ZELLKULTUR OHNE TIERBLUT · 18. OKTOBER 2026

Warum Hersteller von kultiviertem Fleisch auf Kälberserum verzichten
Fötales Kälberserum stammt aus dem Blut ungeborener Kälber und hält seit Jahrzehnten Zellkulturen am Leben. Für Lebensmittel ist es zu teuer, zu knapp und zu ungleichmäßig. Serumfreie Nährmedien stehen inzwischen hinter mehreren Zulassungen.
Als Mark Post im August 2013 in London den ersten im Labor gezüchteten Burger vorstellte, wuchsen dessen Muskelzellen in einer Nährlösung mit fötalem Kälberserum. Das berichtete der US-Sender NPR am Tag der Präsentation. Das Projekt hatte rund 330.000 Dollar gekostet. Die Geschichte dieses ersten kultivierten Burgers enthält damit von Beginn an einen Widerspruch: Fleisch ohne Schlachtung, gezogen mit einem Produkt aus dem Schlachthof.
Kälberserum, in Fachtexten als FKS oder englisch FBS abgekürzt, ist in Biologie und Pharmaforschung bis heute ein Standardzusatz. Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift ALTEX beziffert die Weltproduktion 2018 auf etwa 800.000 Liter im Jahr. Dafür werden rund zwei Millionen Rinderföten benötigt. Die Autor*innen stützen sich auf eine Schätzung aus dem Jahr 2012.
Für Hersteller von kultiviertem Fleisch ist das Serum auf drei Ebenen ein Hindernis: bei den Kosten, bei der Ethik und bei der Reproduzierbarkeit. Seit 2022 zeigen begutachtete Studien, dass Rinderzellen auch ohne Kälberserum wachsen und zu Muskelfasern reifen. Bei einem Teil der bisher erteilten Zulassungen haben die Behörden ausdrücklich ein serumfreies Verfahren geprüft.
Inhalt
Was ist fötales Kälberserum und wie wird es gewonnen
Fötales Kälberserum ist der flüssige Teil des Blutes ungeborener Rinder, der nach der Gerinnung übrig bleibt. Die Föten fallen im Schlachthof an, wenn dort trächtige Kühe geschlachtet werden. Laut der ALTEX-Übersicht von 2018 sind etwa acht Prozent der Kühe am Schlachtband trächtig. Die Föten stammen aus den letzten zwei Dritteln der Trächtigkeit, gezüchtet werden sie für die Serumgewinnung nicht.
Nach der Schlachtung des Muttertiers punktieren Fachkräfte das noch schlagende Herz des Fötus und ziehen das Blut mit einer Spritze ab. Die Entnahme tötet den Fötus. Anschließend gerinnt das Blut, und Zentrifugen trennen das Serum ab, das die Hersteller filtrieren und in Chargen abfüllen.
Die Autor*innen der ALTEX-Übersicht um Jan van der Valk halten es für möglich, dass die Föten bei der Entnahme Schmerz empfinden. Sie berufen sich auf das Vorsorgeprinzip, weil sich Leiden vor der Geburt nicht ausschließen lasse. Nach ihrer Darstellung regelt das EU-Recht die Blutentnahme am lebenden Fötus bisher nicht, auch nicht die Tierversuchsrichtlinie 2010/63/EU. In der Fachliteratur ist die Frage umstritten: ALTEX druckte 2021 einen Kommentar mit Gegenposition und die Erwiderung der Autor*innen ab.
Wofür brauchen Zellkulturen überhaupt Serum
Zellen außerhalb des Körpers teilen sich nur, wenn ihnen jemand die Signalstoffe zuführt, die sonst das Blut liefert. Kälberserum enthält diese Wachstumsfaktoren, Hormone und Transportproteine als fertiges, wenn auch unbekanntes Gemisch. Labore mussten deshalb jahrzehntelang nicht wissen, welcher Bestandteil welche Wirkung hat.
Für kultiviertes Rindfleisch arbeiten die meisten Teams mit Satellitenzellen. Das sind Stammzellen, die im Muskel für Wachstum und Reparatur sorgen. Die Produktion verläuft in zwei Phasen: Zuerst vermehren sich die Zellen, dann reifen sie zu Muskelfasern. Klassisch lösen Labore die Reifung aus, indem sie den Serumanteil stark senken. Fachleute nennen das Serum-Aushungern.
Ein Team der Tufts University schrieb 2022, dass das Nährmedium über 99 Prozent der Kosten bisheriger Produktionssysteme ausmacht. Die Forschenden stützen sich dabei auf ältere Kostenanalysen. Ihr Vergleichsmedium für Satellitenzellen enthielt 20 Prozent Kälberserum. Wer die Kosten für kultiviertes Fleisch senken will, muss also zuerst das Kälberserum ersetzen.
Warum eignet sich Kälberserum nicht für die Lebensmittelproduktion
Kälberserum scheitert in der Lebensmittelproduktion an Menge, Preis und Gleichförmigkeit. Die verfügbare Menge hängt an der Zahl geschlachteter trächtiger Kühe, Hersteller können sie nicht nach Bedarf steigern. Die ALTEX-Übersicht dokumentiert, wie stark der Markt schwankt: 2015 stiegen die Preise von etwa 80 Euro auf bis zu 1.200 Euro je 500 Milliliter. Nach einer dort zitierten Analyse von 2005 entfallen bis zu 85 Prozent der Mediumkosten auf das Serum.
Für die Reproduzierbarkeit ist das Serum ein Risiko. Die genaue Zusammensetzung von Kälberserum ist unbekannt und schwankt je nach Jahreszeit und Herkunft von Charge zu Charge. Ein Experiment, das mit einer Charge gelingt, kann mit der nächsten scheitern. Für die Lebensmittelaufsicht zählt aber gerade ein Prozess, der jedes Mal dasselbe Produkt liefert.
Hinzu kommt Betrug. Im Frühjahr 2013 wurde bekannt, dass ein globaler Lieferant Kälberserum mit Rinderalbumin, Wasser und wachstumsfördernden Zusätzen gestreckt hatte. Nach Ermittlungen der US-Arzneimittelbehörde FDA betraf das 143 Chargen aus den Jahren 2008 bis 2013 mit zusammen rund 280.000 Litern. Die Zahlen stammen ebenfalls aus der ALTEX-Übersicht.
Der ethische Einwand wiegt für diese Branche besonders schwer. Hersteller von kultiviertem Fleisch begründen ihr Produkt mit dem Verzicht auf Schlachtung. Ein Medium aus dem Blut geschlachteter Föten würde dieses Versprechen auf jeder Zutatenliste widerlegen.
Was steckt in serumfreien Nährmedien
Serumfreie Medien ersetzen das Blutprodukt durch eine definierte Mischung aus Zucker, Aminosäuren, Salzen, Vitaminen und einzeln hergestellten Proteinen. Die Proteine gewinnen Hersteller aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen oder Pflanzen, die Forschenden kennen jeden Bestandteil und seine Menge. Eine Übersicht des Good Food Institute vom April 2025 hält fest, dass solche Medien für tierische Zellen seit Jahrzehnten existieren. Neu ist ihr Zuschnitt auf Fleischzellen.
Das niederländische Cleantech-Unternehmen Mosa Meat veröffentlichte im Januar 2022 in Nature Food ein serumfreies Medium für die Reifung von Rinder-Satellitenzellen. Die Forschenden suchten Rezeptoren, die zu Beginn der Reifung verstärkt auf der Zelloberfläche erscheinen, und fütterten gezielt deren Signalstoffe zu. Die Zellen reiften ohne Serum-Aushungern ähnlich weit wie in der Kontrolle mit Kälberserum. Im dreidimensionalen Gewebe blieb das Ergebnis laut den Autor*innen noch hinter der Kontrolle zurück, wie Foodnavigator berichtete.
Die Studie hat Mosa Meat finanziert, sechs der acht Autor*innen arbeiten dort, das Unternehmen hält Patentanmeldungen auf die Rezeptur. Beim Reifegrad handelt es sich um Laborforschung. Wie Mosa Meat den kultivierten Burger bezahlbar machen will, hängt eng an diesem Medium.
Die Tufts University legte im Juni 2022 in Communications Biology eine frei verfügbare Rezeptur namens Beefy-9 vor. Sie ergänzt ein bekanntes Stammzellmedium um einen einzigen Stoff: Albumin, das gentechnisch veränderter Reis produziert. Die Rinderzellen wuchsen über sieben Passagen mit einer mittleren Verdopplungszeit von 39 Stunden. Nach Rechnung der Forschenden kostet Beefy-9 bei Großbestellung weniger als 50 Dollar je Liter.
| Nährmedium | Herkunft und Jahr | Kosten je Liter | Reifegrad |
|---|---|---|---|
| Wachstumsmedium mit 20 % Kälberserum | Vergleichswert Tufts University, 2022 | 290 $ | Laborstandard |
| Beefy-9, Laborbestellung | Tufts University, 2022 | 217 $ | Laborforschung |
| Beefy-9, Großbestellung, wenig FGF-2 | Tufts University, 2022 | 46 $ | Laborforschung, berechnet |
| Tierkomponentenfreies Medium | Believer Meats, Nature Food 2024 | 0,63 $ | Techno-ökonomische Analyse, Firma im Dezember 2025 eingestellt |
| Proteinfreies Medium | Meatly, Mai 2024 | 1 £ | Laut Unternehmen, ohne unabhängige Prüfung |
Noch günstiger rechneten Forschende der Hebräischen Universität Jerusalem und des Cleantech-Unternehmens Believer Meats. Sie bezifferten ihr tierkomponentenfreies Medium im August 2024 in Nature Food auf 0,63 Dollar je Liter. Das britische Cleantech-Unternehmen Meatly gab im Mai 2024 ein Medium ohne Serum und ohne Proteine für ein Pfund je Liter an, berichtete Food Manufacture. Eine unabhängige Prüfung dieser Zahl ist nicht veröffentlicht.
Welche Behörden haben serumfrei erzeugtes Fleisch zugelassen
Behörden in Singapur, den USA, Israel und Großbritannien haben kultivierte Produkte aus einer Herstellung ohne Kälberserum zugelassen. Nach Zählung des Good Food Institute hatten bis März 2025 sechs Unternehmen eine solche Freigabe erhalten. In der EU liegen Anträge vor, deren Prüfung bei der Lebensmittelbehörde EFSA läuft.
Die erste Zulassung überhaupt erteilte Singapur im Dezember 2020 an Eat Just. Das Hähnchenprodukt wuchs damals noch mit einem kleinen Anteil Kälberserum, wie Scientific American im März 2021 berichtete. Firmenchef Josh Tetrick kündigte dort einen Ersatz an, der eine neue Genehmigung brauche. Im Januar 2023 erteilte die Singapore Food Agency diese Freigabe für das serumfreie Verfahren der Marke Good Meat.
| Datum | Land | Unternehmen und Produkt | Serum laut Quelle |
|---|---|---|---|
| Dezember 2020 | Singapur | Eat Just, Hähnchen | kleiner Anteil Kälberserum |
| Januar 2023 | Singapur | Good Meat, Hähnchen | serumfrei |
| Juni 2023 | USA | Upside Foods und Good Meat, Hähnchen | Upside: Unterlagen mit und ohne Serum |
| Januar 2024 | Israel | Aleph Farms, Rind | serumfrei |
| April 2024 | Singapur | Vow, Wachtel | serumfrei |
| Juli 2024 | Großbritannien | Meatly, Tierfutter | ohne Serum und Proteine |
| März 2025 | USA | Mission Barns, Schweinefett | serumfrei |
| August 2026 | Singapur | Aleph Farms, Rind | keine Angabe |
In den USA gab das Landwirtschaftsministerium USDA am 21. Juni 2023 grünes Licht für Upside Foods und Good Meat, wie The Spoon am selben Tag meldete. Die Unterlagen von Upside Foods an die FDA beschreiben laut Good Food Institute Hähnchen aus Verfahren mit und ohne Serum. Im März 2025 erhielt Mission Barns von der FDA grünes Licht für Schweinefett ohne Serum.
Großbritannien ließ im Juli 2024 das kultivierte Hühnerfleisch von Meatly als Tierfutter zu, der erste Verkauf folgte laut Good Food Institute im Februar 2025. Israel genehmigte im Januar 2024 das serumfreie Rindfleisch von Aleph Farms. Singapur folgte Anfang August 2026, wie Vegconomist berichtete. Zum Medium macht die Meldung keine Angabe, der Marktstart von Aleph Farms in Singapur ist für 2027 geplant.
In der EU reichte Gourmey im Juli 2024 den ersten Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch ein, für eine Stopfleber aus Entenzellen, wie EIT Food meldete. Mosa Meat folgte im Januar 2025 mit einem Antrag für kultiviertes Rinderfett. Die Risikobewertung der EFSA sollte nach damaliger Erwartung rund 18 Monate dauern, schrieb Foodnavigator.
Warum reicht ein günstiges Medium allein nicht aus
Ein serumfreies Medium löst das Problem mit dem Kälberserum, die Kostenfrage der Branche löst es noch nicht. Die teuersten Bestandteile sind jetzt die einzeln hergestellten Proteine, und die Produktion muss vom Labor in große Bioreaktoren wandern.
Die Tufts-Forschenden nennen das Albumin und den Wachstumsfaktor FGF-2 als größte Kostentreiber von Beefy-9. Das Albumin in Beefy-9 erzeugt gentechnisch veränderter Reis, Wachstumsfaktoren stellen Hersteller meist in Mikroorganismen her. Je billiger diese Präzisionsfermentation wird, desto billiger wird das Medium. Hersteller von kultiviertem Fleisch sind damit auf dieselbe Bioproduktion angewiesen, die auch Enzyme und Arzneimittel ohne Tier liefert.
Wie wenig ein billiges Medium allein entscheidet, zeigt Believer Meats. Das Unternehmen hatte das Medium für 0,63 Dollar je Liter veröffentlicht und Anfang November 2025 die Kennzeichnungsfreigabe der USDA erhalten. Im Dezember 2025 stellte es den Betrieb ein, berichtete Food Processing. Kapital, Anlagen und Absatz entscheiden über das Überleben eines Herstellers mindestens so stark wie die Rezeptur.
Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag nennt in seinem Bericht zum Potenzial von kultiviertem Fleisch neben den Kosten technische und regulatorische Hürden. Beim Kälberserum ist die technische Hürde gefallen: Mehrere Rezepturen sind veröffentlicht, mehrere Behörden haben serumfreie Verfahren geprüft. Offen bleibt, wer die Proteine für diese Medien in Tonnen und zu Lebensmittelpreisen liefert.
QUELLEN
- ALTEX: Reply to comment „Animal welfare and ethics in the collection of fetal blood for the production of fetal bovine serum“ (Weber, Wirths, Brakebusch, van der Valk), 2021.
- ALTEX: Animal welfare and ethics in the collection of fetal blood for the production of fetal bovine serum (Versteegen, Murray, Doelger), 2021.
- Brindley et al.: Schätzung der weltweiten FBS-Produktion, 2012, zitiert nach van der Valk et al., ALTEX 2018.
- Ozturk und Hu: Kostenanteil von Serum an Zellkulturmedien, 2005, zitiert nach van der Valk et al., ALTEX 2018.
- Gourmey: Pressemitteilung zu Zulassungsanträgen in fünf Märkten, 26.07.2024.