Hitze in der Arktis: 33,9 Grad nahe dem Polarkreis

WISSENSCHAFT · 4. AUGUST 2026

Hitze in der Arktis: 33,9 Grad Celsius nahe dem Polarkreis

Wetterstationen im Norden Russlands haben in dieser Woche mehr als 32 Grad Celsius gemessen, eine davon 33,9 Grad. Die Hitze in der Arktis trifft auf eine Region, die sich bis zu viermal schneller erwärmt als der Rest des Planeten.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Die Wetterstation Selagoncy knapp südlich des nördlichen Polarkreises hat in den vergangenen Tagen 33,9 Grad Celsius gemessen. Die Station Olenjok, die mit 68,5 Grad Nord klar innerhalb des Polarkreises liegt, kam auf 32,7 Grad. Die Werte stammen aus den Daten des Wetterdienstes Ogimet und wurden vom Klimatologen Maximiliano Herrera veröffentlicht.

Um diese Jahreszeit ist das ungefähr das Temperaturniveau von Orlando in Florida. Beide Stationen liegen in der ostsibirischen Republik Sacha, in der auch Oimjakon liegt, der kälteste dauerhaft bewohnte Ort der Nordhalbkugel. Dort wurden im Februar 1933 knapp minus 68 Grad gemessen, bis heute der Kälterekord für Asien.

Was hinter der Hitze in der Arktis steckt

Schmilzt Meereis, verschwindet eine helle Fläche, die einen großen Teil des Sonnenlichts zurück ins All wirft. Das dunklere Wasser darunter nimmt die Energie stattdessen auf und lässt weiteres Eis schmelzen. Diese Eis-Albedo-Rückkopplung ist der wesentliche Grund dafür, dass sich die Polarregion so viel schneller aufheizt als der globale Durchschnitt.

„Dass wir in hohen Breiten Allzeitrekorde sehen, überrascht deshalb nicht”, sagt der unabhängige Meteorologe Alan Gerard. Die Forschung der vergangenen Jahre habe gezeigt, wie stark die Rückkopplung aus dem Meereisverlust wirke.

Die Hitzewelle in Nordrussland steht dabei nicht allein. Auch auf der Nordhalbkugel südlich davon reihen sich in diesem Sommer die Rekorde aneinander, von Teilen Montanas mit knapp 44 Grad bis zu den europäischen Hitzewellen der vergangenen Wochen.

Das Meereis zeigt eine gespaltene Arktis

Beim Meereis fällt der Befund weniger eindeutig aus, als die Landtemperaturen vermuten lassen. Am 30. Juli lag die arktisweite Eisausdehnung nach Auswertung des National Snow and Ice Data Center bei 6,62 Millionen Quadratkilometern, 14 Prozent unter dem Median der Jahre 1991 bis 2020 und der sechstniedrigste Wert seit Beginn der Satellitenmessung 1979. Ein neuer Rekord ist das nicht.

Regional klaffen die Verhältnisse allerdings weit auseinander, wie Rick Thoman im Alaska and Arctic Climate Newsletter zeigt. Auf der atlantischen Seite liegt die kombinierte Eisfläche von der Grönlandsee bis zur Karasee 30 Prozent unter dem bisherigen Tiefstwert für dieses Datum. Nördlich des Franz-Josef-Land-Archipels reicht offenes Wasser inzwischen bis etwa 84 Grad Nord, rund 650 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Auf der pazifischen Seite gilt das Gegenteil. In der Tschuktschensee lag die Eisausdehnung Ende Juli acht Prozent höher als in jedem Jahr seit 2000, rund um Alaska erinnert die Eiskante an die 1990er Jahre. Die Erwärmung verteilt sich also nicht gleichmäßig über die Arktis, sondern verschiebt sich in einzelne Sektoren.

Der härtere Befund stammt ohnehin aus dem Winter. Am 15. März erreichte das Meereis sein Jahresmaximum bei 14,29 Millionen Quadratkilometern, nach Angaben von NASA und dem National Snow and Ice Data Center das zweite Jahr in Folge der statistisch niedrigste Höchststand seit 1979. Der Wert liegt rund 1,3 Millionen Quadratkilometer unter dem Mittel der Jahre 1981 bis 2010.

„Ein großer Teil des Eises in der Arktis ist in diesem Jahr dünner”, sagt Nathan Kurtz, Leiter des Cryospheric Sciences Laboratory am Goddard Space Flight Center der NASA, mit Blick auf die Messungen des Satelliten ICESat-2. Weniger neu gebildetes Eis im Winter bedeutet weniger mehrjähriges Eis, das den Sommer übersteht.

El Niño kommt erst noch

Der zusätzliche Wärmeschub aus dem Pazifik steht dabei noch bevor. Das Climate Prediction Center der US-Wetterbehörde NOAA führt seit Monaten eine El-Niño-Warnung und beziffert die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses im Zeitraum Oktober bis Dezember auf 81 Prozent. Der Niño-3.4-Index lag zuletzt bei plus 1,2 Grad, mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit hält das Ereignis bis in den beginnenden Frühling 2027 an.

Ein starker El Niño erhöht die globale Mitteltemperatur zusätzlich zum Trend aus der Treibhausgaskonzentration. Gerard erwartet deshalb, dass 2027 noch mehr Rekordhitze bringt als das laufende Jahr.

Wie tief das Meereis in diesem Sommer noch fällt, entscheidet sich bis Mitte September. Das britische Met Office rechnet mit zwei Methoden und kommt auf Spannen von 4,04 bis 5,57 sowie von 3,74 bis 5,51 Millionen Quadratkilometern, die beide den bisherigen Tiefstwert der Datenreihe von 3,99 Millionen berühren. Ein neuer Rekord ist damit möglich, aber nicht ausgemacht.

QUELLEN

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  1. Scientific American: It's 90 degrees in the Arctic right now, 3. August 2026.
  2. Alaska and Arctic Climate Newsletter: Late July 2026 Arctic Sea Ice Update, 1. August 2026.
  3. NASA: Arctic Winter Sea Ice Ties Record Low, NASA, NSIDC Scientists Find, 26. März 2026.
  4. NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 9. Juli 2026.
  5. Met Office: Briefing on Arctic and Antarctic sea ice - July 2026, 8. Juli 2026.
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