Erste Zählung mit Wärmebildkameras · 8. OKTOBER 2026
Julian Hoffman / Wageningen University & ResearchWie viele Vögel sterben durch Windräder auf See?
Zwei bestätigte Kollisionen in neun Monaten an einer Nordsee-Turbine, keine einzige unter 2.007 Flugbahnen vor Aberdeen. Zum ersten Mal liefern Kameras Messwerte dafür, wie viele Vögel durch Windräder auf See sterben. Die Prognosen lagen höher.
Jeden Frühling und jeden Herbst überqueren Millionen Singvögel die Nordsee, die meisten nachts. Dazwischen stehen inzwischen mehr als 30 Gigawatt Offshore-Windleistung, allein im September kam in der deutschen Nordsee Borkum Riffgrund 3 mit 913 Megawatt hinzu. Wie viele Vögel sterben durch Windräder auf See? Bislang wusste das niemand. An Land suchen Gutachter*innen unter den Anlagen nach Kadavern, auf See fallen die Tiere ins Wasser.
Schätzungen für Windparks auf See beruhten deshalb vor allem auf theoretischen Modellen, sagt Jesper Kyed Larsen, Biologe beim Energiekonzern Vattenfall. Sein Unternehmen hat nun im niederländischen Windpark Hollandse Kust Zuid eine Pilotstudie angestoßen, die das ändern soll. Die Ergebnisse hat die Universität Wageningen Ende September vorgelegt.
Zwölf Kameras blicken nach unten, vier auf den Rotor
Der Kamerahersteller Wildlife Imaging Systems montierte 16 Wärmebildkameras an einer einzigen Turbine. Zwölf sitzen am Turmfuß und blicken nach außen, um fallende Körper zu erfassen. Vier sind nach oben auf den Rotor gerichtet. Eine Software wertet die Aufnahmen aus und erkennt Vögel und Fledermäuse auch nachts, bei Nebel und bei Regen. Die Kameras liefen neun Monate am Stück, über eine Frühjahrs- und eine Herbstzugsaison.
Das Ergebnis: 22 mögliche Kollisionen, davon zwei bestätigt und eine sehr wahrscheinlich. Eine Kollisionsrate leiten die Forscher*innen daraus ausdrücklich nicht ab. Die Studie behaupte weder, dass Kollisionen selten seien, noch dass sich die Werte einer einzelnen Turbine übertragen ließen, schreibt die Universität. Ziel war der Nachweis, dass die Technik auf See funktioniert.
Den hat sie erbracht. Als nächsten Schritt will Vattenfall in mehreren Windparks über mehrere Zugzeiten messen.
An Land wisse man viel darüber, wann und warum Vögel mit Windrädern kollidieren und welche Arten gefährdet seien. „Während die Offshore-Windenergie weiter wächst, müssen wir dieses Verständnis auch auf See entwickeln“, sagt Karen Krijgsveld, Vogelökologin an der Universität Wageningen.
Gutachter prognostizierten 8,54 tote Vögel pro Turbine und Jahr
Wie weit Modell und Messung auseinanderliegen können, zeigt ein zweiter Vattenfall-Windpark vor Aberdeen in Schottland. Dort filmte von Juni 2023 bis Dezember 2024 eine hochauflösende Kamera die Nachbarturbine. Das norwegische Unternehmen Spoor wertete die Bilder mit KI aus, Fachleute prüften jede Flugbahn nach. Unter 2.007 Flugbahnen von Seevögeln fand sich keine einzige Kollision. Vor dem Bau hatten Gutachter 8,54 tote Vögel pro Turbine und Jahr vorhergesagt.
Eine dritte Messreihe stammt von der Küste. Der Bundesverband der Windparkbetreiber Offshore ließ im Windtestfeld Nord bei Husum von Februar 2023 bis November 2024 den Vogelzug per Radar und Kamera verfolgen. Das Gutachterbüro BioConsult SH zählte dort mehr als vier Millionen Vogelbewegungen an fünf Windrädern. Mehr als 99,8 Prozent der Zugvögel wichen den Anlagen aus.
Hochgerechnet starben in Husum rund 100 Vögel, etwa 13 pro Windrad und Jahr. Die Anlagen stehen an Land, der Verband wollte damit die Verhältnisse auf See annähern. Wie viele Vögel durch Windräder auf See sterben, beantwortet diese Zahl also nur näherungsweise.
| Messung | Methode und Dauer | Kollisionen | Prognose |
|---|---|---|---|
| Hollandse Kust Zuid (NL), eine Turbine | 16 Wärmebildkameras, neun Monate, nachts | 2 bestätigt, 1 wahrscheinlich | keine Angabe |
| Aberdeen Bay (UK), eine Turbine | Kamera und KI, 19 Monate, 2.007 Flugbahnen | 0 | 8,54 pro Jahr |
| Windtestfeld Nord (D), fünf Windräder an Land | Radar und Kamera, 21 Monate, über 4 Mio. Vogelbewegungen | rund 13 pro Windrad und Jahr | keine Angabe |
Quellen: Wageningen University & Research, Vattenfall, BioConsult SH im Auftrag des BWO.
An Glasscheiben sterben tausendmal mehr Vögel
Für Deutschland schätzt der Naturschutzbund NABU, dass jedes Jahr mehr als 100 Millionen Vögel an Fenstern und Glasfassaden sterben. Den Straßen- und Schienenverkehr setzt der Verband mit bis zu 70 Millionen toten Vögeln an. Freilaufende Hauskatzen kommen auf bis zu 60 Millionen, Stromleitungen auf bis zu 2,8 Millionen. Für Windräder nennt der NABU bis zu 100.000 Vögel im Jahr. Der Leipziger Biodiversitätsforscher Marten Winter vom iDiv rechnet vor, dass an Glas tausendmal mehr Vögel sterben als an Windkraftanlagen.
Diese Zahlen sind Hochrechnungen, keine Zählungen. Die neuen Kamerasysteme liefern erstmals Messwerte, an denen sich Modelle und Gutachten überprüfen lassen. Dass solche Einwände gegen Windkraft eine Prüfung vertragen, hat Cleanthinking schon beim Infraschall und beim Reinhardswald gezeigt. Die Prüfung gilt in beide Richtungen, auch für die Schutzmaßnahmen der Branche.
Das schwarze Rotorblatt besteht die Nachprüfung nicht
Seit 2020 gilt ein schwarz gestrichenes Rotorblatt als einfachste Lösung gegen Vogelschlag. Im norwegischen Windpark Smøla hatten Forscher an vier Windrädern je ein Blatt schwarz lackiert. Dort fanden sie anschließend rund 72 Prozent weniger tote Vögel als an unbehandelten Nachbaranlagen, so die Studie im Fachjournal Ecology and Evolution. Die Zahl wird bis heute zitiert, auch Euronews führt sie in seinem Bericht über die Wageningen-Studie an.
Die Wiederholung in größerem Maßstab ist gescheitert. Im niederländischen Eemshaven ließen RWE, Vattenfall, Eneco und weitere Betreiber von 2021 bis 2024 je ein Blatt an sieben Windrädern schwarz streichen. Sieben unbehandelte Anlagen dienten als Vergleich. Die Zahl der Kollisionen sank nicht messbar, teilte RWE nach Abschluss der Studie mit. Vor dem Industriehafen fehle dem schwarzen Blatt der Kontrast zum Hintergrund, den es über der norwegischen Küste hatte.
Für Vattenfall-Biologe Larsen liegt der Wert der Wärmebildkameras genau hier. Sie liefern die Daten, mit denen sich Kollisionsschätzungen verbessern und Schutzmaßnahmen prüfen lassen, bevor eine ganze Branche sie übernimmt. Ob Abschaltungen während des nächtlichen Vogelzugs, Radarsteuerung oder andere Anstriche wirken, lässt sich künftig an der Turbine messen statt am Modell schätzen.
QUELLEN
- Wageningen University & Research: Camera system sheds new light on bird collisions at sea, 28.09.2026.
- Krijgsveld et al.: Using thermal cameras to record collisions of songbirds and bats at a wind turbine of HKZ offshore wind farm, Wageningen Environmental Research, August 2026.
- Vattenfall: New Aberdeen study finds seabirds steer clear of turbine blades, 10.03.2026.
- Bundesverband der Windparkbetreiber Offshore: Studie zeigt: Zugvögel meiden Windenergieanlagen fast vollständig, Pressemitteilung, 25.11.2025.
- NABU: Vogelschlag an Glas; Verlustursachen nach NABU (2017), zusammengestellt vom Bundesverband WindEnergie, 2019.
- Leipziger Zeitung: Vögel und Glasscheiben, eine toxische Beziehung, 01.04.2026.
- Euronews: How many birds are killed by offshore wind turbines?, 02.10.2026.