WÄRMEWENDE · 6. JULI 2026
VNG AG/T. Proß, Jeibmann PhotografikFraunhofer-Studie: Gasnetz-Stilllegung 2045 auch mit Biotreppe unausweichlich
Eine neue Fraunhofer-IFAM-Kurzstudie widerspricht dem Kurs der Bundesregierung zur Gasnetz-Stilllegung: Auch mit Biomethan-Beimischung werden Gasnetze bis spätestens 2045 unwirtschaftlich. Wer jetzt eine Gasheizung einbaut, riskiert eine teure Fehlinvestition.
Die Bundesregierung will den Einbau neuer Gasheizungen länger erlauben und setzt für den Klimaschutz stattdessen auf grüne Gase. Gasnetz-Stilllegung 2045 abgesagt? Eine neue Kurzstudie des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) kommt zu einem gegenteiligen Schluss: Das deutsche Gasverteilnetz hat trotzdem keine Zukunft. Die Autoren Martin Palovic, Roland Meyer und Niklas Hehmsoth rechnen vor, dass Energieversorger unter realistischen Bedingungen spätestens 2045 keine wettbewerbsfähigen Gaspreise mehr anbieten können.
Die Studie entstand im Auftrag des Umweltinstituts München und der Organisation GasWende. Sie aktualisiert eine Vorgängerstudie des Fraunhofer IFAM von Dezember 2025 vor dem Hintergrund des geplanten Gebäudemodernisierungsgesetzes, kommt aber zum selben Ergebnis: Die Gasnetz-Stilllegung bis 2045 lässt sich auch mit Grüngasquote und Biotreppe nicht aufhalten, sie wird höchstens zeitlich verzögert.
Warum die Biotreppe das Gasnetz nicht rettet
Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche kippt die Vorgabe des bisherigen Heizungsgesetzes, wonach klimaschädliche Gas- und Ölheizungen bis spätestens 2045 stillgelegt werden müssen. Stattdessen soll ab Januar 2029 ein wachsender Mindestanteil klimafreundlicherer Brennstoffe wie Biomethan oder Bioöl vorgeschrieben werden, die sogenannte Biotreppe, bis 2040 mit einem Zielanteil von 60 Prozent.
Die Fraunhofer-Forscher haben durchgerechnet, ob sich eine Biomethanheizung unter diesen Bedingungen bis 2045 wirtschaftlich betreiben lässt. Ihr Ergebnis: Selbst die günstigste verfügbare Biomethanpreisprognose übersteigt die Zahlungsbereitschaft, die sich aus einem Vergleich mit den erwarteten Stromkosten für Wärmepumpen ergibt. Nur unter einer Kombination aus mehreren unrealistischen Annahmen, darunter sehr hohe Strompreise, eine ungewöhnlich günstige Biomethanversorgung und eine ineffiziente Wärmepumpentechnik, wäre der Weiterbetrieb wirtschaftlich darstellbar.
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Ohne Gasnetz-Stilllegung: Warnung vor der teuren Investitionsruine
Gasheizungen haben in der Regel eine Lebensdauer von rund 25 Jahren. Wer heute eine neue Anlage einbaut, betreibt sie damit über den Zeitpunkt einer wahrscheinlichen Netzstilllegung hinaus. „Wer sich heute in der Hoffnung auf eine Versorgung mit Biogas noch eine Gasheizung einbaut, wird auf einer teuren Investitionsruine sitzen bleiben“, warnt das Fraunhofer-Institut.
Konkret rechnen die Autoren für einen Dreipersonenhaushalt mit einem Wärmebedarf von 15.000 Kilowattstunden im Jahr vor: Eine Wärmepumpe bringt gegenüber einer Biomethanheizung in fast allen untersuchten Preisszenarien einen Betriebskostenvorteil von mehr als 1.000 Euro pro Jahr. Unter einer durchschnittlichen Strompreisprognose und einer Wärmepumpe mit marktüblicher Effizienz summiert sich das über 20 Jahre auf eine Ersparnis von fast 30.000 Euro. Nur im Hochpreisszenario für Strom und bei einer ineffizienten Wärmepumpe fällt der Vorteil geringer aus.
Verzögerung kostet auch volkswirtschaftlich
Die Studie warnt zudem vor den Folgekosten einer zu spät angekündigten Netzstilllegung. Solange unklar bleibt, wann ein Gasnetz vom Netz geht, investieren Betreiber weiter in Leitungen, die absehbar an Auslastung verlieren. Hochgerechnet auf das gesamte deutsche Gasverteilnetz steigen die kumulierten Netzkosten zwischen 2025 und 2045 laut Modellrechnung um mehr als 50 Milliarden Euro, wenn die Ankündigung der Stilllegung verzögert wird, verglichen mit einer frühzeitigen und geordneten Planung.
Hinzu kommt ein Verteilungsproblem: Je länger Haushalte im Gasnetz verbleiben, desto weniger Kunden tragen die Netzkosten gemeinsam, was die Netzentgelte für die verbleibenden Anschlüsse zusätzlich erhöht. Till Irmisch, Energiepolitik-Referent beim Umweltinstitut München, fasst das Risiko so zusammen: „Die Kombination aus teurem Biogas und immer höheren Netzentgelten wird für die meisten Menschen nicht bezahlbar sein.“
Die Studienautoren empfehlen deshalb, Netzbetreibern einen klaren Regelrahmen für eine geordnete, frühzeitige Stilllegungsplanung zu geben, statt den Ausstieg offenzulassen. Das Bundeswirtschaftsministerium ließ eine Bitte um Stellungnahme bislang unbeantwortet.
QUELLEN
- Fraunhofer IFAM Ökonomische Bewertung der GGQ/Biotreppe aus Endverbrauchersicht, Zwischenergebnisse, 30.06.2026.
- taz Biomethan kann Gasheizungen laut Forschern nicht retten, 06.07.2026.
- Tagesspiegel/AFP Fraunhofer-Studie widerspricht Bundesregierung: Neue Gasheizung droht zur Fehlinvestition zu werden, 06.07.2026.