Realitätscheck Vahrenholt
Screenshot: Apollo News / YouTubeWarum Fritz Vahrenholt Rechenzentren in Deutschland zu früh abschreibt
Hamburgs früherer Umweltsenator Fritz Vahrenholt behauptet im wöchentlichen Podcast-Format „Vahrenholt.”, der Neubau von Rechenzentren hätte wegen der Energiewende in Deutschland „keine Chance” mehr. Angeblich würden Netzkapazitäten fehlen, der Ausbau der Erneuerbaren müsse gestoppt werden. Doch unser Realitätscheck zeigt: Die Aussagen von Fritz Vahrenholt sind falsch.
Seit einigen Wochen bittet das umstrittene Portal „Apollo News” den gebürtigen Gelsenkirchener Fritz Vahrenholt wöchentlich zum Interview. Die Argumentation des früheren Energiemanagers sorgt für hohe Zugriffszahlen und viele, zustimmende Kommentare auf sozialen Netzwerken. Wenn etwa über „grüne Spinner” hergezogen wird oder beinahe jeder Politiker von Umweltminister Carsten Schneider bis Bundeskanzler Friedrich Merz sein Fett abbekommt, gibt es regen Beifall.
Doch im Kern sind die Ansichten, die Vahrenholt vertritt, rückwärtsgewandt und apokalyptisch-populistisch. Die Energiewende sei „völlig verkorkst”, Wind- und Solar verstopften die Netze, Industrie und Rechenzentren bekämen keinen Anschluss mehr, heißt es dann. In übertriebener Verallgemeinerung wird behauptet, neue Rechenzentren „haben gar keine Chance mehr in Deutschland”.
Das sagte der heute in Hamburg lebende Interviewpartner von Chefredakteur Max Mannhart etwa in der Folge diese Woche. Er forderte allen Ernstes: „erst mal Stillstand des Zubaus” erneuerbarer Energien. Stattdessen solle man Braunkohlekraftwerke länger laufen lassen, Kernkraftwerke zurückholen und obendrein heimisches Gas fracken.
Es ist keine große Überraschung, dass Vahrenholt, der hier eine „Drill, Baby, Drill”-Agenda Deluxe propagiert, immer wieder lobend Donald Trump und die heutigen USA erwähnt. In dieser Folge - nach den Midterms - spielte Trump dagegen tatsächlich keine Rolle.
Infotech und Electrotech statt fossiles Zeugverbrennen Deluxe
Doch statt fossilem Zeugverbrennen bis die Schwarte kracht, braucht Deutschland die Hinwendung zum echten Zusammenspiel von Infotech und Electrotech.
Aber werfen wir einen Blick auf die Rechenzentrums-Aussagen: Einige Engpässe, auf die er sich beruft, gibt es. In Frankfurt rechnet der Netzbetreiber bis Mitte der 2030er-Jahre mit Einschränkungen bei neuen Stromanschlüssen, in Berlin überstieg die Nachfrage die verfügbare Kapazität, wie ingenieur.de berichtet. Die Bundesregierung spricht in ihrer Rechenzentrumsstrategie selbst von einem „Antragsstau”.
Frankfurt ist eng, weil dort der Internetknoten DE-CIX sitzt: Wer für Cloud-Dienste oder Börsenhandel Daten ohne Verzögerung austauschen muss, baut in seiner Nähe. Wer KI-Modelle trainiert, ist weniger an den Ort gebunden und kann dem Strom folgen.
Aber, klar ist auch: Ein regionaler Engpass ist ein Gestaltungsauftrag, kein Stoppsignal. Vahrenholt macht daraus ein Urteil über das ganze Land, und die Investitionen der vergangenen Monate laufen in die entgegengesetzte Richtung.
Investoren bauen Rechenzentren dort, wo Windstrom ist
Der Digitalverband Bitkom zählt für 2026 Investitionen von rund 23,5 Milliarden Euro in deutsche Rechenzentren, 57 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit rund 3.300 Megawatt IT-Anschlussleistung liegt Deutschland laut der Bitkom-Studie „Rechenzentren in Deutschland 2026” in Europa vorn. Hessen bleibt der größte Standort, Brandenburg nennt der Verband den „Shooting-Star”. Rechenzentren und kleinere IT-Installationen brauchen in diesem Jahr rund 23 Milliarden Kilowattstunden Strom (mehr dazu: Wie Rechenzentren ihren Strombedarf decken).
Eines der großen Projekte entsteht in Lübbenau im Spreewald. Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, investiert dort elf Milliarden Euro in ein Rechenzentrum mit zunächst rund 200 Megawatt Anschlussleistung und bis zu 100.000 KI-Chips. Für den Standort sprachen die Netzanschlüsse eines Braunkohlekraftwerks, das 1996 stillgelegt wurde. Im Regelbetrieb soll das Rechenzentrum laut Unternehmen mit erneuerbarem Strom laufen.
Ende August stellte die Schwarz-Gruppe ihr nächstes Projekt vor: bis zu 5,6 Milliarden Euro für ein Rechenzentrum in Dummerstorf bei Rostock. Ausschlaggebend war laut dpa die verfügbare Energie aus Windkraft. Das Unternehmen selbst nennt die hohe Verfügbarkeit von Strom aus Windparks an Land und auf See.
Beide Projekte gehen in den Nordosten, wo viel Wind- und Solarstrom erzeugt wird und Leitungen frei sind. Genau diesen Strom will Vahrenholt nicht weiter ausbauen. Wer den Zubau stoppt, stoppt auch die Rechenzentren.
Netzbetreiber holen die KI ins Stromnetz
Rechenzentren und Stromnetz hängen in beide Richtungen voneinander ab. Die Technik, die Energie elektrisch erzeugt, speichert und nutzt, heißt Electrotech. Sie wächst mit der Informationstechnik zusammen: Ein KI-Rechenzentrum braucht große Mengen sauberen Strom, und das Stromnetz braucht Rechenleistung und Daten, um mehr aus den vorhandenen Leitungen zu holen. Der Übertragungsnetzbetreiber Amprion hat dafür eine eigene KI-Firma gegründet.
Aus dem Antragsstau folgt deshalb eine Bauliste: neue Leitungen, neue Umspannwerke, Netze, die Lasten digital steuern. Die Bundesregierung hat sich diese Liste selbst gestellt. Laut ihrer im März beschlossenen Rechenzentrumsstrategie soll sich die Kapazität der Rechenzentren bis 2030 mindestens verdoppeln, die der KI-Rechenzentren mindestens vervierfachen. Beim Digital-Gipfel erklärte Kanzler Friedrich Merz, Deutschland wolle bei KI „Vorreiter” sein.
Der Bitkom erwartet schon heute, dass Deutschland hinter diesen Zielen zurückbleibt. Ein Stillstand beim Zubau würde den Abstand vergrößern, denn ohne neuen Wind- und Solarstrom fehlt den Standorten im Nordosten genau das, wofür die Investoren kommen.
PowerCo liefert Zellen aus Salzgitter für Kleinwagen aus Spanien
Vahrenholt denkt in Landesgrenzen und Brennstoffen: eigene Braunkohle, eigenes Gas, eigene Kraftwerke. Die elektrische Industrie plant ihre Lieferketten quer durch Europa. Seit Dezember 2025 fertigt die VW-Batterietochter PowerCo in Salzgitter Batteriezellen, nach der Testphase läuft die Produktion seit September rund um die Uhr. Die Zellen gehen unter anderem in den ID. Polo, den Volkswagen in Spanien baut.
Eine Zelle aus Niedersachsen steckt in einem Kleinwagen aus Spanien, und das ist gewollt. Die Wertschöpfung bleibt im europäischen Verbund, auch wenn sie dabei Grenzen überquert.
Europa muss die Zellproduktion schneller hochfahren
An Salzgitter lässt sich auch ablesen, wie weit der Weg noch ist. Bis Ende 2026 will PowerCo mindestens eine Million Zellen fertigen, genug für rund 10.000 E-Autos, sagte PowerCo-Chef Frank Blome der F.A.S. Die erste Ausbaustufe ist auf 20 Gigawattstunden im Jahr ausgelegt, genug für rund 250.000 E-Autos (mehr dazu: PowerCo startet die Einheitszellen-Produktion in Salzgitter). Die Halle ist also für 250.000 Autos im Jahr gebaut, 2026 reicht es für etwa 10.000. Langfristig sollen dort täglich rund 60.000 Zellen entstehen, genug für etwa 500 Kleinwagen am Tag.
Der Rückstand gegenüber China ist groß. Laut dem Global EV Outlook 2026 der Internationalen Energieagentur stehen mehr als 80 Prozent der weltweiten Batteriekapazität und -produktion in China. EU und USA kommen auf je sechs bis sieben Prozent der Nennkapazität, also dessen, was ihre Werke höchstens fertigen könnten. Chinesische Konzerne bauen inzwischen auch Werke in Europa, doch angekündigte Kapazität ist noch keine betriebsbereite (mehr dazu: Chinas Batteriekonzerne in Europa).
Rechenzentren und Zellfabriken brauchen dasselbe: viel sauberen Strom, Leitungen, die ihn transportieren, und digital gesteuerte Netze. Wer aus dem Verbrennen von Kohle und Gas herauswill, braucht beides, und beides wächst nur mit dem Zubau von Wind und Sonne. In Lübbenau sollen bald bis zu 100.000 KI-Chips mit erneuerbarem Strom rechnen, über die Anschlüsse eines Kraftwerks, das einmal Braunkohle verfeuert hat.
Alle Teile des Realitätschecks stehen gesammelt auf der Themenseite zu Fritz Vahrenholt.
QUELLEN
- Apollo News: „Energie-Knappheit im Winter: Neue Schockzahlen – Vahrenholt.”, Video vom 5. November 2026.
- PowerCo / Volkswagen: Pressemitteilung „Start der europäischen Batteriezellfertigung: PowerCo nimmt Gigafactory Salzgitter in Betrieb”, 17. Dezember 2025.