ENERGIEWENDE · 01. JUNI 2026
Bitte Bildquelle manuell setzenDunkelflaute: Wetzels bizarrer Vergleich
WELT-Journalist Daniel Wetzel wirft der Ökonomin Claudia Kemfert vor, "Dunkelflauten" im Stromsystem zu verharmlosen, und beruft sich dabei auf eine Kurzstudie des Gaskonzerns Uniper. Der DIW-Forscher, der die zugrundeliegende Methode mit seinem Kollegen Wolf-Peter Schill weiterentwickelt hat, nennt den Vergleich im Gespräch mit Cleanthinking unzulässig. Dabei zeigen mehrere Studien längst, wie sich Dunkelflauten ohne zusätzliche fossile Gaskraftwerke überbrücken lassen.
„Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen“, sagt Martin Kittel vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der junge Wissenschaftler, der am DIW zu dieser Analysemethode forscht, urteilt im Gespräch mit Cleanthinking.de über einen Vergleich, den WELT-Wirtschaftsredakteur Daniel Wetzel in seinem Artikel „Die gefährliche Erzählung von der harmlosen Dunkelflaute“ aufgemacht hat. Wetzel wirft darin konkret Prof. Claudia Kemfert vor, die Abteilungsleiterin von Kittel beim DIW, sie verharmlose die Bedeutung von Dunkelflauten.
Der Vorwurf zielt auf eine Aussage aus dem MDR-Klima-Podcast vom Januar 2025. Dort hatte Kemfert vorausgeschickt, es gebe „keine einheitliche Definition für den Begriff Dunkelflaute“, auch nicht in der Energiewirtschaft. Sie näherte sich der Frage daher über die Strombörse und benannte für 2024 zwei klare Ereignisse, den 6. November und den 12. Dezember, jeweils an sehr hohen Spotmarktpreisen festgemacht.
Aus dieser ökonomischen Sicht ist die Dunkelflaute im heutigen Stromsystem vor allem ein Preisproblem, kein Versorgungsproblem. Genau diese differenzierte Antwort verkürzt Wetzel zu einer Verharmlosung. Er stellt Kemferts zwei Spotmarkt-Ereignissen eine andere Zahl gegenüber: 160 Dunkelflauten allein im Jahr 2024, errechnet vom Kraftwerksbetreiber Uniper. Zwei gegen 160, das klingt nach einer vernichtenden Korrektur. Es ist keine.
Was Kemfert wirklich gesagt hat
Wer den Podcast hört, findet das Gegenteil einer Verharmlosung. Kemfert rechnet die Lage des 12. Dezember 2024 durch: In diesem Moment lag die Einspeisung aus Solar und Wind bei lediglich rund 3,6 Gigawatt. Trotzdem stand steuerbare Leistung von etwa 90 Gigawatt aus Kohle, Gas, Pumpspeichern und Biomasse bereit, bei einer Spitzenlast von rund 70 Gigawatt.
Über 10 Gigawatt Reserve mussten nicht einmal angetastet werden. Es gab keinen Blackout, keine Versorgungslücke, sondern Preissprünge von über 900 Euro je Megawattstunde. Das ist keine Verharmlosung, sondern eine Kapazitätsanalyse. Die Versorgung war gesichert, teuer wurde es für jene Industriebetriebe, die kurzfristig am Spotmarkt einkaufen.
Im selben Gespräch benennt Kemfert auch die Lösung, und zwar exakt die, um die heute gestritten wird: mehr Flexibilität im System, Lastverschiebung, Speicher, und eine Versorgungssicherheitsreserve statt eines teuren Kapazitätsmarkts, der andere Optionen aus dem Markt drängt. Wer das liest, sieht: Wetzel widerlegt nicht Kemferts Position. Er widerlegt eine Position, die sie nie vertreten hat.
Äpfel mit Birnen
Der eigentliche Fehler steckt im Vergleich selbst. Kemfert misst Preisausschläge am Spotmarkt. Uniper zählt Stunden mit geringer Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie. Das sind zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen: Geringe Einspeisung aus Wind und Solar treibt die Preise - aber wie stark, hängt von allen anderen Systemelementen ab: Speichern, Stromhandel, Bioenergie, steuerbaren Kraftwerken. Und genau deshalb lässt sich aus der einen Zahl die andere nicht widerlegen. Kittel kennt das Problem wie kaum ein Zweiter.
Die von Uniper genutzte Methode heißt Mean-Below-Threshold, wurde erstmals 2020 bekannt. Seit 2024 haben Kittel und sein Kollege Wolf-Peter Schill sie am DIW erstmals systematisch stärker ausdifferenziert. Im Gespräch mit Cleanthinking erklärt Kittel, warum das Feld jung und komplex ist: Wie viele Dunkelflauten man zählt, hängt massiv davon ab, welchen Schwellenwert man ansetzt. Je niedriger die Schwelle, desto weniger und kürzer die Ereignisse.
Auf LinkedIn hat Kittel die Konsequenz öffentlich gezogen. Mit der passenden Wahl des Schwellenwerts lasse sich fast jedes gewünschte Ergebnis produzieren, das sei kein Vorwurf der Manipulation, sondern ein methodisches Grundproblem. Den konkreten Vergleich, den Wetzel zwischen Unipers Zählung und Kemferts Spotmarkt-Antwort zieht, nennt er „methodisch unzulässig“.

Brisant wird es bei einem Detail, das Kittel im Gespräch hervorhebt: Ein einzelner Zehn-Prozent-Schwellenwert bildet die Komplexität des Stromsystems gar nicht ab. Die Komplexität lässt sich nur mit Energiesystemmodellen abbilden, die viele verschiedene Wetterbedingungen untersuchen, nicht eine einzige Kennzahl. Genau davor warnen Kittel und Schill in ihrer Folgepublikation. Wetzels Kronzeuge wendet die DIW-Methode auf exakt die Weise an, vor der die DIW-Methodiker ausdrücklich warnen.

Hinzu kommt, dass die Uniper-Zahl nicht einmal eine stabile Aussage über die Zukunft ist. Kittel weist darauf hin, dass dieselbe Wetterlage in drei Jahren, mit mehr Speichern im System, ein völlig anderes Preisbild ergeben würde. Eine Momentaufnahme wird so zum vermeintlichen Strukturbefund umgedeutet.
Dass Uniper diese Zählung überhaupt als „Studie“ in die Debatte gibt, ist der eigentliche Treppenwitz. Es handelt sich um ein fünfseitiges Papier mit knapp zwei Seiten Text, verfasst vom hauseigenen Lead Meteorologist eines Konzerns, der selbst neue Gaskraftwerke bauen will. Dieses Papier räumt im Methodikteil sogar selbst ein, dass es keine einheitliche Definition von Dunkelflauten gibt, also genau das, womit Kemfert ihre vorsichtige Annäherung begründet. Nur zieht Uniper daraus den gegenteiligen Schluss.

Die falsche Frage
Wetzels Artikel funktioniert über zwei Verengungen. Die erste: Gesicherte Leistung könne nur ein Gaskraftwerk liefern. Das ist schlicht falsch, denn auch Speicher, Biogas, Lastflexibilität und das europäische Verbundnetz tragen zur gesicherten Versorgung bei. Die zweite Verengung steckt schon im Vokabular.
Wetzel spricht von „Batterien“, nicht von Flexibilitätsoptionen. Das ist kein Zufall. Ein einzelnes Ding lässt sich leichter abschießen als ein System. Die echte Alternative zum Gaskraftwerk heißt aber nicht „Batterie“, sondern Flexibilität: das Zusammenspiel aus Speichern, steuerbarer Last, flexiblem Biogas und dem Verbund. Wer die Alternative auf einen einzelnen Baustein verkürzt, baut sich seinen Strohmann selbst.
Was die Alternative wirklich ist
Wie diese Flexibilität funktioniert, zeigt eine aktuelle Studie des Wuppertal Instituts im Auftrag von Greenpeace. Ihr Befund: Der geplante Zubau neuer Gaskraftwerke ist „deutlich überdimensioniert“. Selbst mehrtägige Dunkelflauten von bis zu fünf Tagen lassen sich mit Speichern, flexiblen Biogasanlagen, Energieeffizienz und Lastverschiebung überbrücken, ohne neue fossile Kapazität.

Die Logik läuft von unten nach oben. Den Normalfall fangen Batteriespeicher ab, denn nach Auswertung des Beratungshauses LCP Delta dauern 82 bis 87 Prozent aller Knappheitsereignisse zehn Stunden oder weniger. Ihr Einsatzprofil ist schnell, emissionsfrei und günstig: Ein Zehn-Stunden-Speicher braucht jährlich rund 31 Euro Förderung pro Kilowatt, ein Gas-und-Dampf-Kraftwerk mit 102 Euro das Dreifache.


Für die längeren Phasen kommt Biogas ins Spiel. Eine aktuelle Untersuchung der FAU Erlangen-Nürnberg zeigt, dass hochflexible Biogas-Speicherkraftwerke tagelang gesicherte Leistung liefern können, aus erneuerbarem Brennstoff im Speicher und günstiger als fossile Gaskraftwerke. Erst danach, und nur dann, kommt eine steuerbare Reserve ins Spiel.

Die Feuerwehr selbst ist damit nicht abgeschafft, nur richtig einsortiert: ganz am Ende, klein dimensioniert, und auf einem Pfad zur Dekarbonisierung. Was heute ein fossiles Gaskraftwerk ist, sollte bis Mitte der 2030er Jahre mit grünem Wasserstoff laufen. Genau diese Reihenfolge stellt das StromVKG von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche jedoch auf den Kopf.
Das Gesetz reserviert die ersten neun Gigawatt über ein Zehn-Stunden-Kriterium faktisch für Gaskraftwerke und lässt Speicher erst bei den folgenden zwei Gigawatt mitbieten, als Beiwerk. Fraunhofer-Forscher Leonhard Gandhi nennt diese Vorgabe gegenüber der WirtschaftsWoche „willkürlich gewählt“. Eine Strategie, die das Ergebnis vorab festlegt, ist keine Technologieoffenheit.
Martin Kittel fasst zusammen: Kemfert misst Systemstress am Spotmarkt, Uniper zählt Phasen schwacher Versorgung nach einem selbst gewählten Schwellenwert. „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen“, sagt er. Dass Wetzel daraus eine wissenschaftliche Widerlegung baut, sei "methodisch unzulässig". Er wirkt letztlich irgendwie bizarr: Denn hinter dem Vergleich steckt nicht ein Rechenfehler, sondern ein Denkfehler. Das alte Stromsystem hatte EINE Antwort auf alles. Das Neue braucht einen anderen Ansatz.
Umgang mit Dunkelflauten: Eine Frage des Mindsets
Hinter der Debatte steckt ein tieferer Konflikt, und er ist kein technischer, sondern ein gedanklicher. Das alte Stromsystem dachte in einer großen zentralen Lösung, erst Kohle, dann Atom, jetzt Gas. Ein erneuerbares System funktioniert umgekehrt: dezentral, verteilt, redundant, viele kleine Puzzleteile statt eines einzigen Kraftwerksparks.
Wetzels Erzählung überträgt die Logik des zentralistischen fossilen Systems auf eine Energiewelt, die nach einer anderen Logik läuft. Dass die Lösungen längst da sind, hat Kemfert schon im Januar 2025 auf den Punkt gebracht. Warum Deutschland nicht voller Speicher stehe, fragte der Moderator damals. Ihre Antwort: weil der Markt nicht dafür da sei und weil man sie nicht ans System lasse.
Ein Jahr später schreibt das StromVKG diese Blockade fort. Die Frage ist damit nicht, wie viele Dunkelflauten eine Zählmethode ermittelt. Die Frage ist, von welcher Seite Deutschland sein Stromsystem plant: bei den vorhandenen, günstigen Optionen, oder beim teuersten Baustein zuerst.
QUELLEN
- Wuppertal Institut / Greenpeace (2026): Flexibilität statt fossiles Gas
- FAU Erlangen-Nürnberg (2026): Metastudie zu flexiblen Biogas-Speicherkraftwerken
- LCP Delta (2026): Kostenvergleich Batteriespeicher und Gaskraftwerke
- Kittel, M. & Schill, W.-P. (2026): Multi-threshold time series analysis, Communications Earth & Environment 7, 242. Open Access.
- Kittel, M. & Schill, W.-P. (2024): Measuring the Dunkelflaute, Environmental Research: Energy 1, 035007. Open Access.
- Martin Kittel: Gespräch mit Cleanthinking.de sowie LinkedIn-Post vom 29.05.2026
- Uniper SE (2026): Kurzstudie Dunkelflauten, Autor Christian Brose
- MDR Aktuell: Kemferts Klima-Podcast vom 08.01.2025