KÖPFE DER KLIMAFORSCHUNG · 5. OKTOBER 2026

Wie Kingsmill Bond das Ende des fossilen Zeitalters vermisst
Kingsmill Bond hat drei Jahrzehnte lang Finanzmärkte analysiert, bevor er die Energiewende als Technologierevolution zu berechnen begann. Als Director der Londoner Denkfabrik Ember schreibt er seit 2025 über Solar, Batterien, Elektroautos und die Macht der Elektrostaaten.
Kingsmill Bond liest Energiemärkte wie ein Aktienanalyst. Ihn interessiert weniger, wie viel Kohle, Öl und Gas die Welt verbrennt, als die Frage, wer das Wachstum liefert. Mit diesem Blick auf den Zuwachs sagt er seit 2018 voraus, dass die fossile Nachfrage in den 2020er Jahren ihren Höhepunkt erreicht.
Für den Umbruch nennt Bond drei Gründe: Physik, Ökonomie und Geopolitik. Elektrische Technik arbeitet rund dreimal effizienter als fossile, sie wird mit jeder Verdopplung der Stückzahl billiger, und sie macht Importländer unabhängiger von Lieferanten. Den Sammelbegriff dafür verwendet er mit seinen Kollegen bei Ember: Electrotech. Gemeint sind Solar- und Windkraft, Elektroautos, Wärmepumpen, Batterien und die Digitaltechnik, die Angebot und Nachfrage verbindet.
Inhalt
Wie Kingsmill Bond vom Bankanalysten zum Energiestrategen wurde
Kingsmill Bond hat nach Angaben seines Ember-Profils mehr als 30 Jahre als Finanzmarktanalyst und Stratege gearbeitet. Zu seinen Arbeitgebern zählten die Deutsche Bank und die Citibank, mit Stationen in London, Hongkong und Moskau. Bei der Gründung seiner Initiative bei Ember im Februar 2025 nannte die Denkfabrik zusätzlich die Sberbank als frühere Station. Bond trägt den Titel Chartered Financial Analyst (CFA), die gängige Qualifikation für Investmentanalysten.
Seine Arbeit zur Energiewende begann bei Carbon Tracker. Die Londoner Denkfabrik veröffentlichte 2018 den Bericht „2020 Vision“ mit Bond als Hauptautor und führte ihn 2021 als ihren Energiestrategen. Spätestens 2023 arbeitete er für das US-amerikanische Rocky Mountain Institute (RMI). Dort schrieb er mit Sam Butler-Sloss, Amory Lovins und anderen den Bericht „X-Change: Electricity“.
Anfang 2025 baute Kingsmill Bond mit Daan Walter und Sam Butler-Sloss bei Ember ein neues Team auf. Es legt jedes Jahr im September ein großes Foliendeck vor: Auf „The Electrotech Revolution“ im September 2025 folgte im September 2026 „The Age of Power“. Dazwischen erschienen Analysen zu Asien, Indien und den Folgen der Sperrung der Straße von Hormus.
| Bericht | Jahr | Herausgeber | Kernthese |
|---|---|---|---|
| 2020 Vision | 2018 | Carbon Tracker | Die fossile Nachfrage erreicht in den 2020er Jahren ihren Höhepunkt |
| The Sky's the Limit | 2021 | Carbon Tracker | Solar und Wind können mehr als das Hundertfache der globalen Energienachfrage liefern |
| X-Change: Electricity | 2023 | RMI | Fossiler Strom hat den Höhepunkt erreicht und sinkt bis 2030 um 16 bis 30 Prozent |
| Energy Security in an Insecure World | 2025 | Ember | E-Autos, Wärmepumpen und Erneuerbare können 70 Prozent der fossilen Netto-Importe ersetzen |
| The Electrotech Revolution | 2025 | Ember | Die weltweite fossile Nachfrage sinkt bis 2030, China wird erster Elektrostaat |
| The New Twin Fossil Shock | 2026 | Ember | Die Schocks von 2022 und 2026 beschleunigen das elektrische Zeitalter |
| The Age of Power | 2026 | Ember | Elektrotechnik und Informationstechnik verschmelzen und verschieben Macht |
Quelle: Berichte von Carbon Tracker, RMI und Ember mit Kingsmill Bond als Autor oder Mitautor, Auswahl. Stand: September 2026.
Warum Bond Solar, Batterien und E-Autos auf S-Kurven rechnet
Im Kern von Bonds Arbeit steht eine Modellfrage. Viele Energiemodellierer schreiben den Ausbau von Solar- und Windkraft linear fort, Kingsmill Bond rechnet mit Lernkurven und S-Kurven. Die Lernkurve beschreibt, wie eine Technik mit jeder Verdopplung der installierten Menge um einen festen Prozentsatz billiger wird. Für Solar, Wind und Lithium-Ionen-Batterien setzte er schon 2018 bei Carbon Tracker rund 20 Prozent an.
Die S-Kurve beschreibt den Marktanteil: Nach langsamem Start wächst eine neue Technik steil, bevor sie sich der Sättigung nähert. Im RMI-Bericht von 2023 erwartete Kingsmill Bond, dass Solar- und Windstrom bis 2030 jährlich um 15 bis 20 Prozent zulegen. Im schnelleren Fall kämen beide auf mehr als 14.000 Terawattstunden und überholten die fossile Stromerzeugung. Lineare Prognosen hätten sich dagegen immer wieder als falsch erwiesen, schrieb er.
Für das Foliendeck „The Electrotech Revolution“ hat das Ember-Team das Muster nachgezählt. Die Solarkapazität verdoppelte sich danach 30 Jahre lang im Schnitt alle drei Jahre, Batteriespeicher wuchsen seit 2020 fast jährlich auf das Doppelte. Die Verkäufe von Verbrennern sinken seit 2017, die Verkäufe von Elektroautos stiegen im selben Zeitraum um das 15-Fache auf 17,5 Millionen.
Beim Solarstrom lässt sich die Kurve am klarsten ablesen. Nach dem Global Electricity Review 2026 von Ember wuchs die weltweite Solarerzeugung 2025 um 30 Prozent auf 2.778 Terawattstunden. Das ist mehr als zehnmal so viel wie 2015. Batteriekosten fielen 2025 um weitere 45 Prozent. Wo Solar plus Speicher schon rund um die Uhr liefern kann, hat Embers Team um Bond in einem Atlas für 5.000 Weltregionen durchgerechnet.
Wann Bond den Höhepunkt der fossilen Nachfrage erwartet
2018 formulierte Kingsmill Bond bei Carbon Tracker die These, die ihn bekannt machte: Die 2020er Jahre werden das Jahrzehnt des fossilen Höhepunkts. Den Scheitelpunkt setzte er früh an, bei einem Anteil von Solar und Wind von rund sechs Prozent der Energieversorgung und 14 Prozent des Stroms. Für Märkte zählt nach seiner Logik der Moment, in dem neue Technik das gesamte Nachfragewachstum abdeckt, nicht der Moment, in dem sie die Mehrheit stellt. Im fossilen Sektor sah er Sachanlagen von 25 Billionen Dollar in Gefahr.
Im RMI-Bericht von 2023 wurde Kingsmill Bond für den Stromsektor konkret. Die fossile Stromerzeugung habe bei rund 18.000 Terawattstunden ihren Höhepunkt erreicht, schrieb er mit seinen Koautoren. Sie verharre einige Jahre auf einem Plateau und falle bis zum Ende des Jahrzehnts um 16 bis 30 Prozent.
Bei Ember weitete er die These 2025 auf das gesamte Energiesystem aus. Die fossile Nachfrage stagniert laut dem Foliendeck in der Industrie seit 2014, in Gebäuden seit 2018 und im Straßenverkehr seit 2019. Setzen sich Ausbau und Elektrifizierung fort, sinkt die weltweite fossile Nachfrage bis 2030. „Zu billig, um sie einzudämmen, und zu groß, um sie zu ignorieren“, schreibt Kingsmill Bond im Vorwort über die Electrotech.
Was Kingsmill Bond unter Elektrostaaten und Petrostaaten versteht
Ein Elektrostaat stützt sich in der Ember-Lesart auf zwei Säulen: erneuerbaren Strom und die Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie. Im Bericht „The Electrification Imperative“ vom Juni 2025 sortierten Bond, Walter und Butler-Sloss die Länder nach beiden Achsen. Erneuerbare seien notwendig, aber nicht hinreichend, lautet ihr Befund. Ohne Elektrifizierung verdrängt sauberer Strom die fossilen Brennstoffe nicht aus der übrigen Wirtschaft.
Viele Staaten von Deutschland bis Chile bauten Wind und Solar zügig aus. Den Stromanteil am Endverbrauch steigerten die meisten OECD-Länder seit 2010 dagegen nur um ein bis zwei Prozentpunkte. Die USA und Europa liegen laut Ember seit 2008 knapp über 20 Prozent. China elektrifiziert dagegen um rund zehn Prozentpunkte pro Jahrzehnt.
Im Foliendeck von 2025 nennt das Team China den ersten Elektrostaat der Welt. Auf das Land entfielen die Hälfte aller neuen Solaranlagen weltweit und 60 Prozent der Elektroauto-Verkäufe. Petrostaaten droht nach dieser Analyse der Niedergang, neue Elektrostaaten entstehen. In Deutschland greift Luisa Neubauer das Begriffspaar auf und warnt vor dem Platz zwischen Elektro- und Petrostaat.
Wo Bond richtiglag und wo Kritiker widersprechen
Im Stromsektor hat Kingsmill Bond mit dem Plateau bislang recht behalten. Laut Ember deckten saubere Quellen 2025 das gesamte Wachstum der Stromnachfrage, die fossile Erzeugung sank leicht um 0,2 Prozent. In China und Indien fiel sie erstmals in diesem Jahrhundert gleichzeitig. Ob der Rückgang bis 2030 die erwarteten 16 bis 30 Prozent erreicht, ist offen.
Für das gesamte Energiesystem kann Kingsmill Bond den Höhepunkt noch nicht belegen. Nach dem Statistical Review des Energy Institute vom Juni 2026 erreichten 2025 alle großen Energieträger zum zweiten Mal in Folge Rekordwerte, auch die fossilen. Die energiebedingten Emissionen stiegen um 1,1 Prozent.
Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet in einem ihrer Szenarien mit dem Gegenteil. Im World Energy Outlook 2025 wächst die Öl- und Gasnachfrage im Szenario der aktuellen Politik bis 2050, beim Öl auf 113 Millionen Barrel pro Tag. Bond und Butler-Sloss hielten dagegen, dieses Szenario setze einen Stillstand von Politik und Innovation voraus. Im Szenario der erklärten Politik erreicht Öl auch nach IEA-Rechnung um 2030 ein Plateau.
Am Begriffspaar setzt der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze an. Jede Volkswirtschaft könne ein Elektrostaat sein, schrieb er im April 2026, die Förderung von Öl, Gas oder Kohle spiele dafür keine Rolle. Texas liefere 42 Prozent der US-Öl- und Gasförderung und erzeuge zugleich den meisten erneuerbaren Strom der USA. Die USA einen Petrostaat zu nennen, hält Tooze eher für eine politische Zuschreibung als für einen ökonomischen Befund.
Warum Deutschland in Bonds Rechnung zu den verwundbarsten Importeuren zählt
In der Analyse „Energy Security in an Insecure World“ vom April 2025 haben Kingsmill Bond und seine Kollegen die Importabhängigkeit vermessen. Von den Europäern leben 99 Prozent in Ländern, die netto fossile Energie einführen. In Deutschland, Japan und Italien decken Netto-Importe fossiler Brennstoffe mehr als zwei Drittel des Energiebedarfs.
Elektroautos, Wärmepumpen und erneuerbarer Strom könnten weltweit 70 Prozent der fossilen Netto-Importe ersetzen und Importländern jährlich 1,3 Billionen Dollar sparen, so die Rechnung. Den größten Hebel sieht das Team im Straßenverkehr. „Fossile Importländer sind wie Frösche in kochendem Wasser“, sagt Kingsmill Bond.
Ein Jahr später folgte der Ernstfall. Ab Ende Februar 2026 blieb die Straße von Hormus gesperrt. Ember wertet die Sperrung in der Analyse „The New Twin Fossil Shock“ als größte Ölversorgungsstörung der Geschichte. Mehr als zehn Millionen Barrel pro Tag fielen danach aus.
Wie schnell Verbraucher mit Alternativen umsteigen, zeigte China im Ölpreisschock 2026 mit Elektrobussen, Bahnen und Elektrotaxis. Auch IEA-Chef Fatih Birol spricht inzwischen von einer Vertrauenskrise bei Öl und Gas.
Im Foliendeck „The Age of Power“ ordnet das Team Europa als Vorreiter bei Erneuerbaren ein, der bei Elektrifizierung und künstlicher Intelligenz zurückliegt. Das Rezept des Teams aus dem Jahr 2025 lautet: Regierungen sollen Strom billiger machen, Endanwendungen elektrifizieren und fossile Gegenwehr überwinden. Für Europa hat er daraus einen Souveränitätskurs über Elektrostaaten abgeleitet. Der Umbau braucht Rohstoffe, allen voran Kupfer, das Metall der Electrotech-Revolution.
Für die frühen 2030er Jahre erwartet das Ember-Team eine Machtverschiebung von wenigen rohstoffreichen Staaten zu vielen Ländern, die elektrische Technik einsetzen. Die Chance steht nach Embers Analyse jedem Land offen, weil Sonne und Wind breiter verteilt sind als Öl und Gas. In dieser Logik müsste Deutschland den zweiten Schritt gehen und seinen sauberen Strom in Autos, Heizungen und Fabriken bringen.
QUELLEN
- Ember: Kingsmill Bond, Director, Profilseite, abgerufen am 29. September 2026.
- Carbon Tracker: The Sky's the Limit: Solar and wind energy potential is 100 times as much as global energy demand, 23. April 2021.