E-FUELS · 24. OKTOBER 2026
SunfireChina baut die E-Methanol-Fabriken, die Europa bestellt
Chinas Wind-, Solar- und Speicherkonzerne errichten Anlagen für Hunderttausende Tonnen grünes Methanol und Ammoniak. Für Sunfire, Siemens Energy und Thyssenkrupp Nucera ist das kein Todesurteil. Baut Europa nicht selbst, deckt E-Methanol aus China die Nachfrage, die Europa per Gesetz vorschreibt.
Ende Juni lieferte der isländische Technologieanbieter Carbon Recycling International (CRI) einen Reaktor nach Liaoyuan in der chinesischen Provinz Jilin. Nach Angaben von CRI ist es der größte E-Methanol-Reaktor der Welt. In der ersten Ausbaustufe soll die Anlage rund 170.000 Tonnen erneuerbares Methanol im Jahr liefern. In Frankfurt-Höchst betreibt Ineratec seit Juni 2025 Europas größte E-Fuel-Anlage. Sie schafft bis zu 2.500 Tonnen synthetisches Rohöl im Jahr.
Hinter dem Projekt in Liaoyuan steht Tianying, 2011 als Projektentwickler für Photovoltaik und Speicher gegründet. Der Wasserstoff stammt aus Elektrolyse mit Ökostrom, das CO2 aus einem Biomassekraftwerk. Die WirtschaftsWoche zeigt in ihrer Reihe „Wirtschaft von oben“ ein Satellitenbild von LiveEO: Am 2. September stand die Anlage nahezu fertig da. CRI hat den Start für dieses Jahr angekündigt.
Tobias Block von der E-Fuel Alliance sieht in der WirtschaftsWoche ein bekanntes Muster. China wiederhole die Strategie, die es bei Wind, Batterien und Photovoltaik verfolgt habe. Geht es damit Siemens Energy, Sunfire und Thyssenkrupp Nucera an den Kragen? Wer die Lieferanten und Kunden der chinesischen Projekte durchgeht, findet eher eine andere Gefahr: Europas Nachfrage könnte in China landen.
Chinas Windturbinenbauer produzieren grünes Ammoniak
Hinter den größten Projekten stehen Konzerne der Electrotech-Industrie, also Hersteller von Windturbinen, Solarmodulen, Wechselrichtern und Batteriespeichern. Sie stoßen jetzt in die Chemie vor. Für Peking zählt dabei die Energiesicherheit: Kraftstoffe und Grundstoffe aus heimischem Wind- und Solarstrom machen das Land unabhängiger vom Ölimport.
Envision zählt zu den größten Windturbinenherstellern der Welt. In Chifeng in der Inneren Mongolei produziert der Konzern seit Juli 2025 rund 320.000 Tonnen grünes Ammoniak im Jahr, netzunabhängig mit Wind- und Solarstrom. Die erste Ladung ging im Februar 2026 an Lotte Fine Chemical nach Südkorea. Bis 2028 will Envision die Menge auf 1,5 Millionen Tonnen steigern.
Im Wasserstoffpark Songyuan in Jilin hat China Energy Engineering (CEEC) rund 29,6 Milliarden Yuan investiert, umgerechnet etwa 3,7 Milliarden Euro. Die erste Phase läuft seit Dezember 2025 und liefert vor allem Ammoniak. Die Elektrolyseure mit zusammen rund 640 Megawatt stammen von Sungrow Hydrogen. Das Unternehmen gehört zu Sungrow, einem der größten Wechselrichter- und Speicherhersteller der Welt.
| Standort | Betreiber | Produkt | Tonnen pro Jahr | Stand |
|---|---|---|---|---|
| Liaoyuan (Jilin) | Tianying | E-Methanol | rund 170.000 (1. Phase) | kurz vor dem Start |
| Chifeng (Innere Mongolei) | Envision | grünes Ammoniak | rund 320.000 | in Betrieb seit Juli 2025 |
| Songyuan (Jilin) | CEEC, Elektrolyseure von Sungrow | Ammoniak, Wasserstoff, Methanol | 200.000 / 45.000 / 20.000 (1. Phase) | 1. Phase in Betrieb seit Dezember 2025 |
| Taonan (Jilin) | Shanghai Electric | grünes Methanol | bis zu 250.000 (Plan) | 2. Phase im Bau |
Quellen: CRI, Envision, CEEC, Shanghai Electric, H2 View, Xinhua; Stand Oktober 2026.
Ende 2025 hatte China laut Xinhua Kapazitäten für rund 250.000 Tonnen grünen Wasserstoff, 650.000 Tonnen grünes Ammoniak und 380.000 Tonnen grünes Methanol aufgebaut. Das ist jeweils mehr als die Hälfte der Weltkapazität. Der 15. Fünfjahresplan für Erneuerbare sieht große Industriebasen für grünen Wasserstoff, Ammoniak und Methanol an den Wind- und Solarstandorten in den Wüsten vor. Bei den Planungen sieht es ähnlich aus: Laut einer Auswertung von Sia Partners aus dem Frühjahr 2025 entfallen 60 Prozent der weltweit geplanten E-Methanol-Kapazität auf China.
Reedereien kaufen Chinas grünes Methanol
Die WirtschaftsWoche erinnert an den Streit um E-Fuels im Pkw aus dem Jahr 2022, mit Christian Lindner und Porsche als Fürsprechern. Die Kunden für Chinas grünes Methanol sitzen aber in der Schifffahrt, und im Auto haben E-Fuels ohnehin keine Perspektive. Beim Windturbinenbauer Goldwind hat sich die Reederei Maersk bis zu 500.000 Tonnen grünes Bio- und E-Methanol im Jahr aus dem Bund Hinggan in der Inneren Mongolei gesichert. Erste Mengen kommen 2026. Auch der Solarkonzern LONGi liefert Maersk ab 2026 Bio-Methanol.
China schafft sich die Nachfrage auch selbst. Seit Juni läuft laut Xinhua ein grüner Kraftstoffkorridor: Produktion in Taonan, Lager in Dalian, Bunkern von Schiffen in Shanghai. In Taonan investiert Shanghai Electric 5,6 Milliarden Yuan, rund 700 Millionen Euro, und baut an der zweiten Phase.
Die Umweltorganisation Transport & Environment zählt 15 chinesische E-Fuel-Projekte für die Schifffahrt: Drei laufen, zehn sind im Bau, zwei haben eine Investitionsentscheidung. Europa kommt auf 69 Projekte, von denen sechs laufen. Die drei chinesischen Anlagen produzieren schon rund zehnmal so viel wie die sechs europäischen.
Den Bedarf hat Europa per Gesetz festgelegt. Unter FuelEU Maritime zählen E-Fuels für Schiffe bis 2034 doppelt. Liegt ihr Anteil 2031 unter einem Prozent, greift ab 2034 eine Unterquote von zwei Prozent. Für Flugzeuge schreibt die EU mit ReFuelEU Aviation ab 2030 einen synthetischen Anteil von 1,2 Prozent vor, bis 2050 steigt er auf 35 Prozent.
Ein großer Teil der chinesischen Mengen ist Ammoniak, für Dünger und den Export nach Asien. Belegte Lieferungen von E-Methanol aus China nach Europa gibt es bisher kaum, Tianying startet erst. Erfüllen Reedereien und Fluggesellschaften ihre EU-Quoten künftig mit Importen, stehen die Anlagen dafür in Jilin und der Inneren Mongolei.
Chinesische Elektrolyseure kosten daheim oft weniger als halb so viel
Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert die weltweite Fertigungskapazität für Elektrolyseure Ende 2025 auf knapp 58 Gigawatt im Jahr. Ausgeliefert wurden weniger als fünf Gigawatt, die Fabriken waren zu rund neun Prozent ausgelastet. China hält rund 60 Prozent der Fertigungskapazität, Europa rund 20 Prozent. Die installierte Elektrolyseleistung hat sich 2025 auf über vier Gigawatt verdoppelt, vor allem durch Großprojekte in China.
Chinesische Systeme kosteten 2025 in China 500 bis 1.100 US-Dollar pro Kilowatt, rund 430 bis 950 Euro. Hersteller außerhalb Chinas verlangten 1.900 bis 2.500 Dollar, rund 1.630 bis 2.150 Euro. Auf Baustellen im Ausland schrumpft der Abstand stark, weil Montage, Planung und Bau mehr als die Hälfte der Kosten ausmachen. Die 20 Prozent Preisvorteil, die eine Branchenstimme in der WirtschaftsWoche nennt, beschreiben eher diesen Wettbewerb im Ausland.
Um Aufträge in China konkurrieren europäische Hersteller bei diesem Abstand kaum. Durch Songyuan oder Chifeng entgeht ihnen deshalb wenig. Für Siemens Energy, Sunfire und Thyssenkrupp Nucera zählt der europäische Markt, und dort stehen sie unterschiedlich da.
Bei Siemens Energy hängt am Elektrolysegeschäft nicht das Schicksal des Konzerns. In Berlin-Moabit fertigt Siemens Energy PEM-Elektrolyseure, die mit einer Membran statt mit Lauge arbeiten. Die Fertigung gehört zum Segment Transformation of Industry, in dem Siemens Energy 2025 rund 5,7 Milliarden Euro umsetzte, bei rund 39 Milliarden Euro Konzernumsatz. Das Geld verdient der Konzern mit Gasturbinen und Netztechnik. Seit August bereitet Siemens Energy die Verselbständigung des Segments vor.
Thyssenkrupp Nucera sammelte in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025/26 im Bereich grüner Wasserstoff Aufträge über 184 Millionen Euro ein, nach 23 Millionen im Vorjahr. Den Sprung verdankt Nucera vor allem einem 300-Megawatt-Projekt für Moeve in Spanien. Die Hochtemperatur-Elektrolyse hat Nucera aufgegeben und setzt auf alkalische Elektrolyse, genau das Segment, das China dominiert. Ab Winter 2026 baut Nucera bei Porto ein Zentrum für die Zellmontage.
Sunfire aus Dresden meldete im Januar Aufträge über 200 Megawatt für zwei Projekte in Spanien: für Repsol und Enagás Renovable in Cartagena und für Petronor in Muskiz. Sunfire liefert dafür alkalische Elektrolyseure, die unter Druck arbeiten und 2029 in Betrieb gehen sollen. Mit dieser Technik steht Sunfire im selben Segment wie die chinesischen Anbieter. Daneben setzt Sunfire auf die Hochtemperatur-Elektrolyse (SOEC), die Wasserdampf statt flüssigem Wasser spaltet. In dieser Technik hat China kaum Fertigung: Von über 35 Gigawatt chinesischer Fertigungskapazität entfallen laut IEA nur 0,1 Gigawatt darauf.
Die EU fördert keine chinesischen Stacks mehr
Bei der eigenen Förderung schließt die EU China inzwischen aus. In der zweiten Auktion der europäischen Wasserstoffbank durften höchstens 25 Prozent der Elektrolyseleistung aus chinesischen Stacks stammen. Stacks sind die gestapelten Zellen, in denen das Wasser gespalten wird. In der dritten Auktion sind chinesische Stacks ganz ausgeschlossen, höchstens zwei weitere Hauptkomponenten dürfen aus China kommen. Im Mai vergab die EU dort 1,1 Milliarden Euro an neun Projekte.
Geschützt ist damit erst die Förderung, noch nicht der Markt. Die Regel gilt für geförderte Anlagen in der EU, für importierte Kraftstoffe gilt sie nicht. Ein Schiff, das in Rotterdam E-Methanol aus China bunkert, kann es auf seine FuelEU-Pflicht anrechnen, sofern der Kraftstoff die EU-Kriterien erfüllt. Biogenes CO2, wie Tianying es nutzt, ist nach diesen Kriterien ohne Frist zulässig, CO2 aus fossilen Industrieprozessen bis Ende 2040.
Deutschland hat die eigene Nachfrage zuletzt verkleinert: Die nationale Quote für E-Kerosin fiel zum 1. Januar 2026 weg. Den Gegenentwurf gibt es auf dem Papier. Rheinmetall plant mit Ineratec, Sunfire und dem Cleantech-Startup Greenlyte das Projekt „Giga PtX“: mehrere hundert modulare E-Fuel-Anlagen in Europa, jede mit 5.000 bis 7.000 Tonnen im Jahr. Termine nennt der Konzern bislang nicht.
„Wir in Europa haben noch immer die beste Technologie“, sagt Ineratec-Chef Tim Böltken der WirtschaftsWoche. Gebaut würden die Module reichen: Schon zwei bis drei Dutzend davon kämen zusammen auf die erste Ausbaustufe von Liaoyuan, und Rheinmetall spricht von mehreren hundert.
Offenlegung: Cleanthinking-Herausgeber Martin Jendrischik war früher Pressesprecher von Sunfire.
QUELLEN
- WirtschaftsWoche: Jetzt will China die Welt auch mit E-Fuels fluten (Thomas Stölzel, Satellitenbilder LiveEO), 23. Oktober 2026.
- Envision: Erste Ladung grünes Ammoniak an Lotte Fine Chemical, Februar 2026.