Sinopec räumt ein: China hat den Öl-Höhepunkt hinter sich

FOSSILE BRENNSTOFFE · 08. SEPTEMBER 2026

Sinopec räumt ein: Chinas Ölverbrauch hat den Höhepunkt wohl schon hinter sich

Sinopec, Chinas größter Ölkonzern, hält es für sehr wahrscheinlich, dass der Ölverbrauch 2025 seinen Höhepunkt erreicht hat, fünf Jahre früher als geplant. Parallel zeigen CREA-Daten für Carbon Brief sinkende CO2-Emissionen im zweiten Quartal 2026, weil weniger Öl verbraucht wird.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MIN LESEN


Vergangene Woche sagte Sinopec-Konzernchef Hou Qijun laut Bloomberg, der Rückgang der Ölnachfrage 2025 sei sehr wahrscheinlich schon der Höhepunkt gewesen. Chinas offizielles Ziel sah den Scheitelpunkt erst für 2030 vor. Die Einschätzung stammt von Chinas größtem Raffineriekonzern selbst, einem Staatsunternehmen mit direktem Einblick in die landesweite Nachfrage nach Diesel und Benzin. Wenn der eigene Konzern den Peak vorzieht, wiegt das schwerer als jede externe Prognose.

Grundlage der separaten CREA-Analyse sind Daten des chinesischen Statistikamts National Bureau of Statistics, ausgewertet vom CREA-Analysten Lauri Myllyvirta für Carbon Brief. Chinas Ölimporte fielen im zweiten Quartal um 32 Prozent, rund eine Million Barrel pro Tag weniger als im Vorjahr. Der gesamte Ölverbrauch sank um 9 Prozent, im Verkehrssektor um 16 Prozent. Die Rohölverarbeitung in Chinas Raffinerien fiel im selben Zeitraum um 11 Prozent.

Erstmals ist der Rückgang von Chinas Gesamtemissionen auf sinkenden Ölverbrauch zurückzuführen, nicht auf weniger Kohlestrom. Cleanthinking hatte das strukturelle Muster bereits 2024 beschrieben, als Chinas Emissionen wegen des Ausbaus erneuerbarer Energien früher als erwartet zu sinken drohten. Diesmal liegt der Hebel beim Öl. Schon für 2025 hatte eine Bloomberg-Auswertung im Februar den ersten Emissionsrückgang seit 2022 gezeigt.

Reserveabbau federt den Importrückgang ab

Ausgangspunkt der Entwicklung ist der Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran. Nach den ersten US-Luftschlägen Ende Februar 2026 stieg der Ölpreis um rund 60 Prozent, aus Furcht vor einer Sperrung der Straße von Hormus. Durch die Meerenge läuft ein Großteil des weltweiten Öltransports.

Der Rückgang der chinesischen Ölimporte ist allerdings nicht allein ein Nachfrage-Effekt. Rund zwei Drittel davon gehen laut CREA-Analyse auf den Abbau strategischer Ölreserven zurück, mit denen China den Preisschock kurzfristig abfederte. Nur etwa ein Drittel entspricht einer tatsächlichen Verbrauchsreduktion. Der Unterschied zählt: Reserveabbau ist keine dauerhafte Emissionsminderung, sondern ein einmaliger Puffer. Sinopecs Einschätzung stützt sich dagegen auf die Nachfrage an der Zapfsäule.

Elektroautos verdrängen den Verbrenner

Im Verkehrssektor verlagert sich Fahrleistung von Verbrennern auf Elektroautos, E-Busse, die Bahn und elektrische Lastwagen. Laut Euronews stieg der E-Lkw-Bestand in China um 77 Prozent, der gesamte E-Fahrzeugbestand um 33 Prozent, die verfügbare Ladekapazität um 60 Prozent. CREA erklärt die Lücke zwischen diesen Werten damit, dass bereits zugelassene Elektroautos stärker genutzt wurden: Fahrer von Plug-in-Hybriden greifen bei den aktuellen Preisen offenbar eher zur Steckdose als zum Zapfhahn.

2026 gilt laut Bloomberg als Durchbruchsjahr für den E-Lkw, ausgelöst durch die hohen Dieselpreise seit dem Iran-Schock. Im ersten Halbjahr verdrängte Chinas Umstieg auf Elektroautos laut CREA-Berechnung rechnerisch so viel Ölverbrauch, wie das Vereinigte Königreich in einem halben Jahr insgesamt verbraucht.

Der Ölpreisanstieg habe den Umstieg im chinesischen Verkehrssektor stärker beschleunigt als erwartet, so Myllyvirta, ausgehend von einer bereits hohen Basis bei Elektrofahrzeugen: „This trend is unlikely to be reversed." Es ist unwahrscheinlich, dass sich dieser Trend noch einmal dreht.

Auch Dr. Muyi Yang vom Thinktank Ember ordnet den Trend geopolitisch ein: Die Iran-Krise verstärke das Argument für Elektrifizierung als Versicherung gegen Lieferrisiken.

Wer am Ölschock verdient statt darunter zu leiden, zeigt Cleanthinking in der Analyse zur Kriegsdividende fossiler Insider. Chinas Antwort auf denselben Schock läuft in die Gegenrichtung: über Elektrifizierung statt über Preisspekulation.

Nicht jede Kurve zeigt in dieselbe Richtung. Die Kohleverstromung stieg im selben Zeitraum, weil der Netzausbau hinter dem Zubau von Wind- und Solarkraft zurückbleibt. Wo Leitungen fehlen, wird Ökostrom abgeregelt und Kohlekraft springt ein. Der Rückgang beim Öl kompensiert diesen Gegentrend, er hebt ihn nicht auf.

Deutschlands E-Flotte spart nur einen Bruchteil ein

Zum Vergleich: Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) waren zum 1. Januar 2026 erstmals mehr als zwei Millionen reine Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen, exakt 2.034.260, ein Plus von 23,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht 4,1 Prozent des gesamten Pkw-Bestands.

Eine Überschlagsrechnung zeigt die Größenordnung: Bei einer angenommenen Jahresfahrleistung von 13.000 Kilometern und 7 Litern Benzinäquivalent auf 100 Kilometer für einen vergleichbaren Verbrenner verdrängt die deutsche E-Flotte rechnerisch rund 1,85 Milliarden Liter Kraftstoff pro Jahr.

Annahme / Ergebnis Wert
BEV-Bestand Deutschland (Jan. 2026)2.034.260
Angenommene Jahresfahrleistung13.000 km
Angenommener Vergleichsverbrauch Verbrenner7 l/100 km
Rechnerisch verdrängter Kraftstoff pro Jahr~1,85 Mrd. Liter
Umgerechnet in Barrel pro Tag~32.000

Eigene Überschlagsrechnung, Annahmen gerundet. Quelle Bestandszahl: Kraftfahrt-Bundesamt, Pressemitteilung, 27.02.2026.

Umgerechnet sind das rund 32.000 Barrel pro Tag. Chinas Ölimporte fielen im selben Zeitraum um rund eine Million Barrel pro Tag, ein Drittel davon durch echten Verbrauchsrückgang. Die deutsche E-Flotte bewegt sich damit rechnerisch bei etwa einem Zehntel des chinesischen Effekts, bei einer Bevölkerung von knapp einem Sechzehntel Chinas. Den globalen Marktkontext hat Cleanthinking in der Marktübersicht Elektromobilität 2026 zusammengefasst.

Die Rechnung bleibt eine grobe Näherung, reale Fahrleistungen und der Strommix beim Laden streuen. Sie zeigt aber die Größenordnung: Die Wirkung von Elektrifizierung skaliert mit der Flottengröße, und Chinas Flotte ist um ein Vielfaches größer als die deutsche. Wenn selbst der größte Ölkonzern des Landes den eigenen Höhepunkt einräumt, wird aus dieser Größenordnung eine neue Ausgangslage.

QUELLEN

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  1. Carbon Brief / CREA: Analysis: China's CO2 emissions fall in Q2 2026 due to plummeting oil use, 2026.
  2. Bloomberg Green (Lili Pike): China's Waning Appetite for Oil Is Keeping Emissions in Check, 03.09.2026.
  3. Bloomberg: China's Oil Demand Very Likely Peaked Last Year, Sinopec Says, 24.08.2026.
  4. Bloomberg: China's Emissions Fell Last Year in First Decline Since 2022, 12.02.2026.
  5. Bloomberg: Chinese Truck Drivers Are Going Electric as Gas Prices Soar, 05.05.2026.
  6. The Guardian: China's falling emissions amid Iran war spark hope of decarbonisation watershed, 03.09.2026.
  7. Euronews: Zusatzzahlen zu E-Lkw-Bestand, E-Fahrzeugbestand und Ladekapazität in China, 04.09.2026.
  8. Kraftfahrt-Bundesamt: Pressemitteilung zum Bestand reiner Elektrofahrzeuge, 27.02.2026.
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