KLIMAPOLITIK · 1. JUNI 2026
KI-generiertCBAM: EU-Klimazoll zieht andere Länder zur CO₂-Bepreisung mit
Wer CO₂-intensive Produkte in die EU exportiert, zahlt seit Anfang 2026 den Grenzausgleich CBAM - oder führt einen eigenen CO₂-Preis ein. Eine neue PIK-Studie zeigt: Dieser Mechanismus könnte eine globale Klimapolitik-Kettenreaktion auslösen und die Wirkung der EU-Klimapolitik fast verdoppeln.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat den sogenannten Politik-Diffusions-Effekt des EU-Grenzausgleichsmechanismus CBAM erstmals mit einem eigenen ökonomischen Modell quantifiziert. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Wenn Handelspartner der EU auf den Klimazoll mit eigenen CO₂-Preisen reagieren, steigen die globalen Einsparungen um 73 Prozent gegenüber dem Szenario ohne diese Folgewirkung. Kanada, Japan, Südkorea und Taiwan gelten dabei als wahrscheinlichste Kandidaten für einen Beitritt zur sogenannten Klima-Koalition.
Die Studie erscheint im November 2026 in der Printausgabe des Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE) und ist bereits online verfügbar. Dass Brasilien und die Türkei bereits auf den CBAM mit eigenen CO₂-Preisen reagiert haben, bestätigt die Grundthese empirisch, noch bevor das Modell veröffentlicht ist.
Carbon Leakage sinkt von 40 auf 15 Prozent
Das PIK-Team hat drei Szenarien durchgerechnet, jeweils mit einem CO₂-Preis von 100 Dollar je Tonne. Ohne Grenzausgleich sinken die Emissionen innerhalb der EU um 505 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Weltweit aber nur um 305 Millionen Tonnen, weil andere Länder die energieintensive Produktion übernehmen und von niedrigeren Weltmarktpreisen für fossile Energieträger profitieren. Das klassische Carbon-Leakage-Problem frisst damit 40 Prozent der europäischen Klimaschutzwirkung auf.
Mit CBAM verbessert sich die Bilanz erheblich: Der Carbon-Leakage-Effekt sinkt auf 15 Prozent, die globalen Einsparungen steigen auf 399 Millionen Tonnen. Reagieren Handelspartner zusätzlich mit eigenen CO₂-Preisen, erreicht das Modell 691 Millionen Tonnen globale Emissionsreduktion pro Jahr. Das sind 73 Prozent mehr als ohne diesen Diffusionseffekt.
Das Forschungsteam hat für diese Berechnungen empirische Handelsdaten aus 56 Wirtschaftssektoren und 43 Ländern ausgewertet. Die Entscheidung jedes Landes, ob es den Klimazoll zahlt oder einen eigenen CO₂-Preis einführt, hängt laut Modell vom Preisniveau, der genauen CBAM-Ausgestaltung und davon ab, welche Länder bereits Teil der Klima-Koalition sind.
CBAM CO₂-Grenzausgleich und der Brüssel-Effekt
PIK-Forscherin Leonie Wenz ordnet die Ergebnisse in das Konzept des „Brüssel-Effekts“ ein: Weil die EU eine zentrale Stellung in internationalen Lieferketten hat, strahlen ihre Klimaregeln auf Drittmärkte aus. „Mehr Klimaschutz führt zu noch mehr Klimaschutz“, schreibt Wenz. Besonders relevant ist das, wenn multilaterale Klimaverhandlungen stocken.
Aktuelle CBAM-Sektoren sind Stahl, Eisen, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität und Wasserstoff. Das Modell zeigt: Eine Ausweitung auf weitere Sektoren könnte noch mehr Länder zur CO₂-Bepreisung bewegen. China hingegen würde nach derzeitigem Stand nur bei einem CO₂-Preis unter 20 Dollar je Tonne mitmachen, ein für die Klimapolitik wenig attraktives Szenario. Die USA werden im Modell als potenzieller Kandidat genannt, wenn der Geltungsbereich des CBAM erweitert wird.
Einordnung: Starkes Signal trotz Modellgrenzen
Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der CBAM innenpolitisch und geopolitisch unter Druck steht. Handelspartner kritisieren den Mechanismus als protektionistisch, und auch innerhalb der EU gibt es Stimmen, die eine Überarbeitung fordern. Die PIK-Ergebnisse liefern ein belastbares Gegenargument: Der Klimazoll ist kein reines Wettbewerbsinstrument, sondern wirkt als geopolitischer Klimakoordinator.
PIK-Leitautor Timothé Beaufils fasst das zentrale Argument zusammen: „Der EU Green Deal hat tatsächlich das Potenzial, die Klimapolitik in anderen Ländern zu stärken.“ Die Modellautoren betonen ausdrücklich, dass das zentrale Ergebnis, also der Diffusionseffekt selbst, in einem breiten Spektrum von Modellannahmen stabil bleibt, auch wenn die genauen Zahlenwerte variieren.
Lesen Sie auch diese PIK-Studie zur signifikanten Beschleunigung der globalen Erderwärmung seit 2015.
QUELLEN
- Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) PIK-Forscher Timothé Beaufils
- Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE) Beaufils, Wanner, Wenz: The Potential of Carbon Border Adjustments to Foster Climate Cooperation (SSRN)