HEIZUNGSTAUSCH VOR DEM WINTER · 2. OKTOBER 2026

Wer eine Wasserstoffheizung einbaut, kauft einen Kessel ohne Lieferzusage
Hersteller nennen Gasheizungen H2-ready, wenn sie Erdgas mit bis zu 20 Prozent Wasserstoff vertragen oder auf reinen Wasserstoff umrüstbar sind. Die Bundesnetzagentur hat das Wasserstoff-Kernnetz aber für Industrie, Kraftwerke und Speicher genehmigt.
Mit einer Wasserstoffheizung behalten Hausbesitzer, was sie kennen: den Kessel im Keller und den Anschluss an die Gasleitung. Nur der Brennstoff soll irgendwann wechseln, von Erdgas zu Wasserstoff, der beim Verbrennen kein CO2 freisetzt. Laut einem Fachbeitrag des Branchenverbands DVGW bieten Hersteller solche Geräte seit Mitte 2024 an, Umrüstsätze für reinen Wasserstoff sollen 2026 folgen.
Wer eine Wasserstoffheizung kauft, wettet auf drei Dinge außerhalb des eigenen Hauses. Er braucht eine Wasserstoffleitung bis in die Straße, genug klimaneutral erzeugten Wasserstoff und einen bezahlbaren Preis. Keinen dieser drei Punkte kann ein Installateur beim Einbau zusichern.
Seit Juli 2026 läuft für diese Wette eine Frist. Nach dem Gebäudemodernisierungsgesetz müssen Eigentümer einer neu eingebauten Gasheizung ab 2029 einen wachsenden Anteil klimafreundlicher Brennstoffe nachweisen. Wasserstoff zählt dazu. Wer vor dem Winter die Heizung tauscht, muss deshalb schon beim Kauf klären, woher Leitung und Brennstoff kommen sollen.
Inhalt
Was ist eine Wasserstoffheizung und was bedeutet H2-ready
Eine Wasserstoffheizung ist ein Gas-Brennwertkessel, der reinen Wasserstoff oder ein Gemisch aus Erdgas und Wasserstoff verbrennt. H2-ready ist kein gesetzlicher Begriff. Die Branche bezeichnet damit Geräte, die bis zu 20 Volumenprozent Wasserstoff im Erdgas vertragen oder sich auf reinen Wasserstoff umbauen lassen.
Die technischen Regeln setzt der DVGW. Er hat sein Arbeitsblatt G 260 im Jahr 2021 auf Erdgas mit bis zu 20 Volumenprozent Wasserstoff erweitert. Zugleich führte er eine eigene Gasfamilie für reinen Wasserstoff ein. Nach den Forschungsergebnissen des Verbands vertragen Gasgeräte zehn Prozent Beimischung ohne Einschränkung, der überwiegende Teil der Haushaltsgeräte auch 20 Prozent.
Für eine Wasserstoffheizung mit reinem Wasserstoff müssen Hausbesitzer ein altes Gerät nach DVGW-Angaben grundsätzlich gegen ein H2-ready-Gerät tauschen. Die Gasleitungen im Haus können nach Einschätzung des Verbands bleiben. Wegen des höheren Volumenstroms braucht das Haus unter Umständen einen größeren Gaszähler.
Die 20 Prozent beziehen sich auf das Volumen, nicht auf die Energie. Ein Kubikmeter Wasserstoff trägt deutlich weniger Energie als ein Kubikmeter Erdgas. Agora Energiewende hat das in ihren 2021 erstmals erschienenen „12 Thesen zu Wasserstoff“ beziffert. Demnach senken 20 Volumenprozent erneuerbarer Wasserstoff die Emissionen einer Gasheizung nur um sieben Prozent.
Welche Quote müssen Eigentümer einer neuen Gasheizung erfüllen
Wer nach dem 29. Juli 2026 eine Gas-, Öl- oder Flüssiggasheizung in ein Bestandsgebäude einbaut, muss ab 2029 einen Mindestanteil nachweisen. Mindestens zehn Prozent der Wärme müssen dann aus biogenen Brennstoffen oder Wasserstoff stammen. Der Anteil steigt bis 2040 auf 60 Prozent, so regelt es § 43 des Gebäudemodernisierungsgesetzes (Stand September 2026).
| Pflicht gilt ab | Mindestanteil biogener Brennstoffe oder Wasserstoff an der Wärme |
|---|---|
| 1. Januar 2029 | 10 % |
| 1. Januar 2030 | 15 % |
| 1. Januar 2035 | 30 % |
| 1. Januar 2040 | 60 % |
Quelle: § 43 Absatz 1 Gebäudemodernisierungsgesetz in der Fassung des Gesetzes vom 23. Juli 2026 (BGBl. 2026 I Nr. 226), gilt für Heizungen, die nach dem 29. Juli 2026 in Bestandsgebäude eingebaut werden. Stand September 2026.
Für eine Wasserstoffheizung zählen nach § 43 neben grünem Wasserstoff aus Ökostrom auch drei weitere Sorten. Blauer Wasserstoff stammt aus Erdgas mit CO2-Abscheidung, türkiser aus der Pyrolyse von Erdgas, orangener aus Biomasse oder Abfallstrom. Diese drei müssen laut den Begriffsbestimmungen in § 3 die Treibhausgase um mindestens 70 Prozent gegenüber dem fossilen Vergleichswert senken.
Eigentümer können die Quote auch ganz ohne Wasserstoff erfüllen. Eine Wärmepumpen-Hybridheizung gilt nach § 43 Absatz 5 als konform, wenn die Wärmepumpe mindestens 30 Prozent der Leistung des Spitzenlastkessels erreicht. Bei abwechselndem Betrieb liegt die Schwelle bei 40 Prozent. Für die Zeit ab 2045 muss die Bundesregierung laut § 42a bis zum 1. Dezember 2026 ein eigenes Quotengesetz für Gaslieferanten vorlegen (mehr dazu: Gasheizung als Kostenfalle).
Wen schließen die Netzbetreiber an das Wasserstoff-Kernnetz an
Die Fernleitungsnetzbetreiber bauen das Wasserstoff-Kernnetz für große Industriezentren, Speicher, Kraftwerke und Importkorridore. Wohngebiete und Hausanschlüsse nennt die Bundesnetzagentur in dieser Aufzählung nicht.
Die Behörde hat das Kernnetz am 22. Oktober 2024 genehmigt. Es umfasst 9.040 Kilometer Leitungen, rund 60 Prozent davon umgestellte Erdgasleitungen. Die Bundesnetzagentur erwartet Investitionen von 18,9 Milliarden Euro, bis 2032 sollen die Leitungen schrittweise in Betrieb gehen.
Zwischen Kernnetz und Heizungskeller liegt die Ebene der Verteilnetze, über die heute Erdgas in die Straßen fließt. Ob dort eines Tages Wasserstoff für eine Wasserstoffheizung ankommt, planen Stadtwerke und regionale Netzbetreiber in eigenen Verfahren. Ob Europa überhaupt ein großes Wasserstoffnetz braucht, ist in der Forschung umstritten (mehr dazu: Methanol statt Wasserstoff).
Was planen die Gasverteilnetzbetreiber für Wohnstraßen
Die Mehrheit der Gasverteilnetzbetreiber will bis 2035 erste Netzabschnitte vollständig auf Wasserstoff umstellen, vorausgesetzt, es steht genug davon zur Verfügung. Zugleich plant ein großer Teil von ihnen, Leitungen stillzulegen.
So steht es im Gasnetzgebietstransformationsplan 2025, den die Brancheninitiative H2vorOrt im Dezember 2025 vorgestellt hat. 248 Netzbetreiber haben sich beteiligt. Rund zehn Prozent planen die vollständige Stilllegung ihrer Netze, etwa 60 Prozent rechnen mit Teilstilllegungen, im Schnitt rund ein Viertel ihrer Leitungen.
Die verbleibenden Netze sollen künftig nur noch etwa die Hälfte der heutigen Energiemengen transportieren. „Die Transformation der Gasnetze auf Wasserstoff ist technisch machbar“, sagt DVGW-Vorstandschef Gerald Linke. Er fügt hinzu, dass eine so weitreichende Umstellung Zeit benötige. Erste regionale Pläne könnten die Netzbetreiber nach eigener Einschätzung 2026 bei der Bundesnetzagentur einreichen.
Für Hausbesitzer legt damit der örtliche Netzbetreiber in seinem Plan fest, ob ihre Straße zu den umgestellten oder zu den stillgelegten Abschnitten gehört. Einzelne Stadtwerke haben das Aus ihres Gasnetzes bereits angekündigt (mehr dazu: Stadtwerke planen das Gasnetz-Aus). Wer in einem solchen Gebiet eine Wasserstoffheizung einbaut, riskiert einen Kessel ohne Leitung (mehr dazu: Gasnetz-Stilllegung bis 2045).
Wie viel Ökostrom brauchen Haushalte für Wärme aus Wasserstoff
Haushalte mit Wasserstoffheizung brauchen für dieselbe Wärme etwa vier- bis sechsmal so viel Energie wie mit einer Wärmepumpe oder einem Wärmenetz mit Großwärmepumpe. Das hat der Oxford-Forscher Jan Rosenow in einer Metastudie über 54 unabhängige Studien ermittelt.
Rosenow hat die Arbeit im Januar 2024 in der Fachzeitschrift Cell Reports Sustainability veröffentlicht. Seine Beispielrechnung folgt der Kette vom Windrad bis zum Heizkörper. Der Elektrolyseur wandelt 79 Prozent des Stroms in Wasserstoff um, der Brennwertkessel nutzt davon 90 Prozent. Am Ende kommen rund 70 Prozent als Wärme an.
| Heizweg | Gesamtwirkungsgrad Strom zu Wärme | Ökostrom für 100 Einheiten Wärme |
|---|---|---|
| Wasserstoffheizung mit grünem Wasserstoff | 70 % | 144 |
| Wärmepumpe im Haus | 278 % | 36 |
| Wärmenetz mit Großwärmepumpe | 303 % | 33 |
Quelle: Jan Rosenow, Cell Reports Sustainability, Januar 2024, illustrative Energieflüsse mit Jahresarbeitszahl 3,0 für die Hauswärmepumpe und 3,5 für die Großwärmepumpe. Die Werte für Wärmepumpe und Wärmenetz hat die Redaktion aus den dort genannten Gesamtwirkungsgraden umgerechnet.
In keiner der ausgewerteten Studien heizen Verbraucher mit einer Wasserstoffheizung günstiger als mit Strom. Im Median liegen ihre Kosten auf dem Wasserstoffpfad 86 Prozent höher. In kostenoptimalen Szenarien deckt Wasserstoff im Median ein Prozent der Endenergie für Heizwärme.
Rosenow schließt eine Nische nicht aus. Einige Autoren sehen Platz für Hybridheizungen in der Nähe von Industrieclustern, die selbst viel Wasserstoff erzeugen und verbrauchen. Eine tragende Rolle für die Wasserstoffheizung findet Rosenow in keiner der Studien.
Was kostet grüner Wasserstoff und wie viel gibt es davon
Grüner Wasserstoff aus direkt angebundenen Ökostromanlagen kostete in Europa 2024 in der Herstellung durchschnittlich 6,7 Euro je Kilogramm, doppelt so viel wie Wasserstoff aus Erdgas. Weltweit entstand 2025 knapp eine Million Tonnen emissionsarmer Wasserstoff, bei einer Gesamtnachfrage von über 100 Millionen Tonnen.
Die Preise hat das European Hydrogen Observatory in seinem Marktbericht vom November 2025 ermittelt. Wasserstoff aus Erdgas ohne CO2-Abscheidung kostete 3,3 Euro, mit Abscheidung 4,1 Euro, grüner Wasserstoff mit Netzstrom 7,4 Euro je Kilogramm. Für eine Wasserstoffheizung kommen Transport, Netzentgelte und Steuern bis zum Hausanschluss hinzu.
Die Mengen stammen aus dem Global Hydrogen Review 2026 der Internationalen Energieagentur. Erstmals soll der emissionsarme Anteil 2026 über ein Prozent der weltweiten Produktion steigen. Für 2030 zählt die Agentur nur noch angekündigte Projekte mit 27 Millionen Tonnen. Fest zugesagt oder sehr wahrscheinlich sind davon gut sechs Millionen Tonnen, zuvor waren es zehn. Um diese Mengen konkurrieren auch Raffinerien, Stahlwerke und Chemieparks, deren Standorte das Kernnetz anbinden soll.
Blauer und türkiser Wasserstoff entstehen aus Erdgas. Wer die Quote damit erfüllt, bleibt an die fossile Lieferkette gebunden. Dazu gehören Methanverluste bei Förderung und Transport, die Rosenow in seiner Beispielrechnung mit vier Prozent ansetzt. E-Fuels und die geplante Grüngasquote folgen demselben Muster: Die fossile Anlage läuft heute weiter, der saubere Brennstoff soll später kommen (mehr dazu: Fossile Scheinlösungen).
Wer vor dem Winter eine Wasserstoffheizung einbaut, muss ab 2029 zehn Prozent und ab 2040 60 Prozent klimafreundlichen Brennstoff nachweisen. Das gilt unabhängig davon, ob in seiner Straße je Wasserstoff ankommt. Wer stattdessen eine Wärmepumpe einbaut, unterliegt der Quote nicht. Mit einer Hybridheizung erfüllen Eigentümer sie über Technik, die heute lieferbar ist (mehr dazu: Wärmepumpe statt Gasheizung).
QUELLEN
- Bundesgesetzblatt: Gesetz zur Änderung des Gebäudeenergiegesetzes, zur Änderung des Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetzes und zur Änderung weiterer Vorschriften im Wärmebereich, 28.07.2026.
- Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur genehmigt Wasserstoff-Kernnetz, 22.10.2024.
- Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung: Neuregelungen mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), Stand September 2026.