Klimazertifikate aus China: Betrug im System

KLIMAPOLITIK · 27. MAI 2026

Klimazertifikate-Betrug: Das Phantom-Klimaziel

Gefälschte chinesische Klimazertifikate haben in mindestens neun EU-Ländern den Treibhausgas-Ausgleich gesetzlich erfüllt - auf dem Papier. Eine Bloomberg-Recherche legt jetzt das volle Ausmaß offen. Und trifft die EU in einem Moment, in dem sie dasselbe Instrument ins 2040-Klimaziel einbaut.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Im Changqing-Ölfeld in der chinesischen Lössebene standen auf dem Papier Anlagen, die Gas auffingen, das sonst in die Atmosphäre entwichen wäre. Fast 120.000 Tonnen CO₂-Äquivalent sollten dort eingespart werden. Österreich, Polen und Luxemburg registrierten die entsprechenden Projekte und rechneten sie auf ihre nationalen Klimaziele an. Reporterteams von Bloomberg und BloombergNEF besuchten die angegebenen Koordinaten im November 2025. Was sie fanden: frisch aufgewühlte Baugruben, eine aktive Abfackelanlage - und nirgendwo die nötigen Verdichter oder Gasrückgewinnungsanlagen, die laut Projektdokumenten längst in Betrieb sein sollten.

Das ist kein Einzelfall, wie die Recherche zeigt. Es ist das Muster eines Systems: Klimazertifikate-Betrug.

Was UER-Zertifikate waren - und warum sie attraktiv wurden

Die EU führte 2015 das Upstream-Emission-Reduction-System (UER) ein. Ölkonzerne konnten damit ihre gesetzlichen Klimaschutzvorgaben im Verkehrssektor erfüllen, indem sie Projekte in Drittstaaten finanzierten, die CO₂-Emissionen bei der Förderung verminderten. Jedes Zertifikat stand für eine eingesparte Tonne CO₂-Äquivalent. Der Preis kletterte zeitweise auf über 400 Euro pro Zertifikat.

Das Geschäftsmodell war simpel: Statt in Europa teuer zu reduzieren, kaufte man billige Zertifikate aus China. Das UBA genehmigte 66 Projekte, deren Marktwert Bloomberg auf über 1,5 Milliarden Euro schätzt. Prüfen mussten die Projekte deutsche Zertifizierungsgesellschaften - TÜV Rheinland, Müller-BBM Cert und Verico SCE. Deren Testate galten als hinreichende Grundlage.

Im Mai 2024 deckte ZDF Frontal auf, was hinter dieser Grundlage lag: vorgetäuschte Anlagen, falsche Koordinaten, Projekte, die auf Grundstücken registriert waren, die die Antragsteller nicht einmal besaßen. UBA-Präsident Dirk Messner sprach von einem möglichen „Täuschungssystem“ und einem „Supergau“. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin ermittelte gegen 17 Beschuldigte - das Verfahren wurde im Januar 2026 mangels Beweisen eingestellt.

Neun Länder, eine Drehtür

Bloomberg hat jetzt das Bild vervollständigt. Nicht nur Deutschland war betroffen. In mindestens neun europäischen Ländern kauften Konzerne Zertifikate aus Projekten, bei denen vor Ort keine funktionierende Emissionsminderungs-Infrastruktur nachweisbar war - oder bei denen ein und dieselbe Person gleichzeitig als Prüfer und als Projektentwickler agierte.

Letzteres ist der bislang schärfste Befund. Laut Bloomberg-Dokumenten war Jing Wang, bekannt als Robin Wang, im Jahr 2020 sowohl als Prüfer für Verico tätig als auch als Manager bei Beijing Karbon, einer chinesischen Beratungsfirma, die UER-Projekte entwickelte. Wang auditierte später mehr als 20 von Beijing Karbon entwickelte Projekte für den deutschen Markt. Projekte, die er auch für Österreich, Zypern, Estland und Ungarn abzeichnete. Wang ist nicht mehr bei Verico tätig, war für Bloomberg nicht erreichbar.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte Wang zu den 17 Verdächtigen gezählt, bevor das Verfahren eingestellt wurde. Beijing Karbon steht nach Bloomberg-Informationen hinter mindestens 30 der vom UBA als verdächtig eingestuften Projekte - über ein Netz aus Briefkastenfirmen. Die chinesische Wirtschaftszeitung Caixin berichtete 2024, dass Beijing Karbon mindestens fünf UER-Projekte auf Grundstücken registriert hatte, die dem Unternehmen gar nicht gehörten. Die tatsächlichen Eigentümer erfuhren davon erst durch einen Hinweisgeber.

Erschwerend kommt hinzu: GPS-Koordinaten sind in China strukturell unzuverlässig. Das sogenannte Mars-Coordinates-System addiert einen zufälligen Versatz zu realen GPS-Positionen. Fehler bei der Standortverifizierung sind damit schwerer zu entlarven als anderswo. Bloomberg fand eine Projektadresse, die zu einem Bürogebäude in der Kleinstadt Shunning führte. Fünf Fahrminuten entfernt lag die eigentliche Anlage - mit Speichertanks für Flüssiggas, aber ohne jede Gasrückgewinnungs-Infrastruktur.

Kollektiv verkauften die fragwürdigen Projekte außerhalb Deutschlands Zertifikate im Umfang von fast 500.000 Tonnen CO₂ - in Österreich, Polen, Ungarn, Estland, Zypern, Italien, Luxemburg und Großbritannien. Das sind die bisher erfassten Zahlen. Die tatsächliche Menge dürfte höher liegen, weil die Meldung an die Europäische Umweltagentur freiwillig war.

Klimazertifikate-Betrug: Fossile Panik im Zertifikatsgewand

Wer zahlt am Ende? Nicht die Konzerne, die die Zertifikate gekauft haben. BP, Shell, TotalEnergies, OMV, EDF, Exxon, Vitol - alle kauften in gutem Glauben, wie der Zoll versichert. Strafen gibt es keine. Die Klimazertifikate wurden zwar für ungültig erklärt, aber die Klimabilanz des deutschen Verkehrssektors ist damit schlechter als gemeldet. Wer für Benzin oder Heizöl an der Zapfsäule mehr gezahlt hat, weil Konzerne ihre Klimaziele mit diesem System erfüllten, bekommt nichts zurück.

Der Mechanismus ist charakteristisch für das, was im Energiepolitik-Diskurs als fossile Panik beschrieben werden kann: reale Klimaschutzvorgaben erzeugen politischen Druck, der Druck wird durch scheinbar kostengünstige Ausweichinstrumente aufgelöst, und wenn das System versagt, haften die Öffentlichkeit und das Klima - nicht die Nutznießer. Axel Michaelowa von der Universität Zürich, Seniorpartner bei Perspectives Climate Group, nennt das offen „grobe Fahrlässigkeit“ der führenden Prüfgesellschaften.

Jürg Füssler vom Schweizer Beratungsunternehmen Infras und früherer UN-Berater für Kohlenstoffmärkte formuliert das Strukturproblem präzise: „Das offensichtliche Versagen der Regeln für Berichterstattung, Überprüfung und Governance im UER-Fall ist besonders problematisch, weil es von Regierungen betrieben wurde.“ Staatliche Systeme bräuchten strikte Regeln, konsistente Aufsicht, ausreichende Ressourcen und robuste Sanktionsmechanismen.

2040: Gleiche Logik, größere Bühne

Genau hier liegt die eigentliche Brisanz des Bloomberg-Berichts - nicht in den nun abgelaufenen UER-Projekten, sondern in dem, was die EU gerade baut. Im November 2025 beschloss der EU-Rat das neue 2040-Klimaziel: 90 Prozent Treibhausgasminderung gegenüber 1990. Bis zu fünf Prozentpunkte dieser Reduktion dürfen über internationale CO₂-Zertifikate aus Drittstaaten erzielt werden - und das bereits ab 2031.

Das ist eine erhebliche Ausweitung gegenüber dem ursprünglichen Kommissionsvorschlag, der drei Prozentpunkte ab 2036 vorgesehen hatte. Deutschland hatte die ursprüngliche, restriktivere Variante unterstützt. Durchgesetzt haben sich Länder wie Italien, Österreich und die Visegrád-Staaten - dieselben Länder, die im UER-System unter den größten Nutzern fragwürdiger chinesischer Projekte waren.

Fünf Prozent des 2040-Ziels klingt nach wenig. In absoluten Zahlen entspricht das einer gewaltigen Nachfrage nach internationalen Credits - und damit einem erheblichen Anreiz für Entwickler, die aus dem UER-Skandal bekannten Methoden weiterzuverwenden. Die EU-Kommission hat bis heute nicht festgelegt, welche Prüfgesellschaften das neue System überwachen sollen. Bloomberg berichtet, Kommissionsbeamte hätten privat Sorge geäußert, dass es schwer sein werde, die alten Akteure fernzuhalten.

Federico Terreni, Klimapolitikmanager bei Transport & Environment, zieht die direkte Linie vom UER-Skandal zur 2040-Architektur: „Ohne rigorose Absicherung riskiert Europa, seine Klimaanstrengungen zu einem Papiertiger zu machen.“

Was jetzt entschieden werden muss

Die UER-Struktur ist Geschichte. Die Fuel Quality Directive, auf die sie sich stützte, läuft aus. Aber die strukturelle Frage bleibt: Kann ein System, das den Nachweis von Emissionsminderungen in Drittstaaten auf externe Prüfer delegiert, überhaupt gegen systematischen Betrug abgesichert werden?

Die bisherige Evidenz ist eindeutig. Eine Metastudie aus dem Jahr 2024 analysierte Tausende von Klimaschutzzertifikats-Projekten und fand, dass etwa 80 Prozent von ihnen erheblich geringere Klimawirkung erzielten als beansprucht. Das ist kein deutsches oder chinesisches Sonderproblem. Das ist das Grundproblem von Offsetting-Systemen: Der Anreiz, Emissionsminderungen zu übertreiben, ist systemisch und kaum zu eliminieren.

Was die EU bis Ende 2026 definieren muss: welche technischen Standards, welche Kontrollmechanismen und welche Haftungsregeln für internationale Credits im 2040-Rahmen gelten. Bisher hat Brüssel nur erklärt, die Kriterien kämen „später im Jahr“. Für eine Konsultation, die bereits im Mai 2026 abgeschlossen wurde, ist das ein schmales Zeitfenster für tragfähige Antworten.

Sandra Rostek vom Deutschen Biogas-Verband und Vorsitzende der Betroffeneninitiative Stop Climate Fraud bringt es auf den Punkt: „Deutlich strengere Kontrollen sind nötig, um vor Ort zu überprüfen, ob die angeblichen Produktionsanlagen überhaupt existieren und produzieren, was sie behaupten.“ Das klingt selbstverständlich. Beim UER-Klimazertifikate-Betrug-System war es offenkundig nicht.

QUELLEN

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  1. Bloomberg / BNEF (24. Mai 2026): Dubious Chinese Carbon Projects Expose Depth of European Market's Flaws
  2. ZDF Frontal (28. Mai 2024): Betrugsverdacht bei Klimaschutzprojekten in China
  3. ZDF (16. September 2024): UBA sieht Betrugsgeflecht bei Klimaprojekten
  4. Deutscher Naturschutzring (November 2025): EU beschließt abgeschwächtes Klimaziel für 2040
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