Merz will die Stromsteuer-Senkung für alle nachholen

MERZ WILL, KLINGBEIL ZWEIFELT · 13. OKTOBER 2026

Haushalte mit Wärmepumpe und E-Auto sparen bei der Stromsteuer-Senkung am meisten

Kanzler Friedrich Merz will die Stromsteuer für alle Haushalte und Betriebe auf das europäische Minimum senken, so wie es der Koalitionsvertrag vorsieht. Finanzminister Lars Klingbeil zweifelt an der Finanzierung.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Die Stromsteuer-Senkung würde einen Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch um rund 80 Euro im Jahr entlasten. Wer mit einer Wärmepumpe heizt und ein E-Auto fährt, käme nach Rechnung der Stiftung Klimaneutralität auf rund 270 Euro. Private Verbraucher*innen zahlen heute 2,05 Cent Stromsteuer je Kilowattstunde, das EU-Minimum liegt bei 0,1 Cent.

Merz kündigte die Senkung am Montag nach der Klausur des CDU-Präsidiums in Berlin an. „Die Stromsteuer wird für alle gesenkt“, heißt es im Beschlusspapier „Was jetzt passieren muss“. Ein Datum nannte der Kanzler nicht. Er werde alles dafür tun, die Steuersenkung zügig umzusetzen, sagte Merz. Er räumte ein, dass Union und SPD diese Zusage aus dem Koalitionsvertrag bisher nicht eingelöst haben.

Seit Anfang 2026 zahlen nur das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft dauerhaft 0,05 Cent, rund 600.000 Unternehmen. Private Haushalte, Handel und Dienstleister zahlen weiter den vollen Satz. Der Regierungsentwurf für den Haushalt 2027 sah für sie keine Senkung vor (mehr dazu: Katherina Reiche vertagt die Strompreis-Entlastung auf die 2030er).

Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) zeigte sich am Montagabend offen für die Forderung, sie müsse aber finanziert werden können. Das Wachstum sei zurück, doch „die Annahme, dass sich daraus dauerhaft eine Stromsteuersenkung finanzieren ließe, die kann ich heute nicht bestätigen“, sagte Klingbeil in Berlin.

Rund fünf Milliarden Euro im Jahr würden dem Bundeshaushalt durch die Senkung fehlen, berichtet Web.de. Merz hält das für finanzierbar, solange die Wirtschaft wächst. Ein Prozentpunkt mehr Wachstum bringe rund zehn Milliarden Euro Steuern, die Hälfte davon für den Bund. Auf die privaten Haushalte entfallen nach Rechnung der Stiftung etwa 2,5 Milliarden Euro.

Elektrische Haushalte sparen dreimal so viel wie fossile

Frederik Digulla, Lead Advisor der Stiftung Klimaneutralität, hatte die Stromsteuer-Senkung im September in einem Gutachten gefordert (mehr dazu: Stiftung will Stromsteuer auf EU-Minimum senken). Die Stiftung vergleicht die jährlichen Energiekosten für Strom, Heizung und Auto. Ein Haushalt mit Gasheizung und Benziner zahlt heute rund 5.540 Euro, ein Haushalt mit Wärmepumpe und E-Auto rund 4.400 Euro. Mit der Senkung sänken die Kosten auf 5.460 und 4.130 Euro, der Vorsprung des elektrischen Haushalts wüchse von 1.140 auf 1.330 Euro.

Balkendiagramm: Energiekosten pro Jahr für Haushalte mit Gasheizung und Benziner gegenüber Wärmepumpe und E-Auto, heute und mit Stromsteuer-Senkung
Energiekosten eines Haushalts pro Jahr, ohne Anschaffung. QUELLE: STIFTUNG KLIMANEUTRALITÄT

Die Rechnung unterstellt 20.000 Kilowattstunden Gas oder 5.900 Kilowattstunden Strom für die Wärmepumpe und 12.300 Kilometer Fahrleistung im Jahr. Der elektrische Haushalt kauft damit rund 11.900 Kilowattstunden Strom statt 3.500. Deshalb fällt seine Ersparnis mehr als dreimal so hoch aus.

„Diese Entlastung erreicht alle Menschen in Deutschland unmittelbar“, schreibt Digulla auf LinkedIn. Auch Empfänger*innen von Transferleistungen profitierten, was bei nur wenigen Entlastungen der Fall sei. Strom werde günstiger im Vergleich zu Gas und Öl, das stütze den Absatz von Wärmepumpen und E-Autos.

Deutschland besteuert Strom höher als Gas

Der Londoner Thinktank Ember zeigt dieses Missverhältnis in seiner Präsentation „The Electrotech Revolution“ für ganz Europa. „Besteuert, was ihr auslaufen lassen wollt“, überschreiben die Analysten die Folie. Mittelgroße Industriebetriebe zahlten in Deutschland im zweiten Halbjahr 2024 rund acht Cent Steuern je Kilowattstunde Strom und knapp drei Cent auf Gas. Nur Finnland, Schweden und Bulgarien belasten Gas stärker als Strom.

Ember-Grafik: Steuern auf Strom und Gas für mittelgroße Industriekunden in europäischen Ländern
Steuern auf Strom und Gas für mittelgroße Industriekunden in Europa, zweites Halbjahr 2024. QUELLE: EMBER, THE ELECTROTECH REVOLUTION (2025), CC BY 4.0

Für die Industrie hat der Bund die Lücke Anfang 2026 verkleinert. Bei Haushalten bleibt sie bestehen: Auf eine Kilowattstunde Strom entfallen 12,6 Cent Steuern, Abgaben und Umlagen, auf Gas 3,6 Cent. Die Stromsteuer macht davon gut zwei Cent aus, den größten Posten stellt die Umsatzsteuer mit 5,9 Cent.

Haushaltsstrom kostet derzeit gut das Dreifache von Gas, das Verhältnis liegt bei 3,1. Die Stromsteuer-Senkung allein drückt es nach Cleanthinking-Rechnung auf Basis der BDEW-Preisanalysen auf 2,9. Die EU-Kommission strebt in ihrem Elektrifizierungs-Aktionsplan höchstens 2,5 an. Diese Marke erreicht Deutschland laut Gutachten erst, wenn zusätzlich die Mehrwertsteuer auf Strom von 19 auf sieben Prozent sinkt und die Erdgassteuer leicht steigt.

Käufer*innen wählen schon Wärmepumpe und E-Auto

Im ersten Halbjahr 2026 entfielen 55 Prozent des Heizungsabsatzes auf Wärmepumpen. Im August ließen Käufer*innen 32,4 Prozent der neuen Pkw batterieelektrisch zu, Benziner kamen auf 16,7 Prozent. Was sich Wärmepumpe und E-Auto im Betrieb rechnen, hängt am Strompreis (mehr dazu: Was eine Wärmepumpe 2026 wirklich kostet).

Ember fasst Solarmodul, Batterie, Elektromotor und Wärmepumpe unter dem Begriff Electrotech zusammen. Gemeint ist Technik, die Verbrennung durch Strom ersetzt und mit jeder Stückzahl billiger wird (mehr dazu: Wie sich Öl, Gas und Kohle mit Electrotech ersetzen lassen). Für Öl, Gas und Kohle überweist Deutschland im langjährigen Mittel rund 80 Milliarden Euro im Jahr ins Ausland. Jede Wärmepumpe und jedes E-Auto hält einen Teil davon im Land.

Das Gutachten beschreibt einen zweiten Effekt. Netze und Kraftwerke machen einen wachsenden Teil des Strompreises aus, ihre Kosten stehen weitgehend fest. Jede zusätzlich verkaufte Kilowattstunde verteilt sie auf mehr Schultern und senkt die Stückkosten für alle. Steuersätze hält Digulla für das stärkere Signal als Förderprogramme, weil nur ein Gesetz sie ändern kann und sie nicht unter Haushaltsvorbehalt stehen.

QUELLEN

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  1. Stiftung Klimaneutralität: Schneller elektrifizieren. Sichere und bezahlbare Energie aus Deutschland (Gutachten), September 2026.
  2. Agenturmeldung: Klingbeil zweifelt an Finanzierung von Stromsteuer-Senkung, 12.10.2026.
  3. Ember: The Electrotech Revolution (Präsentation), September 2025.
  4. BDEW: Strompreisanalyse und Gaspreisanalyse, August 2026.
  5. Kraftfahrt-Bundesamt: Fahrzeugzulassungen im August 2026 (Pressemitteilung), September 2026.
  6. BDH: Absatz Wärmeerzeuger im ersten Halbjahr 2026 (Pressemitteilung), August 2026.
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