Wie viele Menschen ernährt dieser Acker noch?

KLIMAWISSEN · 25. JULI 2026

CADI-Index: Wie viele Menschen ein Acker noch ernährt

Klimaschäden in der Landwirtschaft werden meist in Prozent gemessen. Der CADI-Index rechnet sie in Menschen um, die ein Stück Land pro Jahr ernähren könnte. Diese Umstellung verändert, was sichtbar wird.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Ein Ertragsrückgang von zwölf Prozent klingt nach einer Betriebsstatistik. Die gleiche Zahl, ausgedrückt in Menschen, die diese Fläche nicht mehr satt macht, klingt nach einer politischen Aufgabe. Genau diese Umrechnung leistet der CADI-Index.

Entwickelt hat ihn ein Team am Institute for Economic Analysis des spanischen Forschungsrats CSIC in Barcelona. Dahinter steht eine alte, selten konsequent umgesetzte Idee. Wer den Klimaeffekt auf die Ernährungsgrundlage sehen will, muss die Kapazität eines Ortes von den Entscheidungen derer trennen, die dort wirtschaften.

Was misst der CADI-Index?

CADI steht für Climate-Driven Agricultural Decline Index. Der Index vergleicht, wie viel eine Fläche unter verschiedenen klimatischen Bedingungen erbringen könnte, und hält dabei die Kulturen fest, die dort im Jahr 2020 tatsächlich angebaut wurden. Damit isoliert er den Klimaeffekt von der Frage, was Landwirt*innen pflanzen oder wie sie reagieren.

Die zentrale Maßeinheit heißt PFY, people fed per year. Das CADI-Projekt rechnet die erreichbaren Erträge in Kalorienäquivalente um und teilt sie durch einen Tagesbedarf von 2.000 Kalorien pro Person. Ergebnis ist eine Zahl von Menschen, die eine Rasterzelle jährlich ernähren könnte.

Die Datengrundlage besteht aus zwei Säulen. Für die biophysikalische Modellierung nutzt das Team Global Agro-Ecological Zones in der fünften Version, für das Klima die Reanalysedaten AgERA5. Die Auflösung liegt bei rund zehn Kilometern Kantenlänge, fein genug, um Unterschiede innerhalb eines Landes abzubilden.

Zeitraum Funktion im Modell
1981 bis 2000historische Ausgangsbasis
2001 bis 2020beobachtete Veränderung, neue Basis
2021 bis 2100Projektion in Zwanzigjahresschritten unter SSP3-7.0 und SSP5-8.5

Quelle: CADI Project (IAE-CSIC), 2026.

Wichtig für jede Interpretation: Der Vergleich zwischen den beiden Zwanzigjahresperioden ist keine Modellrechnung, sondern eine Auswertung dessen, was passiert ist. Erst der Blick über 2020 hinaus arbeitet mit Szenarien.

Warum rechnet der Index ohne Anpassung?

Die Annahme, dass niemand reagiert, ist die umstrittenste Setzung des Modells und gleichzeitig seine wichtigste. Sie unterstellt, dass alles gleich bleibt außer dem Klima: dieselben Kulturen, dieselbe Bewässerung, dieselben Sorten. In der Wirklichkeit passiert das nie.

Genau deshalb sagt der Index keine Ernten voraus. Er misst einen Druck: die Lücke, die durch Anpassung geschlossen werden muss, damit eine Region ihre Ernährungskapazität behält. Für die Zeit ab 2021 rechnet das Team diese Lücke in Zwanzigjahresschritten bis 2100 durch, in den beiden Szenarien SSP3-7.0 und SSP5-8.5.

Diese Lesart macht den Index für Planung brauchbar, wo Alarmzahlen nichts nützen. Wer weiß, wo die Kapazität schwindet, kann Sorten wechseln, Bewässerung umbauen, Anbau verlagern oder Einkommen absichern, bevor Erträge einbrechen. Ohne eine solche Karte bleibt Anpassungspolitik Reaktion auf Missernten.

Der physikalische Mechanismus hinter dem Verlust ist gut verstanden. Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen und entzieht es Böden und Pflanzen, was das Clausius-Clapeyron-Gesetz beschreibt. Wie schnell daraus ein Ertragsschaden wird, zeigen Blitzdürren, die binnen Wochen entstehen. Dass die Atmosphäre selbst zum Durstfaktor geworden ist, belegt eine Auswertung zur globalen Dürreentwicklung.

Wo verliert die Welt bereits Ernährungskapazität?

Die beobachteten Werte sind deutlicher als die meisten Debatten vermuten lassen. Nach den Auswertungen des CADI-Projekts haben 16 Prozent der weltweiten Ackerflächen im Vergleich der Perioden 1981 bis 2000 und 2001 bis 2020 mehr als zehn Prozent ihrer Produktivität verloren. Beim Regenfeldbau, der ohne Bewässerung arbeitet, liegt der Anteil bei 20 Prozent, und fünf Prozent dieser Flächen haben mehr als 30 Prozent eingebüßt.

Rund 640 Millionen Menschen leben bereits in Agrargebieten mit einem PFY-Rückgang von über zehn Prozent. 15 Prozent der Weltbevölkerung wohnen in Zellen, deren Ernährungskapazität um mindestens fünf Prozent gesunken ist.

Für die Mitte des Jahrhunderts wird daraus im Szenario SSP3-7.0 ein Wert von 49 Prozent. Fast die Hälfte der Menschheit lebte dann in Gebieten mit messbar geschwundener Ernährungsgrundlage. Vorausgesetzt, es geschieht nichts.

Auffällig ist die Konzentration der Schäden. Fünf Prozent der Agrarfläche verursachen 35 Prozent aller PFY-Verluste. Die Belastung häuft sich also an wenigen Orten, statt sich gleichmäßig über den Planeten zu legen.

In Europa wiederholt sich das bekannte Nord-Süd-Muster. Skandinavien, Schottland und der Alpenraum gewinnen Agrarpotenzial, der Süden des Kontinents verliert. Innerhalb Spaniens zeigt sich dieselbe Spaltung im Kleinen. Die kantabrische Küste, Galicien und die Pyrenäen gewinnen, große Teile des Binnenlands und des Ostens verlieren, wie Hannes Mueller vom Forschungsteam gegenüber Euronews erläuterte.

Zugewinne in hohen Breiten wiegen die Verluste nicht auf. Sie starten von so niedrigen Produktionsniveaus, dass prozentuale Sprünge kaum zusätzliche Kalorien bedeuten. Wer Gewinner und Verlierer gegeneinander aufrechnet, rechnet Prozente gegen Nahrung.

Warum auch Gewinnerregionen Konflikte bekommen

Der am wenigsten beachtete Befund des Projekts betrifft die Regionen, denen es besser geht. Steigt das Agrarpotenzial an einem Ort, müssen Fläche, Wasser und Investitionen dorthin verschoben werden. Damit konkurrieren plötzlich Regionen um Ressourcen, die bisher nichts miteinander zu verhandeln hatten.

Dieselbe Verschiebung, die einer Provinz Erträge bringt, entzieht einer anderen Bewässerungsrechte, Subventionen oder Verarbeitungskapazität. Damit landet Anpassung in der Verteilungspolitik. Wer Wasserrechte neu vergibt, entscheidet über Existenzen.

Auch zwischen Staaten bündelt sich der Schaden. Ein Viertel der Länder trägt bis zur Mitte des Jahrhunderts 85 bis 90 Prozent der globalen Verluste, während die Tropen die schwersten Einbußen verzeichnen.

Dazu kommt das globale Missverhältnis. Die Länder, die historisch am wenigsten Treibhausgase ausgestoßen haben, gehören zu den am stärksten betroffenen, und diese Lücke wird größer. Dass die Erwärmung die Nahrungsmittelproduktion schon heute trifft, zeigt auch die fortschreitende Wüstenbildung.

Was der Index für die saubere Zukunft bedeutet

Der CADI-Index liefert zwei Argumente, die selten zusammen gedacht werden. Das erste betrifft Anpassung: Eine Karte auf zehn Kilometern Auflösung macht Vorsorge planbar, von der Sortenwahl bis zur Frage, wo Verarbeitung künftig sinnvoll steht. Genau dafür ist das Werkzeug gebaut, seine Autor*innen nennen die frühzeitige Identifikation unterstützungsbedürftiger Regionen als praktischen Zweck.

Das zweite Argument ist unbequemer. Zwischen den 15 Prozent der Weltbevölkerung, die heute in Gebieten mit sinkender Ernährungskapazität leben, und den 49 Prozent im Szenario SSP3-7.0 liegt eine politische Entscheidung. Jede vermiedene Zehntelgrad-Erwärmung verschiebt die Kurve.

Anpassung ist damit nicht die Antwort auf den Verlust von Ernährungskapazität, sie ist die Rechnung für ausgebliebene Vermeidung.

Für die Gestaltung einer sauberen Zukunft folgt daraus ein doppelter Auftrag. Der Anbau muss robuster werden, und Teile der Ernährung müssen unabhängiger von Klimarisiken produziert werden. Beides existiert bereits: Agri-Photovoltaik verbindet Stromerzeugung mit Verschattung und geringerer Verdunstung, während Düngemittel ohne Erdgas die Abhängigkeit der Erträge von fossilen Lieferketten senken.

Der Index macht dabei eine Frage beantwortbar, die bisher im Vagen blieb: wie viele Menschen an welchem Ort ihre Ernährungsgrundlage verlieren, wenn Anpassung ausbleibt. Mit dieser Zahl lässt sich Politik machen.

Häufige Fragen zum CADI-Index

Wofür steht die Abkürzung CADI?

CADI steht für Climate-Driven Agricultural Decline Index. Der Index wurde am Institute for Economic Analysis des spanischen Forschungsrats CSIC in Barcelona entwickelt und ist über die Projektseite cadi.econai.org frei zugänglich.

Was bedeutet die Kennzahl PFY?

PFY steht für people fed per year und gibt an, wie viele Menschen eine Fläche pro Jahr ernähren könnte. Grundlage ist ein Tagesbedarf von 2.000 Kalorien pro Person, in den die erreichbaren Ernteerträge umgerechnet werden.

Wie viel Ackerland hat bereits Produktivität verloren?

16 Prozent der weltweiten Ackerflächen haben im Vergleich der Zeiträume 1981 bis 2000 und 2001 bis 2020 mehr als zehn Prozent ihrer Produktivität eingebüßt. Beim Regenfeldbau ohne Bewässerung sind es 20 Prozent, fünf Prozent dieser Flächen verloren mehr als 30 Prozent.

Gewinnt Mitteleuropa durch den Klimawandel Agrarpotenzial?

Für Skandinavien, Schottland und den Alpenraum weist der CADI-Index steigendes Agrarpotenzial aus, für Südeuropa sinkendes. Die Zugewinne in hohen Breiten starten allerdings von niedrigem Produktionsniveau und liefern deshalb kaum zusätzliche Kalorien.

QUELLEN

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  1. CADI Project (IAE-CSIC): Climate-Driven Agricultural Decline Index, abgerufen 25.07.2026.
  2. Euronews: Interactive map predicts climate-driven farm decline by end of century, 15.07.2026.
  3. CADI Project: Team, abgerufen 25.07.2026.
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