Europa lässt rentable Elektrifizierung liegen

IEA-SONDERBERICHT ZUR ELEKTRIFIZIERUNG · 29. SEPTEMBER 2026

Mehr Elektrifizierung in Europa würde sich schon heute rechnen

Zu heutigen Preisen und mit verfügbarer Technik würde es sich lohnen, ein Drittel des weltweiten Endenergieverbrauchs mit Strom zu decken. Tatsächlich sind es 23 Prozent. Den größten Spielraum sieht die Internationale Energieagentur (IEA) in einem Sonderbericht für Europa.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Die Elektrifizierung in Europa liegt laut IEA bei rund 24 Prozent. Strom liefert also knapp ein Viertel der Endenergie, die Haushalte, Verkehr und Industrie einkaufen. Würden sie alles umstellen, was sich heute schon lohnt, stiege der Anteil um fast 15 Prozentpunkte auf mehr als 35 Prozent. Einen ähnlich großen Sprung errechnet die Agentur nur für Indien, für den Nahen Osten mit seinen subventionierten Brennstoffen sind es fünf Prozentpunkte.

Den Rückstand erklärt die IEA vor allem mit der Heizung. Erdgas deckt fast die Hälfte des europäischen Raumwärmebedarfs. Die eigene Förderung und später das Gas aus Russland haben einen hohen Anteil an Gasheizungen über Jahrzehnte festgeschrieben. Auch Europas Industrie nutzt weniger Strom als die Konkurrenz in Japan und Korea, im Maschinenbau beträgt der Abstand rund 16 Prozentpunkte.

Weltweit ließe sich laut dem Sonderbericht der IEA rund die Hälfte des Brennstoffverbrauchs in Wohngebäuden und die Hälfte des ölbasierten Straßenverkehrs schon heute wirtschaftlich elektrifizieren. Bei der Industriewärme auf niedrigem und mittlerem Temperaturniveau sind es knapp 40 Prozent. Wärmepumpen sind in rund drei Vierteln der Heizungsmärkte der Industrieländer und Chinas wettbewerbsfähig. Die IEA rechnet dabei aus Sicht der Haushalte und Unternehmen, die investieren. Kosten und Nutzen für Netze, Versorgungssicherheit und Luftqualität stecken nicht in der Rechnung.

Balkendiagramm zur Elektrifizierung: Rund die Hälfte des fossilen Verbrauchs in Wohngebäuden und im Straßenverkehr sowie knapp 40 Prozent der Industriewärme ließen sich laut IEA schon heute wirtschaftlich elektrifizieren
Wirtschaftlich elektrifizierbarer Anteil am fossilen Verbrauch, weltweit, Stand 2025. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

Ein Dollar Strom liefert mehr Wärme als ein Dollar Gas

Pro Kilowattstunde ist Strom fast überall teurer als Gas oder Öl. Im weltweiten Mittel kauft ein US-Dollar 17 Kilowattstunden Erdgas, zehn Kilowattstunden Öl, aber nur sieben Kilowattstunden Strom. Beim Nutzer dreht sich das Verhältnis um. Mit der Wärmepumpe liefert der Dollar 22 Kilowattstunden Wärme, mit dem Gaskessel 16. Ein Elektroauto macht aus einem Dollar knapp sieben Kilowattstunden Bewegungsenergie, ein Verbrenner rund zwei.

Balkendiagramm: Ein US-Dollar kauft 17 kWh Erdgas, 10 kWh Öl oder 7 kWh Strom, liefert aber mit der Wärmepumpe 22 kWh Wärme statt 16 kWh mit dem Gaskessel und im Elektroauto knapp 7 statt rund 2 kWh Bewegungsenergie
Globale Durchschnittspreise 2025. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), ABB. 2.6, CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

Den Unterschied macht der Wirkungsgrad. Eine Wärmepumpe holt zusätzlich Wärme aus der Umgebungsluft. Ein Elektroauto setzt 85 bis 90 Prozent der Energie in Bewegung um, ein Verbrenner 25 bis 35 Prozent.

Wer nur auf den Stromanteil am Endenergieverbrauch schaut, unterschätzt deshalb seine Rolle. Strom deckt 23 Prozent der Endenergie, aber fast 40 Prozent der Nutzenergie, also der Wärme, Kühlung, Bewegung und des Lichts, die Menschen tatsächlich brauchen. Im Szenario der IEA mit 35 Prozent Stromanteil im Jahr 2035 liefert Strom mehr als die Hälfte der Nutzenergie.

Elektrofahrzeuge ersetzen schon 2,3 Millionen Barrel Öl am Tag

Elektrische Autos, Motorräder, Busse und Lkw verdrängen nach Rechnung der IEA bereits rund 2,3 Millionen Barrel Öl pro Tag. Das ist mehr, als im Sommer 2026 durch die Habshan-Fujairah-Pipeline der Vereinigten Arabischen Emirate an der Straße von Hormus vorbeifloss. Mit der heutigen Politik steigt die Menge bis 2035 auf rund zehn Millionen Barrel, so viel, wie Russland insgesamt fördert. Im Szenario hoher Elektrifizierung sind es 18 Millionen Barrel, vier Fünftel davon in Ländern, die Öl importieren.

Balkendiagramm: Elektrofahrzeuge vermeiden 2025 rund 2,3 Millionen Barrel Öl pro Tag, 2035 mit heutiger Politik rund 10 und im Szenario hoher Elektrifizierung 18 Millionen Barrel
Szenariowerte für 2035, keine Prognose. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

Energieimporteure würden in diesem Szenario 2035 rund ein Viertel weniger für Brennstoffe aus dem Ausland ausgeben als 2025, etwa 400 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Zu den höheren Preisen von 2026 wären es mehr als 500 Milliarden (mehr dazu: Was Wärmepumpe und E-Lkw gegen die Iran-Krise leisten).

Auf die Sorge vieler Länder, sie tauschten nur die Abhängigkeit vom Öl gegen eine Abhängigkeit von Batterien und Rohstoffen, antwortet die IEA mit einem Unterschied. Heizkessel und Verbrennungsmotoren brauchen ständig Nachschub an Brennstoff. Fällt dagegen eine Lieferkette für Wärmepumpen oder Batterien aus, laufen die installierten Anlagen weiter, betroffen sind Zubau und Ersatz. Als Risiken nennt die Agentur die geografische Konzentration bei kritischen Rohstoffen und Batterien sowie die Fernsteuerbarkeit vernetzter Anlagen, die Schutz vor Cyberangriffen verlangt.

Die IEA sieht in Steuern einen Hebel für die Elektrifizierung in Europa

Mit der heutigen Politik erreicht die Welt bis 2035 nur rund 30 Prozent Strom am Endenergieverbrauch. Die COP31-Präsidentschaft strebt 35 Prozent bis 2035 an, die IEA hat ihren Bericht als deren strategischer Partner erstellt. „Die Herausforderung ist die Umsetzung, schnell und im großen Maßstab“, schreibt Chris Bowen, australischer Klimaminister und Verhandlungspräsident der COP31, im Vorwort.

Haushalte können Einsparungen über die Lebensdauer eines Geräts oft nicht einpreisen oder bekommen keinen günstigen Kredit für die höhere Anfangsinvestition, schreibt die IEA. Heizungen und Fahrzeuge werden erst nach Jahren ausgetauscht. Netzanschlüsse und Genehmigungen dauern. Im Szenario hoher Elektrifizierung müssten die Stromnetze bis 2035 rund 40 Prozent schneller wachsen als im vergangenen Jahrzehnt. Nur sehr wenige Länder haben eine Elektrifizierungsstrategie über alle Sektoren.

Unter den Industrieländern besteuert die EU Strom laut IEA vergleichsweise hoch, besonders für Haushalte. Die Agentur hat für ihr Szenario einen Fall gerechnet, in dem alle Mitgliedstaaten Mehrwert- und Stromsteuer auf das gesetzliche Minimum senken. Dann fallen die Haushaltsstrompreise 2035 um rund 20 Prozent, die Industriestrompreise um rund zehn Prozent. Den Staaten fehlen in diesem Fall Einnahmen (mehr dazu: IEA: Deutschlands Strompreis bremst die Wärmepumpe).

„Die Lücke liegt in der Politik“, schreibt Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford, in seiner Zusammenfassung des Berichts. Rosenow hat ihn als Gutachter geprüft.

Europa bringt für die Umsetzung eine industrielle Stärke mit. Unternehmen mit Sitz in Europa setzten 2025 mit Netztechnik mehr als 160 Milliarden US-Dollar um, rund 40 Prozent des weltweiten Umsatzes in diesem Segment. Dazu zählen Transformatoren, Kabel und Anlagen zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung.

QUELLEN

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  1. IEA: Electrification takes centre stage as Hormuz shock spurs countries to seek to enhance energy security, Pressemitteilung, 22.09.2026.
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