WISSEN · 1. JUNI 2026
ClimeworksDirect Air Capture: Der Markt nimmt Fahrt auf
Climeworks meldet eine Verzehnfachung der Filterleistung und halbierte Kosten für die nächste Anlage. Gleichzeitig bereitet die EU die Integration von CO₂-Entnahmetechnologien ins Emissionshandelssystem vor. Ein Markt im Umbruch.
Direct Air Capture galt lange als zu teuer, zu langsam, zu weit von der Realität entfernt. Das Bild ändert sich. Langsam. Der globale Markt für technische CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre wächst derzeit mit rund 61 Prozent pro Jahr und dürfte von rund 229 Millionen US-Dollar im Jahr 2026 auf über 17 Milliarden US-Dollar bis 2035 wachsen. Was sich gleichzeitig verändert: die Technologie selbst.
Christoph Gebald, Mitgründer und Co-CEO von Climeworks, sprach in einem aktuellen Podcast-Interview über Entwicklungen, die in der Branche als Wendepunkt gelten. Sein Unternehmen betreibt seit 2021 die weltweit ersten kommerziellen Direct-Air-Capture-Anlagen in Island - zuerst Orca, seit Mai 2024 die deutlich größere Anlage Mammoth mit einer Nennkapazität von 36.000 Tonnen CO₂ pro Jahr.
Zehnfache Filterleistung - ein Technologiesprung
Das Herzstück jeder DAC-Anlage ist das Filtermaterial, das CO₂ aus der Luft bindet und wieder freigibt. Dieses Material ist zugleich einer der größten Kostentreiber im Betrieb. Gebald berichtet, dass Climeworks in den vergangenen zwölf Monaten eine Verzehnfachung der Filterperformance gegenüber dem Vorgängermaterial erreicht habe - eine Größenordnung, die Gebald selbst vor 15 Jahren für unmöglich gehalten hätte. Damals schätzte er das maximale Verbesserungspotenzial auf das Doppelte.
Parallel dazu hat das Unternehmen den Energieverbrauch der Anlage über die vergangenen 18 Monate signifikant gesenkt. Und: Der CO₂-Durchsatz pro Maschineneinheit konnte in Pilotanwendungen auf mindestens das Vierfache gesteigert werden, was die Kapitalkosten des Systems drastisch senkt. Die Konsequenz für die nächste Anlage: Climeworks erwartet, die Gesamtkosten der Technologie mindestens zu halbieren.
Für das Ende dieses Jahrzehnts nennt Gebald eine konkrete Zielgröße: 400 bis 500 US-Dollar pro Tonne netto entferntem CO₂ - inklusive Speicherung und unter Anrechnung der Grauen Emissionen aus Materialien und Energie. Das ist noch weit von der viel zitierten Grenze von 100 Dollar entfernt, aber ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem heutigen Niveau nahe 1.000 Dollar pro Tonne.
Direct Air Capture und der EU-Emissionshandel
Was den Markt für CO₂-Entnahmetechnologien strukturell verändern könnte, ist eine Entscheidung, die in Brüssel noch in diesem Jahr fallen soll. Die Europäische Kommission hat angekündigt, bis Juli 2026 einen Bericht und möglicherweise einen Gesetzgebungsvorschlag zur Integration von Carbon Dioxide Removal in das EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) vorzulegen. Analysten sprechen von der folgenreichsten klimapolitischen Weichenstellung für den europäischen CDR-Markt im kommenden Jahrzehnt.
Bereits in Kraft ist das europäische Zertifizierungsrahmenwerk CRCF (Carbon Removals and Carbon Farming Regulation). Die EU-Kommission hat die ersten Methodiken für permanente Entnahmen verabschiedet - darunter explizit DACCS (Direct Air Carbon Capture and Storage) und BioCCS. Diese Methodiken gelten als technische Blaupause für eine spätere ETS-Integration. Gleichzeitig baut die Kommission einen sogenannten EU Buyers Club auf, der private Nachfrage bündeln und langfristige Finanzierungssicherheit für Projektentwickler schaffen soll.
Auch außerhalb Europas setzt die Regulierung Zeichen. In Japan wurden CO₂-Entnahme-Zertifikate im März 2026 in das nationale GX-Kohlenstoffhandelssystem integriert. Großbritannien hat die Einbeziehung in das lokale ETS für 2029 beschlossen. Gebald wertet diese Entwicklungen als Beleg dafür, dass der Markt nicht mehr ausschließlich auf freiwilliger Basis wächst.
Ein Markt, der Infrastruktur braucht
Parallel zur Climeworks-Entwicklung hat das britische Unternehmen A Healthier Earth (AHE), Tochter des Rechenzentrumsbetreibers Pure DC, Ende Mai 2026 die nach eigenen Angaben erste integrierte CDR-Plattform aus dem Rechenzentrumssektors gestartet. AHE kombiniert eigene Produktionskapazitäten mit partnerentwickelten Projekten und richtet sich an Hyperscaler, Konzerne und institutionelle Käufer in Europa. Alle Projekte laufen unter dem Isometric-Standard und werden durch digitale MRV-Software von Mangrove Systems verifiziert.
Das Modell verweist auf eine strukturelle Herausforderung: Der CDR-Markt ist stark fragmentiert. Käufer mit institutionellen Anforderungen an Skalierbarkeit, Integrität und Verlässlichkeit finden heute kaum Angebote, die diese Kriterien erfüllen. Climeworks selbst adressiert das mit einem gemischten Portfolio aus technischen und naturbasierten Entnahmeprojekten unter dem Label Climeworks Solutions - und meldete für 2025, 100 Prozent der versprochenen Liefermengen außerhalb des direkten DAC-Betriebs erfüllt zu haben.
Die Nachfrage übersteigt das Angebot bereits heute. Bis 2030 wird laut Marktanalysen erwartet, dass die Nachfrage nach hochwertigen, dauerhaften CO₂-Entnahmen das Angebot um mindestens eine Gigatonne übertrifft. Wer jetzt Themen, Partnerschaften und Reichweite aufbaut, sitzt an einem Markt, der gerade erst anfängt.
QUELLEN
- Carbon Stations Podcast: Interview mit Christoph Gebald, CEO Climeworks (Mai/Juni 2026)
- Carbon Herald: A Healthier Earth Launches The World's First Integrated CDR Platform (29. Mai 2026)
- Climeworks: Climeworks Mammoth: die größte DAC-Anlage der Welt (Carbon Herald)
- Bellona EU: How could CDR interact with the EU ETS? (Februar 2026)
- South Pole: The EU CRCF Explainer (April 2026)
- Mangrove Systems: The Current State of CDR and EU ETS Integration