ENERGIEWENDE · 15. JUNI 2026
KI-generiertUnternehmen wollen Elektrifizierung: 90 Prozent möchten bis 2035 umsteigen
Eine globale Umfrage unter 1.994 Führungskräften in 18 Ländern zeigt: Unternehmen wollen Elektrifizierung. Fast alle. Treiber ist weniger Klimaschutz, sondern die energetische Unabhängigkeit in einer fossil volatilen Welt.
Neun von zehn Unternehmen weltweit erwarten, ihren Betrieb bis 2035 weitgehend zu elektrifizieren. Das ist das Kernergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Public First, die im Auftrag des Thinktanks E3G (Third Generation Environmentalism), der We Mean Business Coalition und der Global Renewables Alliance entstanden ist. Befragt wurden 1.994 Führungskräfte aus 18 Ländern, vom Vorstand bis zur oberen Managementebene, alle in mittleren und großen Organisationen mit einem Jahresumsatz von mindestens einer Million US-Dollar.
Der erhobene Zeitraum macht die Zahlen interessant: Die Feldarbeit lief vom 20. bis 26. April 2026, während die Straße von Hormus gesperrt war. Die Antworten spiegeln also die Stimmung von Wirtschaftsentscheidern mitten in einer akuten fossilen Versorgungskrise. Das Ergebnis ist eindeutig. 91 Prozent sagen, Elektrifizierung verbessere ihre Energiesicherheit. 79 Prozent geben an, die geopolitische Instabilität habe den eigenen Umstieg dringlicher gemacht.
Energiesicherheit schlägt Klimaschutz als Motiv
Bemerkenswert an der Erhebung ist die Reihenfolge der Argumente. Unternehmen elektrifizieren ihre Produktion und setzen dabei auf Quellen wie Solar oder Windkraft nicht primär aus Klimaschutzgründen, sondern weil sie unabhängiger von importierten Brennstoffen werden wollen. 90 Prozent erwarten, dass der Umstieg auf ein erneuerbarenbasiertes Stromsystem in ihrem Land das Wirtschaftswachstum ankurbelt. 88 Prozent rechnen damit, dass die Elektrifizierung ihres Betriebs sie wettbewerbsfähiger macht.
José Manuel Entrecanales, Vorstandschef des spanischen Energiekonzerns Acciona, bringt diese Logik auf den Punkt. „Elektrifizierung ist nicht bloß ein Energiewandel, sie ist eine Industriestrategie." Während fossile Brennstoffe sich über die Zeit kaum veränderten, würden saubere Technologien stetig günstiger, intelligenter und effizienter. Die Abhängigkeit von Importen sei dagegen eine strategische Schwachstelle.
Diese Einordnung passt zu einem Muster, das Cleanthinking seit Längerem beobachtet: Die Energiewende wird zunehmend ökonomisch begründet, nicht ökologisch. Wer früher elektrifiziert, sichert sich kalkulierbare Kosten und entkoppelt sich von den Preisschwankungen der Öl- und Gasmärkte. 84 Prozent der Befragten erwarten niedrigere langfristige Betriebskosten, 80 Prozent rechnen mit neuen Arbeitsplätzen im eigenen Unternehmen.
Die Politik bremst, die Elektrifizierung der Unternehmen läuft
Den größten Engpass sehen die Unternehmen nicht in der Technik, sondern in der Politik. 72 Prozent sagen, staatliche Maßnahmen kämen zu langsam voran, um das Tempo zu halten, das die Wirtschaft braucht. 69 Prozent meinen, Unternehmen elektrifizierten schneller, als die Regierungen ihre Stromsysteme darauf vorbereiteten. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) nennt unzureichende Netzkapazität als konkrete Hürde.
Daraus folgt eine Drohung mit Gewicht: 62 Prozent der Befragten würden erwägen, ihren Betrieb zu verlagern, wenn die eigene Regierung die Elektrifizierung nicht ausreichend unterstützt. In Deutschland sagen 81 Prozent, sie wollten bis 2035 oder früher elektrifizieren, 78 Prozent halten das Regierungstempo für zu langsam, 87 Prozent fordern stärkere Investitionen in den Netzausbau. Damit liegt Deutschland zwar im Trend, aber am unteren Rand der elektrifizierungswilligen Industriestaaten.
Als wirksamste politische Hebel nennen die Unternehmen den Ausbau und die Zukunftssicherung der Stromnetze, gefolgt von Zuschüssen für hohe Anschaffungskosten, klaren langfristigen Planungen, niedrigeren Strompreisen und schnelleren Netzanschlüssen. Nick Mabey, Chef von E3G, fasst die Botschaft an die Regierungen knapp zusammen: zuerst die Netzkapazität ausbauen, dann die übrigen Hürden abräumen.
Unternehmen wollen Elektrifizierung: Schwellenländer treiben das Tempo
Die ambitioniertesten Werte liefern nicht die alten Industrienationen, sondern die aufstrebenden Märkte. In Indonesien und Nigeria erwarten 99 Prozent der Unternehmen, ihren Betrieb bis 2035 oder früher zu elektrifizieren, in Indonesien planen sogar 63 Prozent den Umstieg schon bis 2027. Indien und die Philippinen folgen mit 96 und 97 Prozent, Kolumbien und Südafrika liegen bei je 95 Prozent. Selbst in kohleabhängigen Volkswirtschaften gilt Elektrifizierung zunehmend als Schlüssel zu Wettbewerbsfähigkeit und Krisenfestigkeit.
Für Prosumer und energiewendeaffine Leser ist das die eigentliche Pointe: Während in Deutschland über Tempo und Kosten gestritten wird, verschiebt sich die globale Wettbewerbslandkarte. Wer schneller elektrifiziert, sichert sich günstigen, lokal erzeugten Strom und macht sich unabhängig von geopolitischen Schocks. Die Umfrage bestätigt damit auf Unternehmensebene, was die Internationale Energieagentur und die IRENA seit Monaten als Befund formulieren. Die Frage ist nicht mehr, ob elektrifiziert wird, sondern wie schnell die Netze, Speicher und Genehmigungen nachziehen.
QUELLEN