260 Millionen gegen das Wetter: Firmen rüsten sich

ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION · 25. JULI 2026

Klimafolgen: Wie Unternehmen längst mit dem Klimawandel rechnen

Schwankende Kakaoernten, Hitze am Container-Terminal, Taifune in der Lieferkette: Klimafolgen sind für viele deutsche Unternehmen längst Betriebsrealität. Sie investieren, passen sich an und ziehen daraus einen klaren Schluss: Klimaschutz ist Betriebswirtschaft.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. Lesezeit LESEN


Im Werk von Ritter Sport bei Stuttgart braucht Schokolade erst Wärme, dann vor allem Kälte. An heißen Sommertagen kommt die Kühlung der Anlagen inzwischen an ihre Grenzen. Die größere Herausforderung liegt allerdings tausende Kilometer entfernt, beim Kakaoanbau in Westafrika und Lateinamerika.

„Es ist definitiv extremer geworden." So beschreibt Hauke Will, Leiter Kakaoanbau bei Ritter Sport, die Lage im Panorama-Beitrag Klimakrise: Was kostet das Nichtstun?. Längere Dürren und intensivere Niederschläge verändern die Muster, auf die sich Kakaobauern jahrzehntelang verlassen konnten. 2022 zog ein Hurrikan direkt über die unternehmenseigene Farm in Nicaragua, südlicher und früher in der Saison als üblich.

Ritter Sport reagiert darauf nicht mit Klagen, sondern mit Beobachtung, eigener Anbaukompetenz und angepassten Rezepturen und Prozessen. Das Unternehmen steht damit für eine Haltung, die sich durch viele Branchen zieht: Wer die Folgen der Erwärmung täglich in der eigenen Bilanz sieht, behandelt Klimarisiken wie jedes andere Geschäftsrisiko, systematisch und vorausschauend.

Anpassen als Daueraufgabe

Beim Logistiker Contargo in Neuss gehört Klimaanpassung inzwischen zum Kerngeschäft. Beschattete Flächen und Klimaanlagen schützen die Beschäftigten vor Hitze an den Container-Terminals. Für den Rhein, dessen Pegel mal zu niedrig für volle Beladung und mal zu hoch für die Brückendurchfahrt ist, schafft das Unternehmen niedrigwasserangepasste Schiffe an.

Nachhaltigkeitsmanagerin Kristiane Schmidt rechnet damit, dass diese Anpassungskosten weiter deutlich steigen, auch weil Extremwetter überall in den Lieferketten zuschlagen kann, bis hin zu Containerschiffen, die Wirbelstürmen ausweichen müssen. Ihre Schlussfolgerung fällt eindeutig aus: „Für die langfristige Stabilität unserer Wirtschaft ist Klimaschutz unerlässlich."

Beim Outdoor-Ausrüster Vaude in Tettnang beginnen Schichten an Hitzetagen früher, Fenster wurden für Durchzug umgebaut, Getränke und Eis stehen bereit. Teurer wird es vor allem durch Taifune und Überschwemmungen in Vietnam, wo ein Teil der Produktion sitzt: Verspätete Ware bedeutet Umsatzverluste im Fachhandel, schon heute.

Und die Deutsche Bahn, die Klimafolgenforscher für eines der am stärksten betroffenen Unternehmen des Landes halten, beschäftigt eigene Forstfachleute gegen Sturmschäden und Böschungsbrände. Allein im vergangenen Jahr flossen 260 Millionen Euro in die Wettervorsorge. „Wir investieren so viel wie nie zuvor", sagt Bahn-Sprecherin Anja Bröker.

Was Klimafolgen heute schon kosten

Hinter diesen Investitionen stehen Erfahrungswerte, die sich beziffern lassen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 kostete allein die Deutsche Bahn rund 1,3 Milliarden Euro. Die Hitzewelle Ende Juni kostete die deutsche Wirtschaft nach Berechnungen des Forschungsunternehmens Prognos 6,3 Milliarden Euro, vor allem durch sinkende Produktivität.

Posten Betrag
Schaden Deutsche Bahn durch die Ahrtal-Flut 20211,3 Mrd. €
Wettervorsorge Deutsche Bahn, im vergangenen Jahr260 Mio. €
Produktivitätsverlust durch die Hitzewelle Ende Juni 20266,3 Mrd. €
Volkswirtschaftliche Klimaschäden in Deutschland bis 2050280 bis 900 Mrd. €
Fossile Energieimporte Deutschlands, pro Jahr80 Mrd. €

Quellen: Deutsche Bahn und Prognos über Panorama (ARD), Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, KfW Research.

Für die kommenden Jahrzehnte veranschlagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung die volkswirtschaftlichen Klimaschäden in Deutschland bis 2050 je nach Szenario auf 280 bis 900 Milliarden Euro, durch Hochwasser, Ernteausfälle, Infrastruktur- und Gesundheitsschäden. Auch global ist die Einordnung eindeutig: Im Risikobericht des Weltwirtschaftsforums stehen Extremwetterereignisse für die kommenden zehn Jahre auf Platz eins, bewaffnete Konflikte folgen erst auf Platz zwölf.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Unternehmen wie Vaude beim Klimaschutz aufs Tempo drängen. „Jeder Euro, der investiert wird in Klimaschutz, hilft uns, das Zehnfache zu vermeiden", sagt Geschäftsführerin Antje von Dewitz. Aus ihrer Sicht wird viel zu wenig über Folgekosten und Prävention gesprochen.

Warum diese Abwägung in der öffentlichen Debatte trotzdem oft zugunsten kurzfristiger Entlastung ausgeht, erklärt Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, mit einer zeitlichen Schieflage: Die Vorteile des Klimaschutzes zeigten sich erst in der Zukunft, die Kosten fielen sofort an. „Das ist eigentlich das Kernproblem."

Die zweite Rechnung: 80 Milliarden für fossile Importe

Zur Schadensbilanz kommt ein Posten, der in der Standortdebatte selten mitgezählt wird. Deutschland gab zuletzt rund 80 Milliarden Euro pro Jahr für den Import von Erdöl und Erdgas aus, ermittelt von KfW Research, ungefähr so viel wie der Verteidigungsetat.

„Diese Summe ist weg. Für immer." So beschreibt Jan Lozek diesen Abfluss, Gründer des Risikokapitalgebers Future Energy Ventures und zuvor in leitenden Positionen bei RWE, Innogy und Eon. Anders als eine Investition im Inland lasse sich dieses Geld nicht reinvestieren. Jede Wärmepumpe, jeder Speicher und jedes Elektroauto verringert diese jährliche Rechnung dauerhaft.

Immerhin sinkt die europäische Rechnung bereits. Die EU-Staaten zahlten 2025 für Erdgas, Flüssigerdgas und Öl 336,7 Milliarden Euro, nach 693,4 Milliarden im Krisenjahr 2022. Eine Halbierung in drei Jahren, wenn auch von einem Ausnahmeniveau aus.

Wo die Transformation noch klemmt

Dass Unternehmen wollen, heißt nicht, dass sie immer können. Eine McKinsey-Befragung unter 400 Industrieunternehmen zeigt beides: 97 Prozent nennen volatile und hohe Energiekosten als größte Herausforderung, 87 Prozent berichten von wachsender Komplexität im Energieeinkauf. Zugleich ist seit 2020 ein Ökosystem aus über 600 Cleantech-Startups entstanden, mit rund zehn Milliarden Euro Kapital in 750 Finanzierungsrunden.

Drei Engpässe bremsen den Umstieg. Der Netzanschluss für Wind- und Solarparks oder Großspeicher dauert je nach Region fünf bis sieben Jahre, allein für Batteriegroßspeicher lagen bei den Übertragungsnetzbetreibern zuletzt 545 Anschlussbegehren über 211 Gigawatt vor. Vielen Haushalten und Unternehmen fehlt die Vorfinanzierung für Investitionen, die sich erst über Jahre rechnen. Und es mangelt an Fachleuten, die erneuerbare Energien technisch wie kommerziell in bestehende Systeme integrieren.

Genau an diesen Engpässen arbeiten junge Unternehmen. Das dänische Reel etwa bündelt Stromlieferverträge, algorithmischen Handel und Speicheroptimierung auf einer Plattform und expandiert mit 15 Millionen Euro Wagniskapital nach Deutschland, finanziert unter anderem von Lozeks Fonds. Lozek selbst plädiert für Anschubfinanzierungen, die aus den erzielten Einsparungen zurückgezahlt werden, statt für dauerhafte Subventionen.

Verlässlichkeit als Standortfaktor

Am 29. Juli entscheidet das Bundeskabinett über die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das Netzanschlusspaket. Das Wirtschaftsministerium betont dabei, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit müssten zum Ausgleich gebracht werden. Für die Unternehmen entscheidet sich an solchen Weichenstellungen, ob aus ihrer Anpassungsleistung eine Investitionsperspektive wird.

Denn ihre Erfahrung zeigt: Warten wird teurer. Jedes Jahr Verzögerung bedeutet ein weiteres Jahr fossiler Importrechnung und ein weiteres Jahr steigender Anpassungskosten. Eine Solaranlage und ein Speicher werden dagegen einmal gekauft und liefern zwei bis drei Jahrzehnte, während Öl und Gas jedes Jahr neu bezahlt werden müssen, zu Preisen, die andere festlegen.

Wo saubere Technologien in Europa hergestellt und eingesetzt werden, zeigt der European Clean Tech Tracker, die Rohstoffseite dieser Rechnung haben wir am Beispiel Kupfer beschrieben. Und dass sich Klimafolgen inzwischen kleinräumig beziffern lassen, zeigt der CADI-Index, der Ernteverluste in Ernährungskapazität umrechnet.

Die Unternehmen aus dem Panorama-Beitrag haben ihre Entscheidung getroffen. Sie rechnen mit dem Klimawandel, in beiden Bedeutungen des Wortes: Sie erwarten ihn, und sie kalkulieren ihn ein. Was sie sich von der Politik wünschen, ist weniger Grundsatzdebatte und mehr Verlässlichkeit für den Weg, den sie längst gehen.

Häufige Fragen zu Klimafolgen für Unternehmen

Wie passen sich Unternehmen an den Klimawandel an?

Die Bandbreite reicht von hitzeangepassten Arbeitszeiten und beschatteten Flächen über niedrigwasserangepasste Binnenschiffe bis zu eigenen Forstfachleuten gegen Sturmschäden an Bahnstrecken. Die Deutsche Bahn investierte im vergangenen Jahr 260 Millionen Euro in Wettervorsorge.

Was kostet der Klimawandel die deutsche Wirtschaft?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung beziffert die volkswirtschaftlichen Klimaschäden in Deutschland bis 2050 je nach Szenario auf 280 bis 900 Milliarden Euro. Allein die Hitzewelle Ende Juni 2026 kostete nach Prognos-Berechnungen 6,3 Milliarden Euro an Produktivität.

Warum halten Unternehmen Klimaschutz für wirtschaftlich?

Weil Vermeidung günstiger ist als Anpassung: Vaude-Chefin Antje von Dewitz beziffert das Verhältnis auf eins zu zehn. Zudem verringert jede Wärmepumpe und jeder Speicher die fossile Importrechnung Deutschlands von rund 80 Milliarden Euro pro Jahr.

Woran hakt die Energiewende in der Industrie?

An drei Engpässen: Netzanschlüsse dauern je nach Region fünf bis sieben Jahre, vielen Betrieben fehlt die Vorfinanzierung, und es mangelt an Fachleuten für die Integration erneuerbarer Energien. 97 Prozent der Industrieunternehmen nennen Energiekosten als größte Herausforderung.

QUELLEN

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  1. Panorama (NDR): Klimakrise: Was kostet das Nichtstun?, 23.07.2026.
  2. McKinsey: Ideen unter Strom: Wie Start-ups die industrielle Energiewende beschleunigen, 07.07.2026.
  3. ntv Klima-Labor: In zwei Jahren ist Strom günstiger als im alten fossilen System, Interview mit Jan Lozek, 25.07.2026.
  4. KfW Research: Fossile Importe, Volkswirtschaft Kompakt Nr. 251, April 2025.
  5. Eurostat: EU-Ausgaben für Erdgas, LNG und Öl 2025, 25.03.2026.
  6. Übertragungsnetzbetreiber: Dokumentation Reifegradverfahren, 05.02.2026.
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