PIK
Signifikante Beschleunigung der globalen Erwärmung seit 2015
PIK-Studie belegt: Erwärmungstempo hat sich seit 2015 nahezu verdoppelt – 1,5-Grad-Grenze könnte vor 2030 dauerhaft überschritten werden
Die globale Erwärmung hat sich seit 2015 deutlich beschleunigt. Diese Beschleunigung belegt eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die heute in der Fachzeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlicht wurde. Das Forschungsteam um Stefan Rahmstorf und den US-Statistikexperten Grant Foster hat bekannte natürliche Einflüsse auf die globale Temperatur herausgerechnet und weist die Beschleunigung des Erwärmungstrends erstmals mit einer statistischen Sicherheit von über 98 Prozent nach – konsistent über alle fünf untersuchten globalen Temperaturdatensätze hinweg.
Die ermittelte Erwärmungsrate lag in den vergangenen zehn Jahren bei rund 0,4 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Zum Vergleich: Zwischen 1970 und 2015 betrug der Anstieg im Schnitt etwa 0,2 Grad Celsius pro Dekade. Das Erwärmungstempo hat sich demnach nahezu verdoppelt – und ist höher als in jedem vorherigen Jahrzehnt seit Beginn der systematischen Temperaturmessungen.
„Wir können nun erstmals eine starke und statistisch signifikante Beschleunigung der Erderwärmung nach 2015 belegen,“ sagt Grant Foster. „Entscheidend ist, dass wir aus den Messdaten bekannte, natürliche Schwankungen herausrechnen, sodass das zufällige ‚Rauschen‘ geringer wird und daher das langfristige Erwärmungssignal klarer hervortritt.“
Fünf Datensätze, ein eindeutiges Ergebnis
Kurzfristige natürliche Schwankungen der globalen Temperatur – verursacht durch El Niño, Vulkanausbrüche und solare Zyklen – können Veränderungen der langfristigen Erwärmungsrate überlagern und statistisch verschleiern. Genau dieses Problem macht die Studie von Foster und Rahmstorf zu einem methodischen Meilenstein: Anstatt auf Rohdaten zu schauen, haben sie die Einflüsse der El-Niño-Südlichen-Oszillation (ENSO), vulkanischer Aerosole und der Sonneneinstrahlung systematisch aus den Temperaturdaten entfernt.
Die Analyse basiert auf fünf der weltweit etabliertesten globalen Temperaturdatensätze: NASA GISTEMP, NOAA GlobalTemp, HadCRUT5 (britischer Met Office/Hadley Centre), Berkeley Earth und ERA5 (ECMWF-Reanalyse). In allen fünf Datensätzen finden die Forscher nach der Bereinigung einen signifikanten Änderungspunkt um das Jahr 2015 – bei HadCRU etwas später um 2021 –, ab dem die Erwärmungsrate steil nach oben abknickt.
Die bereinigten Daten zeigen dabei eine bemerkenswerte Konsistenz: Die aktuelle Erwärmungsrate liegt je nach Datensatz zwischen 0,39 und 0,48 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Der ERA5-Datensatz zeigt mit 0,48 °C/Dekade die höchste Rate, NASA und NOAA liegen bei 0,42 °C/Dekade, Berkeley bei 0,43 °C/Dekade. Selbst der konservativste Datensatz (HadCRU mit 0,39 °C/Dekade) liegt deutlich über dem langjährigen Trend von rund 0,2 Grad.
1,5-Grad-Grenze: Dauerhafte Überschreitung droht vor 2030
Die Studie enthält eine alarmierende Prognose in Form konkreter Zahlen: Wird die aktuelle Erwärmungsrate in die Zukunft extrapoliert, würde die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Abkommens in vier der fünf Datensätze bereits 2026 dauerhaft überschritten. Im ERA5-Datensatz liegt der bereinigte Temperaturwert bereits 2024 über 1,5 Grad.

Wichtig zur Einordnung: Das Pariser Abkommen definiert die 1,5-Grad-Grenze als Überschreitung im 20-Jahres-Mittel, nicht als Einzeljahreswert. Dass die globale Temperatur im Kalenderjahr 2024 erstmals die 1,5-Grad-Marke riss, bedeutet also nicht automatisch ein Verfehlen des Pariser Ziels. Doch die Studie zeigt: Selbst nach Herausrechnen des starken El Niño bleibt 2024 das mit Abstand wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Beschleunigung ist also real und nicht bloß ein statistischer Ausreißer.
„Setzt sich die Erwärmungsrate der vergangenen zehn Jahre fort, würde das zu einem langfristigen Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze des Pariser Abkommens vor dem Jahr 2030 führen“, warnt Stefan Rahmstorf.
Methodik: Warum diese Studie anders ist als frühere Analysen
Die Debatte, ob sich die globale Erwärmung beschleunigt, ist nicht neu. Bereits die extrem heißen Jahre 2023 und 2024 nährten den Verdacht. Eine 2024 in Communications Earth & Environment veröffentlichte Change-Point-Analyse der Rohdaten fand jedoch keine statistisch signifikante Beschleunigung – die natürlichen Schwankungen überlagerten das Signal zu stark.
Foster und Rahmstorf aktualisieren in ihrer Studie zunächst genau diese Analyse mit Daten bis 2024. Ergebnis: Auch mit dem neuen Datenpunkt erreicht die Beschleunigung in den Rohdaten keine 95-prozentige Signifikanz – obwohl sie in zwei von fünf Datensätzen immerhin die 90-Prozent-Schwelle überschreitet.
Der entscheidende Schritt ist dann die Bereinigung. Die Forscher verwenden eine etablierte Methode, die sie bereits 2011 in Environmental Research Letters publiziert und für diese Studie weiterentwickelt haben: Sie modellieren den Einfluss von ENSO (gemessen am Southern Oscillation Index), vulkanischen Aerosolen (Aerosol Optical Depth) und Sonneneinstrahlung (Sonnenfleckenzahlen) und subtrahieren diese Effekte von den gemessenen Temperaturen. Die Koeffizienten werden durch ein iteratives Backfitting-Verfahren bestimmt, das nach vier Durchläufen konvergiert.
Nach dieser Bereinigung wenden sie zwei verschiedene statistische Methoden an: Erstens eine Change-Point-Analyse, die objektiv ermittelt, wann sich der Trend signifikant ändert. Und zweitens eine stückweise lineare Regression mit Steigungsänderungen alle zehn Jahre (PLF₁₀). Beide Verfahren kommen unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis: Die jüngste Dekade zeigt eine signifikant steilere Erwärmung als alle vorherigen Zeiträume seit 1945.
Ergänzend berechnen die Forscher eine LOWESS-Glättung, die graduelle statt abrupte Trendänderungen abbildet. Auch diese zeigt: Die Erwärmungsrate hat sich von 0,15 bis 0,2 Grad pro Dekade in den 1980er und 1990er Jahren auf mehr als das Doppelte in der jüngsten Vergangenheit beschleunigt.
Was die „Klimapause“ war – und warum sie nie real war
Die Studie liefert auch den endgültigen Beleg gegen ein hartnäckiges Narrativ der Klimawandelleugner: die angebliche „Klimapause“ der 2000er Jahre. Damals spekulierten Skeptiker, die Erwärmung habe aufgehört oder sich verlangsamt. Bereits eine 2018 publizierte Analyse zeigte, dass diese Verlangsamung statistisch zu keinem Zeitpunkt signifikant war. Die neue Studie bekräftigt: In den bereinigten Daten ist die angebliche Pause schlicht nicht existent. Was es gab, war natürliche Variabilität – nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Umso bemerkenswerter ist der Kontrast zur aktuellen Situation: Während die vermeintliche Pause trotz großer medialer Aufmerksamkeit nie statistisch belastbar war, ist die Beschleunigung seit 2015 dies nun eindeutig.
Ursachensuche: Sauberere Luft als Treiber?
Die Studie von Foster und Rahmstorf analysiert bewusst nur die Daten, nicht die Ursachen der Beschleunigung. Allerdings verweisen die Autoren auf eine in der Wissenschaft diskutierte Hypothese: die Verringerung von Aerosolpartikeln in der Atmosphäre als möglicher Treiber.
Das klingt zunächst paradox – sauberere Luft als Beschleuniger der Erwärmung? Doch der Effekt ist physikalisch gut verstanden: Winzige Schmutzpartikel (Aerosole) reflektieren Sonnenstrahlung und wirken damit kühlend auf das Klima. Verschärfte Luftreinhaltungsvorschriften, etwa die IMO-Regulierung des Schwefelgehalts in Schiffstreibstoffen seit 2020, könnten diesen kühlenden Schirm teilweise entfernt haben.
Forscher der Universität Leipzig haben hierzu kürzlich konkretere Daten vorgelegt. Allerdings weisen Foster und Rahmstorf darauf hin, dass die Unsicherheiten bei der Quantifizierung dieses Effekts noch erheblich sind. Die Frage, welcher Anteil der Beschleunigung auf reduzierte Aerosole, welcher auf steigende Treibhausgaskonzentrationen und welcher möglicherweise auf noch unverstandene Rückkopplungen im Klimasystem zurückgeht, bleibt offen.
Auch James Hansens Team hatte 2025 in einer eigenen Analyse argumentiert, die Erwärmung habe sich beschleunigt – allerdings mit einer anderen methodischen Herangehensweise, die auch die Aerosolwirkung stärker in den Fokus rückt. Die Foster/Rahmstorf-Studie ergänzt diese Arbeit um den fehlenden statistischen Beweis.
Was folgt daraus politisch?
Die Botschaft der Studie ist unmissverständlich: Die Erde erwärmt sich schneller als bisher angenommen, und jedes weitere Zehntel Grad verschärft die Konsequenzen – mehr Extremwetter, steigende Meeresspiegel, Kipppunkte im Klimasystem, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen.
„Im aktuellen politischen Klima ist es jedoch durchaus möglich, dass sich die Erwärmung in ihrem raschen Tempo fortsetzt oder sogar noch weiter beschleunigt,“ geben die beiden Wissenschaftler als düstere Prognose ab. „Wie schnell sich die Erde weiter erwärmt, hängt letztlich davon ab, wie rasch wir die globalen CO₂-Emissionen aus fossilen Energien auf null reduzieren.“
In einer Zeit, in der in Deutschland unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Rückkehr zu fossilen Strukturen vorangetrieben wird und der US-Präsident den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen vollzogen hat, ist diese Studie ein wissenschaftlicher Weckruf. Die Physik verhandelt nicht. Und die Uhr tickt schneller, als die Politik wahrhaben will.
Die Studie „Global Warming has Accelerated Significantly“ von Grant Foster und Stefan Rahmstorf wurde am 6. März 2026 in den Geophysical Research Letters veröffentlicht. (DOI: 10.21203/rs.3.rs-6079807/v1).
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.