STAND DER FUSIONSFORSCHUNG · AKTUALISIERT 29. SEPTEMBER 2026
Quelle: ITERWie Forscher und Unternehmen die Kernfusion ans Netz bringen wollen
Forscher in Kalifornien, Europa und China haben bei der Kernfusion Rekorde aufgestellt, Strom ins Netz hat noch niemand geliefert. Helion peilt 2028 an, Commonwealth Fusion Systems die frühen 2030er, ITER beginnt 2034 mit dem Forschungsbetrieb.
Die Bundesregierung will das weltweit erste Fusionskraftwerk in Deutschland errichten. Das Kabinett beschloss dafür im Herbst 2025 einen Aktionsplan, Forschungsministerin Dorothee Bär stellte im März 2026 für die laufende Legislaturperiode 2,4 Milliarden Euro in Aussicht. Auch private Geldgeber investieren: Cleantech-Unternehmen der Kernfusion haben ihr eingesammeltes Kapital laut Branchenverband FIA von 2021 bis 2025 verfünffacht.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält dagegen. Im Wochenbericht 13/2025 halten die Autor*innen um Claudia Kemfert und Christian von Hirschhausen fest: Eine kommerzielle Energieerzeugung mit Kernfusion ist nicht absehbar. Zwischen diesen Polen streiten Politik, Forschung und Investoren, oft mit unscharfen Begriffen.
Die Unschärfe hat einen Grund: Wer von einem Durchbruch spricht, meint selten dasselbe. Ein Rekord in der Plasmaphysik, ein Energiegewinn im Brennstoff und Strom aus der Steckdose liegen Jahrzehnte auseinander. Wer die drei Stufen trennt, sieht klarer, wo Forschungszentren und Unternehmen im September 2026 stehen.
Inhalt
Wie funktioniert Kernfusion
Bei der Kernfusion verschmelzen leichte Atomkerne, meist die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium, zu Helium und setzen dabei Energie frei. Damit das gelingt, müssen Physiker den Brennstoff auf mehr als 100 Millionen Grad Celsius erhitzen und lange genug zusammenhalten. Die Kerne geben dabei einen kleinen Teil ihrer Masse als Energie ab, erklärt das Lawrence Livermore National Laboratory.
Für das Zusammenhalten gibt es zwei Wege. Beim magnetischen Einschluss sperren starke Magnetfelder das heiße Plasma in eine ringförmige Vakuumkammer. Der Tokamak erzeugt den Käfig zum Teil über einen Strom im Plasma selbst, der Stellarator allein über kompliziert verdrehte Spulen. Tokamaks sind einfacher gebaut und besser erforscht, Stellaratoren kommen ohne Plasmastrom aus und eignen sich damit für den Dauerbetrieb.
Beim Trägheitseinschluss feuern Laser auf eine pfefferkorngroße Kapsel mit gefrorenem Brennstoff. Die Kapsel implodiert mit mehr als 400 Kilometern pro Sekunde, und die Kerne verschmelzen, bevor der Brennstoff auseinanderfliegt. Die deutschen Cleantech-Unternehmen Marvel Fusion und Focused Energy setzen auf diese Laserfusion, Proxima Fusion und Gauss Fusion auf den Stellarator.
Welche Rekorde haben Forscher bei der Kernfusion aufgestellt
Forschungsteams haben an den großen Anlagen physikalische Rekorde bei Energieausbeute, Pulsdauer und Plasmaqualität aufgestellt. Eine Anlage, die mehr Energie abgibt, als sie insgesamt verbraucht, hat noch kein Labor gebaut. Wer die Fortschritte einordnet, muss drei Reifegrade trennen: Physik-Rekord, Netto-Energiegewinn der Anlage und Netzstrom.
Den bekanntesten Rekord halten die Forscher der National Ignition Facility in Kalifornien. Am 5. Dezember 2022 erzeugten sie 3,15 Megajoule Fusionsenergie aus 2,05 Megajoule Laserenergie und erreichten damit die Zündung. Am 7. April 2025 steigerte das Team die Ausbeute auf 8,6 Megajoule, der Target-Gewinn lag bei 4,13. Die Rechnung bezieht sich allerdings nur auf die Laserenergie, die das Ziel erreicht, nicht auf den Strom, den die Laseranlage zieht.
Bei der Magnetfusion setzten europäische Forscher am Tokamak JET in Großbritannien am 3. Oktober 2023 einen Energierekord: 69 Megajoule in 5,2 Sekunden aus 0,2 Milligramm Brennstoff. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik betont, dass JET dabei keine positive Energiebilanz erreichte. Nach Angaben des Instituts ist das mit allen heutigen Magnetfusionsexperimenten physikalisch unmöglich, erst eine Anlage in der Größe von ITER kann es schaffen.
Am chinesischen Tokamak EAST in Hefei hielten Forscher am 20. Januar 2025 ein Plasma im Hochleistungsmodus 1.066 Sekunden lang stabil, laut Chinesischer Akademie der Wissenschaften ein Weltrekord. Das Team am Stellarator Wendelstein 7-X in Greifswald erreichte am 22. Mai 2025 über 43 Sekunden einen Rekordwert beim Tripelprodukt aus Dichte, Temperatur und Energieeinschlusszeit. Für lange Plasmadauern übertraf es damit die besten Tokamaks.
| Projekt | Ansatz | Land | Erreicht (Jahr) | Ziel/Plan |
|---|---|---|---|---|
| NIF (LLNL) | Laser, Trägheitseinschluss | USA | Zündung 2022; 8,6 MJ, Target-Gewinn 4,13 (2025) | Forschungsanlage, kein Kraftwerk |
| JET | Tokamak | Großbritannien/EU | 69 MJ in 5,2 s ohne positive Energiebilanz (2023) | 2023 stillgelegt |
| EAST | Tokamak | China | 1.066 s Hochleistungsplasma (2025) | Vorarbeit für ITER und chinesische Folgeanlagen |
| Wendelstein 7-X (IPP) | Stellarator | Deutschland | Rekord-Tripelprodukt über 43 s (2025) | Kraftwerkstauglichkeit des Stellarators belegen |
| ITER | Tokamak | international, Standort Frankreich | Montage, neue Baseline (2024) | Forschungsbetrieb 2034, Deuterium-Tritium 2039, Q≥10 |
| SPARC/ARC (Commonwealth Fusion Systems) | Tokamak mit Hochtemperatur-Supraleitern | USA | SPARC in Endmontage (2026) | ARC mit 400 MW netto in Virginia, frühe 2030er |
| Polaris/Orion (Helion) | gepulste Magnetfusion | USA | Deuterium-Tritium-Fusion, 150 Mio. °C (2026) | Strom für Microsoft ab 2028 |
| Alpha (Proxima Fusion) | Stellarator | Deutschland | 411 Mio. Euro Finanzierung (2026) | Demonstrationsanlage in Garching |
| Marvel Fusion | Laser, Trägheitseinschluss | Deutschland/USA | Laseranlage ATLAS an der CSU im Bau (2026) | Forschungsplattform für eigenes Laserkonzept |
| GIGA (Gauss Fusion) | Stellarator | Deutschland | Konzeptentwurf mit 1.000 Seiten (2025) | erstes Kraftwerk Mitte der 2040er, 15 bis 18 Mrd. Euro |
Quellen: LLNL, IPP, CAS, ITER Organization, Unternehmensangaben von CFS, Helion und Gauss Fusion, Max-Planck-Gesellschaft, Colorado State University. Stand: September 2026.
Wann beginnt ITER mit der Kernfusion
Die ITER-Organisation will nach ihrem Zeitplan von 2024 im Jahr 2034 den Forschungsbetrieb aufnehmen und 2039 erstmals Kernfusion mit Deuterium und Tritium betreiben. Die volle magnetische Energie will sie 2036 erreichen, drei Jahre später als 2016 geplant. Den Beginn der Deuterium-Tritium-Phase verschiebt die neue Baseline um vier Jahre.
Generaldirektor Pietro Barabaschi stellte den Plan am 3. Juli 2024 vor und nannte als Gründe die Pandemie und Reparaturen an zentralen Bauteilen. Die ITER-Organisation beziffert ihre Mehrkosten auf fünf Milliarden Euro, die Mitgliedsstaaten prüfen die Zahl noch. Die Gesamtkosten lassen sich schwer beziffern, weil die Mitglieder den größten Teil als Sachleistungen liefern. Das DIW schätzt sie auf 20 bis 40 Milliarden Euro, ursprünglich waren fünf Milliarden veranschlagt.
Die Physiker wollen mit ITER 500 Megawatt thermische Fusionsleistung aus 50 Megawatt Heizleistung erzeugen. Das entspricht einem Verstärkungsfaktor Q von mindestens zehn, bei Pulsen von 400 Sekunden. Strom erzeugen soll die Anlage nicht, sie dient als Experiment. Die Forscher tauschen außerdem Beryllium gegen Wolfram als Material der ersten Wand, gestützt auf Ergebnisse der Garchinger Anlage ASDEX Upgrade.
Welche Unternehmen wollen das erste Fusionskraftwerk bauen
Am weitesten fortgeschritten sind die US-Unternehmen Commonwealth Fusion Systems und Helion, die beide konkrete Kraftwerksstandorte und Stromabnehmer haben. In Deutschland treiben Proxima Fusion, Gauss Fusion, Marvel Fusion und Focused Energy eigene Konzepte voran. Der Branchenverband Fusion Industry Association zählte im Juli 2025 insgesamt 9,77 Milliarden US-Dollar Finanzierung für 53 Unternehmen.
Commonwealth Fusion Systems ging 2018 aus dem MIT hervor und gewann früh Energiekonzerne als Investoren, darunter Eni und Equinor. Im Juli 2026 sammelte das Unternehmen weitere eine Milliarde US-Dollar ein und kommt damit auf vier Milliarden. CFS montiert in Devens bei Boston den Versuchsreaktor SPARC, der erstmals mehr Energie aus dem Plasma holen soll, als hineingeht. Das Kraftwerk ARC in Virginia soll laut fünf begutachteten Fachartikeln dauerhaft 400 Megawatt netto liefern.
Helion aus Everett bei Seattle hat Microsoft bereits 2023 Strom ab 2028 zugesagt. Seit Juli 2025 baut das Unternehmen dafür das Kraftwerk Orion in Malaga im Bundesstaat Washington. Im Februar 2026 meldete Helion, sein Prototyp Polaris habe als erste private Anlage Deuterium-Tritium-Fusion und 150 Millionen Grad erreicht. Helion stützt die Angaben auf eigene Messungen, die externe Fachleute wie der Plasmaphysiker Ryan McBride nach eigener Aussage eingesehen haben.
Proxima Fusion, die erste Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, schloss im Juli 2026 eine Finanzierungsrunde über 411 Millionen Euro ab. Mit dem Freistaat Bayern, RWE und dem IPP will das Unternehmen in Garching die Stellarator-Demonstrationsanlage Alpha bauen. Die dafür eingeplanten 1,2 Milliarden Euro vom Bund hatte die Bundesregierung laut Max-Planck-Gesellschaft im Juli 2026 noch nicht zugesagt.
Gauss Fusion aus Berlin legte im Oktober 2025 einen Konzeptentwurf für das Kraftwerk GIGA vor. Das Unternehmen rechnet mit 15 bis 18 Milliarden Euro bis zum Netzanschluss Mitte der 2040er Jahre.
Marvel Fusion aus München sammelte laut FIA in der Serie B 113 Millionen Euro ein. Mit der Colorado State University baut das Unternehmen die Laseranlage ATLAS, die 2026 fertig werden soll. Wie Marvel seine Laserfusion finanziert und welches Prinzip dahintersteht, hat Cleanthinking ausführlich beschrieben.
Wie fördert die Bundesregierung die Kernfusion
Die Bundesregierung fördert die Kernfusion über den Aktionsplan Fusion, den das Kabinett auf seiner Klausur beschlossen und das Forschungsministerium BMFTR am 1. Oktober 2025 vorgestellt hat. Bis 2029 sollen nach Angaben des Forschungsministeriums mehr als zwei Milliarden Euro in Forschung, Infrastruktur und Technologiedemonstratoren fließen. Ein industriegeführtes Konsortium aus vorrangig deutschen Unternehmen soll das erste Kraftwerk errichten.
Das Förderprogramm „Fusion 2040“ und das Energieforschungsprogramm will der Bund auf bis zu 1,7 Milliarden Euro aufstocken. Auf dem ersten Fusionskongress am 24. März 2026 veröffentlichte das BMFTR die Förderrichtlinie für drei nationale Hubs: Magnetfusion, Laserfusion sowie Brennstoffkreislauf und Materialien. Ministerin Bär nannte dort 2,4 Milliarden Euro für die Legislaturperiode, Stand März 2026.
Anlagen zur Kernfusion will die Regierung im Strahlenschutzgesetz regeln, nicht im Atomgesetz. Das Umweltministerium legte am 24. Juni 2026 einen Referentenentwurf vor, das Bundeskabinett beschloss die Novelle am 15. Juli 2026. Ein Kabinettsbeschluss ist noch kein geltendes Recht, darüber entscheiden Bundestag und Bundesrat; die Regierung will das Verfahren 2026 abschließen. Die Initiative .ausgestrahlt kritisiert, dass Haftung und Entsorgung im Strahlenschutzrecht fehlen.
Wann kommt Strom aus Kernfusion
Die Unternehmen nennen für das erste Fusionskraftwerk Jahre zwischen 2028 und Mitte der 2040er. Die vom DIW ausgewerteten Prognosen sehen die kommerzielle Nutzung der Kernfusion erst in rund 40 Jahren. Belastbar ist bisher keiner dieser Termine, weil noch keine Anlage einen Netto-Energiegewinn nachgewiesen hat. Laut Fusion Industry Association erwarten 84 Prozent der befragten Unternehmen Fusionsstrom noch vor Ende der 2030er Jahre.
Das DIW spricht von einer „Fusionskonstante“. Seit Jahrzehnten sagen Fachleute voraus, dass die Kernfusion in 20 bis 40 Jahren verfügbar ist, egal zu welchem Zeitpunkt. Nach der Auswertung des Instituts liegen die aktuellen Schätzungen bei etwa 24 Jahren bis zum Demonstrationskraftwerk.

Die DIW-Forscher empfehlen, knappe Fördermittel nicht technologieoffen auf alle Konzepte der Kernfusion zu verteilen. Sie raten, stärker auf Anwendungen zu setzen, die aus der Fusionsforschung entstehen, etwa bei Magneten und Lasern. Die Bundesregierung setzt mit dem Aktionsplan dagegen ausdrücklich auf Technologieoffenheit bis zum Kraftwerk.
Welche Rolle spielt Kernfusion für die Energiewende
Für die Klimaziele der 2030er und 2040er kommt Strom aus Kernfusion zu spät, bis dahin müssen Solar- und Windparks mit Speichern die Versorgung übernehmen. „Fusion kann nicht rechtzeitig kommen, um die heutigen Probleme unseres Planeten zu lösen“, sagte ITER-Generaldirektor Barabaschi im Juli 2024. Er warb deshalb für Investitionen in andere Technologien.
Das Tempo der Erneuerbaren zeigt den Abstand. Laut der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien kamen 2025 weltweit 692 Gigawatt erneuerbare Leistung hinzu, davon 511 Gigawatt Photovoltaik und 159 Gigawatt Wind. Das erste Kraftwerk von CFS soll 400 Megawatt liefern, das entspricht weniger als einem Tausendstel des Solarzubaus eines Jahres. Ein Fusionskraftwerk würde zwar deutlich mehr Stunden im Jahr laufen, am Größenverhältnis ändert das wenig.
Die Versorgung rund um die Uhr lösen Projektierer schon heute mit Batterien, wie Ember-Daten zu Solar plus Speicher als Grundlast zeigen. Mit der Kernspaltung hat die Kernfusion physikalisch wenig gemein. Auch kleine modulare Spaltreaktoren lösen das Zeitproblem nicht, argumentiert der Physiker Harald Lesch in seiner Kritik an den SMR-Plänen von Ursula von der Leyen. Warum Sonne und Wind mehr Wohlstand versprechen als Mini-AKW, hat Cleanthinking gesondert aufgeschrieben.
Die Kernfusion bleibt damit eine Option für die zweite Jahrhunderthälfte, falls Netto-Energiegewinn, Materialfestigkeit und Tritium-Erbrütung im Dauerbetrieb gelingen. Proxima Fusion, CFS und Helion können in den kommenden Jahren zeigen, ob ihre Versuchsanlagen die Physik liefern, die ihre Kraftwerkspläne voraussetzen.
QUELLEN
- BMUKN: Referentenentwurf eines Gesetzes zum Bürokratierückbau, zur Digitalisierung und zur weiteren Modernisierung des Strahlenschutzrechts, 24.06.2026.
- Max-Planck-Institut für Plasmaphysik: The implications of the new ITER schedule, 03.07.2024.
- .ausgestrahlt: Kernfusion im Strahlenschutzgesetz, reicht das?, 15.07.2026.