Der erste Heizreaktor von Steady Energy soll 2034 laufen

ATOMKRAFT · 27. SEPTEMBER 2026

Steady Energy geht ohne Bauauftrag an die Börse

Die Europäische Investitionsbank leiht Steady Energy bis zu 40 Millionen Euro für einen Heizreaktor. Die Unterlagen zum Steady Energy Börsengang nennen, was dem Projekt fehlt: ein bindender Auftrag und eine Genehmigung. Bis zur ersten Wärme vergehen nach eigenem Plan noch acht Jahre.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Die Europäische Investitionsbank sagte dem finnischen Reaktorentwickler am 15. September ein Wandeldarlehen zu, vorrangig, ungesichert und gestützt vom EU-Programm InvestEU. Die Bank kann das Darlehen später in Aktien tauschen. Es ist ihr erstes Engagement bei einem kleinen modularen Reaktor.

Das Geld fließt zwischen 2026 und 2028 in Forschung, Tests und Genehmigungsarbeit. Einen Reaktorbau finanziert es nicht.

Drei Tage später datieren die Unterlagen für den Gang an die Börse. Das Unternehmen verschmilzt mit der Mantelgesellschaft 3North Partners und lässt sich am Nasdaq First North in Helsinki listen. Investoren haben 69,8 Millionen Euro zugesagt, weitere fünf Millionen soll ein öffentliches Angebot bringen. Steady Energy bezeichnet sich in den Unterlagen als Entwicklungsunternehmen vor der Umsatzphase. Für 2027 und 2028 erwartet das Management jeweils 35 bis 40 Millionen Euro Mittelabfluss (mehr dazu: Steady Energy und der SMR-Wasserkocher für die Fernwärme).

Steady Energy testet in Helsinki ohne Kernbrennstoff

Der LDR-50 ist ein Leichtwasserreaktor mit 50 Megawatt thermischer Leistung. Er soll bei rund acht bar bis zu 150 Grad heißes Wasser für Fernwärmenetze liefern und keinen Strom erzeugen, Turbine und Generator entfallen.

In Helsinki entsteht davon ein Versuchsaufbau im Originalmaßstab. Kernbrennstoff enthält er nicht: Ein elektrischer Heizeinsatz simuliert die Nachwärme, die ein Reaktor nach dem Abschalten abgibt. Steady Energy hat dafür mehrere Etagen der Turbinenhalle im Kraftwerk Salmisaari gemietet, in dem der Versorger Helen bis April 2025 Kohle verbrannte. Die Börsenunterlagen nennen 15 bis 20 Millionen Euro Budget und das erste Halbjahr 2027 für die Inbetriebnahme.

Für einen Entwickler ist das ein vernünftiger Schritt, weil er die passiven Sicherheitssysteme vor dem Genehmigungsverfahren erproben kann. Den technischen Reifegrad der Konstruktion stuft das Unternehmen selbst als früh ein. Die Detailplanung kritischer Bauteile soll Ende 2027 stehen.

Steady Energy datiert die erste Anlage auf 2034

Steady Energy plant in vier Stufen. 2027 oder 2028 soll die finnische Regierung ihre Grundsatzentscheidung treffen. 2028 oder 2029 will Steady Energy den Bauantrag stellen, bis 2029 oder 2030 soll der Bau der ersten kommerziellen Anlage beginnen. In Betrieb erwartet das Management sie 2034, bis dahin bleibt der operative Cashflow negativ. Für die Vertriebspipeline von 70 Reaktoren in 26 Anlagen nennt es Liefertermine zwischen 2033 und 2045.

Die erste Anlage soll nach Schätzung des Managements 200 bis 360 Millionen Euro kosten. Diese Finanzierung ist offen: Es gebe keine Gewähr, dass das Geld zu annehmbaren Bedingungen oder überhaupt zusammenkommt. Für spätere Serienreaktoren rechnet Steady Energy mit 75 bis 150 Millionen Euro je Reaktor, eine Anlage besteht aus einem bis vier davon.

Einen Bauauftrag hat das Unternehmen bisher nicht. Mit Helen und Kuopion Energia laufen bezahlte Vorplanungen, doch für keine kommerzielle Anlage liegt ein bindender Vertrag vor, die Absichtserklärungen der ersten Interessenten sind laut den Unterlagen unverbindlich und verpflichten niemanden zum Bau. Kommunale Fernwärmeversorger seien generell zurückhaltend, als einzige Erstanwender einer neuen Reaktortechnik voranzugehen. Ihre Bereitschaft könne von öffentlicher Förderung abhängen.

Seine Wärmekosten behandelt Steady Energy als Annahme. Weil noch kein LDR-50 gebaut oder betrieben wurde, lasse sich keine verlässliche Zahl nennen, die tatsächlichen Kosten könnten erheblich abweichen. Verglichen hat das Management gegen Biomasse in Finnland und Schweden sowie gegen Kohle- und Gaskessel in Polen. Großwärmepumpen, Elektrodenkessel und die Abwärme von Rechenzentren zählt es derzeit nicht zur Grundlast, räumt aber ein, dass sie dazu werden können.

Unter den Risiken steht ein Satz, der die Konkurrenz beim Namen nennt. Sinken die Strompreise, rechnen sich Wärmepumpen besser, und der Anreiz für Fernwärmeversorger, in einen Heizreaktor zu investieren, könne deutlich schrumpfen.

Fünf Atomaufsichten verlangen weitere Nachweise

Auf Bitten von Steady Energy haben fünf Aufsichtsbehörden das Konzept gemeinsam begutachtet: die finnische STUK als Koordinatorin, dazu die Behörden Schwedens, Polens, Tschechiens und der Ukraine. Ihr Abschlussbericht von Mitte Juni nennt die Prüfung freiwillig und unverbindlich. Eine gemeinsame Position der Behörden oder eine bindende Entscheidung sollte sie nicht hervorbringen.

Keine der fünf Behörden fand ein grundsätzliches Hindernis, das die weitere Entwicklung ausschlösse. Die Unterlagen seien einem frühen Konzeptstadium angemessen, „aber nicht ausreichend für Schlussfolgerungen auf Genehmigungsniveau”. Offen ist vor allem, ob die Reaktorhalle dicht genug ist und wie sich das prüfen lässt. Der Bericht führt einzelne Abweichungen von Regelwerken auf und verlangt für den Betrieb mehrerer Reaktoren an einem Standort und für die Notfallplanung erhebliche zusätzliche Belege. Geprüft haben die Behörden den Designstand von Anfang 2025.

Der nächste Wettbewerber steht an einem ähnlichen Punkt. Die französische Calogena beginnt Ende September eine öffentliche Konsultation für ihren Heizreaktor am Kernforschungszentrum Cadarache. Den ersten kommerziellen Einsatz plant sie für 2032.

Die Welt am Sonntag macht aus dem Darlehen einen Reaktorbau

Zwei Tage nach den Börsenunterlagen erschien in der Welt am Sonntag der Artikel „Atomheizung unter der Stadt”. Autor Daniel Wetzel stellt den finnischen Heizreaktor darin als Ausweg für die stockende deutsche Wärmewende vor. An mehreren Stellen sagt sein Text mehr, als die Primärquellen hergeben.

Laut Wetzel baut der Versorger Helen die Testanlage. Tatsächlich baut Steady Energy, Helen vermietet die Halle. Die EIB unterstütze „den Bau des City-Meilers”, heißt es weiter. Die Bank selbst spricht von Forschung, Tests und Genehmigungsarbeit und nennt den Versuchsaufbau ausdrücklich nicht-nuklear.

Für den Zeitplan zitiert Wetzel einen Unternehmenssprecher: Baubeginn 2028 oder 2029, Betrieb Anfang der 2030er-Jahre. Die Börsenunterlagen desselben Unternehmens nennen einen Baubeginn bis 2029 oder 2030 und den Betrieb für 2034. Das Interesse sei schon jetzt riesig, schreibt er, und führt die Absichtserklärungen dreier finnischer Städte an. Dass Steady Energy diese Erklärungen selbst als unverbindlich einstuft, steht nicht im Text.

Aus der Behördenprüfung wird bei Wetzel der Befund, es gebe keine nuklearen Sicherheitsbedenken gegen die nächste Entwicklungsstufe. Das trifft den ersten Halbsatz des Berichts und lässt den zweiten weg. Die Behörden sprechen von fehlenden grundsätzlichen Hindernissen und verlangen im selben Satz deutlich mehr technische Belege, bevor sich die Einhaltung der Regeln nachweisen lässt. Eine Genehmigung behauptet Wetzel nicht.

Wärmekosten von rund 50 Euro je Megawattstunde übernimmt er vom Unternehmen und setzt sie gegen durchschnittliche deutsche Fernwärmepreise. In den Börsenunterlagen steht diese Zahl nicht. Auf der einen Seite stehen damit angenommene Erzeugungskosten, auf der anderen Endkundenpreise, in denen Netz, Wärmeverluste, Reservekessel, Vertrieb und Steuern stecken.

Helen heizt seit August mit Abwasserwärme

In derselben Stadt läuft seit August eine Großwärmepumpe mit 90 Megawatt Fernwärmeleistung, gespeist aus gereinigtem Abwasser (mehr dazu: Helen nimmt Großwärmepumpe in Helsinki in Betrieb). Helen veranschlagte dafür 2022 rund 100 Millionen Euro, 60 Megawatt Fernkälte und ein Elektrokessel mit 30 Megawatt eingeschlossen. Eine Endabrechnung liegt nicht vor.

Für dieselbe Wärmeleistung bräuchte es zwei LDR-50. Nach den Serienpreisen aus den Börsenunterlagen wären das 150 bis 300 Millionen Euro. Beide Zahlen beschreiben nur die Investition.

Die Wärmepumpe braucht Strom, und ihre Jahresarbeitszahl hat Helen nicht veröffentlicht. Der Reaktor braucht Brennstoff, Personal, Sicherung, Rückbau und Entsorgung. Eine vollständige Wärmekostenrechnung hat bisher keine Seite vorgelegt.

Die Energie-Denkfabrik Ember beschreibt Deutschland als Land, das Erneuerbare baut und zu wenig elektrifiziert. Wind und Sonne liefern hierzulande rund 40 Prozent des Stroms, doch Strom deckt nur rund 20 Prozent der Endenergie. Wärmepumpen machen aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme (mehr dazu: Kingsmill Bond über Europas Souveränitätskurs).

Ein Heizreaktor, der 2034 ans Netz geht, trifft auf Fernwärmesysteme, die acht Jahre lang weitergebaut wurden. Deutsche Städte legen in der kommunalen Wärmeplanung jetzt fest, womit sie ihre Netze speisen. Einen bindenden Liefervertrag hat Steady Energy bisher mit keinem Versorger geschlossen, den ersten peilt das Unternehmen für 2027 oder 2028 an.

QUELLEN

b6b273245fc3487aaeb71ef3442506ed
  1. Welt am Sonntag: Atomheizung unter der Stadt, 20.09.2026.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x