Klima im freien Fall: Das Risiko, das niemand einpreist

KLIMAFORSCHUNG · 25. JULI 2026

Klima im freien Fall: Das unterschätzte Wirtschaftsrisiko

Anders Levermann vom Potsdam-Institut warnt in Nature vor einem Klima im freien Fall: Das größte und bislang unterschätzte Wirtschaftsrisiko liegt für ihn in der wachsenden Wetter-Volatilität auf dem Weg zu den Kipppunkten, noch vor dem langsam steigenden Temperaturmittel.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Anders Levermann erforscht Kipppunkte im Klimasystem seit mehr als zwanzig Jahren am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In seinem Comment in Nature verschiebt er den Fokus der ökonomischen Risikodebatte: Entscheidend ist für ihn die Übergangsphase, bevor ein gekipptes Klimasystem seinen neuen Gleichgewichtszustand erreicht. Diese Phase zeigt sich als Serie von Extremen: schwankende und einbrechende Ernten, Sturzfluten, erratische Stürme, gestörte Lieferketten, steigende Versicherungsschäden.

Genau diese Skala fehlt bislang in ökonomischen Risikoanalysen. Sie liegt zwischen der Klimaforschung, die in Jahrzehnten und globalen Mittelwerten rechnet, und der Wettervorhersage, die Tage und lokale Ereignisse betrachtet.

Kipppunkte: Warum Systeme instabil werden, bevor sie kippen

Ein Kipppunkt entsteht, wenn sich Rückkopplungen in einem System gegenseitig verstärken, bis es unkontrollierbar in einen neuen Zustand wechselt. Bekanntestes Beispiel: Verschwindet arktisches Meereis, sinkt die Rückstrahlung der Sonnenenergie, die Region heizt sich weiter auf, und der Eisverlust beschleunigt sich selbst.

Nähert sich ein System einer kritischen Schwelle, wird es instabil und beginnt stark zu fluktuieren. Das gilt als etablierte Eigenschaft nichtlinearer dynamischer Systeme. Für das Klima bedeutet das: Gerade die Phase vor dem eigentlichen Kippen wird zur Phase der größten Unruhe.

Levermann bebildert das mit einem Porzellanschrank. Wird eine Seite mit einem Wagenheber angehoben, kippt der Schrank aus dem Gleichgewicht und stabilisiert sich danach wieder.

Wird er dagegen über seinen Kipppunkt hinaus gedrückt, stabilisiert er sich nicht mehr, das Geschirr im Inneren purzelt und zerbricht, während der Schrank selbst noch gar nicht umgefallen ist. Beim Klima, schreibt Levermann, dauert dieser Sturz Jahrzehnte.

Welche Kipppunkte ihre kritische Temperatur bereits überschritten haben

Nach Levermanns Einschätzung haben die Westantarktis und der grönländische Eisschild ihre kritische Kipp-Temperatur bereits überschritten. Arktisches Meereis dürfte in wenigen Jahren folgen. Für die atlantische Umwälzströmung, kurz AMOC, räumt Levermann offen ein: Das wissen Forschende schlicht nicht.

Zwischen dem Überschreiten der Kipp-Temperatur und dem Erreichen des eigentlichen Kipppunkts steigen die Fluktuationen laut seiner Analyse dramatisch an.

Die Kaskade von Grönland bis zum Jetstream

Wie das konkret abläuft, zeichnet Levermann als Kette nach: Schmelzwasser aus Grönland macht die Süßwasserzufuhr in den Nordatlantik variabler. Das destabilisiert Ozeankonvektion und Meereisbildung und führt zu größeren Schwankungen der Meeresoberflächentemperatur. Betroffen ist auch die Stabilität des Golfstroms und der gesamten AMOC, die wiederum den Jetstream beeinflusst und damit die Wetterlagen über Europa, Nordamerika und Asien durcheinanderbringt.

Der grönländische Eisschild wirkt damit als Auslöser für Instabilität auf drei Kontinenten. Zusätzlich sind laut Levermann rund zwei Milliarden Menschen von möglichen Kipppunkten in Monsun-Systemen betroffen, deren Verschiebung ganze Agrarregionen träfe.

Diese Wetter-Volatilität äußert sich unter anderem in häufigeren Starkregenereignissen und Sturzfluten. Warum wärmere Luft mehr Feuchtigkeit speichert und Niederschläge dadurch heftiger ausfallen, erklärt CT im Beitrag zum Clausius-Clapeyron-Gesetz.

Klima im freien Fall: Warum Ökonomien auf die falsche Zahl schauen

Moderne Volkswirtschaften sind auf stabile, planbare Klima-Baselines geeicht. Agrarproduktivität, Infrastrukturdesign, Versicherungsprämien und Finanzrisikomodelle rechnen mit einer Bandbreite an Wetterereignissen, die aus der Vergangenheit statistisch hergeleitet ist. Genau diese Bandbreite löst sich in der Übergangsphase eines Kipppunkts auf.

Wie schnell das praktisch wird, zeigt der Sommer 2026: Während der Hitzewelle in Europa geraten Kraftwerke an ihre Kühlgrenzen, weil sie für Flusstemperaturen ausgelegt wurden, die als Obergrenze galten.

Sobald Variabilität selbst nicht mehr vorhersagbar ist, wird ein Risiko im eigentlichen Sinne unversicherbar. Levermann fordert deshalb eine „Wissenschaft des fallenden Aufzugs”: Klimafolgenabschätzungen sollen das Klimasystem als fortlaufend sich umorganisierendes System behandeln, parallel zu dem Versuch der Gesellschaften, aus fossiler Energie auszusteigen.

Für die ökonomische Praxis heißt das laut Levermann konkret: Schadensschätzungen gehören auf konkrete Wetteränderungen umgestellt, weg von jahresgemittelten Temperaturen als Leitgröße. Weil das System in der Übergangsphase nichtlinear reagiert, dürften die realen Schäden die heutigen Modellrechnungen deutlich übertreffen.

Das Klima ändert sich nicht nur, es wird unberechenbarer und instabiler”, bringt Levermann die Kernaussage seines Comments auf den Punkt. Der Prozess, den er beschreibt, werde nach seiner Einschätzung das kommende Jahrhundert dominieren.

Die Lücke in der Risikobewertung

Dieses Risiko taucht in keiner der gängigen Risikobewertungen auf. Es fließt nicht in Versicherungsprämien ein, nicht in die Kalkulation neuer Infrastruktur, nicht in die Kapitalallokation großer Investoren. Bewertet wird meist die Durchschnittstemperatur in Grad-Schritten, selten die Frage, wie unberechenbar der Weg dorthin wird.

Genau das muss sich laut Levermann ändern, bevor die großen wirtschaftlichen Entscheidungen der kommenden Jahre getroffen werden: welche Infrastruktur wo gebaut wird, wie Kapital verteilt wird, wie Versicherer ihre Prämien kalkulieren, welche politischen Leitplanken gesetzt werden. Eine Wirtschaft, die weiter mit stabilen Baselines rechnet, rechnet mit einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

Die Beschleunigung von Elektrifizierung und Dekarbonisierung wird vor diesem Hintergrund zur rationalen ökonomischen Absicherung gegen ein Risiko, das sich nicht wegversichern lässt. Wer heute in Erneuerbare, Speicher und Netze investiert, sichert sich gegen genau diese Instabilität ab. Die Gestalter der sauberen Zukunft handeln bereits, während sich das System um sie herum umbaut.

Häufige Fragen zu Klima im freien Fall

Was bedeutet der Begriff „Klima im freien Fall”?

Der Begriff stammt aus Anders Levermanns Nature-Comment und beschreibt die Übergangsphase kurz vor und während eines Kipppunkts. Statt sich sanft zu verschieben, wird das Wettergeschehen zunehmend volatil, mit stärkeren Ausschlägen bei Ernteerträgen, Niederschlägen und Stürmen.

Welche Kipppunkte haben laut Levermann bereits ihre kritische Temperatur überschritten?

Levermann geht davon aus, dass die Westantarktis und der grönländische Eisschild ihre Kipp-Temperatur bereits überschritten haben. Arktisches Meereis dürfte in den kommenden Jahren folgen, für die atlantische Umwälzströmung (AMOC) gibt es bislang keine gesicherte Einschätzung.

Warum wird Wetter-Volatilität zu einem Risiko, das sich kaum noch versichern lässt?

Versicherungsprämien, Infrastrukturplanung und Agrarproduktivität sind auf historische, statistisch stabile Wetterbandbreiten kalibriert. Wird diese Bandbreite selbst unvorhersehbar, lassen sich die zugrunde liegenden Risiken kaum noch verlässlich kalkulieren.

Was fordert Levermann von der Klimaökonomie?

Levermann fordert eine „Wissenschaft des fallenden Aufzugs”. Klimafolgenabschätzungen sollen sich an tatsächlichen Wetteränderungen orientieren statt an Jahresmitteltemperaturen, weil die realen wirtschaftlichen Schäden die heutigen Modelle wegen der Nichtlinearität des Systems voraussichtlich deutlich übertreffen.

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