Heidelberg Materials fährt Brevik CCS hoch und plant schon das Doppelte

CCS · 15. OKTOBER 2026

Heidelberg Materials zeigt mit Brevik CCS, wie aufwendig CO2-Abscheidung ist

Seit Juni 2025 fängt Heidelberg Materials im norwegischen Brevik CO2 aus einem Zementofen ab, als erstes Unternehmen im Industriemaßstab. Der Hochlauf dauert länger als geplant. An den Kinderkrankheiten des Pioniers lässt sich ablesen, wie komplex CCS ist und warum die Technik nur für unvermeidbare Emissionen taugt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


Inzwischen fährt Heidelberg Materials Brevik CCS nach eigenen Angaben fast auf Volllast. „Die Anlage arbeitet auf nahezu voller Kapazität und erreicht in den jüngsten Betriebsphasen Abscheideraten von über 50 Tonnen CO2 pro Stunde”, schreibt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage von Cleanthinking. Auf alle 8.760 Stunden eines Jahres hochgerechnet, käme das Unternehmen damit auf knapp 440.000 Tonnen. Das läge leicht über der Auslegung von rund 400.000 Tonnen im Jahr, etwa der Hälfte dessen, was das Werk ausstößt.

Die Rechnung ist eine Obergrenze, denn kein Zementwerk produziert das ganze Jahr durch. Im Februar und März setzte Heidelberg Materials die Zementproduktion in Brevik für die planmäßigen Winterreparaturen zeitweise aus und legte die Abscheideanlage im Hochlauf für einige weitere Tage still. Wie viel CO2 das Unternehmen seit der Eröffnung abgeschieden hat, will es im Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht 2026 veröffentlichen. Unterjährige Mengen nenne man nicht, um Missverständnisse durch abweichende Stände zwischen Abscheidung, Zwischenlager, Transport und Einspeicherung zu vermeiden.

Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar. Ein Pionier mitten im Hochlauf hat wenig davon, über Zwischenstände zu streiten, solange er die Anlage nicht viele Stunden am Stück auf Volllast gefahren hat. Halbfertige Zahlen könnten außerdem die Geldgeber der Folgeprojekte verunsichern. Für die Bilanz ist der Jahresbericht der richtige Ort, und bis dahin verdient Heidelberg Materials einen Vertrauensvorschuss.

Woran der Hochlauf in Brevik hängt

Brevik gehört zum norwegischen Staatsprojekt Longship. Northern Lights, der Speicherbetreiber von Equinor, Shell und TotalEnergies, holt das CO2 per Schiff ab und lagert es seit Ende August 2025 unter der Nordsee ein. Die norwegische Regierung plante 2020 ein, rund zwei Drittel der Kosten des gesamten Projekts zu tragen, geschätzt auf 25,1 Milliarden Kronen einschließlich zehn Jahren Betrieb.

„Das wichtigste Learning aus Brevik ist, dass CCS an einer Zementanlage im industriellen Maßstab funktioniert”, schreibt die Sprecherin. Die größten Herausforderungen lägen oft an den Schnittstellen zwischen bestehender Zementproduktion und neuer CCS-Technologie. In Brevik kam hinzu, dass Heidelberg Materials die Abscheideanlage auf engem Raum neben dem Werk baute, ohne die Zementproduktion zu unterbrechen.

Das Verfahren selbst ist erprobt. SLB Capturi, früher Aker Carbon Capture, liefert eine Aminwäsche: In einer Waschlösung bindet sich das CO2 aus dem Abgas, unter Hitze löst es sich wieder und lässt sich konzentriert abführen. Gasversorger reinigen mit ähnlichen Wäschen seit Jahrzehnten Erdgas. Neu ist die Kopplung an ein laufendes Zementwerk, das nie für eine Abscheidung gebaut wurde.

Climeworks erlebte auf Island einen noch härteren Anlauf

Auch Climeworks blieb mit seiner bislang größten Anlage zur CO2-Entnahme aus der Luft weit hinter dem Plan. Das Schweizer Unternehmen nahm Mammoth im Mai 2024 auf Island in Betrieb, ausgelegt auf 36.000 Tonnen CO2 im Jahr. Im ersten Halbjahr 2025 entnahm Climeworks dort netto nur 119 Tonnen, im ersten Halbjahr 2026 waren es 675 Tonnen. Von 72 geplanten Kollektor-Containern betreibt das Unternehmen erst zwölf, bis Ende 2026 will es alle zwölf umrüsten. Zwei umgebaute Container erreichen seit sechs Monaten ihre Auslegungsleistung (mehr dazu: Mammoth, Durchsatz und Kosten).

Der Vergleich hat Grenzen, und gerade sie machen ihn lehrreich. Climeworks filtert in Mammoth CO2 aus der Umgebungsluft, in der es nur rund 0,04 Prozent ausmacht. Das Abgas eines Zementofens enthält ein Vielfaches davon, die Abscheidung an einer solchen Punktquelle ist technisch deutlich reifer. Trotzdem braucht auch Heidelberg Materials in Brevik länger als geplant. Die Schwierigkeit liegt weniger im Verfahren als in der Einbindung in ein bestehendes Industriewerk.

Heidelberg Materials will in Padeswood 95 Prozent des CO2 abscheiden

Heidelberg Materials wartet die Jahresbilanz von Brevik CCS nicht ab. Im September 2025 traf der Konzern die finale Investitionsentscheidung für Padeswood CCS im Nordosten von Wales, gestützt auf eine Förderzusage der britischen Regierung. Der Bau hat begonnen, den Betrieb plant das Unternehmen ab 2029. Die Erfahrungen aus Brevik, etwa mit der Einbindung in den laufenden Betrieb und mit den Partnern für Transport und Speicherung, ließen sich dort direkt umsetzen, schreibt die Sprecherin.

Die Aufgabe in Wales ist größer. In Brevik scheidet Heidelberg Materials einen Teilstrom ab, rund 400.000 der etwa 800.000 Tonnen, die das Werk im Jahr ausstößt. In Padeswood will das Unternehmen 95 Prozent der Emissionen aus den Zementöfen abscheiden, rund 800.000 Tonnen CO2 im Jahr, berichtet The Chemical Engineer. Speichern soll es der Energiekonzern Eni in ausgeförderten Gasfeldern unter der Liverpool Bay, die zum Industriecluster HyNet gehören.

Fast vollständig abzuscheiden heißt, nahezu das gesamte Abgas der Öfen durch die Wäsche zu führen. Heidelberg Materials muss die Abscheidung damit noch tiefer ins Werk einbinden, an genau der Schnittstelle, die in Brevik die meiste Arbeit machte, und dabei die doppelte Menge bewältigen. Dass der Konzern diesen Schritt trotz der Anlaufprobleme geht, spricht für ihn. Aus einem Pionier lernt eine Branche nur, wenn jemand die zweite Anlage baut.

In Deutschland plant Heidelberg Materials mit GeZero in Geseke eine Anlage für rund 700.000 Tonnen im Jahr, laut Unternehmensseite mit Baustart 2026 und Betrieb ab 2029. Öffentlich bestätigt ist ein Baustart bisher nicht, einen Zeitpunkt nannte das Unternehmen auf Anfrage nicht. Im kanadischen Edmonton hat Heidelberg Materials ein Projekt für rund eine Million Tonnen seit August 2026 auf Eis gelegt, auch weil die CO2-Preise dort niedriger liegen als einst erwartet. Gebaut wird bisher dort, wo der Staat einen großen Teil des Risikos übernimmt.

Wofür Zementwerke CO2-Abscheidung brauchen

Auf die Zementherstellung entfallen rund sieben Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Etwa zwei Drittel der direkten Emissionen eines Zementwerks stammen laut Umweltbundesamt aus dem Rohstoff selbst. Wird Kalkstein im Ofen gebrannt, entweicht CO2 aus dem Gestein, gleich womit der Ofen beheizt wird. Diese Prozessemissionen lassen sich weder mit Ökostrom noch mit Wasserstoff vermeiden, solange Hersteller Klinker brennen, und für sie braucht die Industrie die Abscheidung.

Vor der Abscheidung steht die Vermeidung. Jede Tonne Klinker, die Hersteller durch andere Bindemittel ersetzen, müssen sie gar nicht erst abscheiden, dasselbe gilt für elektrisch beheizte Öfen und für Beton, der mit weniger Zement auskommt. Ergänzend lässt sich CO2 dauerhaft im Material binden, wie es das Schweizer Cleantech-Unternehmen Neustark mit Betonabbruch vormacht (CO2-Speicherung direkt an der Quelle). Auch die Bundesregierung nennt für das novellierte Kohlendioxid-Speichergesetz, das seit dem 28. November 2025 gilt, als Einsatzfelder schwer vermeidbare Emissionen aus Zement- und Kalkwerken, der Grundstoffchemie und der Müllverbrennung.

Für die Tonnen aus dem Kalkstein, die übrig bleiben, wenn alles andere vermieden ist, wird die Zementindustrie Anlagen wie Brevik brauchen, und zwar viele. Wie viel Ingenieursarbeit schon die erste verlangt, erlebt Heidelberg Materials gerade in Norwegen, und dafür verdient der Pionier Geduld. Ein Freibrief ist das trotzdem nicht. Wer aus Brevik ableitet, Kohle- und Gaskraftwerke könnten mit Abscheidung einfach weiterlaufen, unterschätzt diesen Aufwand und übersieht, dass CCS an fossilen Kraftwerken kein Klimaschutz ist.

QUELLEN

  1. Heidelberg Materials: Antwort einer Unternehmenssprecherin auf Anfrage von Cleanthinking, 13. Oktober 2026.
  2. Heidelberg Materials: Eröffnung von Brevik CCS, 18. Juni 2025.
  3. Heidelberg Materials: Investitionsentscheidung Padeswood CCS, 25. September 2025.
  4. Equinor: First CO2 volumes stored at Northern Lights, 25. August 2025.
  5. Brevik CCS: Projektseite, abgerufen am 13. Oktober 2026.
  6. Gassnova (CCS Norway): Kostnader for CCS-prosjektet Langskip, abgerufen am 14. Oktober 2026.
  7. Heidelberg Materials Deutschland: Dekarbonisierung mit CCUS, abgerufen am 13. Oktober 2026.
  8. Taproot Edmonton: Carbon-capture project on hold at Edmonton cement plant, 18. August 2026.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x