Ein sächsischer Förster will Windräder in jedem Wald prüfen lassen

INTERVIEW · WINDKRAFT IM WALD

Sachsen: Wie Windkraft-Einnahmen den Waldumbau finanzieren

Dem sächsischen Wald geht es aufgrund der Erderhitzung schlecht. Die Wiederbewaldung kostet bis zu 20.000 Euro je Hektar. Förster Hans Kraske vom Sächsischen Waldbesitzerverband erklärt im Cleanthinking-Interview, wie Windkraft im Wald bei der Finanzierung eine Rolle spielt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Gut ein Drittel der Bäume in Sachsen ist deutlich geschädigt. Der Waldzustandsbericht 2025 zählt 35 Prozent in den Schadstufen zwei bis vier. Im selben Jahr brannte in der Gohrischheide der größte Waldbrand seit Jahrzehnten. Wie private, kirchliche und kommunale Waldbesitzer den Waldumbau finanzieren sollen, ist eine offene Frage (mehr dazu: Wälder als CO₂-Speicher? Fähigkeit schwindet zunehmend).

Gleichzeitig plant der Regionale Planungsverband Oberes Elbtal/Osterzgebirge seine Flächen für Windkraft im Wald und im Offenland. Bis Ende 2027 muss er 1,3 Prozent der Regionsfläche für Windenergie sichern. Im Entwurf stehen auch rund 80 Hektar in der Dresdner Heide, wie die Sächsische Zeitung berichtete. Dort hielt Kraske das Flächenziel für zu gering, der Planungsverband müsse „mutiger vorangehen“.

Verfehlt eine Region das Ziel, verliert ihr Regionalplan die Steuerungswirkung, und Windräder sind im gesamten Außenbereich privilegiert. Die Staatsregierung plant derweil ein Moratorium für Windräder außerhalb der vorgesehenen Flächen (mehr dazu: Sachsen stoppt die Windkraft? Was an der BILD-Schlagzeile nicht stimmt). Cleanthinking hat Kraske, Förster und Geschäftsführer des Verbands mit Sitz in Tharandt, schriftlich befragt.

Wo der Verband bei Windkraft im Wald neutral bleibt

Cleanthinking: Herr Kraske, ist Ihr Verband für oder gegen Windräder im Wald?

Kraske: Grundsätzlich möchte ich vorweg unbedingt darauf hinweisen, dass wir uns als Verband und Verbandsführung weder als Vertreter noch als Gegner des Windkraftausbaus im Land sehen. Ob ein Windrad im Wald gebaut wird, ist im Rahmen der Gesetze und Vorgaben Sache des jeweiligen Flächeneigentümers. Unser Ansatz ist allein die mehr als besorgniserregende Entwicklung unserer Wälder, die wir als Gesellschaft alle so dringend benötigen. Der hauptsächliche Grund für die bereits heute auch für Laien sichtbaren Schäden liegt in der Klimaentwicklung, die durch die Verbrennung fossiler Energieträger beschleunigt wird. Hier müssen wir dringend ansetzen, auch im Wissen, dass wir aus Deutschland und Sachsen heraus das weltweite Problem nicht alleine werden lösen können. Einen wichtigen Beitrag aber können und müssen wir leisten.

Cleanthinking: Sind Sie persönlich ein Befürworter der Windkraft?

Kraske: Ich bin ein Befürworter der schnellen Abkehr von fossilen Energieträgern und der Hinwendung zu erneuerbaren Energien und geeigneten Speichermöglichkeiten. Solange wir aber Letzteres noch nicht haben, müssen wir noch verstärkter auf erneuerbare Energien setzen. Dazu zählt aktuell in unserer Region die Windkraft, in Teilen Solar. Ich bin weder ein Fürsprecher für die Windkraft, noch bin ich ein Gegner. Neutral versuche ich zu sagen: Wir müssen alles prüfen und wir müssen viel mehr möglich machen.

Warum der Holzverkauf den Waldumbau nicht mehr finanziert

Cleanthinking: Laut Waldzustandsbericht 2025 ist gut jeder dritte Baum in Sachsen deutlich geschädigt, dazu kam der größte Waldbrand seit Jahrzehnten. Wie steht es um den Privatwald, und was bedeutet das für die Betriebe wirtschaftlich?

Kraske: Alle Bäume in Sachsen, gleich welcher Art und Alter, leiden massiv unter den sich drastisch ändernden Umweltbedingungen wie Hitzeperioden, langen Trockenphasen, Niederschlägen zu anderen Jahreszeiten und dann oftmals in großen Mengen in ganz kurzer Zeit. Das führt zu enormem Stress, der die Bäume und Wälder anfällig für Schadorganismen macht, die es zwar schon immer gab, die die Bäume bei ausreichender Wasserverfügbarkeit aber regelmäßig abwehren konnten. Heute dagegen können sich Misteln, Pilze und Käfer nahezu ungebremst vermehren und zu flächigen Schäden führen.

Von dieser Entwicklung sind alle Wälder betroffen, gleich welcher Eigentumsform. Also auch die Privat-, Kirchen- und Gemeindewälder, die annähernd 60 Prozent der Waldfläche im Freistaat ausmachen. Wirtschaftlich bedeuten die Schäden unmittelbare Einbußen für die Betriebe, vor allem aber gewaltige Aufwendungen für die Wiederbewaldung und den vielerorts notwendigen Umbau hin zu gemischten Wäldern aus verschiedenen Baumarten und Altersstufen. Denn diese Strukturen bieten die besten Voraussetzungen für resiliente Wälder, die es mit den Klimafolgen aufnehmen müssen.

Cleanthinking: Ein Teil der Waldbesitzer lehnt Wind im Wald ab, ein anderer befürwortet ihn. Wie ist die Stimmung heute, nach weiteren Dürre- und Käferjahren?

Kraske: Die Schäden in unseren Wäldern sehen und erfahren alle Waldbesitzer gleichermaßen und hoffen inständig, wenn schon nicht auf eine Besserung, dann doch zumindest auf eine bewältigbare Situation. Welche Maßnahmen jeder Einzelne ergreifen kann und mit welchen Mitteln auf die Klimafolgen zu reagieren ist, ist auch bei den Waldbesitzern umstritten. So würden viele Waldbesitzer die Errichtung von Windrädern in ihrem Wald begrüßen, und andere entscheiden sich aus den unterschiedlichsten und guten Gründen dagegen.

Leider müssen wir aber feststellen, dass die heute geführten Diskussionen vielfach nur heftig und rein emotional getrieben und somit auch in die Waldbesitzerschaft getragen werden. Insbesondere in Sachsen fehlt es unserer Wahrnehmung nach oft an kühlen Köpfen, die sich beim Für und Wider der Windkraft im Wald um ausgewogene Abwägungen bemühen.

Cleanthinking: Wie kann Geld aus der Windkraft den Umbau vom Kiefernforst zum Mischwald konkret voranbringen?

Kraske: Alle Erlöse, die dem Forstbetrieb zufließen, können dem so wichtigen Waldumbau helfen. Mit den erneuerbaren Energien kann also nicht nur den Kommunen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben geholfen, energieintensive Betriebe mit grünem Strom versorgt, sondern auch die Waldwirtschaft mit Pachteinnahmen und Entgelten unterstützt werden.

Für die Erneuerung eines Waldes werden schnell 15.000 bis 20.000 Euro Investitionskosten je Hektar fällig. Bis zur ersten erlösbringenden Nutzungsmöglichkeit in 25 bis 40 Jahren sind in regelmäßigen kurzen Abständen Pflegearbeiten notwendig, die jedes Mal bis zu 1.000 Euro pro Hektar kosten. Dies alles aus dem laufenden Forstbetrieb allein durch den Verkauf von Holz finanzieren zu wollen, wird in Zeiten des Klimawandels mit all den Kalamitäten und Schäden immer schwieriger. Somit helfen zusätzliche Einnahmen der Sicherung und Pflege der Wälder; Wälder, die wir als Gesellschaft brauchen.

Markierte Kiefern in einem Kiefernforst
Markierte Kiefern im Kiefernforst (Foto: WBV Sachsen, Kraske)

Cleanthinking: Gibt es in Sachsen schon einen Wald, in dem Einnahmen aus einem Windrad in den Waldumbau fließen?

Kraske: Noch können wir auf keine realisierten Projekte verweisen. Im unmittelbar an Sachsen angrenzenden brandenburgischen Amt Kleine Elster, Gemeinde Göllnitz, Niederlausitz, wurden bereits umfangreiche Projekte im Wald realisiert.

Die Waldwege sind schon da, sagt Kraske

Cleanthinking: Kritiker sprechen von „Industrieschneisen durch den Wald“. Wie viel Eingriff braucht ein Windrad im Wald?

Kraske: Um den Flächenverbrauch und die Erschließungskosten so gering wie möglich zu halten, macht es Sinn, bereits vorhandene Waldwegenetze in die Projektplanungen einzubeziehen. Anders als in der Landwirtschaft sind die Wälder in Sachsen bereits alle mehr oder weniger gut zur Abfuhr von Holz mit befahrbaren, etwa fünf Meter breiten Waldwegen erschlossen. Das gut ausgebaute Wegenetz wird in aller Regel gerne von Waldbesuchern zum Radfahren oder Wandern angenommen.

Schon um die hohen finanziellen sowie langwierigen Genehmigungs- und Ersatzaufwendungen für einen Wegeneubau zu vermeiden, versuchen also alle Beteiligten, auf die bereits vorhandenen Waldwege zurückzugreifen. In einigen Regionen kann ein Ausbau des Wegenetzes helfen, die fehlende Erschließung zur Waldbrandbekämpfung zu verbessern.

Cleanthinking: Wie läuft die Ersatzaufforstung in der Praxis, wer legt das Verhältnis fest, und wo entsteht der neue Wald?

Kraske: Umfang und Art der Ausgleichsmaßnahmen für die Eingriffe in den Naturhaushalt werden auf gesetzlicher Grundlage behördlicherseits festgelegt. Idealerweise entsteht in der Nähe der Windräder neuer Wald, grundsätzlich aus vielen Baum- und Straucharten. Ist das in der Nähe der Windkraftanlage nicht möglich, kann es alternativ zur Auflage gemacht werden, den umgebenden Wald in klimaresiliente Waldbestände umzubauen.

Hans Kraske ist Förster und Geschäftsführer des Sächsischen Waldbesitzerverbands mit Sitz in Tharandt. Er lebt in Radebeul. Das Interview wurde Anfang Oktober 2026 schriftlich geführt und von Hans Kraske autorisiert.

Hans Kraske, Geschäftsführer des Sächsischen Waldbesitzerverbands
Hans Kraske, Geschäftsführer des Sächsischen Waldbesitzerverbands (Foto: WBV Sachsen, Kraske)

Was Kraske vom Planungsverband erwartet

Cleanthinking: Welche Wälder sind für Sie tabu?

Kraske: Für die Beurteilung von geeigneten Standorten gelten zunächst einmal gesetzliche Vorgaben und Restriktionen, beispielsweise aufgrund von speziellen Waldfunktionen (Trinkwasserschutz, Erosionsschutz etc.), die zu beachten sind. Ein alter Laubmischwald wird sich somit genauso wenig wie eine kleine Waldinsel in einer ansonsten waldarmen Landschaft eignen. Grundsätzlich aber ist eine pauschale Klassifizierung von Wäldern, die sich für das Stellen von Windrädern eignen und welche nicht, wenig sinnvoll und sollte nicht allein vom Schreibtisch aus vorgenommen werden.

Es braucht Ortskenntnis für das aufwendige Prüf- und Genehmigungsverfahren, in dem die Waldflächen anhand strenger umweltrelevanter Kriterien beurteilt werden. Nur mit Hilfe dieser objektiven und nachvollziehbaren Werte können die konkreten potenziellen Standorte bewertet werden. Das trägt im Übrigen zur dringend notwendigen Versachlichung der Thematik bei.

Mischwald in Sachsen im Frühsommer
Mischwald in Sachsen im Frühsommer (Foto: WBV Sachsen, Kraske)

Cleanthinking: Was müsste der Planungsverband anders machen, damit mehr als 1,3 Prozent möglich werden?

Kraske: Wie bei allen Planungen wären vernünftigerweise Umsetzungs- und Ausfallrisiken in den laufenden Prozess einzubeziehen. Konkret heißt das: Was passiert, wenn das gesetzlich vorgegebene 1,3-Prozent-Flächenziel aufgrund unvorhersehbarer Faktoren nicht erreicht werden kann? Sollte dieses Mindest-Flächenziel Ende 2027 gerissen werden, besteht die Gefahr, dass das Aufstellen von Windrädern als privilegiertes Bauvorhaben eingestuft werden könnte.

Ein ungesteuerter Wildwuchs mit einer „Verspargelung“ der Landschaft könnte die Folge sein. Das kann aber in niemandes Sinne sein. Insofern wäre eine deutlich größere Flächenbeplanung (Pufferung) hilfreich, in die auch alle Waldflächen einbezogen werden sollten.

Cleanthinking: Vielen Dank für dieses Interview, Herr Kraske!


QUELLEN

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  1. Sächsische Zeitung: „Was ein Förster von Windrädern im Wald hält“, 23.09.2026.
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