Stiftung will Stromsteuer auf EU-Minimum senken

STIFTUNG KLIMANEUTRALITÄT RECHNET VOR · 30. SEPTEMBER 2026

Deutschland belastet Strom 3,5-mal so stark wie Gas

Auf eine Kilowattstunde Haushaltsstrom entfallen 12,6 Cent Steuern, Abgaben und Umlagen, auf Gas 3,6 Cent. Die Stiftung Klimaneutralität will die Stromsteuer auf das EU-Minimum senken und die Erdgassteuer anheben.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Zusammen mit einer Mehrwertsteuer von sieben statt 19 Prozent würde Haushaltsstrom knapp sechs Cent je Kilowattstunde günstiger. Ein Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch spare so rund 200 Euro im Jahr. Das geht aus dem Gutachten „Schneller elektrifizieren“ hervor, das Lead Advisor Frederik Digulla für die Berliner Stiftung verfasst hat. Das Verhältnis von Strom- zu Gaspreis sänke von 3,1 auf 2,5. Diese Marke setzt die EU-Kommission in ihrem Elektrifizierungs-Aktionsplan für das Jahr 2030.

Die Stiftung begründet den Vorstoß mit der Versorgungssicherheit. Strom sei die einzige Energieform, mit der sich Deutschland und Europa vollständig selbst versorgen könnten. Für importiertes Öl, Gas und Kohle zahlt Deutschland im langjährigen Mittel rund 80 Milliarden Euro im Jahr. 2022 waren es rund 135 Milliarden Euro. Seit März 2026 ist die Straße von Hormus weitgehend gesperrt, die Preise für fossile Energie sind gestiegen.

Der deutsche Stromverbrauch stagniert trotzdem. 2025 lag der Nettostromverbrauch bei 464,6 Terawattstunden und damit 45,1 Terawattstunden unter dem Wert von 2019. Der Anteil des Stroms am Endenergieverbrauch verharrt seit einem Jahrzehnt bei rund einem Fünftel.

Das Gutachten beschreibt dahinter eine Preisspirale. Netzbetreiber bauen für eine höhere Nachfrage aus, doch die Fixkosten verteilen sich auf gleich bleibend viele Kilowattstunden und treiben den Preis. Umgekehrt senke jede zusätzliche Kilowattstunde die Stückkosten für alle.

Die Stiftung will Erdgas um 0,45 Cent teurer machen

Den größten Posten unter den Abgaben auf Haushaltsstrom stellt die Umsatzsteuer mit 5,90 Cent je Kilowattstunde. Es folgen Konzessionsabgabe und Umlagen mit 4,62 Cent und die Stromsteuer mit 2,05 Cent. Beim Gas kommen Umsatzsteuer, CO2-Preis und Erdgassteuer zusammen auf 3,62 Cent. Damit belastet der Staat Strom 3,5-mal so stark wie Gas, bei der reinen Energiesteuer sogar 3,7-mal.

Bestandteil (Cent je kWh, Haushalte) Strom Gas
Strom- bzw. Erdgassteuer2,050,55
Konzessionsabgabe und Umlagen4,620,03
CO₂-Preis-1,14
Umsatzsteuer5,901,91
Summe Steuern, Abgaben, Umlagen12,573,62
Endkundenpreis gesamt37,011,9

Werte Januar bis Juli 2026, vorläufig. Quelle: BDEW-Strompreisanalyse und BDEW-Gaspreisanalyse August 2026, zusammengestellt von der Stiftung Klimaneutralität.

Die Stiftung schlägt vor, die Stromsteuer für private Haushalte von 2,05 auf 0,1 Cent zu senken, das europäische Minimum. Bei rund 130 Terawattstunden Haushaltsstrom koste das etwa 2,5 Milliarden Euro im Jahr. Die Erdgassteuer soll von 0,55 auf einen Cent je Kilowattstunde steigen und rund 1,55 Milliarden Euro einbringen. Ein Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Stromverbrauch und einer Gasheizung, die 20.000 Kilowattstunden braucht, spart bei der Stromsteuer rund 70 Euro. Beim Gas zahlt er rund 90 Euro mehr.

Den größeren Hebel setzt das Gutachten bei der Mehrwertsteuer an. In einer elektrifizierten Gesellschaft sei Strom die Grundlage für alles und solle wie Basiskonsum mit sieben Prozent besteuert werden. Beide Schritte zusammen senken den Haushaltsstrompreis laut Gutachten von 37,0 auf rund 31,2 Cent je Kilowattstunde. Was die ermäßigte Mehrwertsteuer den Staat kostet, beziffert das Papier nicht. In der Pressemitteilung nennt die Stiftung die Reform dennoch aufkommensneutral, finanziert unter anderem über die höhere Erdgassteuer.

Für das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft hat der Bundestag die Stromsteuer 2026 bereits dauerhaft auf 0,05 Cent gesenkt. Private Haushalte zahlen weiter 2,05 Cent, und der Regierungsentwurf für den Haushalt 2027 sieht für sie keine Senkung vor (mehr dazu: Katherina Reiche vertagt die Strompreis-Entlastung auf die 2030er).

Ember sieht in hohen Stromsteuern eine Bremse der Elektrifizierung

Die Denkfabrik Ember kommt zum selben Befund. In ihrem Bericht „The Electrotech Revolution“ vom September 2025 vergleicht sie die Steuerlast auf Strom und Gas für mittelgroße Industriekunden in Europa. In fast allen untersuchten Ländern liegt die Steuer auf Strom über der auf Gas, Deutschland liegt beim Strom über dem EU-Durchschnitt. Nur Finnland, Schweden und Bulgarien besteuern Strom geringer als Gas. „Besteuert, was ihr auslaufen lassen wollt“, überschreibt Ember die Grafik.

Ember-Grafik: Steuern auf Strom und Gas für mittelgroße Industriekunden in Europa, zweites Halbjahr 2024. In den meisten Ländern liegt die Stromsteuer deutlich über der Gassteuer.
Steuern auf Strom und Gas für mittelgroße Industriekunden in Europa, zweites Halbjahr 2024. Quelle: Ember, The Electrotech Revolution (2025), CC BY 4.0

Eine zweite Ember-Grafik setzt die Haushaltsstrompreise zahlreicher Länder in Beziehung zu ihrem Elektrifizierungsgrad. Das Ergebnis fasst die Denkfabrik so zusammen: Es gebe keine Länder, die zugleich hohe Strompreise und einen hohen Elektrifizierungsgrad hätten. Die Länder, die mehr als 30 Prozent ihrer Endenergie mit Strom decken, liegen fast ausnahmslos im unteren Preisbereich.

Ember-Grafik: Haushaltsstrompreis 2010 bis 2022 gegen den Elektrifizierungsgrad 2022. Länder mit hohem Stromanteil an der Endenergie haben durchweg niedrige Strompreise.
Haushaltsstrompreis gegen Elektrifizierungsgrad: Kein Land hat zugleich hohe Strompreise und einen hohen Stromanteil. Quelle: Ember, The Electrotech Revolution (2025), CC BY 4.0

Im Nachfolgebericht „The Age of Power“ vom September 2026 zählt Ember sieben Hebel für niedrigere Strom- und Kapitalkosten auf. Der dritte lautet, Strom nicht länger zu hoch zu besteuern, damit billiger Strom fair konkurrieren kann. „In vielen Ländern der Welt wird Strom viel höher besteuert als Gas“, sagte Ember-Hauptautor Daan Walter bei der Vorstellung des Berichts.

Deutschland ordnet Ember in diesem Bericht als Erneuerbaren-Bauer ein. Wind und Sonne lieferten 2023 rund 40 Prozent des Stroms, der Stromanteil an der Endenergie lag aber bei rund 20 Prozent. Frankreich kommt auf 25 Prozent, China auf mehr als 25 Prozent. Als Elektrostaat gilt bei Ember ein Land, das den Ökostrom-Ausbau und die Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie gleichzeitig vorantreibt.

Ember-Grafik: Anteil von Wind und Solar an der Stromerzeugung gegen den Elektrifizierungsgrad, 2000 bis 2023. Deutschland liegt bei rund 40 Prozent Wind und Solar, aber nur rund 20 Prozent Strom an der Endenergie.
Zwei Rennen: Deutschland baut Wind und Solar, elektrifiziert aber kaum. Quelle: Ember, The Age of Power (2026), CC BY 4.0

Die EU will Strom steuerlich mit Gas gleichstellen

Mit dem Aktionsplan hat die EU-Kommission im Juli 2026 den Entwurf einer Verordnung vorgelegt, über den Rat und Europäisches Parlament jetzt verhandeln. Wird er beschlossen, darf Strom steuerlich nicht höher belastet werden als Erdgas. Energieintensive Unternehmen könnten die Stromsteuer bis auf null gesenkt bekommen. Netzentgelte müssten zeit-, leistungs- und standortabhängig werden, und bis Ende 2030 sollen mindestens 50 Prozent der Kund*innen ein intelligentes Messsystem haben.

Beim Smart Meter liegt Deutschland mit 5,5 Prozent der Messstellen weit unter dem EU-Schnitt, der Ende 2024 bei rund 60 Prozent lag. Auf Kurs sieht das Gutachten Deutschland beim Ausbau der Erneuerbaren und bei den Ladepunkten. Wärmepumpen erreichten 2025 mit 48 Prozent Marktanteil erstmals Platz eins vor der Gasheizung, beide tragen aber 19 Prozent Mehrwertsteuer. Die Stiftung will Wärmepumpen ermäßigt besteuern; Photovoltaik und Speicher sind seit 2023 ganz von der Mehrwertsteuer befreit (mehr dazu: IEA: Deutschlands Strompreis bremst die Wärmepumpe).

Für die Industrie empfiehlt das Gutachten, den Industriestrompreis für alle Unternehmen zu öffnen, die ein Projekt zur Umstellung von Gas auf Strom vorlegen. Statt eines Preisdeckels sollen sie per Ausschreibung Differenzverträge über zehn bis 20 Jahre erhalten, ähnlich den Klimaschutzverträgen. Der bestehende Industriestrompreis läuft Ende 2028 aus und ist mit 3,8 Milliarden Euro für drei Jahre ausgestattet.

QUELLEN

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  1. Stiftung Klimaneutralität: Schneller elektrifizieren: Sichere und bezahlbare Energie aus Deutschland (Pressemitteilung), September 2026.
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