Von Trump gefeuert, jetzt retten sie Amerikas Klimadaten

WISSENSCHAFT · 28. JULI 2026

Climate.us: Entlassene NOAA-Fachleute retten Amerikas Klimadaten

Die Trump-Regierung nahm eine der meistbesuchten Klimawebsites der USA vom Netz. Ein Team entlassener NOAA-Fachleute hat sie mit Spendengeld neu aufgebaut. Seit Ende Juni läuft climate.us in der Vollversion, unabhängig und gemeinnützig.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Am 23. Juni 2026 ging climate.us in der Vollversion online. Die Seite versammelt wieder, was die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA 15 Jahre lang auf climate.gov veröffentlicht hatte: Klimadaten, interaktive Karten, Erklärstücke und Unterrichtsmaterial. Betrieben wird das Portal von ehemaligen Mitarbeitern der Behörde, bezahlt aus Spenden.

Die Vorgeschichte beginnt im Februar 2025. Im Zuge der Stellenstreichungen durch die Trump-Regierung und das von Elon Musk geführte „Department of Government Efficiency" traf es zunächst drei Beschäftigte in der Probezeit, darunter Programmmanagerin Rebecca Lindsey. Ende Mai 2025 folgte der Rest des zehnköpfigen Redaktionsteams, zum 1. Juli 2025 stellte climate.gov die Publikation ein.

Seit dem 24. Juni 2025 leitet die Adresse nur noch auf eine NOAA-Unterseite um, begründet mit der Executive Order 14303 zur sogenannten „Goldstandard-Wissenschaft". Verloren ging damit ein Angebot, das zuletzt mehr als 15 Millionen Besuche im Jahr zählte und laut Umfragen zu den vertrauenswürdigsten Klimaquellen des Landes gehörte.

Das Muster ist aus Washington inzwischen vertraut. Die Umweltbehörde EPA wurde systematisch demontiert, und mit der Abschaffung der sozialen Kosten von Kohlenstoff verschwand die Rechengrundlage für Klimapolitik gleich mit. Wer die Daten entfernt, muss über ihre Konsequenzen nicht mehr streiten.

Was auf climate.us wieder verfügbar ist

Der Wiederaufbau begann im August 2025, wiederhergestellt wurden dabei nach Recherchen der New York Times mehr als 1.000 Berichte und Datensätze. Zurück sind das Global Climate Dashboard mit Indikatoren wie arktischem Meereis, CO₂-Konzentration und Meeresspiegelanstieg, die Fachblogs zu El Niño und Polarwirbel sowie das Archiv aus 15 Jahren Wissenschaftsjournalismus.

Dazu kommt der Bereich Teaching Climate mit Unterrichtsmaterial für Schulen. Den Fifth National Climate Assessment, den nationalen Klimabericht der USA, hatte das Team schon im September 2025 unter einer eigenen Adresse wieder zugänglich gemacht, ein Resilience Toolkit sammelt Ressourcen zur Klimaanpassung. Die Betreiber beschreiben climate.us als dauerhafte, unabhängige und wissenschaftlich strenge Plattform.

Wer climate.us trägt und wer dafür zahlt

Geschäftsführerin ist Rebecca Lindsey, Wissenschaftsjournalistin und bis Februar 2025 Programmmanagerin von climate.gov bei der NOAA. Zum Kernteam gehören die Designerin Anna Eshelman und die Datenvisualisiererin Mary Lindsey, beide ebenfalls aus dem früheren Behördenteam. Mehr als 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler prüfen die Inhalte ehrenamtlich als Fachgutachter.

„Verlässliche Klimainformationen dürfen nicht verschwinden, wenn sich die Politik ändert", heißt es in der Startmitteilung von Rebecca Lindsey. Redaktionell bleibt climate.us beim Prinzip des Vorgängers: erklären, was die Forschung weiß, ohne den Leserinnen und Lesern vorzuschreiben, was sie tun sollen.

Formal ist climate.us ein Betriebsprojekt von Multiplier, einer gemeinnützigen 501(c)(3)-Organisation mit Sitz in San Francisco. Ein Drittel der Startfinanzierung stammte nach eigenen Angaben aus mehr als 2.500 Kleinspenden, zusammen rund 250.000 Dollar. Bis Mitte Juli 2026 hatte das Projekt insgesamt über 400.000 Dollar eingeworben.

Dazu kommt eine einmalige, nicht bezifferte Spende eines anonymen Gebers, die das Kernteam für zwölf Monate finanziert. Zusammen trägt das die Arbeit nach Angaben der Beteiligten bis mindestens Februar 2027.

Fachliche Anerkennung gibt es bereits: Das National Center for Science Education zeichnete climate.us Ende Juli 2026 mit dem Preis „Friend of the Planet" aus, gemeinsam mit dem Klimaforscher Benjamin Santer und Miranda Massie vom Climate Museum. Begründung der Jury ist die Bewahrung und Fortführung der Klimainhalte des Bundes.

Kennzahl Wert
Kleinspenden zum Launchrd. 250.000 $
Zahl der Kleinspendenüber 2.500
Eingeworben bis Juli 2026über 400.000 $
Ehrenamtliche Fachgutachterüber 80
Finanzierung gesichert bisFebruar 2027

Quellen: climate.us, NPR, The 19th (Stand Juli 2026)

Warum dieses Modell über die USA hinaus zählt

Der Fall zeigt zweierlei. Erstens, wie verwundbar öffentliche Wissensinfrastruktur ist: Ein Angebot mit zweistelligen Millionen-Besuchszahlen war binnen weniger Monate verschwunden, samt dem Team, das es gepflegt hatte. Zweitens, wie günstig ihr Erhalt im Vergleich ausfallen kann, wenn Fachleute und Zivilgesellschaft zusammenfinden.

Für die Debatte hierzulande ist das relevant, weil Klimadesinformation regelmäßig mit dem Verweis auf angeblich fehlende oder manipulierte Daten arbeitet. Wer die gängigen Zweifels-Narrative prüfen will, braucht frei zugängliche Primärquellen. Genau die stehen mit climate.us wieder bereit, und zwar geprüft von einem benannten Fachgutachter-Netz.

Offen bleibt die Dauerfrage: Geld. Der Puffer reicht bis Februar 2027, eine tragfähige Anschlussfinanzierung sucht das Team noch. Spendenfinanzierte Wissenschaftskommunikation ersetzt keinen staatlichen Auftrag, aber sie hält die Lücke offen, bis politisch wieder jemand hineingeht.

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