WIRTSCHAFT · 13. SEPTEMBER 2026

Joe Kaeser vs. Theo Müller: Aufbruch mit Merz oder Schwarz-Blau?
Selten hat ein Medium wie die Welt am Sonntag den Riss, der durch das konservative Lager und durch die gesamte Wirtschaft geht, besser dokumentiert. Zuerst fordert Joe Kaeser eine neue Aufbruchsstimmung und nennt die AfD die völlig falsche Partei. Nach dem Umblättern lobt Theo Müller den AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt einen Glücksfall und fordert, die Energiewende und den Emissionshandel zu beenden.
Die Lagebeurteilungen der beiden Unternehmer könnten unterschiedlicher kaum sein. Joe Kaeser, 69, führte Siemens bis 2021 als Vorstandschef und sitzt heute den Aufsichtsräten von Siemens Energy und Daimler Truck vor. Theo Müller, 86, machte aus einer schwäbischen Molkerei einen Milliardenkonzern, ist CSU-Mitglied und mit AfD-Chefin Alice Weidel befreundet. Beide im Kern konservativ. Aber in ihrer Beurteilung der Realität extrem weit auseinander.
Immerhin in einem sind sich beide einig: Die Menschen im Land sind wütend. Kaeser: „Das Wahlergebnis war nicht eine Frage der Inhalte, sondern eine Abstimmung darüber, wie sich das Volk von der heutigen sogenannten Mitte behandelt fühlt.“ Müller: „Die Bürger von Sachsen-Anhalt haben ein Signal an das ganze Land gesendet: Mit der bisherigen Politik kann es so nicht weitergehen.“
Doch nach dieser Grundsatzeinschätzung scheiden sich die konservativen Geister.
Kaeser will eine Agenda 2035 statt einer Rentendebatte
„Das Land braucht eine neue Aufbruchsstimmung. Um es in Unternehmensdeutsch zu sagen: eine Equity-Story“, sagt Kaeser. In der Wirtschaft beantworte sie die Frage, warum jemand eine Aktie kaufen soll. Für die Menschen im Land müsse sie eine andere Frage beantworten: „Warum stehe ich morgens früh auf, gehe zur Arbeit und gebe mein Bestes?“
Die letzte solche Geschichte hatte Deutschland aus Kaesers Sicht vor über 25 Jahren, sie hieß Agenda 2010. „Man kann von Schröders heutigen Meinungen und Gewohnheiten halten, was man will, aber das hat ihn in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland unsterblich gemacht.“ Für eine Wiederholung sei es fast zu spät: „Dann muss es eine Agenda 2033 oder 2035 werden.“
Diese Agenda soll Wachstumsfelder benennen und erklären, warum Deutschland dort gewinnen kann. „Wir sollten nicht in erster Linie darüber reden, wie hoch die Rente und das Bürgergeld noch sein werden. Wir sollten beschreiben, wie wir jeden jungen Menschen so aus- und fortbilden, dass er in den Zukunftsfeldern beste Chancen hat.“
Als sichtbaren Schritt schlägt Kaeser vor, das Bundesministerium für Arbeit und Soziales aufzuteilen. Das Soziale bleibt für sich, die Arbeit wandert ins Wirtschaftsministerium, das dann die Verantwortung für Aus- und Weiterbildung trägt. Das Sozialnetz müsse „die letzte Ausfahrt vor dem Abgrund“ sein, kein Ersatz für verfehlte Arbeitsmarktpolitik. „Donnerwetter, das sind echte Strukturreformen, die WIRKLICH was für alle bringen!“
Zur AfD sagt Kaeser, wer sich mit ihrem Wahlprogramm befasst habe, komme zu dem Schluss, dass es die völlig falsche Partei sei. „Wer heute vollen Ernstes sagt, er will den Euro abschaffen und aus der EU austreten, disqualifiziert sich als Problemlöser selbst.“ Die D-Mark würde aufwerten, die Wettbewerbsfähigkeit noch einmal deutlich sinken. Den Kurswechsel erwartet er von der aktuellen Koalition.
Müller gratuliert Weidel und will Schwarz-Blau
Die Welt am Sonntag trifft Müller in seiner Villa über dem Zürichsee, gut gelaunt und braun gebrannt, gerade zurück von einer Hochzeit auf Capri. Auf die Frage, mit welchem Wort er den Wahlausgang zusammenfasse, antwortet er: „Ein Wort? Glücksfall! Ich habe Alice sofort gratuliert.“ Er zeigt die Nachricht auf seinem Handy: „Gratuliere zum sensationellen Erfolg!“
Über die vergangenen Regierungen spricht Müller wie über eine Kette von Unglücken. „Die Merkel-Jahre haben unserem Land schwer geschadet. Und die drei Jahre danach auch. Wie hieß er noch?“ Olaf Scholz, hilft der Interviewer. Merz habe danach die Gelegenheit für einen kompletten Neustart gehabt und sie nicht genutzt.
Sein eigener Neustart beginnt mit einem Schuldenverbot und einem Vier-Punkte-Programm. Punkt eins: „Die Energiewende beenden. CO2-Zertifikatehandel, Einspeisevergütung, Subventionen für erneuerbare Energien: Das kann alles weg.“ Auf die Frage, ob ihm der Klimaschutz egal sei, antwortet Müller: „Welcher Klimaschutz? Deutschland ist für 1,5 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich.“ Und: „Je früher wir diesen Unsinn beenden, desto besser.“
Punkt zwei sind die Subventionen, abschaffen möchte er „am liebsten alle“. Punkt drei ist die Migration, Punkt vier die Entwicklungshilfe: „Schluss, gar nichts mehr, Null.“ Dass SPD und weite Teile der CDU nichts davon mittragen würden, stört ihn nicht. Merz müsse fragen, mit wem er es machen könne: „Da bliebe nur die AfD übrig.“
Den Vorwurf, Merz würde damit zum Steigbügelhalter, wischt Müller weg: „Faschismus, lächerlich!“ Wüst oder Söder als Kanzler? „Um Gottes willen! Beide nicht.“ Sein Wunschbild: Merz schickt die SPD heim, führt eine Minderheitsregierung und spricht vorher mit der AfD über seine vier Punkte. „Dann setzen die das zusammen durch: Schwarz und Blau. Dann wäre Deutschland bald saniert.“ Ob er Weidel das Kanzleramt zutraue? „Logisch.“
Kaeser: Energiepolitik ist nichts für Ideologen
Auch Kaeser klagt über den Umgang mit der Wirtschaft, und zwar schärfer als Müller. „In Deutschland gilt die Wirtschaft nichts, sie ist eher nur das fünfte Rad am Wagen.“ Er kenne kein Land auf der Welt, auch kein kommunistisch regiertes, in dem sie in Summe so schlecht behandelt werde. „Die Wirtschaft bezahlt am Ende alles, was wir tun, direkt oder indirekt.“
Bei der Energie zieht er daraus den entgegengesetzten Schluss. „Energiepolitik ist auch nichts für Ideologen. Das ist etwas für rationale, unaufgeregte, wirtschaftlich und ökologisch kompetente Menschen, die Bezahlbarkeit, Energiesicherheit und Umweltverträglichkeit ausbalancieren müssen.“ Lange Investitionszyklen vertrügen keine erratischen Bewegungen.
Wie Aufbruch in der Industrie aussieht, beschreibt Kaeser am Stahl: Wer allein keine Rolle mehr spiele, müsse Deutschland, Frankreich, Italien und England zusammenbringen. „Wenn das geschafft ist, können wir auch über grünen Stahl reden.“ Von Schutzzöllen gegen China hält er wenig: „Anti-Dumping-Zölle hält niemand lange durch.“ Eine Exportnation, die Importe sperre, bekomme im Export Probleme, die womöglich viel größer seien.
Am deutlichsten wird Kaeser bei der Autoindustrie. „Ich bin kein Auto-Manager. Was mir aber auffällt: In der Autoindustrie reden alle über Krise, Werksschließungen, Arbeitskosten, dieses und jenes, alles ganz furchtbar. Aber niemand redet darüber, wie attraktiv die Automobilindustrie eigentlich ist. Es braucht auch hier Aufbruchsstimmung.“ Dann seien auch schmerzhafte Restrukturierungen leichter vermittelbar.
Müllers Rechnung, die Energiewende habe eine halbe Billion Euro gekostet und werde bis 2050 weitere fünf Billionen verschlingen, hat Cleanthinking in anderen Fassungen bereits geprüft, zuletzt bei Fritz Vahrenholt und in der Frage, ob die Energiewende den Standort Wohlstand kostet.
Dass Schwarz-Blau so nicht kommen wird, hält ihm die Welt am Sonntag am Ende vor. Müllers Antwort: „Noch nicht.“ Kaeser setzt auf die Koalition, die es jetzt gibt, und auf eine Geschichte, die noch niemand erzählt hat. Sein Test dafür ist einfach: Warum stehe ich morgens früh auf. Müller hat seine Antwort. Kaeser sucht noch eine für das ganze Land. Die Konservativen müssen sich entscheiden: Aufbruch mit Merz oder Schwarz-Blau mit Weidel?
QUELLEN
- Welt am Sonntag: Interview mit Joe Kaeser, „Das ist die völlig falsche Partei“, von Daniel Wetzel, 13. September 2026.
- Welt am Sonntag: Interview mit Theo Müller, „Das ist ein Signal ans ganze Land“, von Marc Felix Serrao, 13. September 2026.