Molke wird knapp und Hefeprotein springt ein

PROTEINBOOM OHNE KUH · 12. OKTOBER 2026

Molkenprotein ohne Kuh wartet in Europa auf die Zulassung

Molke fällt nur beim Käsemachen an, deshalb wächst ihr Angebot nicht mit dem Proteinboom. Die Lücke füllen zuerst Proteine aus Hefe, die kein Novel-Food-Verfahren brauchen. Molkenprotein ohne Kuh ist technisch fertig und wird in den USA schon verkauft.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


Im Oktober 2025 kostete eine Tonne WPC80 im europäischen Großhandel 12.500 Euro. Im Juli waren es 27.500 Euro. WPC80 ist das Molkenproteinkonzentrat mit 80 Prozent Eiweiß, aus dem Proteinpulver, Riegel und Shakes entstehen. Die Preise hat das Fachmagazin top agrar aus Händlerdaten zusammengetragen.

Die Nachfrage kommt aus dem Supermarkt. Produkte, die mit „mehr Protein“ werben, setzten laut NielsenIQ binnen eines Jahres gut ein Fünftel mehr um, obwohl sie im Schnitt 40 Prozent teurer sind. 4,6 Millionen Haushalte in Deutschland kauften laut YouGov zuletzt mindestens einmal Proteinpulver, zwei Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Rewe meldete zeitweise „eingeschränkte Warenverfügbarkeit“ bei einzelnen Marken, dm vereinzelte Lieferengpässe.

Käse bestimmt, wie viel Molke es gibt

Molke bleibt übrig, wenn eine Käserei Milch dicklegt und den Bruch abtrennt. Für 1.000 Kilogramm Schnittkäse braucht sie rund 10.000 Kilogramm Milch, rechnet Rabobank-Marktexperte Tom Booijink vor. Aus der Molke entstehen je nach Käseart rund 60 Kilogramm Molkenpulver oder acht bis achteinhalb Kilogramm WPC80. Mehr Molke gibt es nur mit mehr Käse, und den kauft niemand zusätzlich, weil Proteinpulver knapp ist.

„Käse wird zu einem Nebenprodukt der Molkenprotein-Herstellung“, so drastisch formulieren es nach Booijinks Worten einige Analysten.Für die Milchbauern rechnet Booijink so: Steigt der Preis für Molkenprotein um die Hälfte und sinkt der Käsepreis um drei Prozent, bleibt der Milchpreis gleich. Fünf Jahre lang habe der Fettmarkt den Milchpreis bestimmt, jetzt sprächen alle nur noch von Proteinen, sagt Markus Seemüller, Geschäftsführer der Bayern MeG.

Produkt (Euro je Tonne) Okt. 2025 Juli 2026 Anstieg
Molkenpulver (rund 12 % Protein)9001.320+47 %
WPC80 (Konzentrat, 80 % Protein)12.50027.500+120 %
WPI90 (Isolat, 90 % Protein)20.50032.500+59 %

Quelle: top agrar; Molkenpulver nach niederländischer Notierung, WPC80 und WPI90 nach Händlerdaten.

Die Molkereien bauen aus. DMK investiert 26 Millionen Euro in eine WPC80-Anlage in Edewecht, die aus Käsereimolke 7.000 Tonnen Milchprotein im Jahr gewinnen soll. FrieslandCampina steckt 90 Millionen Euro in Molkenproteine, die irische Tirlan 126 Millionen Euro. Mehr Molke entsteht dadurch nicht. Guus Aerts, bei FrieslandCampina für Marketing und Produktstrategie zuständig, sagte Bloomberg Businessweek, der Markt werde in den kommenden Jahren mit Protein „unterversorgt“ sein.

Hefe und Koji kommen ohne Zulassung aus

In den USA verdienen bereits Hersteller an der Knappheit, die Eiweiß aus anderen Quellen gewinnen, berichtet Bloomberg Businessweek. Vor allem kleine Marken bekommen dort kaum noch Molke. Das fermentierte Eiprotein des kalifornischen Foodtech-Unternehmens Every war nach Firmenangaben schon im ersten Halbjahr für ganz 2026 ausverkauft.

In Europa setzt dsm-firmenich auf eine Hefe. Protopia heißt das Protein aus Torula-Hefe, die eine lange Geschichte als Lebensmittelzutat hat. Es enthält mindestens 70 Prozent Eiweiß und schmeckt neutral. Wegen dieser Geschichte braucht Protopia nach einem Bericht von AgFunderNews weder eine Meldung bei der US-Lebensmittelbehörde FDA noch eine Novel-Food-Zulassung in der EU. Als „Novel Food“ gilt dort jedes Lebensmittel, das vor Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang gegessen wurde. Es braucht ein Gutachten der Behörde EFSA und die Genehmigung der EU-Kommission.

Die ersten Kundenmuster stammen aus einem Fermenter mit 15.000 Litern, noch in diesem Jahr folgt ein Lauf im 120.000-Liter-Tank. 2027 will dsm-firmenich in eine größere Anlage in Europa wechseln, am wahrscheinlichsten in Osteuropa, wo Bioethanol und Rübenzucker als Rohstoff für die Hefe bereitstehen. Ziel sind 2.000 bis 10.000 Tonnen im Jahr. „Der Zauber steckt im Stamm, nicht in der Anlage, nicht in Stahl und Beton“, sagt Karim Kurmaly, der das Geschäft mit Einzellerprotein leitet.

Der erste große Abnehmer könnte im Fischfutter sitzen. Fischmehl mit 65 Prozent Protein kostet rund 3.000 Euro je Tonne, auf diesem Niveau kann Protopia laut Kurmaly mithalten. Lachsfutter kann bis zu 20 Prozent Protopia enthalten, in Versuchen ersetzte die Hefe Fischmehl eins zu eins. In Lebensmitteln sind bis zu zwölf Prozent möglich, ohne dass der Geschmack leidet.

Den Weg ohne Zulassung kennt auch das Berliner Cleantech-Unternehmen Formo. Seinen Frischkäse aus Koji, dem Pilz Aspergillus oryzae aus der Sojasaucen- und Miso-Herstellung, verkaufte es ohne Novel-Food-Verfahren in mehr als 3.500 Filialen von Rewe und Billa. 2026 hat Formo die Marke eingestellt; sie habe ihren Zweck erfüllt, die Akzeptanz bei Verbraucher*innen zu testen. Jetzt setzt Formo auf Kasein aus Präzisionsfermentation als Zutat für andere Hersteller, und zwar zuerst in den USA. Dort hat das Unternehmen sein Kasein selbst als unbedenklich eingestuft und die FDA benachrichtigt.

Vivici verkauft Molkenprotein ohne Kuh bisher nur in den USA

Die Präzisionsfermentation geht einen Schritt weiter. Mikroorganismen bekommen den Bauplan eines bestimmten Proteins und stellen es im Tank her, identisch mit dem Vorbild aus der Kuh. Das niederländische Cleantech-Unternehmen Vivici produziert so Beta-Lactoglobulin, das wichtigste Eiweiß der Molke. Hinter Vivici stehen dsm-firmenich und der neuseeländische Molkereikonzern Fonterra.

In den USA verkauft Vivici sein Molkenprotein seit 2024 auf Basis einer Selbsteinstufung als unbedenklich. Anfang 2025 kam ein Schreiben der FDA dazu, in dem die Behörde keine Einwände erhebt. Zulassungen in der EU, Großbritannien, Kanada und Singapur strebt das Unternehmen nach eigenen Angaben an. Die EU-Kommission genehmigte im ersten Halbjahr 2026 sechs neuartige Lebensmittel, darunter entfettetes Rapspulver und essbare Jatropha-Kerne, aber kein Protein aus Präzisionsfermentation.

Das Verfahren dauert Jahre, und es gilt für jedes Protein einzeln. Die Münchner Precision Labs könnten ihre Milch nach eigenen Angaben sofort ganz ohne Kuh herstellen. Sie mischen trotzdem drei Prozent Kuhmilch bei, weil jedes Milchprotein aus dem Tank eine eigene Novel-Food-Zulassung braucht.

Wie lange das dauert, zeigt Großbritannien. Dort liegt der Antrag des US-Herstellers Perfect Day für dasselbe Molkenprotein seit April 2022 bei der Lebensmittelbehörde FSA. Ihr wissenschaftlicher Beirat hat das Dossier viermal beraten und die Firma zuletzt um weitere Angaben zu Zusammensetzung und Spezifikation gebeten. Mitte September lag ihm der Entwurf einer Bewertung vor.

Solar Foods braucht für Factory 02 die EU-Zulassung

Das finnische Cleantech-Unternehmen Solar Foods gewinnt sein Protein Solein per Gasfermentation. Mikroben wachsen dabei mit Kohlendioxid und Wasserstoff, den Strom per Elektrolyse erzeugt, ohne Acker und ohne Zucker. In Singapur ist Solein seit 2022 zugelassen. In den USA verkauft Ambrosia Collective Nahrungsergänzungsmittel mit dem Protein.

Für die zweite Fabrik im finnischen Lappeenranta hat Business Finland 77,8 Millionen Euro zugesagt, knapp 40 Millionen als Zuschuss und gut 38 Millionen als Darlehen. Das Geld stammt aus dem europäischen Wasserstoff-Förderprogramm IPCEI Hy2Use. Die erste Ausbaustufe von Factory 02 soll Ende 2028 rund 3.200 Tonnen im Jahr liefern, die letzte Stufe 12.800 Tonnen. Factory 01 in Vantaa schafft 160 Tonnen. Die Förderung fließt erst nach der Investitionsentscheidung, und zu deren Voraussetzungen zählt Solar Foods neben Kundenverträgen die EU-Novel-Food-Zulassung.

Die Investitionsentscheidung will Solar Foods noch 2026 treffen. Im ersten Halbjahr setzte das Unternehmen 0,1 Millionen Euro um und hatte 27 Millionen Euro in der Kasse. Die Zulassung in der EU steht weiter aus.

Auf schnellere Verfahren drängt in Deutschland das Forum „Proteine der Zukunft auf den Teller“, das die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung koordiniert. In einem Positionspapier an Agrarminister Alois Rainer fordert es schnellere Zulassungen bei gleich hohen Sicherheitsstandards, mehr Forschungsgeld und einen Aktionsplan „Proteine der Zukunft“. „Für mich ist wichtig, dabei nicht pflanzliche und tierische Produkte gegeneinander auszuspielen“, sagte Rainer laut top agrar. Eine Zusage für den Aktionsplan gab er nicht.

Für die Milchbauern bleibt der Engpass ein gutes Geschäft, der europäische Molkereiverband EDA erwartet keine sinkenden Preise. Neben die Molke treten in den nächsten Jahren Fabriken ähnlicher Größe. DMK will in Edewecht 7.000 Tonnen Milchprotein im Jahr gewinnen, dsm-firmenich plant für Protopia 2.000 bis 10.000 Tonnen, Solar Foods für Factory 02 in der letzten Ausbaustufe 12.800 Tonnen.

Protopia soll ab 2027 in Europa im Tonnenmaßstab entstehen, ohne Antrag in Brüssel. Vivici verkauft sein Molkenprotein bereits in den USA, Solar Foods hat die Zulassung in Singapur und Abnehmer in den USA. Wann ihr Molkenprotein ohne Kuh und ihr Solein in europäische Regale kommen, entscheidet die EU-Kommission.

QUELLEN

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  1. Bloomberg Businessweek (Ilena Peng, Kristina Peterson): Startups Race to Cash In on Gold Rush Sparked by Whey Protein Shortage, 30.09.2026.
  2. Solar Foods (Börsenmitteilung): Solar Foods receives EUR 77.8 million grant and loan financing for the construction and commissioning of Factory 02, 17.06.2026.
  3. Solar Foods (Börsenmitteilung): Half-year report January-June 2026, 11.08.2026.
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