Die Mutmacher: So gelingt der Weg raus aus fossiler Ohnmacht

Cleanthinking-Leser zeigen, wie sie trotz Krisen die Elektrifizierung meistern und fossiler Panik entrinnen.

In unserer Serie „Die Mutmacher“ erzählen Cleanthinking-Leser, wie sie das Heft des Handelns selbst in die Hand genommen haben. Sie elektrifizieren ihre Häuser, verabschieden sich von Öl und Gas, machen sich unabhängig von Preisschocks und autokratischen Regimen. Ihre Transformations-Geschichten zeigen: Es gelingt – nicht trotz der Krisen, sondern oft gerade wegen ihnen.

Denn die Polykrisen der vergangenen Jahre haben die Dringlichkeit verschärft: Krieg in der Ukraine, Krieg im Nahen Osten, explodierende Gaspreise, Inflation, schwindende Kaufkraft. Gleichzeitig trommelt das fossile Panikorchester aus Lobbyverbänden und Boulevardmedien lauter denn je – die Energiewende sei unbezahlbar, die Technik unausgereift, der Weg eine Zumutung. Die Mutmacher in dieser Serie beweisen das Gegenteil.


Es sind keine perfekten Geschichten, sondern ehrliche. Manche kämpfen mit Bürokratie, andere mit knappen Budgets, wieder andere mit skeptischen Nachbarn. Aber alle eint die Überzeugung, dass Abwa9rten teurer ist als Handeln – und dass die eigene Energieversorgung selbst zu gestalten nicht nur dem Klima dient, sondern dem eigenen Geldbeutel und der eigenen Unabhängigkeit.

Den Auftakt bilden Mutmacher Martin – Gründer von Cleanthinking.de -, und Mutmacherin Nabil (siehe unten). Täglich um 12 Uhr gibt es eine weitere Transformations-Geschichte aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

Mutmacher Martin: 100 Euro im Monat für Strom, Wärme und Mobilität

Als Mutmacher Martin 2012 mit seiner Familie ein Haus in Leipzig baut, steht eines von Anfang an fest: kein Gas, kein Öl. Der Cleanthinking-Gründer entscheidet sich für ein Holzfertighaus von Luxhaus – einem Anbieter, der am Produktionsstandort Holzreste als Hackschnitzel für die eigene Energieversorgung nutzt. Dazu kommt eine Tecalor-Wärmepumpe mit zwei Solarthermie-Kollektoren und eine Lüftungsanlage, die das Haus zu jeder Jahreszeit versorgt. Der Grundstein für die Unabhängigkeit ist gelegt.

Fünf Jahre später folgt der nächste Schritt: 2017 installiert Martin 9,6 kWp Solarmodule in Ost-West-Auslegung auf dem versetzten Pultdach, dazu einen Stromspeicher von E3/DC und ein Smart Meter. „Die Transparenz zu sehen, wie viel Strom wir wirklich verbrauchen, war ein Aha-Moment“, sagt er. Der Autarkiegrad liegt bei 45 bis 55 Prozent – kein Spitzenwert, aber ein solides Fundament.

2018 kommt das erste Elektroauto. Der Auslöser ist kurios: Martin ärgert sich über seinen geleasten VW Touran, weil sich sein Samsung-Handy nicht mit dem Infotainment-System verbinden lässt. Als das Leasing ausläuft, ist klar: nie wieder Verbrenner. Über Nextmove, Deutschlands größte reine E-Auto-Vermietung, testet er sich durch – Smart, Nissan Leaf, Hyundai Kona. Der Kona begeistert ihn so sehr, dass er ihn über mehrere Jahre least.

Eine Lademöglichkeit zuhause hat er zu dem Zeitpunkt nicht. Aber Martin macht aus der Not eine Routine: Einkaufen bei Kaufland oder Globus, Parkhaus mit Ladesäule nutzen – damals oft noch kostenlos. Einmal fährt er mit seiner Tochter zum Porsche-Werk, wo sie gemeinsam das kleine Porsche-Museum anschauen, während das Auto lädt.

Die erste Langstrecke mit dem Kona führt 400 Kilometer von Leipzig nach Ritterhude bei Bremen zu Solarteur Holger Laudeley. Die beiden verquatschen sich, der Kona bekommt Ökostrom direkt vom Dach aus Laudeleys Solar Valley. Als Martin abends um 18 Uhr müde aufbricht, verlässt er sich auf den Assistenten des Kona – Abstand halten, Spur halten, 400 Kilometer halb-autonom zurück nach Leipzig.

Wir zeigen dir hier die Menschen, die beweisen, dass „unperfekt das neue Perfekt“ ist und dass man kein Millionär sein muss, um die fossile Welt hinter sich zu lassen:

Mutmacher Martins Partnerin: Von Opel zu Leapmotor

Auch Mutmacher Martins Partnerin steigt um. Als überzeugte Opel-Fahrerin fährt sie bereits ihr zweites E-Auto, einen Mokka-e. Als sie beim Opel-Händler nach einem etwas größeren Modell fragt, stellt man ihr den Leapmotor B10 vor – ein Elektro-SUV aus dem Stellantis-Konzern, der künftig in Europa produziert wird und dessen Technik auch in Opel-Modelle einfließen soll. Preis vergleichbar, mehr Platz, starke Digitalisierung. Ein europäisches Auto mit chinesischer Innovation.

2025 folgt der nächste Investitionsschub – und der ist eigentlich eine witzige Geschichte. Denn das Haus mit versetztem Pultdach ist alles andere als ideal für Photovoltaik. Die erste Anlage verteilt sich auf die Rückseite Richtung Garten, die bis spät in den Abend Solarstrom liefert, und das Flachdach des Anbaus, in dem das Cleanthinking-Büro ist – hier kommt im Sommer bereits ab 5:30 Uhr morgens Sonne auf die nach Osten ausgerichteten Module.

Dazwischen lagen jahrelang ungenutzte Flächen: eine Garage mit Asbest-Altlast auf dem Dach und eine Lücke zwischen Garage und Haus. Inzwischen ist das Asbestdach saniert und ein Carport dazugekommen. Es gibt zwar nur noch ein Auto in der Familie, aber dafür zwei neue Flachdächer mit Platz für Solarmodule. Die Erweiterung kostet rund 25.000 Euro, dazu kommt die erste Wallbox.

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Seit Januar 2026 nutzt Martin einen dynamischen Stromtarif von Octopus Energy. Statt 30,5 Cent pro Kilowattstunde zahlt er jetzt voraussichtlich 22 bis 24 Cent. Das Ergebnis: Bei rund 80 Prozent Eigenverbrauch bleiben etwa 4.000 kWh Reststrombezug im Jahr. Macht rund 100 Euro im Monat – für Strom, Heizung und das E-Auto zusammen.

In Martins Straße in Leipzig stehen rund 30 Einfamilienhäuser. Genau eines davon hat neben seinem Solarmodule auf dem Dach. Den Spruch „Das rechnet sich doch nie“ kennt er gut – aber zu einer echten Diskussion kommt es nie. Der Rest: pure Ignoranz. Dabei zeigen seine Zahlen das Gegenteil.

War der Weg perfekt? Nein. Der erste Speicher war zu klein und fiel im Winter regelmäßig aus, weil er in der unbeheizten Garage stand – heutige Lithium-Eisenphosphat-Batterien sind zuverlässiger. Die Solarthermie würde er heute durch mehr PV-Fläche ersetzen. Aber genau das ist der Punkt.

Martins Rat an Zögerer: „Rational kalkulieren, dann emotional entscheiden. Wer es sich leisten kann, sollte nicht auf ein bis zwei Jahre Amortisation schauen. Solarmodule halten 30 Jahre, Batteriespeicher 20 – das rechnet sich eigentlich immer.“ Und der dynamische Stromtarif? „Die absolute Königsklasse. Macht jeden Tag Spaß, die Preisentwicklung an der Börse zu sehen. Ist noch ein bisschen Aufwand, bis die KI das selbst steuert. Aber das kommt – in vielleicht zwei Jahren.“

Und die Tochter von Mutmacher Martins? Das Managen von Solarstrom, Netzbezug und Speicherladung interessiert die Zehnjährige noch nicht besonders. Aber sie findet cool, dass ihr Playmobil-Haus auch Solarzellen hat.

Mutmacher Nabil
Eigenheim · Südhessen

Mutmacher Nabil: Vom Dienstwagen-Hybrid zur Sektorenkopplung

Schritt für Schritt hat Nabil sein Eigenheim elektrifiziert – mit gebrauchten E-Autos und PV vom Dach.

Der Clou: Gebrauchte E-Autos und smarte Sektorenkopplung mit kleinem Budget.

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Mutmacherin Svenja
Erscheint am Montag, 17. März
„Wir wollten keinen Krieg mitfinanzieren!“
Altbau 1932 · Eigenleistung · NRW
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Das sind Beispiele von Besserverdienern. Über 50% der Deutschen wohnen in Mietwohnungen und der Median-Nettoverdienst liegt bei etwa 2.100 € bis 2.300 € pro Monat. Die Nettorente bei etwa 1.300 – 1.400 €.

Armut nimmt immer weiter zu und Eigenheime, E-Autos und eigene PV-Anlagen, etc. für Normalbürger unbezahlbar.

Ich habe 1.500 Euro Rente, ich habe mit einer kleinen Inselanlage für 600 Euro angefangen, als nächstes habe ich meinen Mercedes Vito verkauft und davon einen Kabinenroller gekauft und einen Dachgepäckträger und eine Solarplatte. Danach eine Splitklimaanlage zum heizen für 500 Euro. Mit jeder Investition hatte ich mehr Geld zum sparen übrig. Nach einem Unfall habe ich mir vom Geld der Versicherung meinen jetzigen Solarcamper gekauft. Wenn man etwas ändern möchte an der Abhängigkeit und den laufenden Kosten dann gibt es auch Wege für Arme Menschen, zum Beispiel für 300 Euro ein Balkonkraftwerk.

[…] Alle Geschichten der Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite: Die Mutmacher […]

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