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Strom im Überfluss: Was an Ostern 2026 im Stromnetz passiert
175 Prozent Erneuerbare, negativer Börsenpreis, Kohle und Gas fast vollständig verdrängt
Ostersonntag, 5. April 2026. Es ist windig im ganzen Land und sonnig im Süden. Die Industrie steht still. Erneuerbare Energien liefern 175 Prozent des deutschen Strombedarfs. Deutschland produziert fast doppelt so viel sauberen Strom, wie es verbraucht. Die Stromampel von Fraunhofer ISE steht auf Tiefgrün. Strom im Überfluss. Den ganzen Tag.
Um 6 Uhr morgens liegt der Börsenstrompreis bei minus 3 Euro pro Megawattstunde. Strom kostet nicht nur nichts – Erzeuger müssen draufzahlen, damit jemand ihn abnimmt. Noch bevor die Sonne in Bayern aufgeht. Rein durch Windkraft. Und das ist erst April. Was im Sommer passiert, wenn die Sonne täglich zwölf Stunden liefert, kann man sich ausmalen.
Kohle und Gas verschwinden aus dem Netz
Der Strommix der vergangenen vier Tage zeigt den Wandel im Zeitraffer. Am 2. und 3. April haben Kohle und Gas noch deutliche Anteile. Am Karfreitag schrumpfen sie. Am Ostersonntag sind sie praktisch verschwunden – ein dünner Strich im Chart.

Bereits morgens um 7 Uhr liefert Wind allein 44 Gigawatt. Das ist mehr als der gesamte Feiertagsverbrauch. 11,5 Gigawatt fließen zu dieser Zeit schon ins europäische Ausland – nach Österreich, in die Schweiz, nach Polen. Pumpspeicher laden. Bis 9 Uhr ist der Strommix tiefgrün geworden. Und dann kommt ab Vormittag die Sonne dazu: München meldet 21 Grad bei wolkenlosem Himmel. Der Preis fällt weiter. Und trotzdem bleibt Strom übrig.
Um 14 Uhr erreicht der Börsenpreis minus 114 Euro pro Megawattstunde. Erzeuger zahlen also mehr als 11 Cent pro Kilowattstunde dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt. Das ist eine enorme Herausforderung für das Stromnetz. Aber es ist keine unkontrollierte Situation.
Der Day-Ahead-Markt hat diesen Preis am Vortag angekündigt. Die Netzbetreiber wissen, was kommt. Sie regeln Erzeugung ab, steuern Exporte, aktivieren Speicher. Das System arbeitet unter Hochdruck – aber es arbeitet. Ein Blackout ist das Gegenteil von dem, was hier passiert. Das Netz hat nicht zu wenig Strom. Es hat zu viel.

Wer profitiert?
Kunden mit dynamischem Stromtarif spüren es sofort. Anbieter wie Octopus Energy oder Tibber reichen den Börsenpreis durch. Wer heute sein E-Auto lädt oder die Wärmepumpe laufen lässt, zahlt rund 4 Cent pro Kilowattstunde. Generell schwankt der Gesamtpreis gewöhnlich zwischen 17 und selten 45 oder 50 Cent. Um die günstigen Stunden wirklich auszunutzen, braucht es neben dem dynamischen Tarif einen Stromspeicher.

Wer noch keine Solaranlage hat, kann trotzdem einsteigen: 1Komma5° etwa verkauft intelligente Stromspeicher, die auch ohne eigene PV-Anlage funktionieren. Der Speicher lädt sich automatisch, wenn der Börsenpreis niedrig ist, und versorgt den Haushalt, wenn er steigt. Gleichzeitig wird er Teil eines virtuellen Kraftwerks – und senkt so den Strompreis des Kunden.
Wie kommen 4 Cent zustande? Auf jede Kilowattstunde fallen Netzentgelte, Umlagen und Steuern an – in Leipzig zum Beispiel rund 17 Cent. Dieser Anteil ist normalerweise fix. Aber wenn der Börsenpreis tief genug ins Negative rutscht, frisst die dynamische Komponente den größten Teil dieser Fixkosten auf. Aus 17 Cent werden 4 Cent. Der Strom selbst ist an diesem Tag nicht nur kostenlos – er subventioniert die Abgaben gleich mit.
Aber auch alle anderen Stromkunden profitieren. Negative Börsenpreise senken die Systemkosten. Das wirkt sich mittelfristig auf die Tarife aus. Seit Januar 2026 sinken die Haushalts-Strompreise bereits. Der Durchschnittspreis für Neukunden liegt bei rund 27 Cent – weit unter dem Krisenhoch von 47 Cent.
Am unmittelbarsten profitiert die energieintensive Industrie. Wer Strom direkt an der Börse kauft, bekommt ihn an solchen Tagen geschenkt. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE sagt klar: Ohne die Erneuerbaren wären die Preissteigerungen durch die Iran-Krise bei Gas und Öl erheblich stärker. Erneuerbare wirken preisdämpfend. Nicht irgendwann. Jetzt.
Was wäre möglich?
Bemerkenswert sind die Schlagzeilen, die genau an diesem Wochenende erscheinen. Der Münchner Merkur schreibt von vervierfachten Börsenstrompreisen. Focus warnt vor einem kommenden Preisschub. Beide beziehen sich auf Terminmarkt-Futures – Finanzprodukte, die mit dem heutigen Endkundenpreis nichts zu tun haben. Frank-Thomas Wenzel berichtet dagegen im RND auf Basis von Fraunhofer-ISE-Daten: Strom wird billiger, nicht teurer. Aber „Strom wird billiger“ bringt halt keine Klicks.

In allen Medien ist von Energiekrise die Rede. Dabei zeigt dieser Ostersonntag: Es ist keine Energiekrise. Es ist eine Fossilkrise. Gas wird teurer, Öl wird teurer, Diesel wird teurer. Aber der Strompreis läuft nicht mehr synchron mit den fossilen Brennstoffen. Er hat sich entkoppelt. Weil Sonne und Wind keine Rohstoffrechnung schicken.
Die eigentliche Frage dieses Ostersonntags ist: Was fangen wir mit dem Überfluss an? Im Moment wird exportiert, gespeichert – oder abgeregelt. In Bayern werden PV-Anlagen gedrosselt, weil das Verteilnetz den Strom nicht aufnehmen kann. Saubere Energie, die nie beim Verbraucher ankommt. Es ist so entscheidend, Strom im Überfluss als Chance zu begreifen – nicht als Problem.
Dabei gäbe es so viel zu tun. Recyclinganlagen könnten im Winter Metallschrott sammeln und die Schmelzöfen anwerfen, wenn der Strom fast nichts kostet. Elektrolyseure könnten grünen Wasserstoff produzieren, sobald der Preis ins Negative dreht. Rechenzentren könnten KI-Training und Simulationen in die Überschuss-Stunden schieben. Strom im Überfluss zu Null Grenzkosten fördert Kreativität und Geschäftsmodelle.
Ausblick: Strom im Überfluss als Einladung
Das fossile System war auf Knappheit gebaut. Knapper Brennstoff, hoher Preis. Erneuerbare funktionieren anders. Sie produzieren in Wellen. Manchmal zu wenig, manchmal zu viel. Die Aufgabe ist nicht mehr, genug Strom zu erzeugen. Die Aufgabe ist, ihn klug zu nutzen.
Experten rechnen für 2026 mit 700 bis 900 Stunden negativer Börsenpreise. Solche Tage wie heute werden häufiger. Wer einen dynamischen Tarif abschließt, macht den ersten Schritt. Wer als Unternehmer seine Prozesse auf das Preissignal ausrichtet, baut an einer Industrielogik, die billiger und sauberer ist als alles, was das fossile Casino zu bieten hat.
Der Strom ist da. Die Frage ist nur, ob wir ihn clever nutzen.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.
[…] rechnen für 2026 mit 700 bis 900 Stunden negativer Preise. Die Frage ist nicht mehr, ob es Strom im Überfluss gibt. Die Frage ist, wie möglichst viele Menschen in Deutschland von der Electrotech-Revolution […]