EU-Energiekommissar Dan Jørgensen · 15. Oktober 2026
© European Union, 2026EU will das Aus für russisches Gas mit Elektrifizierung absichern
Mehr als 100 Milliarden Euro habe die EU seit Beginn des Iran-Kriegs zusätzlich für Öl und Gas ausgegeben. Das schreibt EU-Energiekommissar Dan Jørgensen in einem Gastbeitrag bei t-online. Europa müsse sich so schnell wie möglich von fossilen Importen lösen, fordert er.
In den kommenden Monaten werde die Kommission darlegen, wie das Energiesystem der EU in den nächsten zehn Jahren aussehen solle. Sie wolle dabei konkrete Ziele für erneuerbare Energien, Effizienz und Elektrifizierung bis 2040 festlegen, kündigt Jørgensen an. Das Aus für russisches Gas hat die EU bereits beschlossen.
Der dänische Sozialdemokrat ist seit 2024 EU-Kommissar für Energie und Wohnen. Brüssel kennt der Politikwissenschaftler aus Aarhus seit langem: Von 2004 bis 2013 saß er für die sozialdemokratische Fraktion im Europäischen Parlament. Danach wechselte er in die dänische Politik und gehörte von 2015 bis 2024 dem Folketing an, dem Parlament in Kopenhagen.
Von 2019 bis 2022 war Jørgensen Dänemarks Minister für Klima, Energie und Versorgung. In diese Zeit fiel der Beschluss, die Öl- und Gasförderung in der dänischen Nordsee bis 2050 zu beenden und keine neuen Förderlizenzen mehr zu vergeben. Dänemark war damals der größte Ölproduzent der EU. Ab Ende 2022 verantwortete Jørgensen als Minister die Entwicklungszusammenarbeit und die globale Klimapolitik seines Landes.
Seinen Gastbeitrag eröffnet Jørgensen mit einer Anekdote des US-Humoristen Will Rogers. Manche Menschen lernten durch Lesen, andere durch Beobachtung, und manche erst, wenn sie selbst gegen den Elektrozaun gepinkelt hätten. „In Europa haben wir auf die harte Tour gelernt“, schreibt der Kommissar.
Russlands Angriff auf die Ukraine habe das Energiesystem 2022 auf den Kopf gestellt, der Konflikt in der Golfregion löse neue Schockwellen aus. Gemeint ist der Krieg der USA und Israels gegen Iran seit Ende Februar 2026, in dessen Folge die Straße von Hormus gesperrt wurde. Europa sei heute besser vorbereitet, aber äußeren Einflüssen weiter ausgeliefert, schreibt Jørgensen.
Die Mehrkosten von über 100 Milliarden Euro nannte Jørgensen bereits Ende September beim Treffen der EU-Energieminister in Dublin. Dort forderte er, importierte, schmutzige und teure Brennstoffe durch heimischen grünen Strom zu ersetzen. Als Werkzeuge verwies er auf den Elektrifizierungs-Aktionsplan der EU und ihr Netzpaket.
EU erzeugt erstmals mehr Strom aus Wind und Sonne als aus fossilen Quellen
Im vergangenen Jahr habe die EU 89 Gigawatt erneuerbare Leistung zugebaut, schreibt Jørgensen. Ein Gigawatt reiche für bis zu eine Million Haushalte. Nach Zahlen der Energie-Denkfabrik Ember kamen 2025 erstmals 30 Prozent des EU-Stroms aus Wind und Sonne und 29 Prozent aus fossilen Quellen. Solarstrom allein deckte 13 Prozent.
Seit 2022 sei der Gasverbrauch der EU um etwa 17 Prozent gesunken. Einen Teil der Gasimporte ersetzen Wärmepumpen (mehr dazu: Warum Europa den Gas-Ausfall aus Katar kaum spürt). Die Rechnung des Stromsektors für importiertes Gas stieg 2025 trotzdem um 16 Prozent auf 32 Milliarden Euro, wie Ember berechnet. Weil Wasserkraftwerke wenig lieferten, erzeugten Gaskraftwerke acht Prozent mehr Strom.
EU regelt das Aus für russisches Gas in zwei Stufen
Über Jahrzehnte seien 40 Prozent der Gasimporte der EU aus Russland gekommen, heute knapp über zehn Prozent. Der Anteil sinke bald auf Null, weil das Einfuhrverbot in EU-Recht verankert sei, schreibt Jørgensen.
Auf die Verordnung einigte sich die EU im Dezember 2025, im Januar 2026 fiel der endgültige Beschluss. Die Importe von russischem Flüssigerdgas (LNG) laufen bis zum 31. Dezember 2026 schrittweise aus, also in rund zweieinhalb Monaten. Pipelinegas darf bis zum 30. September 2027 fließen, bei niedrigen Speicherständen bis zum 31. Oktober 2027. Spätestens im November 2027 ist Schluss.
Nach dem Aus für russisches Gas wolle die EU auf neue, zuverlässige Lieferanten setzen. Parallel sollten Strom und neue saubere Energieträger schrittweise wachsen. Flüssigerdgas aus anderen Ländern kauft Europa zu Preisen, die am Weltmarkt entstehen (mehr dazu: Europas Weg aus dem Gas-Casino).
Kommission will Wartezeiten für saubere Energieprojekte verkürzen
Jørgensen spricht von einer neuen Phase der Energiewende, der Beschleunigung. Die Kommission wolle Wartezeiten für Projekte verkürzen, Verbindungen zwischen den Ländern stärken und Netze besser planen. Schon heute seien die Strommärkte der EU-Staaten so eng vernetzt wie nirgendwo sonst. Strom werde über die Grenzen hinweg zum günstigsten Preis gehandelt.
Die EU müsse ihre Wirtschaft elektrifizieren, damit Haushalte, Industrie und Verkehr von billiger, sauberer und selbst erzeugter Energie profitierten. Bestehende Kernkraftwerke sollten den Erneuerbaren als Reserve dienen, kleine modulare Reaktoren und Kernfusion wolle die EU voranbringen. Jørgensens Heimatland betreibt selbst kein Kernkraftwerk, das dänische Parlament hatte 1985 beschlossen, ohne Atomkraft zu planen. Energiewende und Versorgungssicherheit gingen Hand in Hand, schließt der Kommissar.
QUELLEN
- Ember: European Electricity Review 2026, Januar 2026.
- EU-Kommission, Vertretung in Deutschland: EU einigt sich auf Ausstieg aus russischen Gasimporten, 3. Dezember 2025.
- Balkan Green Energy News: Jørgensen: EU spent extra EUR 100 billion on energy imports, 29. September 2026.
- Dänisches Ministerium für Klima, Energie und Versorgung: Denmark introduces cutoff date of 2050 for oil and gas extraction in the North Sea, Dezember 2020.