TIM MEYER UND DER ENDGEGNER DUNKELFLAUTE · 9. OKTOBER 2026

Wie viel gesicherte Leistung braucht Deutschland?
Je nachdem, wen man fragt, fehlen Deutschland bis 2035 elf, 22 oder 35 Gigawatt gesicherte Leistung. Alle drei Zahlen stimmen. Tim Meyer erklärt, welche davon zählt und warum Gaskraftwerke nicht die Antwort sind.
Die elf Gigawatt schreibt die Bundesregierung gerade aus. Die 22 Gigawatt hat die Bundesnetzagentur als Bedarf bis 2035 errechnet, falls die Energiewende planmäßig läuft. Die 35 Gigawatt gelten, falls sie stockt. Wer über neue Kraftwerke streitet, sollte wissen, von welcher Zahl er redet. Bei Daniel Wetzel von der WELT taucht meist nur die größte auf, und aus ihr werden dann 70 neue Gaskraftwerke.
Tim Meyer nimmt die Debatte in einem Video auseinander. Der Energieexperte und Autor des Buches „Strom“ nennt die Dunkelflaute den „Endgegner der erneuerbaren Energien“, unbesiegbar sei sie trotzdem nicht. Sein Befund: 2035 steht in Deutschland weniger steuerbare Kraftwerksleistung als heute, und das reicht.
Was zählt als gesicherte Leistung?
Gesicherte Leistung ist die Leistung, die in der knappsten Stunde des Jahres verlässlich da ist. Die Bundesnetzagentur nennt das steuerbare Kapazität: Anlagen und Verbraucher, die sich auf Abruf hoch- oder herunterfahren lassen. Ein Gaskraftwerk gehört dazu, eine Biogasanlage mit großem Gasspeicher ebenso, auch ein Industriebetrieb, der bei Knappheit per Vertrag seine Produktion drosselt. Batteriespeicher zählen, so weit ihr Vorrat reicht. Zwei Stunden Speicher sichern eine Abendspitze, aber keinen windstillen Wintertag.
Meyer sortiert dabei einen Begriff aus, der die Debatte seit Jahren vernebelt. Deutschland braucht grundlastfähige Kraftwerke, und die dürfen gerade keine Grundlastkraftwerke sein. Braunkohle- und früher Atomkraftwerke rechnen sich nur, wenn sie das ganze Jahr durchlaufen. In der Dunkelflaute sind Anlagen gefragt, die billig herumstehen, selten laufen und deshalb auch teuren Brennstoff vertragen. Meyer nennt sie steuerbare Leistung (mehr dazu: Fossile Panik am Netz: Warum der Mythos Grundlast die Wende bremst).
Heute übernehmen das vor allem Gaskraftwerke. Meyer zählt auf, was es sonst noch gibt: kleine Blockheizkraftwerke, flexibel gefahrene Biogasanlagen, Verbraucher mit Abschaltvertrag. „Steuerbare Leistung heißt nicht automatisch Gaskraftwerke“, sagt er. Gesicherte Leistung meint also keineswegs bloß Gaskraftwerke, wie Wetzel es immer wieder andeutet. Meyer verlangt von jeder Option, dass sie bis 2045 klimaneutral laufen kann, und setzt hinter die neuen Gaskraftwerke in ihrer jetzigen Ausschreibung ein großes Fragezeichen.
Wann beginnt eine Dunkelflaute?
Eine feste Definition gibt es nicht. Üblich ist die Faustregel, dass Wind und Sonne in ganz Deutschland unter zehn oder 20 Prozent ihrer installierten Leistung liefern. Meyer hält sie für untauglich, weil sie weder sagt, ob der Verbrauch gedeckt ist, noch wie lange die Flaute dauert. Wer viel Wind und Solar gebaut hat, deckt auch mit 20 Prozent schon einen großen Teil der Last.
Seine Definition geht vom Speicher aus. Die Dunkelflaute beginnt, wenn Pumpspeicher und Batterien leer sind und trotzdem Strom fehlt. Sie endet, wenn die Speicher wieder so voll sind wie zu Beginn. Alles davor ist schwankendes Wetter, das sich mit Speichern, flexiblen Verbrauchern und Biogasanlagen ausgleichen lässt. Jede zusätzliche Speicherstunde verschiebt den Beginn der Dunkelflaute nach hinten.
Die Grenze zeigt Meyer gleich mit. Für den November 2024 hat er durchgerechnet, was die doppelte Wind- und Solarleistung gebracht hätte: mehr Grün in der Kurve, aber keine geschlossene Lücke. Ohne Anlagen, die auf Knopfdruck einspringen, übersteht Deutschland eine echte Dunkelflaute nicht. Die Frage ist, wie viele es braucht.
Warum 2035 weniger Kraftwerksleistung reicht als heute
Meyer hat den Bestand aus den Daten von energy-charts.de zusammengestellt. 2026 stehen rund 35 Gigawatt Gaskraftwerke im Land, dazu je rund 15 Gigawatt Stein- und Braunkohle, zusammen etwa 65 Gigawatt. Die Gaskraftwerke liefen 2025 nie alle zugleich, ihre höchste gemeinsame Leistung lag bei 24 Gigawatt. Dazu kommen rund 15 Gigawatt Import- und Exportkapazität zu den Nachbarn.
Für 2035 übernimmt Meyer die Bundesnetzagentur: rund 22 Gigawatt neue steuerbare Leistung, weil die Kohle vom Netz geht, in diesem Szenario sogar marktgetrieben vor 2038. Erdgas plus Zubau ergibt dann etwa 57 Gigawatt, weniger als heute. Die Lücke, von der die Debatte lebt, ist ein Austausch: Kohle raus, flexible Leistung rein.
Für 2045 zeigt Meyers Grafik einen Mindestbedarf von rund 70 Gigawatt, die Spanne der Szenarien reicht bis 100. Hinter dem Erdgas steht dann ein Fragezeichen, weil die Umrüstung auf Wasserstoff technisch nicht gelöst ist.
„Deutschland hat mehr als genug eigene gesicherte Leistung, um sich im schlimmsten Fall auch selbst zu versorgen“, sagt Meyer. Dass Strom trotzdem in beide Richtungen über die Grenzen fließt, ist Ökonomie. Alle sparen, wenn nicht irgendwo das letzte und teuerste Reservekraftwerk anspringen muss (mehr dazu: Blackout Deutschland: Wie groß ist das Risiko?).
Wofür stehen 22,4 und 35,5 Gigawatt?
Die Bundesnetzagentur hat im Versorgungssicherheits-Monitoring vom September 2025 20 Wetterjahre von 1998 bis 2017 mit 200 zufälligen Mustern von Kraftwerksausfällen kombiniert. Erreicht Deutschland seine Ausbauziele, braucht es bis 2035 bis zu 22,4 Gigawatt zusätzlich. Verzögern sich Erneuerbare und flexible Nachfrage, sind es bis zu 35,5 Gigawatt. „Die Stromversorgung ist auch in Zukunft sicher, wenn zusätzliche steuerbare Kapazitäten errichtet werden“, sagte Behördenchef Klaus Müller dazu.
Die 13 Gigawatt zwischen beiden Zahlen bezahlt Deutschland für eine gebremste Energiewende. Wer wie die WELT nur die 35 zitiert, rechnet stillschweigend mit dem Szenario, in dem der Umbau stockt. Wer Wind und Solar deckelt, flexiblen Verbrauchern keine Anreize gibt und den Smart-Meter-Rollout schleifen lässt, macht genau dieses Szenario wahrscheinlicher. Im Herbst 2026 hat erst ein Viertel der Pflichtfälle einen Smart Meter.
Die elf Gigawatt wiederum kommen aus dem Stromversorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz, das der Bundestag im Juli 2026 beschlossen hat. Betreiber neuer Anlagen erhalten ab 2031 für 15 Jahre eine Prämie fürs Bereitstehen. Die EU-Kommission beziffert die Kosten bis 2045 auf 15,6 bis 35,2 Milliarden Euro, umgelegt auf den Strompreis.
Neun der elf Gigawatt müssen ein Langzeitkriterium erfüllen: zehn Stunden am Stück mit mindestens 80 Prozent Leistung, abrufbar binnen drei Stunden. Großbatterien schaffen das nicht, in diesen Runden gewinnen deshalb vor allem Gaskraftwerke, nur zwei Gigawatt im Mai 2027 sind technologieoffener. Ab 2032 soll ein Kapazitätsmarkt folgen, in dem laut Plan auch Speicher und regelbare Lasten mitbieten.
Wie Speicher den Bedarf an Backup-Kraftwerken senken
Für 2045 kursieren Szenarien mit 60, 70 und mehr als 100 Gigawatt steuerbarer Leistung. Meyer hält die hohen Werte für übertrieben und benennt den Denkfehler: Sie legen die Kraftwerke auf die höchste Viertelstunde des Jahres aus. Das letzte Kraftwerk liefe dann genau einmal, um diese Spitze zu erwischen. Entscheidend ist die Energiemenge, die über die ganze Dunkelflaute fehlt, nicht die Höhe der Spitze.
Meyer zeigt das an einer Stundensimulation des Fraunhofer ISE für 2045, aufbereitet für die Sonderschau „Renewables 24/7“ der Messe The smarter E in München. Laufen die Backup-Kraftwerke gleichmäßig durch die Dunkelflaute, fangen Batterien Spitzen und Überschüsse ab. Die Simulation lässt sich Tag für Tag durchspielen. In einer normalen Woche 2045 liefern Solar und Wind 96 Prozent, Wasserstoffkraftwerke den Rest, Gas und Kohle stehen auf null. Auf null bekommt man den Kraftwerksbedarf nie, räumt Meyer ein, aber deutlich tiefer, als Spitzenrechnungen nahelegen.
Ein Teil der steuerbaren Leistung steht schon. Rund 9.600 Biogasanlagen lassen sich mit größeren Gas- und Wärmespeichern flexibel fahren (mehr dazu: Biogaskraftwerke: Das flexible Rückgrat der Energiewende). Das Cleantech-Unternehmen Reverion baut reversible Kraftwerke, die aus Biogas Strom machen und Strom wieder einspeichern. Steuerbare Wärmepumpen, Heimspeicher und bidirektional ladende Elektroautos kommen dazu, sobald Netzbetreiber und Versorger sie über Smart Meter und passende Tarife erreichen.
Beim Geld dreht Meyer die übliche Rechnung um. Backup-Kraftwerke laufen selten, der teure Brennstoff fällt kaum ins Gewicht. Heute setzen Gaskraftwerke in rund 40 Prozent der Stunden den Strompreis. Sinkt dieser Anteil auf 20, 15 oder zehn Prozent, spart Deutschland bei Brennstoff und Strompreis mehr, als die neue Reserveleistung kostet. „Kosten für Backup sinken durch mehr Erneuerbare“, sagt Meyer und verweist auf den Fortschrittsmonitor des BDEW (mehr dazu: Batteriespeicher: 3,9 Milliarden Euro Ersparnis für Deutschland).
Sein Rezept: Schritt für Schritt beschaffen, immer dann, wenn in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine Lücke absehbar wird, möglichst kleinteilig, dezentral und grün. Wer heute alles auf einmal festlegt, baut zu viele Großkraftwerke, die Prämien fürs Herumstehen kassieren und später andere Flexibilität aus dem Markt drängen. Genau diesen Weg sieht Meyer das Bundeswirtschaftsministerium gehen.
Ökonomin Veronika Grimm und ihr Team an der Technischen Universität Nürnberg schlagen als Alternative zum Kapazitätsmarkt eine Absicherungspflicht vor. Versorger müssten ihren Bedarf Jahre im Voraus am Terminmarkt decken, welche Technik liefert, bliebe dem Markt überlassen.
Flussbatterien und andere Langzeitspeicher, die Energie über einen oder mehrere Tage halten, drängen Gas weiter aus der Stromerzeugung. Bleiben um 2044 die letzten ein, zwei, drei Prozent Gas zäh, hat Deutschland den größten Teil der Energiewende längst hinter sich. Ob das Ziel 2044 oder 2046 fällt, ist für das Klima nebensächlich. Vor der Dunkelflaute, sagt Meyer, hilft Respekt, keine Angst.
QUELLEN
- Dr. Tim Meyer (YouTube): Der Endgegner der Energiewende, und wie wir ihn knacken, Oktober 2026.
- Technische Universität Nürnberg: Zwischen Kapazitätsmarkt und Absicherungspflicht. Reformpfade für Versorgungssicherheit im deutschen Strommarkt (Policy Brief Q4/2026, Grimm, Schneider, Sölch), Oktober 2026.
- pv magazine: The smarter E Europe antwortet mit Sonderschau auf den aktuellen politischen Gegenwind und die Dunkelflauten-Debatte, 17.06.2026.
- BDEW: Fortschrittsmonitor Energiewende.