurwesen zu.
Solarmodul, Windrad, Batterie, Elektromotor, Wärmepumpe und Leistungselektronik fasst der Thinktank Ember unter dem Begriff Electrotech zusammen, also die Technikfamilie, die Energie elektrisch erzeugt, speichert und nutzt. Auf ihr bauen Software für Stromnetze, elektrifizierte Fabriken und die Bioreaktoren der Präzisionsfermentation auf, in denen Mikroorganismen Eiweiße für Lebensmittel herstellen. Für diese Jobs nennt IRENA keine Zahl. Jede Schätzung fiele zu klein aus, weil jede Industrie elektrisch wird.
Haushalte spüren den Gewinn erst nach 2035
Die realen Haushaltseinkommen liegen im Unter-zwei-Grad-Pfad bis etwa 2035 unter dem Planpfad. Danach steigen sie steiler und liegen 2050 rund 1,6 Prozent darüber. IRENA nennt die Jahre 2025 bis 2035 das verwundbarste Jahrzehnt, um die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. „Die Aufgabe ist deshalb, die Lücke zu überbrücken, nicht, sie zu leugnen“, schreibt IRENA.
Bei den Strompreisen setzt die Entlastung früher ein. Die Endkundenpreise lägen im Unter-zwei-Grad-Pfad 2035 um neun Prozent und 2050 um 15 Prozent unter dem Planpfad. Weltweit liege die Wirtschaftsleistung im Schnitt 0,7 Prozent höher, kumuliert seien das 32 Billionen US-Dollar. Im 1,5-Grad-Pfad wären es 1,1 Prozent und 47 Billionen US-Dollar.
„Die Qualität der Wende wird genauso zählen wie ihr Tempo“, sagt IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera. Damit die Zustimmung in Deutschland das Jahrzehnt bis 2035 übersteht, muss die Entlastung früh kommen. Eine niedrigere Stromsteuer und ein Klimageld würden Haushalte entlasten, bevor die höheren Einkommen ankommen (mehr dazu: Fatih Birol und die Vertrauenskrise der Elektrifizierung).
QUELLEN
- IRENA: World Energy Transition Outlook 2026, 13. Oktober 2026.
- IRENA: Electrification with Renewables Holds Key to World's Energy Needs, Pressemitteilung, 13. Oktober 2026.