EU VERLANGT BIS 2030 BIS ZU 30 PROZENT WENIGER · 20. OKTOBER 2026

Deutschland kommt bei der Lebensmittelverschwendung seit 2020 nicht voran
Landwirte, Lebensmittelindustrie, Handel, Gastronomie und Haushalte entsorgten 2023 rund 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittel, fast genau so viel wie 2020. Bis Ende 2030 muss die Menge deutlich sinken, so schreibt es die EU inzwischen rechtsverbindlich vor.
Der größte Teil der Lebensmittelverschwendung in Deutschland entsteht dort, wo Verbraucher*innen selbst entscheiden: in der eigenen Küche. Private Haushalte warfen 2023 im Schnitt 76 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf weg. Mit Kantinen, Restaurants, Handel, Industrie und Landwirtschaft kommen laut Eurostat 131 Kilogramm pro Einwohner zusammen. Das ist etwas mehr als der EU-Schnitt von 128 Kilogramm.
Seit die EU-Staaten 2020 nach einheitlicher Methode messen, hat sich die Gesamtmenge in Deutschland kaum bewegt. Die Bundesregierung will die Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbieren, davon ist sie weit entfernt. Seit Oktober 2025 gelten außerdem erstmals verbindliche Reduktionsziele der EU, die Deutschland bis Juni 2027 in nationales Recht übertragen muss.
Jede weggeworfene Tonne trägt die Emissionen von Anbau, Tierhaltung, Transport und Kühlung mit sich. Wer Lebensmittelverschwendung verringert, spart deshalb Ackerfläche und Treibhausgase, ohne dass jemand weniger isst.
Inhalt
Wie viel Essen wirft Deutschland jedes Jahr weg
Deutschland hat 2023 knapp 10,93 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle erzeugt, 2020 waren es 10,92 Millionen Tonnen. Fast sechs von zehn Kilogramm stammen aus privaten Haushalten, der Rest verteilt sich auf Verarbeitung, Außer-Haus-Verpflegung, Handel und Landwirtschaft.
Die Zahlen meldet das Umweltbundesamt jedes Jahr an die EU-Kommission, Eurostat veröffentlicht sie in der Datenbank env_wasfw. Die Staaten haben für ihre Meldung 18 Monate Zeit. Werte für 2024 lagen deshalb im Oktober 2026 noch nicht vor.
| Stufe der Lebensmittelkette | 2020 (1.000 t) | 2023 (1.000 t) | kg pro Kopf 2023 | Anteil 2023 |
|---|---|---|---|---|
| Primärproduktion | 178 | 171 | 2 | 1,6 % |
| Verarbeitung und Herstellung | 1.594 | 1.902 | 23 | 17,4 % |
| Handel | 774 | 724 | 9 | 6,6 % |
| Außer-Haus-Verpflegung | 1.877 | 1.789 | 21 | 16,4 % |
| Private Haushalte | 6.496 | 6.345 | 76 | 58,0 % |
| Insgesamt | 10.919 | 10.931 | 131 | 100 % |
Haushalte, Gastronomie und Handel haben zwischen 2020 und 2023 zusammen rund 290.000 Tonnen weniger entsorgt. In der Verarbeitung stieg die Menge dagegen: Lebensmittelhersteller meldeten 2023 rund 340.000 Tonnen mehr als im Vorjahr. Insgesamt bleibt es so seit vier Berichtsjahren bei knapp elf Millionen Tonnen.
Was unterscheidet Lebensmittelabfall von Lebensmittelverlust
Als Lebensmittelverlust gilt nach der Abgrenzung von FAO und UN-Umweltprogramm UNEP alles, was zwischen Ernte und Ladenregal verloren geht. Lebensmittelabfall entsteht danach im Handel, in Restaurants und Kantinen sowie in privaten Haushalten.
Weltweit gehen laut UNEP nach einer FAO-Schätzung von 2022 rund 13 Prozent der erzeugten Lebensmittel zwischen Ernte und Handel verloren. Weitere 19 Prozent der für Verbraucher verfügbaren Lebensmittel landen im Müll. Der Food Waste Index Report 2024 von UNEP beziffert diesen Abfall für 2022 auf 1,05 Milliarden Tonnen, im Schnitt 132 Kilogramm pro Kopf.
Eurostat und die Mitgliedstaaten ziehen die Grenze anders. Sie zählen auch Primärproduktion und Verarbeitung zum Lebensmittelabfall, mitsamt ungenießbarer Teile wie Schalen, Knochen und Kaffeesatz. Verluste vor und während der Ernte oder Schlachtung erfassen sie nicht, gemessen wird bei der Entsorgung.
Deshalb weichen ältere deutsche Zahlen deutlich ab. Das Thünen-Institut kam in seiner Baseline für 2015 auf 11,86 Millionen Tonnen, davon 1,36 Millionen Tonnen in der Primärproduktion. Die Forschenden schätzten zudem, dass rund 6,7 Millionen Tonnen theoretisch vermeidbar waren. Wer im Alltag von Lebensmittelverschwendung spricht, meint meist genau diesen vermeidbaren Teil. Die amtliche Statistik weist ihn nicht gesondert aus.
Welche Lebensmittel werfen Haushalte am häufigsten weg
Frisches Obst und Gemüse macht mit 35 Prozent den größten Posten in den Abfällen privater Haushalte aus. Es folgen Brot und Backwaren mit 13 Prozent, Getränke mit zwölf Prozent und Milchprodukte mit neun Prozent.
Die Anteile stammen aus einer GfK-Erhebung von 2020 zur Lebensmittelverschwendung in Privathaushalten, die das Umweltbundesamt auswertet. Dort zeigt sich auch ein Altersmuster: Je jünger die Person, die den Haushalt führt, desto mehr verwertbare Lebensmittel wirft der Haushalt weg. Als Gegenmittel empfiehlt das Amt maßvolles Einkaufen und eine Planung, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert.
Nicht alles davon wäre vermeidbar. Bananenschalen oder die äußeren Blätter eines Salatkopfs landen zwangsläufig im Abfall. Das Thünen-Institut bezifferte den theoretisch vermeidbaren Teil 2015 auf 32,9 von 75,2 Kilogramm pro Kopf, also auf gut zwei Fünftel. Bei der Lebensmittelverschwendung in Haushalten geht es damit um rund 33 Kilogramm theoretisch vermeidbaren Abfall pro Person und Jahr, Stand 2015.
Wie stark belastet Lebensmittelverschwendung das Klima
Lebensmittelverluste und -abfälle verursachen weltweit acht bis zehn Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen, wie UNEP unter Berufung auf den Weltklimarat IPCC von 2019 angibt. In der EU gehen laut EU-Kommission rund 16 Prozent der Emissionen des gesamten Lebensmittelsystems auf weggeworfenes Essen zurück.
Für Deutschland hat das Umweltbundesamt eine Größenordnung berechnet. Der Lebensmittelkonsum verursachte 2010 rund 177 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und belegte 38 Millionen Hektar Agrarfläche. Halbiert Deutschland seine Lebensmittelverschwendung bis 2030, sinken die konsumbedingten Emissionen laut UBA um rund 17 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, und vier Millionen Hektar Fläche werden frei.
Besonders schwer wiegen tierische Produkte. Wer Fleisch, Käse oder Milch wegwirft, verschwendet auch die Emissionen der Tierhaltung, etwa das Methan aus den Mägen von Rindern. Dänemark setzt hier an und will ab 2030 landwirtschaftliche Methanemissionen besteuern. Mit der Agrarfläche hängen zudem mehrere planetare Grenzen zusammen, von der Landnutzung bis zu den Stickstoffkreisläufen.
Welche Ziele schreibt die EU bis 2030 vor
Die EU verpflichtet ihre Mitgliedstaaten, die Lebensmittelabfälle in Verarbeitung und Herstellung bis Ende 2030 um zehn Prozent zu senken. Handel, Gastronomie und Haushalte müssen ihre Abfälle zusammen um 30 Prozent pro Kopf verringern.
Die Ziele stehen in der Richtlinie (EU) 2025/1892, die die Abfallrahmenrichtlinie ändert. Das Amtsblatt der EU hat sie am 26. September 2025 veröffentlicht, am 16. Oktober 2025 trat sie in Kraft. Die Mitgliedstaaten müssen sie bis zum 17. Juni 2027 umsetzen (Stand Oktober 2026).
Als Bezugsgröße dient laut EU-Kommission der Jahresdurchschnitt 2021 bis 2023. Bis Ende 2027 prüft die Kommission, ob sie die Ziele ändert, auf die Primärproduktion ausdehnt oder verbindliche Ziele für 2035 vorschlägt. Für Schwankungen im Tourismus legt sie bis Oktober 2027 einen Korrekturfaktor fest.
Auf Deutschland übertragen ergibt das nach eigener Rechnung auf Basis der Eurostat-Daten zwei Zielmarken. Handel, Außer-Haus-Verpflegung und Haushalte kamen 2021 bis 2023 im Schnitt auf rund 108 Kilogramm pro Kopf und müssen auf etwa 76 Kilogramm herunter. Die Verarbeitung muss von durchschnittlich 1,67 Millionen auf rund 1,5 Millionen Tonnen sinken, 2023 lag sie bei 1,9 Millionen Tonnen.
Weltweit gibt das Nachhaltigkeitsziel 12.3 der Vereinten Nationen die Richtung vor. Es verlangt, die Lebensmittelverschwendung im Handel und bei Verbrauchern bis 2030 pro Kopf zu halbieren und Verluste entlang der Lieferkette zu verringern. Mit 30 Prozent liegt das EU-Ziel deutlich unter dieser Halbierung.
Was unternimmt die Bundesregierung gegen Lebensmittelverschwendung
Die Bundesregierung setzt vor allem auf freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft und auf Information der Verbraucher. Eine gesetzliche Spendenpflicht für Supermärkte nach französischem Vorbild lehnte sie im Juni 2025 ab.
Grundlage ist die Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung, die das Agrarministerium im Februar 2019 vorgestellt hat. Daraus gingen Dialogforen für alle Stufen der Lebensmittelkette hervor. Im Juni 2023 unterzeichneten Groß- und Einzelhändler einen Pakt gegen Lebensmittelverschwendung mit konkreten Reduktionszielen.
In ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage vom Juni 2025 meldet die Bundesregierung erste Ergebnisse. Die Unternehmen des Handelspakts meldeten für 2023 einen Rückgang ihrer Abfälle um 24 Prozent, das Thünen-Institut überwacht die Daten. Ob die Gastronomie ihr Ziel von minus 30 Prozent bis 2025 erreicht, zeigt sich erst mit der Eurostat-Meldung Mitte 2027. Eine neue Strategie gegen Lebensmittelverschwendung soll den Zeitraum 2025 bis 2030 abdecken.
Die geänderte Richtlinie setzt das Bundesumweltministerium über eine Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes um. Der Referentenentwurf ging Ende Juni 2026 in die Anhörung. Bis Januar 2027 will das Ministerium dem Kabinett eine überarbeitete Fassung vorlegen. Ein geltendes Gesetz gibt es Stand Oktober 2026 noch nicht.
Was passiert mit Lebensmittelresten, die sich nicht vermeiden lassen
Unvermeidbare Lebensmittelreste können als Futter, Rohstoff oder Energiequelle weiterdienen. Vorrang hat in der Abfallhierarchie der EU aber die Vermeidung, danach folgen Wiederverwendung, Recycling, sonstige Verwertung wie die Energiegewinnung und zuletzt die Beseitigung.
Cleantech-Unternehmen bauen auf dieser Logik eigene Geschäftsmodelle. Omnivore Recycling aus Aachen betreibt laut Unternehmen (Stand 2024) automatisierte Containeranlagen, in denen Larven der Schwarzen Soldatenfliege Lebensmittelreste aus Handel und Produktion fressen. Die Larven gehen anschließend als Lebendfutter an Legehennenbetriebe, nach Angaben des Unternehmens als Ersatz für Sojafutter.
Protein Distillery will Proteine aus Bierhefe gewinnen, einem Reststoff der Brauereien, und plante 2024 laut Unternehmen seine erste Fabrik in Heilbronn. Solche Ansätze folgen dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, nach dem Nährstoffe im biologischen Kreislauf bleiben. Am Umfang der Lebensmittelverschwendung ändert die Verwertung wenig. Das größte Einsparpotenzial steckt im Kilogramm, das gar nicht erst produziert und weggeworfen wird.
QUELLEN
- Amtsblatt der Europäischen Union: Richtlinie (EU) 2025/1892 zur Änderung der Richtlinie 2008/98/EG über Abfälle, veröffentlicht am 26.09.2025.
- UNEP: World squanders over 1 billion meals a day, UN report (Food Waste Index Report 2024), 27.03.2024.
- BMLEH: Lebensmittelabfälle in Deutschland: Aktuelle Zahlen nach Sektoren, 24.02.2026.
- GfK: Erhebung zu Lebensmittelabfällen in privaten Haushalten nach Warengruppen, 2020, ausgewertet vom Umweltbundesamt.
- Zu gut für die Tonne (BMLEH): Pakt gegen Lebensmittelverschwendung im Groß- und Einzelhandel, unterzeichnet am 27.06.2023.