Bauern in Niger holen fünf Millionen Hektar zurück

DIE METHODE DES WALDMACHERS TONY RINAUDO · 24. OKTOBER 2026

Die Große Grüne Mauer scheitert an den Setzlingen

Seit 2007 soll ein Baumgürtel im Sahel die Wüste aufhalten, doch gepflanzte Bäume bringen kaum Grün. Bauern in Niger haben Millionen Hektar zurückgeholt, ohne einen Setzling. Sie lassen alte Wurzeln austreiben und besitzen die Bäume.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


2007 beschloss die Afrikanische Union, der Wüstenbildung im Sahel eine Mauer aus Bäumen entgegenzusetzen. Rund 8.000 Kilometer lang sollte die Große Grüne Mauer werden. Bis 2030 sollten 100 Millionen Hektar geschädigtes Land wiederhergestellt sein. Die Financial Times zählt Mitte Oktober elf beteiligte Länder und kommt zu dem Schluss, dass das Projekt dieses Ziel klar verfehlen wird.

Die letzte offizielle Bilanz stammt aus dem Jahr 2020. Damals zählte das Sekretariat der UN-Wüstenkonvention UNCCD in seinem ersten Statusbericht knapp 20 Millionen Hektar, die zwischen 2007 und 2018 wiederhergestellt wurden. Nur vier Prozent davon, rund vier Millionen Hektar, lagen in der eigentlichen Zielzone von 153 Millionen Hektar. Der Rest stammte aus Projekten anderswo in den beteiligten Ländern, allein rund zwölf Millionen Hektar aus Äthiopien.

Die UNCCD rechnete gleich mit vor, was fehlt. Für das Ziel müssten jedes Jahr 8,2 Millionen Hektar dazukommen, finanziert mit 4,3 Milliarden Dollar pro Jahr. Bei den Arbeitsplätzen klafft dieselbe Lücke: Der Bericht zählte über 350.000 neue Jobs, angestrebt sind zehn Millionen.

Die Geber zahlen nur einen Bruchteil ihrer Zusagen aus

Im Januar 2021 sagten Geber beim One Planet Summit in Paris mehr als 14 Milliarden Dollar zu, umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro. Die UNCCD bündelt das Geld in einem Beschleunigungsprogramm, dem „Great Green Wall Accelerator“. In einer Zwischenbilanz vom März 2023 bezifferte sie die Zusagen auf 19 Milliarden Dollar. Ausgezahlt waren zu diesem Zeitpunkt rund 2,5 Milliarden.

Wo das Geld ankommt, hat The New Humanitarian 2025 nachverfolgt. Die EU gab zwischen 2021 und 2023 über 1,54 Milliarden Euro für die Große Grüne Mauer, mehr als 123 Millionen Euro davon für den Tschad. Mitarbeitende der nationalen Agentur für die Grüne Mauer im Tschad sagen, vieles sei an ihr vorbei zu Nichtregierungsorganisationen geflossen. In Dschibuti erhielt die nationale Agentur für die Große Grüne Mauer laut ihrem Chef Abdulfatah Arab kaum zehn Prozent der erwarteten Mittel.

Zwei von 36 Pflanzflächen in Senegal werden grün

Ob gepflanzte Bäume den Boden tatsächlich zurückholen, hat ein Team um Annah Lake Zhu von der Universität Wageningen im Norden Senegals geprüft. Von 36 Aufforstungsparzellen der Grünen Mauer zeigten nur zwei eine deutliche Begrünung. Nur auf einer einzigen wuchs mehr, als veränderte Niederschläge allein erklären. Die Forscher*innen überschreiben ihre Studie mit der Frage „Afrikas große grüne Fata Morgana?“

Die Stichprobe ist begrenzt. Die untersuchten Parzellen decken 18.090 Hektar ab, Senegal will rund 817.500 Hektar wiederherstellen. Die Gemeinden schätzen die Projekte trotzdem, weil Jobs und soziale Leistungen mitkommen. Ökologisch ändert sich wenig (mehr dazu: Ist Aufforstung der beste Weg gegen die Klimakrise?).

„Die Große Grüne Mauer ist eher vom Westen getrieben als von Afrika geführt“, sagt Zhu gegenüber The New Humanitarian. Ihre Stärke sei, Geld in Europa und den USA einzuwerben, und mehr leiste sie nicht.

Bauern in Niger lassen alte Wurzeln wieder austreiben

Im Süden Nigers ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Baumbestand gewachsen, den kaum jemand gepflanzt hat. Die Bauern dort nutzen, was unter ihren Feldern weiterlebt: die Wurzelstöcke gefällter Bäume und Sträucher. Aus ihnen schießen immer neue Triebe. Die Bauern lassen die kräftigsten stehen, schützen sie und schneiden sie zurecht, bis wieder ein Baum daraus wird. Fachleute nennen das „Farmer Managed Natural Regeneration“, kurz FMNR, also natürliche Verjüngung unter der Regie der Bauern.

Angestoßen hat die Methode der australische Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo. 2018 erhielt er dafür den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis. Die Begründung: Er habe im großen Maßstab gezeigt, wie sich Trockengebiete mit minimalen Kosten begrünen lassen. „Wer mit der Natur arbeitet, dem sind Wunder möglich“, zitiert ihn die Stiftung. Volker Schlöndorff widmete ihm den Dokumentarfilm „Der Waldmacher“, der 2022 in die deutschen Kinos kam.

Chris Reij, Gray Tappan und Melinda Smale haben 2009 für das Agrarforschungsinstitut IFPRI zusammengetragen, wie viel Fläche so zurückgekommen ist. Sie kamen auf rund fünf Millionen Hektar im Süden Nigers. Laut einer Übersicht der Vereinten Nationen stehen dort rund 200 Millionen geschützte Bäume, die Bedeckung mit Bäumen und Sträuchern hat sich verzehn- bis verzwanzigfacht. Die Zahlen stammen aus den Jahren 2009 bis 2011, eine aktuelle unabhängige Messung fehlt. In der gesamten Zielzone der Großen Grünen Mauer zählte die UNCCD bis 2018 rund vier Millionen Hektar.

Dass die Bauern die Bäume stehen lassen, hat mit Eigentum zu tun. Bis 1993 gehörten Bäume auf den Feldern samt allem, was sie liefern, dem Staat. In jenem Jahr ging das Eigentum an den Bäumen auf die Bauern über. Smale, Tappan und Reij beschreiben diese Regeländerung in einer späteren Auswertung als Schritt, der den Bauern den Weg geebnet hat. In den Regionen Maradi und Zinder brauchen Frauen weniger Zeit zum Brennholzsammeln, und die Ernten sind widerstandsfähiger geworden, so eine Fallstudie des World Resources Institute.

Die Weltbank setzt auf die Methode der Bauern

In Niger finanziert die Weltbank seit Juli 2023 das Projekt PGIP, einen Baustein ihres Sahel-Programms RESILAND. Es läuft sechs Jahre in 82 Gemeinden, die Weltbank gibt 150 Millionen Dollar, rund 130 Millionen Euro. In der Region Tahoua haben die Beteiligten laut einem Bericht der Weltbank vom August 2025 rund 18.000 Hektar wiederhergestellt. Auf 10.500 davon setzten sie auf unterstützte natürliche Regeneration, die Methode der Bauern.

Anfang Oktober starteten das UN-Umweltprogramm UNEP und die Globale Umweltfazilität GEF in Saint-Louis im Senegal ein neues Programm für die Große Grüne Mauer. Die GEF gibt 78 Millionen Dollar, rund 67 Millionen Euro. Mit Geld vom Green Climate Fund, dem Agrarfonds IFAD, der FAO und bilateralen Partnern kommen mehr als 500 Millionen Dollar zusammen. UNEP setzt acht der zehn Projekte um, die westafrikanische Entwicklungsbank BOAD die übrigen zwei.

UNEP und GEF wollen über 270.000 Hektar in neun Ländern wiederherstellen, von Senegal bis Äthiopien. Erreichen wollen sie fünf Millionen Menschen, mehr als die Hälfte davon Frauen. In Niger sollen 55.000 Hektar Acker-, Wald- und Weideland zurückkommen. Neben der Fläche verspricht die UNEP bessere Einkommen, unter anderem über Unternehmen von Frauen. Welche Methoden die Projekte nutzen, nennt sie nicht.

UNEP-Ökosystemchefin Susan Gardner nennt das Programm einen direkten Beitrag zur Zusage der Länder, bis 2030 auf 30 Prozent ihres geschädigten Landes die Wiederherstellung einzuleiten. Laut FT beschreibt die UNEP die Große Grüne Mauer inzwischen als Mosaik regionaler Projekte. Aus dem durchgehenden Baumgürtel von 2007 ist ein Flickenteppich geworden.

Die 270.000 Hektar des neuen Programms sind ein kleiner Teil der 100 Millionen, die 2007 für die Große Grüne Mauer auf dem Papier standen. Bauern in Niger haben ohne Gipfel und Zusagen ein Vielfaches davon zurückgeholt, auch weil ihnen die Bäume auf ihren Feldern gehören. Im Sahel hängt an solchen Flächen die Frage, wie viele Menschen ein Acker noch ernährt. Der Sahel braucht nicht mehr neue Setzlinge, sondern Bäume, die überleben, und Menschen mit einem wirtschaftlichen Grund, sie zu erhalten.

QUELLEN

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  1. World Resources Institute: A Compilation of Green Economy Policies, Programs, and Initiatives, 2011.
  2. filmportal.de: Der Waldmacher (Dokumentarfilm von Volker Schlöndorff, Kinostart 07.04.2022).
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