Das ARD-Sommerinterview von Merz wirft Fragen zur Energieversorgung auf

ENERGIEWENDE · 31. AUGUST 2026

Wie der Batterie-Tsunami das deutsche Energiesystem auf den Kopf stellt

Friedrich Merz erklärt im ARD-Sommerinterview, gegen hohe Energiepreise könne Deutschland wenig ausrichten. Die beste Chance sei, die kriegerische Auseinandersetzung im Iran zu beenden. Doch dabei vergisst der Regierungschef die Logik der sich schnell wandelnden Energieversorgung - im Gegensatz etwa zu Spanien oder Kalifornien.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit


Sonntagabend, ARD-Sommerinterview. Friedrich Merz wird mit Schildkröten-Krawatte minutenlang zu hohen Energiekosten befragt. Der Bundeskanzler antwortet mit der Logik des alten, fossilen Energiesystems: Deutschland habe durch den Atomausstieg das Energieangebot verknappt. Man werde nicht weitere Kraftwerke abschalten, die den Kern der Energieversorgung bildeten, nur um einmal gesetzte Ausstiegsdaten einzuhalten. Daher baue man nun Gaskraftwerke. Die hohen Ölpreise durch den Konflikt im Nahen Osten seien der Hauptgrund für hohe Kosten. Daher werde man versuchen, den Konflikt zu lösen. Mehr könne man nicht tun.

Diese Argumentation des Bundeskanzlers wirft Fragen zur Energiepolitik der Bundesregierung auf. Denn sie beschreibt nicht die Logik des Energiesystems der Gegenwart oder Zukunft, sondern der Vergangenheit. Sind Haushalte und Unternehmen den Energiepreisen wirklich ausgeliefert - oder gibt es einen Ausweg, den andere Länder längst gefunden haben?

Es gibt ihn. Und er fegt gerade mit voller Wucht über Deutschland hinweg: der Batterie-Tsunami. Der Energiemarktexperte Tim Meyer bezeichnet Batteriespeicher als den Game Changer im Energiesektor, der das Energiesystem fundamental ändern werde.

Der Batterie-Tsunami ist da

Reihen weißer Großbatterie-Container in der Landschaft, dahinter Windräder und Solarfelder im Abendlicht (KI-generiert)
Der Batterie-Tsunami verändert die Landschaft der Stromversorgung: Großspeicher, Windräder und Solarfelder statt Kohlekraftwerke.

Immer mehr Projektierer wollen Großbatterien ans Netz bringen. Die Bundesnetzagentur hat dazu jetzt frische Zahlen veröffentlicht: Die Netzbetreiber haben zugesagt, Batterien mit rund 80 Gigawatt Leistung an ihre Netze anzuschließen.

Zur Einordnung: Die Leistung, die ganz Deutschland an einem geschäftigen Wintertag braucht, liegt bei rund 75 Gigawatt. Sie wird als „Last“ bezeichnet. Die zugesagten Batterien könnten also - rein rechnerisch und für kurze Zeit - mehr Strom liefern, als das Land in der Spitze verbraucht.

Grafik von Tim Meyer: Batteriespeicher-Anschlusszusagen übertreffen die Prognosen der Bundesregierung für 2045
Der Energiemarkt-Experte Dr. Tim Meyer hat den Batterie-Tsunami auf Linkedin visualisiert.

Die frühere Bundesregierung unter Olaf Scholz und Robert Habeck hatte für das Jahr 2045 mit 43 bis 54 Gigawatt gerechnet. Bei der speicherbaren Strommenge (Kapazität) ist der Abstand noch größer: Erwartet waren für 2045 rund 50 Gigawattstunden, zugesagt sind inzwischen knapp 200.

Natürlich ist eine Zusage, einen Großbatteriespeicher anschließen zu dürfen, noch kein gebauter Speicher. Finanziert ist damit auch nichts. Aber der Andrang spricht für sich: Die Projektierer hatten Anschlüsse für mehr als 575 Gigawatt beantragt, die Netzbetreiber ließen nur einen Teil durch. Und gebaut wird bereits, ganz ohne Förderprogramm. Der größte Speicher, der derzeit in Deutschland läuft, ging im August bei Merseburg ans Netz, vollständig privat finanziert.

Den Begriff „Batterie-Tsunami“ hatte der Wissenschaftler und Journalist Christian Stöcker vor etwa 21 Monaten in seiner SPIEGEL-Kolumne geprägt. Aktuell beschreibt der Autor von "Männer, die die Welt verbrennen", welche Skepsis ihm damals entgegenschlug. Heute hat sich das Blatt gewendet.

Was diese Batterien machen

Das Energiesystem der nahen Zukunft wird sich aufgrund des Batterie-Tsunamis massiv verändern. Die Wandlung vom zentralistischen Energiesystem mit Großkraftwerken zum weitgehend elektrifizierten, dezentralen Energiesystem ist in vollem Gange. Doch diese Veränderung wird nicht nur vom Bundeskanzler unterschätzt: Auch in zahlreichen Energiemarktstudien, wird die Bedeutung von Batteriespeichern kaum erfasst.

Eine Batterie erzeugt keinen Strom. Sie verschiebt ihn, von einer Stunde in eine andere. Mittags, wenn die Sonne im Frühjahr und Sommer die Netze flutet, saugt sie den billigen Solarstrom auf. Abends, wenn die Sonne weg ist und halb Deutschland den Herd anschaltet, gibt sie ihn wieder ab. Im Winter nimmt sie nachts Windstrom auf - und gibt ihn tagsüber wieder ab.

Wie lukrativ das ist, zeigt eine Zahl aus dem vergangenen Jahr: 573 Stunden lang waren die Strompreise an der Börse negativ, gut drei Wochen, in denen es Strom für Verbraucher mit entsprechendem Tarif praktisch geschenkt gab. Wer da einen großen Akku besitzt, lädt kostengünstig und verkauft später mit Gewinn. Deshalb fließt privates Geld in die Speicher, kein Steuergeld.

Der Sprung von heute gut 3,6 Gigawatt Großbatteriespeicher auf 80 Gigawatt in wenigen Jahren ist gewaltig. Alle deutschen Pumpspeicherkraftwerke zusammen, gebaut über ein Jahrhundert, kommen auf gut 6 Gigawatt Leistung. Die Batterien, deren Anschluss schon zugesagt ist, bringen also das Dreizehnfache. Die Millionen Heimspeicher in deutschen Kellern sind da noch gar nicht mitgezählt. Ebenso wenig Elektroautos, die künftig Strom zurück ins Netz speisen können.

Damit dreht sich das Grundprinzip der Stromversorgung. Das alte System speichert seinen Brennstoff: Kohle liegt auf Halde, Gas lagert im Speicher, bei Bedarf wird daraus Strom. Sonne und Wind halten sich an keinen Bedarf, sie liefern, wenn das Wetter will. Also speichert das neue System nicht mehr den Brennstoff, sondern den Strom selbst.

Dieser Wandel läuft schneller, als selbst die Fachwelt ihn erfasst. Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigten, „wie unglaublich falsch unser Bild vom Energiesystem der Zukunft immer noch ist", schreibt Meyer.

Andere Länder gehen den Ausweg längst

Und damit zurück zur Frage vom Sonntagabend: Gibt es einen Ausweg aus den hohen Energiekosten? Viele Länder zeigen ihn bereits. Spanien etwa ist durch die aktuelle fossile Preiskrise bemerkenswert gut gekommen, weil es konsequent Gaskraftwerke durch Erneuerbare aus dem Markt verdrängt hat. Wie die spanischen Erneuerbaren die Strompreise trotz Gaskrise niedrig halten, hat Cleanthinking analysiert.

Kalifornien geht denselben Weg über Speicher. Dort sind über 21 Gigawatt Batterien am Netz, abends übernehmen sie statt teurer Gaskraftwerke. Der Gasverbrauch für die Stromerzeugung sank binnen drei Jahren um 34 Prozent. Auch Australien, Bulgarien oder Großbritannien bauen Speicher in hohem Tempo. Das Muster ist überall gleich: Je weniger Gas ein Stromsystem abends braucht, desto weniger diktiert der Weltmarkt die Rechnung.

Was der Kanzler behauptet, und was stimmt

Zurück zu dem, was Merz am Sonntagabend im ARD-Sommerinterview gesagt hat. Seine Punkte - hier der Ausschnitt zum Thema Energie in der Facebook-Community von Cleanthinking - lohnen eine einzelne Betrachtung.

Erstens, die Kosten. Deutschland hat keine Energiekrise, sondern eine fossile Krise. Teuer sind Öl, Gas und Kraftstoffe, deren Preise der Weltmarkt macht. Strom aus Sonne und Wind wird dagegen immer billiger. Wer die aktuellen Preissteigerungen an der Tankstelle oder auf der Gasrechnung beklagt, beklagt die Kosten der fossilen Abhängigkeit.

Zweitens, der Atomausstieg. Beschlossen hat ihn 2011 eine CDU-geführte Bundesregierung unter Angela Merkel, mit den Stimmen der Union. Es war die Partei des heutigen Kanzlers.

Drittens, die Gaskraftwerke. Die Logik, mit teuren Gaskraftwerken die Strompreise zu senken, scheitert am Merit-Order-Prinzip: An der Strombörse setzt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, den Preis. Das ist meist ein Gaskraftwerk. Mehr davon machen den Strom nicht billiger, denn sie werden aufgrund des Europäischen Verbundsystems bei Energie selten laufen. Daher bezeichnet man sie auch als Spitzenlastkraftwerke.

Bleibt die Frage: Wie entgeht man einer fossilen Krise? Man weicht ihr aus. Man elektrifiziert. Dazu sind niedrige Strompreise sinnvoll. Je mehr Autos, Heizungen und Fabriken mit diesem Strom laufen, desto weniger Öl und Gas muss Deutschland überhaupt noch einkaufen. Merz hat ja recht: Die Weltmarktpreise hat Deutschland nicht in der Hand. Genau deshalb ist der Umbau der einzige Weg, ihnen zu entkommen. Nur dieser Ausweg fällt dem Kanzler nicht ein. Batteriespeicher kamen in der gesamten Passage nicht vor, Flexibilität auch nicht.

Am 8. September bestellt die Regierung trotzdem Gaskraftwerke

Die Politik setzt derweil auf das alte Rezept. Am 8. September endet die Frist für die erste Kraftwerksausschreibung der Regierung Merz, es geht um neue Gaskraftwerke. Die können durchaus gebraucht werden, vor allem für lange, trübe Windflauten im Winter, die keine Batterie überbrückt. Ob sie die günstigste Lösung sind, ist eine andere Frage: Mehrere Studien zeigen, dass Speicher Gaskraftwerke ersetzen und das Stromsystem um Milliarden entlasten können.

In der Energiebranche wird der Kurs bereits trocken kommentiert. Möglichst wenige Gaskraftwerke bauen, schreibt ein Fachmann unter Meyers Auswertung. Denn: Bevor die Gaskraftwerke ab 2029 am Netz seien, habe sich die Welt schon komplett gedreht. Meyer stimmt zu. Ein Batteriespeicher steht deutlich schneller als ein Gaskraftwerk, das erst geplant, genehmigt und über Jahre gebaut werden muss.

Der Batterie-Tsunami fegt trotzdem weiter übers Land, bezahlt vom Markt, schneller als jede Prognose. Erneuerbare deckten im ersten Halbjahr 2026 58,5 Prozent der deutschen Stromnachfrage, so viel wie nie. Und klar ist auch, dass Batteriespeicher alleine nicht die Lösung sind. Aber dieser nächste Schritt steht symbolisch für die Entwicklungen, die danach folgen: Das Energiesystem wird sauberer, flexibler und digitaler. Die Verbindung zwischen den Sektoren Energie, Wärme und Mobilität wird verstärkt, weil der primäre Energieträger Strom wird. All das braucht den Gesetzgeber für gute Rahmenbedingungen.

Es braucht den Bundeskanzler und die Wirtschaftsministerin, die den Pfad heraus aus der Energiekostenfalle engagiert beschreiten, statt langfristig fossile Strukturen zu zementieren. Der Ausweg aus der Energiekostenfalle wird längst gebaut - an hunderten Orten im Land. Jetzt gilt es, diese neue Realität anzuerkennen und den Wandel mit dem dahinfegenden Batterie-Tsunami als Chance zu verstehen - und beherzt zuzugreifen.

Häufige Fragen zum Batterie-Tsunami

Was ist der Batterie-Tsunami?

Der Begriff beschreibt den schnellen Ausbau von Batteriegroßspeichern in Deutschland. Die Netzbetreiber haben bis Frühjahr 2026 zugesagt, Großbatterien mit rund 80 Gigawatt Leistung und knapp 200 Gigawattstunden Kapazität an ihre Netze anzuschließen. Die Bundesregierung hatte diese Größenordnung 2024 erst für das Jahr 2045 erwartet.

Was ist der Unterschied zwischen Gigawatt und Gigawattstunden?

Gigawatt beschreibt die Leistung eines Speichers: wie viel Strom er gleichzeitig aufnehmen oder abgeben kann. Gigawattstunden beschreiben seine Kapazität: wie viel Energie insgesamt hineinpasst. Ein Speicher mit einem Gigawatt Leistung und zwei Gigawattstunden Kapazität kann zwei Stunden lang ein Gigawatt abgeben.

Ersetzen Batteriespeicher Gaskraftwerke?

Teilweise. Batterien erzeugen keinen Strom, sie verschieben ihn über Stunden und ersetzen damit vor allem die teuren Spitzenlast-Einsätze von Gaskraftwerken. In Kalifornien sank der Gasverbrauch für die Stromerzeugung so binnen drei Jahren um 34 Prozent. Für wochenlange Dunkelflauten braucht es weiterhin andere Lösungen.

Was hat Friedrich Merz im Sommerinterview zu Batteriespeichern gesagt?

Nichts. In der Energiepassage des ARD-Sommerinterviews vom 30. August 2026 sprach der Bundeskanzler über Energiepreise, Gaskraftwerke, langfristige Gasverträge, Kohle und den Atomausstieg. Batteriespeicher und Flexibilität erwähnte er nicht.

QUELLEN

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  1. Bundesnetzagentur/SMARD: Stand der Batteriespeicheranfragen 2025/2026 – Entwicklung bei ÜNB und VNB, 20.08.2026.
  2. ARD: Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz, Markus Preiß, 30.08.2026.
  3. Dr. Tim Meyer: LinkedIn-Post zu den BNetzA-Speicherzahlen, 28.08.2026.
  4. SPIEGEL (Christian Stöcker): Selbst ihre Fans haben diese Technik dramatisch unterschätzt, 28.08.2026.
  5. Fraunhofer ISE: Öffentliche Nettostromerzeugung im ersten Halbjahr 2026, 01.07.2026.

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