PHYSICAL AI · 07. SEPTEMBER 2026
IFA ManagementPhysical AI: Können Roboter das Fachkräfteproblem der Transformation lösen?
NEURA-Robotics-Gründer David Reger sieht in Physical AI den Weg, körperliche Arbeit zu automatisieren, dort, wo Menschen fehlen. Auf der IFA 2026 zeigt sich, wie schnell die Technologie lernt, und welche Frage sie offenlässt.
In Deutschland fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig soll die Wirtschaft in den kommenden Jahren ihre Produktion umbauen, Gebäude sanieren, die Energieversorgung elektrifizieren und neue Industrien hochziehen. Dafür braucht es nicht weniger Arbeit, sondern an vielen Stellen mehr. Allein für die Energiewende werden bis 2035 rund 560.000 Fachkräfte gesucht, hat Prognos für die DIHK errechnet. Dem Nahverkehr fehlen bis 2030 rund 80.000 Busfahrer, in der Pflege klafft bis dahin eine Lücke von knapp 500.000 Vollzeitkräften. Der Fachkräftemangel ist damit kein Arbeitsmarktthema mehr. Er wird zum Transformationsproblem: Wo Hände fehlen, werden Fabriken, Netze und Heizungskeller nicht schnell genug umgebaut.
David Reger glaubt, dass Roboter einen Teil dieser Lücke schließen können. Auf der IFA in Berlin, die noch bis Dienstag läuft, hat der Gründer von NEURA Robotics seine Antwort erklärt: Physical AI, Roboter, die ihre Umgebung wahrnehmen, daraus lernen und körperliche Aufgaben selbstständig ausführen. Seine zentrale Zahl: Bis 2030 fehlen den großen Volkswirtschaften USA, China, Europa, Japan und Südkorea zusammen rund 120 Millionen Arbeitskräfte.
Es gehen mehr Menschen in Rente, als nachkommen. Und die, die gehen, nehmen etwas mit, was die Nachrückenden nicht haben. „Die meisten, die mit Fähigkeiten in Rente gehen, haben körperliche Fähigkeiten. Die, die nachkommen, werden meist in Fähigkeiten ausgebildet, die nicht körperlich sind", sagt Reger.
Die 120 Millionen sind seine Rechnung, keine amtliche Statistik. Die Richtung bestätigt das Statistische Bundesamt für Deutschland: Bis 2035 schrumpft die Zahl der Erwerbsfähigen um 3,2 bis 4,9 Millionen. Die Frage ist deshalb nicht, ob Roboter irgendwann kochen, putzen oder Fußball spielen können. Sondern ob sie Arbeit dort übernehmen, wo Menschen fehlen.
Regers Antwort: Roboter übernehmen körperliche Arbeit
Eine Wärmepumpe kann eine fossile Heizung ersetzen. Eine Batterie kann ein Stromnetz flexibler machen. Ein Roboter kann etwas ersetzen, das bisher kaum zu ersetzen war: menschliche Arbeitszeit. Genau darauf zielt Physical AI. Gemeint sind Systeme, die Künstliche Intelligenz mit einer physischen Maschine verbinden. Der Roboter muss nicht nur erkennen, was vor ihm liegt. Er muss wissen, wie er darauf reagiert: greifen, ausweichen, Kraft dosieren, eine Bewegung korrigieren. ChatGPT kann erklären, wie man eine Spülmaschine einräumt. Physical AI räumt sie ein.
Diese Fähigkeit entscheidet darüber, ob Roboter die streng kontrollierte Fabrikzelle verlassen und Aufgaben übernehmen, die bisher Menschen vorbehalten waren. Reger, 2019 in Metzingen gestartet, hat darauf sieben Jahre gesetzt. NEURA beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 1.700 Menschen. Das Auftragsbuch liegt bei 1,5 Milliarden Euro, die Pipeline bei über 9 Milliarden, vier der zehn größten Robotikkonzerne verkaufen NEURA-Technik unter eigenem Namen. Im Juni sicherte sich das Unternehmen eine Finanzierung von bis zu 1,4 Milliarden Dollar unter Beteiligung unter anderem von Nvidia, Qualcomm, Bosch, Schaeffler und der Europäischen Investitionsbank.
Das Nervensystem macht Roboter handlungsfähig
Ein Roboter, der Menschen bei körperlicher Arbeit ersetzen soll, muss mehr können als ein Sprachmodell. Er muss seine Umgebung in Echtzeit erfassen und reagieren, bevor er nachdenkt. Reger beschreibt deshalb neben dem „Gehirn„ ein „Nervensystem“ aus Sensorik für Sehen, Hören und Tasten, gekoppelt an Rechenleistung direkt im Roboter, entwickelt mit Qualcomm. Sein Bild dafür ist das Schwimmen: Man lernt es nicht aus Videos und nicht aus Erklärungen, sondern im Wasser, weil das Gehirn allein zu langsam ist. Wer über Wasser bleibt, tut das mit Reflexen.
Auf der Bühne sollte ein Video genau das zeigen, ein Werkstück, das aus dem Greifer rutscht und vom Reflex gehalten wird. Es lief nicht. „Sie haben mir die zwei falschen Videos eingespielt", sagt Reger, lacht, und erklärt es eben so. Ein Glas, das aus der Hand gleitet, hält das System fest, bevor das Gehirn überhaupt gemerkt hat, dass es gleitet.
Der entscheidende Faktor: Training wird schneller
Die Kennzahl, an der Reger seine Firma misst, heißt „Time to Scale„. Entscheidend ist für ihn nicht, wie gut ein einzelner Roboter eine Aufgabe beherrscht. Entscheidend ist, wie schnell sich diese Fähigkeit auf viele Roboter übertragen lässt. Genau dort liegt der Unterschied zwischen der Automatisierung einer einzelnen Maschine und einer skalierbaren künstlichen Arbeitskraft. Der erste Schritt dahin ist das Training: Kein Handgriff auf dem Planeten, sagt Reger, lasse sich einem Menschen in weniger als drei Stunden anlernen, selbst der einfachste. Bei Robotern brauchte NEURA vor drei Monaten für einen neuen Skill 50 bis 60 Stunden. „Wir sind auf etwa 14 Stunden heruntergekommen“, sagt Reger. In drei weiteren Monaten rechnet er mit drei bis vier.
Dann kippt die Rechnung. Was ein Roboter einmal kann, können alle anderen per Klick, und alle lernen im selben Gehirn weiter. Einen Menschen muss man tausendmal anlernen, und wenn er nicht zur Schicht erscheint, den nächsten. Trainiert wird in „Gyms", Trainingszentren, in denen Unternehmen ihren Robotern eigene Handgriffe beibringen, Spülmaschine, Waschmaschine, Schweißen, Kleben. Eines baut NEURA mit der RWTH Aachen, perspektivisch soll jede Großstadt der Welt eines haben. Das Know-how bleibt beim Unternehmen, das es trainiert, und lässt sich über die NEURA-Plattform vermarkten. Reger will nicht wiederholen, was die Sprachmodell-Konzerne mit dem Wissen der Welt gemacht haben: einsammeln und zurückverkaufen.
Die IFA zeigt, wohin die Entwicklung geht
Wie weit die Entwicklung reicht, zeigt die Messe selbst. So viele Humanoide wie in diesem Jahr waren nie in Berlin. Elf Marken schicken ihre Roboter über den Laufsteg der Creator Stage, Unitree, Agibot, PrimeBot, EngineAI, mit Tai-Chi, Spagat und Rückwärtssalto. Beim Küchen-Panel stellt PrimeBot einen kleinen Humanoiden vor, der die Essgewohnheiten einer Familie lernen soll. In Halle 15 spielen beim RoboCup Studierendenteams aus ganz Deutschland Roboterfußball, darunter der Vizeweltmeister der kleinsten Humanoiden-Liga.
Reger gibt zu, dass ihn das manchmal wurmt. „Andere können bessere Backflips als meine Roboter", sagt er. Seine sollen nicht tanzen, sondern arbeiten, zuerst in Fabriken, Lagern und Haushalten, wie es BMW mit Figure in Spartanburg bereits erprobt. Einer seiner Partner betreibt 350 Werke weltweit, und in jedem gibt es Arbeit, für die man weder Ausbildung noch Talent braucht und trotzdem niemanden findet. Das Solardach und der Heizungskeller kommen später, dort ist jeder Einsatz anders. Auch die Technik ist jung: Teslas Optimus oder Apptroniks Apollo bei Mercedes laufen zwei bis vier Stunden pro Ladung, zeigt eine Analyse des Vermögensverwalters Robeco.
Wer profitiert, und wer verliert?
Robotik kann einen Fachkräftemangel entschärfen. Sie kann zugleich Arbeitsplätze überflüssig machen. Das ist die Ambivalenz, und sie taucht auf der IFA in Gestalt eines jungen Mannes im Publikum auf. Einstiegsjobs, Regale einräumen, Lagerarbeit, seien schon jetzt knapp. Was passiert mit denen, die darüber ins Berufsleben wollten? Reger überlegt kurz. „Das kann ich tatsächlich nicht beantworten„, sagt er. Bis 2030, vielleicht 2035, gehe die Rechnung auf, weil mehr Menschen gehen als kommen. Danach komme „ein Showdown“, in dem die Menschheit entscheiden müsse, wie sie Arbeit verteilt.
Für die Transformation bedeutet das Entlastung und Umbruch zugleich. Unternehmen gewinnen, so Regers Argument, Arbeitskräfte, die nie krank werden. Für Menschen verschärft sich die Frage, welche Tätigkeiten noch gebraucht werden. Reger schiebt einen Vergleich nach: Vor 300 Jahren hätte niemand sich eine Welt vorstellen können, in der fast niemand mehr auf dem Feld arbeitet. Heute heißt die Antwort Traktor. „Ohne Traktoren hätten wir viermal mehr Hunger auf diesem Planeten." Die Frage sei nie gewesen, ob die Maschine kommt, sondern was Menschen mit der Zeit anfangen, die sie schenkt.
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Europas Chance
Reger erzählt das ausdrücklich als europäische Geschichte. Er hat zwei Jahre in San Francisco gearbeitet, nicht in einem Start-up, sondern auf der Straße mit Obdachlosen. „Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was wir in Deutschland und Europa haben: ein Sozialsystem.„ Er ging zurück und gründete nicht im Valley, sondern in Metzingen. Sein Ziel, „größter Steuerzahler Europas“ zu werden, ist deshalb kein Gründer-Spruch, sondern ein Argument: Renten und Sozialsysteme werden aus Gewinnen bezahlt, und die kommen in Europa heute vor allem aus einer Autoindustrie, deren Zukunft niemand mehr garantieren mag. „Wenn Sie mir eine bessere Antwort geben, wie wir unser Sozialsystem halten und auf diesem Kontinent weiter produzieren, dann höre ich mit Robotern auf", sagt Reger.
Es geht ihm nicht nur um Roboter, sondern um ein Ökosystem für Physical AI aus Europa: Sensorik, Rechenleistung, Trainingszentren, Plattform. NEURA ist dabei nicht allein, Agile Robots aus Bayern startet in diesem Jahr die Serienproduktion, und dass Deutschland bei Humanoiden handeln muss, hat Cleanthinking schon vor anderthalb Jahren gefordert. Die Energiewende, der Netzausbau, neue Fabriken, Gebäudesanierung und eine alternde Gesellschaft haben eines gemeinsam: Sie brauchen Menschen, und diese Ressource wird knapp. Robotik könnte für diese Transformation die Rolle bekommen, die Automatisierung und Software für frühere Umbrüche hatten. Ob daraus tatsächlich eine neue Form künstlicher Arbeitskraft entsteht, entscheidet sich deshalb nicht auf dem Laufsteg der IFA. Entscheidend ist, ob Roboter zuverlässig Aufgaben übernehmen können, für die Unternehmen heute keine Menschen finden, und ob das Training schnell genug skaliert.
QUELLEN
- IFA Berlin: Keynote David Reger, NEURA Robotics, Innovation Stage, 05. September 2026 (Zitate aus dem Transkript übersetzt).
- IFA Berlin: Pressemitteilung „IFA 2026: Humanoide Roboter auf dem Laufsteg, Physical AI und intelligente Helfer für den Alltag", 05. September 2026.
- IFA Berlin: Panel Talk: Robots in the Kitchen and Home, 04. September 2026.
- NEURA Robotics: Rekord Series C, 2026.
- Prognos im Auftrag der DIHK: Fachkräfte für die Energiewende; DIHK: Fehlende Fachkräfte gefährden die Energiewende.
- VDV: Personal- und Fachkräftebedarf im ÖPNV.
- Bertelsmann Stiftung: Pflegereport 2030.
- Statistisches Bundesamt: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Dezember 2025.
- Robeco: Physical AI and the new energy calculus in manufacturing, 25. Juni 2026.
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