WISSENSCHAFT · 25. AUGUST 2026

Waldbrand und Klimawandel: Merz hat recht, aber das reicht nicht
Nach dem größten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens nennt Kanzler Friedrich Merz das Ereignis Klimawandel. Apollo-News-Autor Benedikt Brechtken hält das für Panikmache. Der Faktencheck zeigt: Brechtken verharmlost, und der Kanzler bleibt die Konsequenzen schuldig.
Rund 300 Hektar verbrannter Wald, etwa 2.000 Evakuierte, Flammen bis auf 250 Meter an die ersten Wohnhäuser: Der Brand im Hürtgenwald in der Eifel war nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul der größte dokumentierte Waldbrand in der Geschichte des Bundeslandes.
Bundeskanzler Friedrich Merz besuchte das Brandgebiet direkt nach seinem Sommerurlaub. „Wir müssen damit rechnen, dass wir häufiger solche Ereignisse haben. Das ist Klimawandel", sagte er vor Ort. Und weiter: „Und ich will allen Leugnern des Klimawandels sagen: Schauen Sie sich das genau an, was hier passiert ist!"
Apollo-News-Autor Benedikt Brechtken hält in einem Video dagegen: Weltweit brenne ein Viertel weniger Fläche als in den 1990er Jahren, über 90 Prozent aller Brände seien menschengemacht, größere Feuer lägen am gewachsenen Wald statt an der Trockenheit. Für Ängste bestehe kein Grund. Wir haben das geprüft: Die Einzelzahlen stimmen größtenteils, der Schluss daraus ist trotzdem falsch.
Savanne ist kein Wald, und 2025 sprengt jede Zeitreihe
Die Aussage, dass ein Viertel weniger Fläche weltweit brennt als in den 90er Jahren, stammt aus einer Studie aus dem Jahr 2017 in Science. Andela und Kollegen berichteten darin, dass die weltweit verbrannte Fläche zurückgeht. Zu betonen ist dabei aber, dass dieser Rückgang fast ausschließlich Savannen und Grasland in Afrika betrifft, wo die Landwirtschaft das traditionelle Abbrennen verdrängt. Über Waldbrände in gemäßigten Zonen, also dort, wo Hürtgenwald, Bordeaux oder Kalifornien liegen, sagt diese Zahl, die Brechtken verwendet, nichts aus.
Für Südeuropa zeigt die Zeitreihe tatsächlich lange einen leichten Rückgang: von rund 440.000 Hektar pro Jahr in den 1990ern auf rund 330.000 Hektar in den 2010ern, vor allem dank besserer Löschkapazitäten. Das Rekordjahr 2025 räumt die Gegenrede zwar ein, tut es aber als Extremjahr ab, das keine bedenkliche Entwicklung zeige. Die Daten sagen etwas anderes: Mit knapp 1,08 Millionen Hektar, fast dem Doppelten des langjährigen Durchschnitts, war 2025 das zerstörerischste Waldbrandjahr, das die EU je gemessen hat, mit Allzeitrekorden auch in Deutschland.
Wer ein solches Rekordjahr als Ausreißer abtut und Zehntausenden Geflüchteten rund um Bordeaux oder den Evakuierten aus Hürtgenwald erklärt, es gäbe keinen Grund für Ängste, verharmlost die Gefahren durch die Klimakrise.
Wer zündet, ist nicht die Frage, die zählt
Auch die zweite Behauptung von Brechtken verwechselt zwei Ebenen. Dass Menschen fast alle Brände entzünden, ist unstrittig. Cleanthinking zitiert Wetterexperte Jörg Kachelmann im Artikel, der erklärt, wie Waldbrände entstehen.
Nur beschreibt die Zündung eben nicht, was danach passiert. Der Klimawandel legt kein Feuer. Er entscheidet aber zunehmend darüber, ob aus einem Funken ein Flächenbrand wird: Über das Clausius-Clapeyron-Gesetz trocknen Böden und Vegetation schneller aus, Feuer breiten sich aggressiver aus. Die Attributionsforscher von World Weather Attribution haben für die Extrembrände in Spanien und Portugal berechnet: Der Klimawandel macht solche Feuerwetter-Bedingungen 40-mal wahrscheinlicher und rund 30 Prozent intensiver. Aus einem 500-Jahre-Ereignis ist eines geworden, das alle 13 bis 15 Jahre auftritt.
Europas Wald wächst, entscheidend bleibt die Trockenheit
Bleibt das Wald-Argument. Europas Waldfläche ist tatsächlich deutlich gewachsen, und mehr Wald bedeutet mehr brennbares Material. Für die Forschung ist das aber kein Gegenbeweis, sondern ein Faktor neben dem Klima: Wie stark dichtere Vegetation Brände wirklich beschleunigt, ist einer aktuellen Studie zur Iberischen Halbinsel zufolge höchst unsicher. Robust belegt ist dagegen, dass der Klimawandel den Brennstoff austrocknet.
In Südeuropa kommt ein weiterer Treiber hinzu: die Landflucht. Wo Felder aufgegeben werden, verbuschen die Flächen und tragen Feuer bis an Siedlungen und Wälder heran. Brechtkens Hoffnung auf Löschdrohnen bleibt dagegen Zukunftsmusik: Bislang trägt kein Drohnensystem genug Wasser, um bei Großbränden etwas auszurichten.
Recht haben ist noch keine Politik
In der Sache hält der Satz des Kanzlers der Prüfung stand. Die Zündung bleibt menschlich, doch wie sich Feuer ausbreiten, bestimmt zunehmend der Klimawandel, und 2025 liefert dafür den deutlichsten Beleg der europäischen Statistik. Wer Merz hier widerspricht wie Apollo-Autor Brechtken, ignoriert die Datenlage.
Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende. Merz verspricht, alles zu tun, um den Klimawandel zurückzudrängen. Solange EEG-Novelle und Gebäudeenergiegesetz in die Gegenrichtung laufen, bleibt das ein leeres Versprechen. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge fordert deshalb einen Klima-Notfallplan: „Deutschland wird Friedrich Merz an seinen Worten in Hürtgenwald messen", sagt sie. Zu Recht.
So bleibt eine doppelte Bilanz: Brechtken verharmlost mit selektiven Zahlen ein reales, wachsendes Risiko. Und Merz benennt dieses Risiko zwar korrekt, muss den Worten aber erst noch Politik folgen lassen.
QUELLEN
- ZDFheute: Merz besucht Waldbrandgebiet in der Eifel nach Urlaub, 22.08.2026.
- Tagesspiegel: Größter Waldbrand in Geschichte NRWs: Fünf Verletzte bei Waldbrand in Hürtgenwald, 21.08.2026.
- Science: A human-driven decline in global burned area, 2017.
- European Environment Agency: Forest fires in Europe.
- Joint Research Centre: 2025 was the EU's most destructive wildfire season on record, 31.03.2026.
- World Weather Attribution: Extreme fire weather conditions in Spain and Portugal now common due to climate change.
- npj Climate and Atmospheric Science: Studie zu Vegetations- und Trockenheitseffekten auf der Iberischen Halbinsel, 2025.
- Europäisches Parlament: The European Union and forests, Factsheet.
- IEEE Spectrum: Wildfire drones.
- RONZHEIMER.: Der große Hitze-Irrtum der Deutschen. Mit Jörg Kachelmann, Folge 804, 14.08.2026.
- Apollo News: Deshalb ist die Panikmache der Waldbrand-Apokalyptiker unbegründet, 01.08.2026.