Geleakt: Wie die EU raus aus Öl und Gas will

ENERGIEWENDE · 16. JULI 2026

Electrification Action Plan: Wie die EU sich aus der fossilen Importabhängigkeit befreien will

Zum zweiten Mal in fünf Jahren hat eine fossile Preiskrise die EU Milliarden gekostet. Mit dem geleakten Electrification Action Plan will Brüssel die Importabhängigkeit strukturell beenden: Strom soll im Verhältnis zu Gas dauerhaft günstiger werden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Der Brüsseler Fachdienst Contexte hat den 34-seitigen Entwurf des Electrification Action Plan am Abend des 8. Juli veröffentlicht, gut eine Woche vor der geplanten Vorstellung durch die EU-Kommission. Das Dokument soll am Freitag zusammen mit einem Legislativvorschlag zu Stromsteuern und Netzentgelten präsentiert werden. Ein separates, bindendes Elektrifizierungsziel für 2040 will die Kommission erst im vierten Quartal 2026 als Gesetz im sogenannten Energy Union package vorschlagen.

Die Kommission rahmt den Plan damit erstmals primär als Wettbewerbs- und Souveränitätsfrage, nicht mehr in erster Linie als Klimapolitik, berichtet Euronews unter Berufung auf den Entwurf. Auf der Erzeugungsseite ist die Basis dafür längst gelegt: Rund 70 Prozent des EU-Stroms stammen bereits aus heimischen sauberen Quellen. Die Nachfrage hinkt hinterher, genau da setzt der Electrification Action Plan an.

Der Rahmen dahinter: Während der 111 Tage dauernden Sperrung der Straße von Hormus zahlte die EU laut dem Entwurf 50 Milliarden Euro zusätzlich für Öl- und Gasimporte. Die EU deckt rund 54 Prozent ihres Energieverbrauchs durch fossile Importe. Bis 2040 soll Elektrifizierung nach Kommissionsberechnungen zwei Drittel des Gasbedarfs ersetzen, den Ölverbrauch halbieren und rund 200 Milliarden Euro Importrechnung sparen.

Was steht im Electrification Action Plan?

Die EU-Elektrifizierungsrate stagniert seit über einem Jahrzehnt bei 23 Prozent, während China längst bei 28 bis 30 Prozent liegt. Als Zwischenschritt nennt der Entwurf 32 Prozent bis 2030. Die eigentliche Zielhöhe für 2040 steht im Leak noch als Platzhalter, „[X] Prozent des Endenergieverbrauchs bis 2040".

Kernstück ist ein gedeckeltes Preisverhältnis zwischen Strom und Gas: indikativ maximal 2,5 zu 1 für Haushalte und maximal 2 zu 1 für die Industrie bis 2030. Aktuell unterschreiten nur Finnland und Schweden die Marke von 2. Dazu kommen eine verbindliche Smart-Meter-Quote und ein Ausbauziel für Energiespeicher.

KennzahlStatus quoZiel laut Entwurf
Elektrifizierungsrate EU23 % (China 28-30 %)32 % bis 2030, [X] % bis 2040
Energiespeicher EUrund 55 GW200 GW bis 2030
Smart-Meter-Quote EU / Deutschland63 % / 5 % (Spanien 98 %)50 % bis 2030, 65 % bis 2033
Preisverhältnis Strom:Gas, Haushalteüber 2:1 (außer Finnland, Schweden)max. 2,5:1 bis 2030
Preisverhältnis Strom:Gas, Industrieunbeziffert im Leakmax. 2:1 bis 2030

Strom soll zudem netzdienlicher genutzt werden: Die Netzentgelte-Reform führt dafür zeitvariable Tarife und Standortsignale ein. Netzentgelte machen aktuell 24 bis 29 Prozent der Haushalts-Stromrechnung aus, die EU-Regulierungsbehörde ACER erwartet ohne Gegensteuern ein Plus von 60 Prozent bis 2050. Bei den Steuern soll ein Prinzip gelten: Mitgliedstaaten dürfen Strom künftig nicht höher besteuern als Gas.

Wie groß die Lücke in Deutschland ist, zeigt ein Blick auf die Sätze: 2,05 Cent pro Kilowattstunde Stromsteuer stehen 0,55 Cent Gassteuer gegenüber, Faktor 3,7. Für die Industrie plant die Kommission zusätzlich Unterstützung aus den Einnahmen des Emissionshandels, eine mit 100 Milliarden Euro ausgestattete Industrial Decarbonisation Bank sowie eine zweite Industrial Heat Auction namens Heat Bank IF26 unter dem Innovation Fund.

Abgabe / KennzahlWert
Stromsteuer Deutschland2,05 Cent/kWh
Gassteuer Deutschland0,55 Cent/kWh (Faktor 3,7)
Netzentgelte-Anteil Haushaltsstrompreis24-29 %
ACER-Prognose Netzentgelte ohne Gegensteuern+60 % bis 2050
Fossile Importe am EU-Energieverbrauchrund 54 %
Erwartete Importersparnis durch Elektrifizierungrund 200 Mrd. Euro bis 2040

Wärmepumpen-Pflicht, Geothermie und Fernwärme

Auf der Wärmeseite prüft die Kommission, über eine Reform des europäischen Vergaberechts Wärmepumpen in öffentlichen Gebäuden verbindlich vorzuschreiben. Ergänzend sollen eine niedrigere Mehrwertsteuer auf Wärmepumpen und ein Mechanismus zur Senkung der Anschaffungskosten den Umstieg günstiger machen.

Geothermie erkennt der Entwurf als ungenutzte Ressource an. Mit dem passenden regulatorischen Rahmen könnte sie nach Kommissionsschätzung mindestens 1 Prozent des europäischen Strombedarfs und 25 Prozent des Wärme- und Kältebedarfs decken.

Auch Fernwärme- und Fernkältenetze sollen mehr Investitionen bekommen. Sie entlasten das Stromnetz, weil sie Wärme- und Kältebedarf abseits der Stromleitung transportieren.

Wer jetzt Druck macht: Effizienz, Verkehr, Politik

Der Effizienzverband DENEFF begrüßt in einer Stellungnahme vom 16. Juli, dass der Entwurf von „efficient electrification" spricht und die Heat Bank IF26 sowie eine EU-Abwärme-Initiative enthält. „Elektrifizierung, Energieeffizienz und erneuerbare Energien müssen gemeinsam vorangebracht werden. Nur so entkommen wir der Abhängigkeitsfalle teurer fossiler Energieimporte und machen Energie dauerhaft sicher und bezahlbar", sagt Christian Noll, geschäftsführender Vorstand des Verbands.

„Strom im Verhältnis zu Gas günstiger zu machen ist wichtig, aber ohne Effizienz drohen ein unnötig hoher Strombedarf, steigende Netzkosten und immer neue Subventionen", sagt Noll. Der Verband fordert, Energy Efficiency First konsequent bei Infrastruktur und Förderung zu verankern, die Netzentgelte-Reform an effizienter flexibler Elektrifizierung auszurichten und eigene Leitmärkte für effiziente Elektrifizierungstechnologien zu schaffen. Allein durch effiziente Prozesswärme ließen sich in der deutschen Industrie laut DENEFF bis zu 29 Milliarden Euro Energiekosten im Jahr vermeiden. Das Abwärmepotenzial in Deutschland beziffert der Verband auf über 385 Terawattstunden jährlich.

Aus dem Verkehrssektor kommt Druck von den Herstellerverbänden ACEA und E-Mobility Europe. In einem gemeinsamen Brief vom 16. Juli an die EU-Kommissare Jørgensen und Tzitzikostas verweisen sie auf 950.521 rein elektrische Neuzulassungen in den ersten fünf Monaten 2026, ein Plus von 35,7 Prozent. Mittlerweile ist mehr als jede fünfte Neuzulassung vollelektrisch. Bei schweren Lkw liegt die Quote emissionsfreier Fahrzeuge dagegen erst bei 2,3 Prozent im ersten Quartal 2026.

ACEA und E-Mobility Europe fordern deshalb Stromsteuern auf das gesetzliche Minimum, null Prozent Mehrwertsteuer auf Batterien, E-Fahrzeuge und Ladestrom nach dem Vorbild der Solarpanel-Regelung, das Ende der Doppelbesteuerung beim bidirektionalen Laden sowie einen De-Risking-Mechanismus über InvestEU für den Aufbau öffentlicher Lkw-Ladeinfrastruktur und Depot-Charging.

„Das Elektrifizierungsziel ist die richtige Antwort auf die Energiepreiskrise. Strom aus Wind und Sonne erzeugen wir in Europa selbst, den Preis für Öl und Gas diktieren die Mullahs und Trump", sagt Michael Bloss, klimapolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament. Er verlangt, dass aus dem Strategiepapier tatsächlich Gesetze werden: Europa brauche verbindliche Vorgaben mit Instrumenten dahinter statt einer fünften Kommissions-Mitteilung zur Elektrifizierung.

„Absurd ist allerdings der Widerspruch im eigenen Haus: Mit der einen Hand legt die Kommission ein Elektrifizierungsziel vor, mit der anderen stumpft sie genau die Instrumente ab, die Elektrifizierung vorantreiben, vom Emissionshandel bis zu den Flottengrenzwerten. Der CO2-Preis schiebt, die Elektrifizierung zieht", sagt Bloss mit Blick auf die parallel laufende Abschwächung von Emissionshandel und Flottengrenzwerten. Die vierfach höhere Besteuerung von Strom gegenüber Gas in Deutschland nennt er „eine Investitionsbremse per Steuerrecht".

Beim Abbau fossiler Subventionen bewertet Seda Orhan, Energie-Chefin der Nichtregierungsorganisation Climate Action Network Europe, den Entwurf als „stärker als erwartet", vor allem beim Subventionsabbau nach 2030. Bei der Zielhöhe für 2040 gehen die Einschätzungen dagegen auseinander: Der Thinktank Strategic Perspectives hält 50 Prozent für ambitioniert, aber machbar, Climate Action Network Europe selbst rechnet für einen 1,5-Grad-kompatiblen Pfad mit 69 Prozent. Im Leak steht an dieser Stelle weiterhin nur der Platzhalter.

Deutschland bleibt Nachzügler

Während Brüssel mit dem Electrification Action Plan den strukturellen Ausstieg aus fossilen Importen einleitet, setzt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf neue Gaskraftwerke und zusätzliche fossile Infrastruktur. Wie weit das vom Kurs der EU-Kommission abweicht, zeigt die frühere CT-Berichterstattung: Brüssel beschleunigt, Berlin bremst.

Die Zahlen aus dem Leak selbst liefern die Belege. Bei der Smart-Meter-Quote liegt Deutschland bei 5 Prozent, Spanien bei 98 Prozent. Bei der Stromsteuer zahlt Deutschland das 3,7-Fache der Gassteuer, künftig soll EU-weit gelten: Mitgliedstaaten dürfen Strom nicht höher besteuern als Gas.

Was jetzt zählt

„Entscheidend ist, ob das Ziel auf einem Niveau landet, das das Tempo erzwingt, statt den Status quo zu bestätigen, und ob der Vorschlag zu den Stromrechnungen die Steuern und Abgaben, die Strom teuer halten, wirklich neu austariert", sagt Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford. Gelinge beides, sei dies nach seiner Einschätzung der Moment, in dem Europas Elektrifizierungsrate wieder zu steigen beginne.

Am Freitag will die Kommission den Electrification Action Plan offiziell vorstellen, eingebettet in ein Energiepaket mit dem Legislativvorschlag zu Stromsteuern und Netzentgelten. Ob die Zielmarke für 2040 dabei schon konkretisiert wird oder erst mit dem Energy Union package im Herbst folgt, ist offen. Cleanthinking aktualisiert diesen Beitrag nach der offiziellen Vorstellung.

QUELLEN

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  1. Contexte Electrification action plan (Leak-Dokument), 08.07.2026
  2. EUobserver EU plans electrification target to cut oil and gas dependence, 09.07.2026
  3. Euronews Brussels eyes €200bn in savings by electrifying Europe's economy, draft reveals, 09.07.2026
  4. Michael Bloss Erwartet unter Hochspannung: Die Elektrifizierungsstrategie der Kommission, Stand 08.07.2026
  5. DENEFF Pressemitteilung „Leak zum Electrification Action Plan: Energieeffizienz entlastet Netze und Kosten", 16.07.2026
  6. ACEA / E-Mobility Europe Urgent call for ambitious action on road transport transition, 16.07.2026
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